
Ein Jahrhundert Geschichte, 36,500 Tage voller Sport, Emotionen und Erinnerungen. Das Stadion Rote Erde blickt auf eine bewegte Vergangenheit zurück. Am 6. Juni 2026 feiert es ihren 100. Geburtstag. Zwischen Leichtathletik, Fußball, Weltkriegszerstörung und großen Sportereignissen hat sich die traditionsreiche Anlage an der Strobelallee über ein Jahrhundert hinweg ihren festen Platz in der Dortmunder Stadtgeschichte bewahrt. Anlässlich des Jubiläums führte uns der BVB-Historiker Gerd Kolbe durch das Stadion und nahm uns mit auf eine Reise durch die vergangenen 100 Jahre.
Der Mythos um den Namen Rote Erde
Wer heute an Borussia Dortmund denkt, denkt mit großer Wahrscheinlichkeit zuerst an den Signal Iduna Park (Früher Westfalenstadion). Im Schatten der Schwarzgelben Arena liegt jedoch noch ein Stadion, das Stadion Rote Erde. Fertiggestellt wurde es am 1.Juni 1926, in gerade mal 26 Monaten wurde es überwiegend von Arbeitslosen im Rahmen von Notstandarbeiten erbaut.

Ursprünglich trug es den Namen „Kampfbahn Rote Erde“. Die Herkunft des Namens wird unterschiedlich erklärt.
Neben der naheliegenden Verbindung zum westfälischen Lössboden existieren volkstümliche Deutungen und historische Erklärungsansätze. Für Gerd Kolbe liegt die Erklärung in der gerodeten Erde, auf der das Stadion entstand.
Der Volkspark als Vision von Hans Strobel
Wer heute durch die Anlage an der Strobelallee geht, bewegt sich durch ein Denkmal der Dortmunder Stadtgeschichte. Gemeinsam mit den Westfalenhallen, Grünflächen, Sportanlagen und Kleingärten entstand hier in den 1920er-Jahren ein Volkspark für alle Bürger. „Die Krone dieses Volksparks ist die Rote Erde, das Herzstück sind die Westfalenhallen“, erklärt Kolbe.

Die Anlage geht auf die Ideen des damaligen Stadtbaurats Hans Strobel zurück, nach dem die heutige Strobelallee benannt ist. Er wollte einen Ort schaffen, „wo sich das Volk tummeln kann“.
Strobels Lieblingsmaterial war der Ruhrsandstein, der aus den Brüchen bei Syburg nach Dortmund transportiert wurde. Jeder Transport wurde damals zum Volksfest.
Fußball, Romantik und eine lebende Schachpartie
Das erste Spiel gewann eine Dortmunder Stadtauswahl mit 11:0 gegen Wacker München. Kurios war, sie spielten ohne ihren Rechtsaußen Karl Reitern. Der Grund klingt heute fast unglaublich. „Er hatte sich in eine Läuferin verliebt“, erzählt Kolbe schmunzelnd. Aus jener Begegnung wurde später eine Ehe mit fünf Kindern. Für den Historiker ein schönes Beispiel dafür, „wie romantisch Fußball damals war“.

Eine Woche später folgte die zweite große Eröffnungsfeier des Arbeiter-Sportbundes. Höhepunkt war die erste lebende Schachpartie der Welt.
Vor rund 30.000 Zuschauer:innen stellten Menschen die Figuren dar und inszenierten einen Akt der Französischen Revolution. Bis heute dürfte es die größte Zuschauerkulisse gewesen sein, die jemals ein Schachspiel verfolgt hat.
Die Heimat des BVB und Schalke 04s
In den folgenden Jahren gewann der Fußball zunehmend an Bedeutung. Borussia Dortmund spielte zunächst nicht in der Roten Erde, sondern auf dem Sportplatz am Borsigplatz. Erst 1937 zog der Verein in das Stadion um. Von hier aus begann der sportliche Aufstieg des Vereins.

