Die Stadt Dortmund will auf dem Gelände Wohnungsbau realisieren

Die EAE Hacheney soll nach jahrelangem Leerstand und Vandalismus abgerissen werden

Allein im Juni 2015 wurden mehr als 53.000 Flüchtlinge durch die EAE Hacheney geschleust.
Die Erstaufnahme für Geflüchtete in Hacheney ist seit Dezember 2016 geschlossen. (Archivbild) Archivbild: Alexander Völkel für nordstadtblogger.de

Ein kommentierender Bericht von Alexander Völkel

„Das neue Dortmund ist das schnelle Dortmund“ war lange ein Motto des Strukturwandels. Mit Blick auf viele Projekte in der Stadt kommt einem dieses Motto nicht unbedingt in den Sinn. Viele Vorhaben sind Langläufer oder kommen über Jahre erst gar nicht aus den Startblöcken. Dazu gehört das Areal der ehemaligen Erstaufnahmeeinrichtung (EAE) für Flüchtlinge des Landes in Dortmund-Hacheney. Seit Ende 2016 steht das frühere Schulgelände leer und muss bewacht werden. Erst jetzt soll eine neue Nutzung eingeleitet werden. Doch auch die lässt noch Jahre auf sich warten.

Der „Lost Place“ wurde zum Anziehungspunkt für Metalldiebe und Vandalen

Die EAE Hacheney ist dramatisch überbelegt - viele Familien bekamen keine Betten mehr.
Die Erstaufnahmeeinrichtung in Hacheney war zeitweise dramatisch überbelegt. (Archivbild) Archivbild: Alexander Völkel für nordstadtblogger.de

Das Areal an der Glückaufsegenstraße hat eine bewegte Geschichte und unterschiedliche Nutzungen hinter sich. Vor allem die EAE erhitzte die Gemüter insbesondere der Nachbar:innen. Denn die ehemalige Schule bzw. das Internat war stark frequentiert.

Zeitweise wurden hier 80 Prozent der in NRW ankommenden Flüchtlinge durchgeschleust – 27 Prozent der ankommenden Geflüchteten bundesweit. Darauf aber – auch mit Blick auf die verkehrstechnische Erschließung    war das Gelände nicht ausgelegt. 

Denn in der Spitze waren es 300.000 Menschen im Jahr, die dort ankamen und landesweit verteilt wurden.  Das ist schon lange Geschichte. Nach der Schließung der Einrichtung Ende 2016 wurde es vermeintlich ruhig. 

Viele Fenster sind zerstört, die Fassaden besprüht. Leopold Achilles | Nordstadtblogger

Doch die große eingezäunte Anlage war als „Lost Place“ ein willkommenes Ziel für Neugierige, Metalldiebe und andere Vandalen. Zahlreiche Einsätze der Polizei gab es, obwohl die Stadt einen Wachdienst für das Gelände engagiert hatte. Doch dessen Patrouillen – zweimal tagsüber und dreimal nachts – schreckten nicht ab.

Zwischen Anfang 2021 und dem 30. März 2022 gab es dort nach Anrufen beim Polizei-Notruf 110 insgesamt 29 Einsätze. „Nicht immer waren Straftaten Anlass für einen Einsatz, sondern bloße Verdachtsfälle oder zum Beispiel verbal ausgetragene Streits, die in unmittelbarer Nachbarschaft natürlich stören können“, berichtet Polizeisprecherin Carina Peschel.

Bei den Straftaten handelte es sich um Ruhestörungen, Metalldiebstähle im und am Gebäude (Leitungen, Heizkörper) und Sachbeschädigungen/Vandalismus (Scheiben einschlagen, Farbschmierereien). Am 23. April 2022 meldete ein Zeuge einen Brand auf dem Gelände. Die Feuerwehr löschte eine Grünfläche.

Stadt Dortmund möchte nun auf dem Areal Wohnungsbau vorantreiben

27 aller in Deutschland ankommenden Asylbewerber durchlaufen die EAE Hacheney.
Zeitweise kamen 27 Prozent aller in Deutschland ankommenden Asylbewerber:innen durch Hacheney. (Archivbild) Archivbild: Alexander Völkel für nordstadtblogger.de

Was die ungebetenen Gäste nicht erledigten, sorgten über Jahre Wind und Wetter. Denn kaum ein Fenster ist noch intakt, alles Wertvolle wurde herausgerissen. Die Gebäude sind schrottreif und teils nicht mehr verkehrssicher, so dass sie auch keiner neuen Nutzung zugeführt werden können.

