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Die Geschichte von Aschenputtel als modernes Cinderella-Märchen auf der Bühne des Schauspiels in Dortmund

Cinderella (Cendrillion), die erfrischenden Hauptdarsteller Ann-Kathrin Hinz und Jan Westphal. Fotos: Birgit Hupfeldt

Von Gerd Wüsthoff

Aschenputtel ist vielen bekannt, nein geläufig, und wird immer wieder bemüht, wenn junge, gutaussehende Bürgerliche zu PrinzgemahlInnen werden – im Vereinigten Königreich, in den skandinavischen Ländern, Spanien oder gar in Japan. Die Ursprünge der Geschichte reichen bis in das neunte Jahrhundert in China zurück. Eine ungewöhliche junge Frau und ein ungewöhnlicher junger Prinz treffen aufeinander und verlieben sich. Der Prinzessinentraum vieler Mädchen, so heißt es. Auf der Dortmunder Bühne inszenierte Andreas Gruhn die liebevolle französische Variante, ohne Tauben, Mord und Blut im Schuh.

Cinderella, Zappelphilippa, begegnet ihrer Katharsis, der Stiefmutter

Talisa Lara, Bianka Lammert, Johanna Wei§ert, Harald Schwaiger

Während die Brüder Grimm die deutsche Aschenputtelversion mit den brutalen Einfügungen aus der Erfahrungswelt des 30-Jährigen Krieges erzählten, ist die französische Variante „Cendrillon ou la Petite Pantoufle de verre“ (Aschenputtel oder der kleine Glasschuh) von Charles Perrault und weitaus lieblicher und kinderfreundlicher.

„Die Brüder Grimm waren spät“, sagt Andreas Gruhn. Vermutlich kam das Märchen auch mit den französischen Soldaten nach 1618 nach Deutschland. Gruhn inszenierte das Stück des Kinder- und Jugendtheater Dortmund zeitgemäß und doch mit großem Wiedererkennungsfaktor.

„Wie angepasst muss ich sein?“ oder „Muss jemand gut aussehen, damit ich ihn mag?“, sind unterschwellig die Themen im aktuellen Weihnachtsstück des KJT Dortmund. Gruhn gelingt dies hervorragend mit dem KJT Ensemble. Ella/Cinderella (Ann-Kathrin Hinz), erfrischend, ein hyperaktives Kind, an den Zappelphilipp erinnernd, beziehungsweise junge Frau, zu Beginn ein wenig infantil wirkend, kann aber so den Verlust der Mutter verarbeiten. Die Beerdigungsszene am Beginn des Schauspiels gibt einen Hinweis auf späteres Leid und worum es einer später Beteiligten geht – Geld. Die Geld fordernde Hand des Priesters lässt Molière und andere Autoren aufblitzen.

Bianka Lammert, Ann-Kathrin Hinz, Talisa Lara

Cinderella, hyperaktive Zappelphilippa, überbeansprucht das Personal, das kündigt, ihres vermögenden Vaters. Allerdings wird sie von der Stiefmutter, auf die sie sich zunächst mehr als freut, den Normen entsprechend über den Weg als Magd „eingenordet“. Ihre Katharsis. Sie muss überdies den Spott ihrer, herrlich versnobt von Bianka Lammert und Talisa Lara gespielten, Stiefschwestern über sich ergehen lassen.

Es hat etwas vom Gruppendruck der US-Highschools. Die eisige Kälte der Stiefmutter, sich benehmend wie eine typische Aufsteigerin, der Witwe Mathilde Corbel (Johanna Weißert), stößt auf Cinderella wie ein Eisberg. Sich verlassen, vernachlässigt, ja verraten fühlend, kann sich Cinderella, verzweifelt, nur den Pferden im Stall anvertrauen, weil diese, stumm, sie nicht verspotten, unvoreingenommen Zuneigung zeigen.

Cinderella stolpert in das Leben des Prinzen und hinterlässt einen Liebeskranken

Talisa Lara, Jan Westphal, Bianka Lammert,

Die Bühne wechselt immer wieder vom nun feindlichen Heim von Cinderella, mal zum Stall – in dem sie nun leben muss, zum Hof des Königs (Andreas Ksienzyk) und dem unkonventionellen Prinzen Albert, gespielt von dem erfrischenden Jan Westphal. Die Tante von Cinderella, Seraphine, die sich als Fee entpuppt (Bettina Zobel), ist dabei wie eine Zeremonienmeisterin oder Conférencière, die das Stück dirigiert. Die französischen Versatzstücke in ihrem Vortrag zeigen den deutlichsten Hinweis auf den Ursprung des deutschen Aschenputtel.