Zuvor hatte insbesondere der FC Schalke 04 wichtige Spiele in der Anlage bestritten und das, wie Kolbe schmunzelnd bemerkt, „aus Freundschaft zum BVB“. Bereits 1929 wurde Schalke 04 hier Westdeutscher Meister.
Auch frühe Länderspiele fanden in Dortmund statt. 1935 gewann die deutsche Nationalmannschaft in der Roten Erde gegen Irland mit 3:1.
Das Königreich der Leichtathletik und des Boxen
Ursprünglich wurde die Anlage vor allem für die Leichtathletik genutzt. Diese gilt bis heute als „Mutter dieser Anlage“. Über Jahrzehnte hinweg war die Rote Erde Austragungsort nationaler und internationaler Wettkämpfe und wurde in ihrer frühen Phase sogar als „Königstadion der Leichtathletik“ bezeichnet. Besonders die Hochsprung- und Laufdisziplinen zogen große Aufmerksamkeit auf sich.

Neben dem Fußball erlebte insbesondere der Boxsport eine Hochphase. Zwischen 1950 und 1955 fanden in der Roten Erde mehrere große Boxveranstaltungen statt.
Der Dortmunder Schwergewichtsboxer Heinz Neuhaus kämpfte hier vor bis zu 50.000 Zuschauern. Kolbe erzählte dabei auch von einer besonderen Anekdote.
Denn Neuhaus verlor einen Kampf bereits nach 51 Sekunden, weil er seiner Frau auf der Tribüne zuwinkte und dadurch den entscheidenden Schlag seines Gegners nicht kommen sah.
Krieg, Zerstörung und Wiederaufbau
Die Nutzung des Stadions wurde durch den Zweiten Weltkrieg massiv unterbrochen. Im März 1945 trafen schwere Luftangriffe Dortmund. Auch die Rote Erde wurde stark beschädigt. „Dieses Stadion ist auch Opfer der 105 Luftangriffe auf Dortmund geworden, was sehr traurig gewesen ist“, erläutert Kolbe.

Bereits 1946 wurde der Sportbetrieb wieder aufgenommen, zunächst unter einfachen Bedingungen. Die zerstörte Haupttribüne wurde allerdings erst 1953 im Zuge der Studenten-Weltspiele neu errichtet.
In der Nachkriegszeit entwickelte sich die Rote Erde zu einem der wichtigsten Fußballstadien der Bundesrepublik. Besonders Borussia Dortmund prägte diese Phase. Der Verein etablierte sich als Spitzenclub und gewann mehrere deutsche Meisterschaften.
Ein Stadion mit Seele
Schalke und Dortmund als enge Freunde statt erbitterte Rivalen, ein 51-sekündiger Boxkampf und Weltrekorde im Hochsprung. Die Geschichte der Roten Erde ist reich an außergewöhnlichen Momenten.

Hundert Jahre nach ihrer Eröffnung hat die Rote Erde zwar ihre Rolle als große Fußballbühne seit 1974 an das Westfalenstadion (Heute: Signal Iduna Park) abgegeben. Doch als Heimat der BVB-U23 und den BVB-Frauen, als Leichtathletikstätte und als Denkmal lebt sie weiter.
Das Stadion ist mehr als nur eine Sportstätte, es ist ein Stück Dortmunder Identität. Nach 100 Jahren voller Sport, Emotionen und Erinnerungen bleibt die Rote Erde ein lebendiger Teil der Stadtgeschichte.
Zum Abschluss des Rundgangs blickte Gerd Kolbe daher nicht nur auf die Vergangenheit zurück, sondern auch nach vorn. Er wünsche dem Stadion „mit Sicherheit weitere spannende und erfüllte hundert Jahre“. Ein Wunsch, den wohl viele Dortmunderinnen und Dortmunder teilen dürften.
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Am 1. April 1924 wurde der erste Spatenstich für die Kampfbahn „Rote Erde“ in Dortmund gesetzt