Daher will die Stadt Dortmund nun (endlich) die Gebäude abreißen lassen. Sie bereitet den Abbruch der ehemaligen Erstaufnahmeeinrichtung an der Glückaufsegenstraße vor. Durch den Abbruch der EAE wird eine ca. 30.000 Quadratmeter große Fläche entsiegelt und kann unter Berücksichtigung aktueller klimarelevanter Aspekte entwickelt werden. 

Alles ist verwildert, vieles ist zerstört. Leopold Achilles | Nordstadtblogger

Das Gelände ist nach Einschätzung der Stadt aufgrund seiner räumlichen Lage und einem günstigen ÖPNV-Anschluss für eine Wohnnutzung geeignet. Hierzu bedarf es noch der Aufstellung eines entsprechenden Bebauungsplans. Mit dem Abbruch der Gebäude und der Freiräumung des Geländes werden daher wichtige städtebauliche Ziele für eine spätere Wohnnutzung der Fläche gesetzt. 

„Auf dem Dortmunder Wohnungsmarkt besteht eine hohe Nachfrage nach bezahlbarem Wohnraum. Vor diesem Hintergrund ist die Entwicklung der Fläche von besonderer Bedeutung und der erste Schritt hierzu ist der Abbruch der alten Gebäude“, heißt es in einer Stellungnahme.

Nach sechs Jahren Leerstand und Zerstörung bleibt nur der Abriss

Leopold Achilles | Nordstadtblogger

Doch der Druck auf dem Wohnungsmarkt ist keine neue Erkenntnis und die Diskussion über eine neue Nutzung als Baugebiet ebenfalls schon seit Jahren im Gange.

Von bis zu 200 Wohneinheiten war dort die Rede, was bei den bisherigen Anwohner:innen keine Freudenstürme auslöste, auch wenn die ursprünglich angedachte Reha-Klinik mittlerweile vom Tisch ist. 

Leopold Achilles | Nordstadtblogger

Warum kommen die neuen Planungen erst jetzt auf den Tisch? „Eine sehr kluge Frage“ kommentiert Stadtdirektor und Liegenschaftsdezernent Jörg Stüdemann die Nachfrage von Nordstadtblogger. Seit 2017 habe man über neue Entwicklungsmöglichkeiten gesprochen, in welcher Form die Bestandsgebäude neu genutzt werden könnten. So standen Kreativquartiere ebenso im Raum wie andere Überlegungen und Ideen von Studierenden.

Allerdings gebe das die gesamte Bausubstanz (jetzt) nicht mehr her, zudem gebe es Schadstoffbelastungen. Daher wolle die Stadt das Ganze nun abräumen lassen und Wohnbebauung planen. „Eine Wiederherstellung steht in keinem kaufmännischen Verhältnis. Erst jetzt, als klar war, dass man nichts Vernünftiges damit mehr machen könnte“, verteidigt Stüdemann den schleppenden Zeitplan.

Kompliziertes Verkehrskonzept – Planrecht und Baubeginn ab 2026

Die verkehrliche Erschließung ist ein wichtiger Knackpunkt des Wohnbaukonzeptes.
Die verkehrliche Erschließung ist ein wichtiger Knackpunkt des Wohnbaukonzeptes. Leopold Achilles | Nordstadtblogger

Der Abbruch der Gebäude soll in 2022/23 erfolgen. Dann sind eine Reihe von Schritten notwendig, damit überhaupt eine Bauleitplanung möglich ist. So hatte die Bezirksvertretung ein „belastbares Verkehrskonzept“ eingefordert, was ebenfalls bis nächstes Jahr vorliegen soll.

Dafür sei eine „sehr komplizierte Abstimmung“ mit dem Verkehrsministerium nötig, um eine „Aufschlaufung“ an die B 54 zu erreichen. Die Bauleitplanung mit „allen Etappen und Mitwirkungen“ könnte 2023/24 stehen, Planrecht gebe es dann spätestens 2026. 

Leopold Achilles | Nordstadtblogger

„Wir wollen das Gelände, wenn der Rat mitmacht, halten, um dann entsprechende weitere Schritte einzuleiten“, so Stüdemann. Dann könnten irgendwann die Bagger rollen und die Bauarbeiten für neue Wohnungen beginnen – offenbar in Regie der neu gegründeten Dortmunder Entwicklungsgesellschaft. Wann diese bezugsfertig sein könnten, steht aber noch in den Sternen. 

Mit Blick auf die Länge des bisherigen Leerstandes hätten rechnerisch alle diese Planungsschritte eigentlich schon erledigt sein können und der Wohnungsbau schon laufen können. Das ist aber nicht der Fall. Es gibt noch nicht mal eine Entscheidung. Das „schnelle Dortmund“ scheint also nicht das „neue Dortmund“ zu sein – sondern das von gestern.

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