Auf der hollywoodesquen Schlosstreppe spielt sich, für die ZuschauerInnen, das Leben im Schloss ab. Der mit seinem Cousin, Antoine Marquis de Bauffrement, dem wundervoll professionellen Thorsten Schmidt, fechtende Prinz wird von seinem über das Ungestüm seines Sohnes verzweifelten König beobachtet. Welche Eltern verzweifeln nicht mal gelegentlich über die Energie ihrer Kinder? Wo war der Knopf zum Abstellen oder Leiserdrehen? Mit seinem Höfling, dem Comte de Charny (Harald Schwaiger), entwickelt er die Idee einer Vermählung seines Sohnes, damit er gezügelt werde. Prinzessin um Prinzessin marschiert auf, um vom Prinzen gelangweilt und schroff abgewiesen zu werden. Die unfruchtbaren Blinddates sollen schließlich mit einem Kuppelball im Schloss, offen für alle Jungfrauen des Landes, entschärft, besser gekrönt, werden.

Tante Seraphine entpuppt sich vor Cinderella, sich über ihre Chancenlosigkeit beklagend, als Fee und schickt sie zum Ball. „Um Mitternacht musst Du aber den Ball verlassen, dann endet der Zauber.“ Mit standesgemäßem Ballkleid und Fortbewegungsmittel ausgestattet hat Cinderella ihren ersehnten Auftritt auf dem Ball im königlichen Schloss. Hyperaktiv fällt sie dem Prinzen vor die Füße. Es ist nicht das tollpatschige, sondern der Witz und Esprit, die frische, ungezwungene und ungekünstelte Art von Cinderella, die die Hofgesellschaft zum einen schockiert und den Prinzen begeistert. Man glaubt ganz modern, und besonders in Zeiten von #MeToo, der Prinz erkennt seinen ebenbürtigen Gegenpart.

Cinderella und Albert begegnen sich auf Augen- und Geisteshöhe

Ann-Kathrin Hinz, Jan Westphal

Aus dem Tanz von Cinderella und dem Prinzen wird ein Fechtkampf, wie zuvor zwischen dem Prinzen und seinem Cousin und Freund. Beide Fechtkämpfe erinnern stark an Gene Kelly und seinen Fechttanz in „Die drei Musketiere“. Der zwischen Cinderella und dem Prinzen ist aber ein Kampf unter Gleichen auf Augenhöhe. Gleichberechtigung auch im Märchenspiel. So bedrückt Cinderella auch immer wieder im Stück wirkt, so ist sie sich doch, trotz aller Zweifel über ihre Situation, ihrer Selbst sicher – eine starke, junge Frau.

Unter Hinterlassung nicht nur ihres gläsernen Schuhs verschwindet Cinderella vom Ball um Mitternacht. Sie hinterlässt auch eine konsternierte Hof- und Ballgesellschaft und einen liebeskranken Prinzen. In der Folge erscheint Prinz Albert, geschoben von den Statistinnen in Doppelrollen (Hofdamen, Ballgäste und Krankenschwestern) als „eingebildeter Kranker“, ganz in molièrscher Manier. Krank vor Liebe, dem Tode näher, ohne Lebensmut, leidet der Prinz unter tosendem Gelächter. So manches Mal zuvor, unterbrach der Applaus oder schallendes Gelächter der Zuschauer ab sechs Jahren aufwärts, die eine oder andere Szene des Stückes.

Der Comte de Charny, Schwaiger, war die perfekte und souverän gespielte Personifikation der Hofschranze. Wie auch der König, Andreas Ksienzyk, so herrlich „unsouverän“ den gestressten Monarchen und Vater gab. Ganz wie man sich einen entscheidungschwachen Monarchen vorstellt. Schwaiger spielt auch den Vater von Cinderella, der souverän seine Unfähigkeit zeigt, seine hyperaktive Tochter zu bändigen. Gleichzeitig begibt er sich unter den Willen seiner neuen Frau, um seine Tochter zu vernachlässigen. Willensschwäche? Nein, blind ergeben in die Freuden einer Beziehung.

Cherchez la Famme d´Amour, damit der molièrsche Kranke genesen kann

Ann-Kathrin Hinz, Jan Westphal, Statisterie

Für den Prinzen gibt es, nach der verzweifelten Flucht des Hofmedicus, nur eine Rettung: „Cherchez la Famme d´Amour“ – nur wie? Der verlorene, gläserne Schuh soll sie entlarven. Also schickt man den Cousin des Prinzen, Antoine Marquis de Bauffrement, auf die Suche.

Diese führt ihn unweigerlich in das Haus Bertrand. Kein Rucke-di-ku, keine abgehackte Ferse oder Zehen entlarven Constanze, gnadenlos brilliant komisch, Lammert, und Solange, herrlich überheblich, naiv komisch, Lara, dass ihnen der Schuh nicht passt. Es sollte definitiv keiner sich einen Schuh anziehen, der ihm nicht passt.

In die Szene drängend, vergeblich von Stiefmutter und Stiefschwestern gehindert, schlüpft Cinderella in ihren Ballschuh und wird als Gesuchte erkannt. Im Schloss geschieht die Auferstehung des Lazarus – Prinz Albert erwacht zu neuem Lebensmut aus seiner Todessehnsucht. Eltern von Pubertierenden können ein Lied davon singen, und zeigten es mit ihrem Applaus und gelöstem Gelächter. Westphal, erst seit kurzem im Ensemble des KJT, ist eine Bereicherung für das Haus und Ensemble. Er ist der ideale „junge Held“, frisch, ungestüm und professionell.

Talisa Lara, Johanna Weißert, Bianka Lammert, Jan Westphal, Statisterie

Lammert spielte zwar nicht die Hauptrolle, löste aber immer wieder mit ihrem Spiel Beifall während des Stückes aus. Weißert spielte die kaltherzige Stiefmutter so grandios, dass man als Zuschauer Antipathien entwickeln konnte. Es gäbe da ja auch noch die gutherzige, nicht nur die abgrundtief Gute …

Schwaiger als Vater Bertrand und de Charny war als Vater herrlich verloren und glänzend als Überforderter, wie auch als Hofschranze phantastisch. Das ganze Ensemble spielte das Stück mit Begeisterung und wirkte, als hätte es eine Seele. Die Ausstattung von Oliver Kostecka gab der Phantasie der jungen Zuschauer genügend Raum zur eigenen Phantasie.

Stehende Ovationen zum Abschluss

Am Ende musste sich das Ensemble mehrfach die verbrauchte Luft aus dem Zuschauerraum zu wiederholten Verabschiedungen entgegen klatschen lassen. Cinderella ist ein mehr als lohnenswerter Zeitvertreib für Erwachsene Zuschauer ab sechs Jahren. Mal ein etwas anderes Weihnachtsmärchen! Keine Jingle-Bells, Christkindel und Weihnachtsmänner. Cinderella ist ein weiterer Beweis dafür, dass sich das Kinder- und Jugendtheater vom Lehr- und Moraltheater mit erhobenem Zeigefinger zu einer eigenständigen Kunstform des Theaters entwickelt hat.

Das Ensemble:

  •  Ella, später Cinderella genannt: Ann-Kathrin Hinz
  •  Philippe Bertrand, ihr Vater: Harald Schwaiger
  •  Seraphine, ihre Tante / Eine Fee: Bettina Zobel
  •  Mathilde Corbel, eine Witwe: Johanna Weißert
  •  Constanze, ihre Tochter: Bianka Lammert
  •  Solange, ebenfalls ihre Tochter: Talisa Lara
  •  König: Andreas Ksienzyk
  •  Prinz Albert, sein Sohn: Jan Westphal
  •  Comte de Charny, ein Hofherr: Harald Schwaiger
  •  Antoine Marquis de Bauffrement, der Cousin des Prinzen: Thorsten Schmidt
  •  Jacques, Diener im Haus Bertrand: Andreas Ksienzyk
  •  Celine, Dienerin im Haus Bertrand: Bianka Lammert
  •  Prinzessin Francesca: Bianka Lammert
  •  Prinzessin Claribella: Talisa Lara
  •  Hofdamen, Krankenschwestern, Trauergäste und Pfarrer: Ensemble und Statisterie
  •  Regie: Andreas Gruhn
  •  Ausstattung: Oliver Kostecka
  •  Dramaturgie: Lioba Sombetzki
  •  Musik: Michael Kessler
  •  Choreografie: Joeri Burger
  •  Fechtmeister: Klaus Lassert
  •  Regieassistenz: Christina Keilmann
  •  Inspizienz: Peter Kirschke
  •  Theaterpädagogik: Erika Schmidt

Von den 23.000 Karten für die Vorstellungen sind zahlreiche Karten schon verkauft, wer sich das Stück nicht entgehen lassen möchte sollte sich schnell entscheiden. Restkarten stehen noch zur Verfügung!

Weitere Vorstellungen des KJT im Schauspielhaus Dortmund:

  • Sonntag, 2. Dezember 2018, 15 bis 16.30 Uhr und 17 bis 18.30 Uhr
  • Montag, 3. Dezember 2018, 9.30 bis 11 Uhr und 11.30 bis 13 Uhr
  • Dienstag, 4. Dezember 2018, 9.30 bis 11 Uhr und 11.30 bis 13 Uhr
  • Mittwoch, 5. Dezember 2018, 17 bis 18.30 Uhr
  • Donnerstag, 6. Dezember 2018, 9.30 bis 11 Uhr, 11.30 bis 13 Uhr und 17 bis 18.30 Uhr
  • Sonntag, 9. Dezember 2018, 15 bis 16.30 Uhr und 17 bis 18.30 Uhr
  • Montag, 10. Dezember 2018, 9.30 bis 11 Uhr und 11.30 bis 13 Uhr
    Dienstag, 11. Dezember 2018, 9.30 bis 11 Uhr, 11.30 bis 13 Uhr und 15 bis 16.30 Uhr
  • Mittwoch, 12. Dezember 2018, 9.30 bis 11 Uhr und 11.30 bis 13 Uhr
  • Donnerstag, 13. Dezember 2018, 10 bis 11.30 Uhr und 12 bis 13.30 Uhr
  • Sonntag, 16. Dezember 2018, 15 bis 16.30 Uhr und 17 bis 18.30 Uhr
  • Montag, 17. Dezember 2018, 9.30 bis 11 Uhr und 11.30 bis 13 Uhr
  • Dienstag, 18. Dezember 2018, 9.30 bis 11 Uhr, 11.30 bis 13 Uhr und 17 bis 18.30 Uhr
  • Mittwoch, 19. Dezember 2018, 9.30 bis 11 Uhr und 11.30 bis 13 Uhr
  • Donnerstag, 20. Dezember 2018, 10 bis 11.30 Uhr und 12 bis 13.30 Uhr
  • Sonnatg, 23. Dezember 2018, 11 bis 12.30 Uhr
  • Dienstag, 25. Dezember 2018, 1. Weihnachtstag, 15 bis 16.30 Uhr und 17 bis 18.30 Uhr
  • Mittwoch, 26. Dezember 2018, 2. Weihnachtstag, 11 bis 12.30 Uhr
  • Montag, 14. Januar 2019, 11 bis 12.30 Uhr
  • Dienstag, 15. Januar 2019, 9.30 bis 11 Uhr und 11.30 bis 13 Uhr
  • Mittwoch, 16. Januar 2019, 9.30 bis 11 Uhr und 11.30 bis 13 Uhr
  • Montag, 21. Januar 2019, 11 bis 12.30 Uhr
  • Dienstag, 22. Januar 2019, 9.30 bis 11 Uhr und 11.30 bis 13 Uhr
  • Mittwoch, 23. Januar 2019, 9.30 bis 11 Uhr und 11.30 bis 13 Uhr
  • Eintrittspreise: 11 Euro. Es gelten zuzüglich alle Ermäßigungsmöglichkeiten für SchülerInnen/Studierende bis 27 Jahre, Schwerbehindert/B, Theatercard und DO-Pass
  • Schauspielhaus Dortmund, Tel.: 0231/50 27 222, Montag bis Samstag: 10 bis 18.30 Uhr, ticketinfo@theaterdo.de

Jan Westphal als liebeskranker, molierscher Kranker und Statistinnen

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