Der Beginenhof in Dortmund hat Platz für 30 Mieterinnen: „Es ist eine gute Art, hier zu altern“

Die Frauenwohngemeinschaft in der Nordstadt feiert 20. Geburtstag

Drei Frauen stehen hintereinander am Geländer im Laubengang.
Von den Galerien vor den Wohnungen ist es ein schöner Blick in den Innenhof. Foto: Alex Völkel für Nordstadtblogger.de

Von Susanne Schulte

Selbstständig in den eigenen vier Wänden wohnen und doch in Gemeinschaft: Mit diesem Wunsch zogen im Jahr 2006 in das Gebäude mit der Adresse Gut-Heil-Straße 30 Frauen ein. Das Haus ist bekannt unter dem Namen Beginenhof Dortmund. In Anlehnung an den Lebensstil der Beginen im Mittelalter, verbringen die Frauen Zeit miteinander, verwalten Haus und Garten, treffen sich zum Feiern und zum Gespräch. Ulrike Janz und Susanne Bartsch gehörten damals zu den ersten Mieterinnen und sagen heute, nach 20 Jahren: „Das Konzept hat sich auf jeden Fall bewährt. Es ist ein Zuhause.“

Die Warteliste mit Interessentinnen ist lang

Dem stimmt Nora Burda zu. Sie lebt seit gut acht Jahren hier. „Es ist eine gute Art, im Beginenhof zu altern“, sind sich die drei Frauen einig. Das meinen sicher auch die weiteren 27 Bewohnerinnen. Von den ersten 30 lebt gut ein Dutzend noch heute hier, neun sind gestorben, andere aus verschiedenen Gründen ausgezogen.

Porträt einer sprechenden Frau
Nora Burda lebt seit gut acht Jahren im Beginenhof: „Das Konzept hat sich auf jeden Fall bewährt. Es ist ein Zuhause.“ Foto: Alex Völkel für Nordstadtblogger.de

Waren sie damals um die 40, sind sie heute um die 60, zum Teil erwerbstätig, zum Teil in Rente. Wie es auf der Homepage heißt, leben „junge Frauen mit älteren, Migrantinnen mit Deutschen, Mütter mit Kinderlosen, Besserverdienende mit sozial Benachteiligten, Behindert mit Nicht-Behinderten, heterosexuell lebende mit lesbischen Frauen“.

Doch der Wunsch, dass jüngere Frauen in die Gemeinschaft einziehen, lässt sich zurzeit kaum verwirklichen. „Wir haben zwar eine lange Warteliste mit Interessentinnen. Aber wenn diese dann zur Besichtigung kommen, habe die jüngeren Bewerberinnen oft das Gefühl, nur mit älteren zusammen wohnen zu müssen“, erzählt Ulrike Janz von ihrem Eindruck.

Ein großer Garten mit viel Grün macht auch Arbeit

Auch Kinder leben aktuell in keiner der Wohnungen, obwohl einige gut für alleinerziehende Frauen geeignet sind. Wie das gesamt Gelände mit dem großen Garten und der Lage ohne Durchgangsverkehr an der kleinen Sackgasse der Gut-Heil-Straße hinter der Markuskirche in der Nordstadt.

Porträt einer sprechenden Frau
Ulrike Janz lebt seit 20 Jahren im Beginenhof: „Es ist eine gute Art, im Beguinenhof zu altern.“ Foto: Alex Völkel für Nordstadtblogger.de

Ja, die Nordstadt-Adresse ist schon mal ein Grund, nicht im Beginenhof wohnen zu wollen, haben die Frauen gehört. Männer sind als Besucher jederzeit willkommen, aber nicht als Bewohner. Es ist eben eine Gemeinschaft von Frauen. „Für heterosexuell lebende Frauen ist das Wohnen dann nicht so attraktiv“, sagt Ulrike Janz.

Woher der Name Beginen kommt, kann laut Wikipedia nicht nachvollzogen werden. Aber dass es im Mittelalter in Dortmund bereits Beginenhöfe und -häuser gab, ist belegt. Einige standen im Bereich der heutigen Klosterstraße. Eine der Querstraßen zwischen Brüderweg und Schwanenwall heißt Beginenhof.

Auch eine Genossenschaft war zur Zeit der Planung angedacht

Dass der Beginenhof in Dortmund nicht nur eine Straße ist, ist dem unermüdlichen Einsatz einiger Frauen zu verdanken, die sich seit 2001 für dieses Projekt stark machten. Nach vielen, vielen Treffen und Gesprächen auch mit Architektinnen und Behörden, Diskussionen und Besuchen bei bereits existierenden Beginenhöfen wird das Vorhaben 2003 konkreter, als die evangelische Kirche das Grundstück hinter der Markuskirche als Bauplatz anbietet.

Porträt einer sprechenden Frau
Susanne Bartsch wohnt und arbeitete im Beginenhof: Sie hatte dort von 2006 bis vor einigen Monaten ihre Physiotherapiepraxis. Foto: Alex Völkel für Nordstadtblogger.de

Der Plan, eine Genossenschaft zu gründen, wird verworfen, es melden sich Investor*innen. Die künftigen Beginen gründen 2004 einen Verein. Grundsteinlegung für das Haus ist im Juni 2005, im Januar 2006 ziehen die ersten Frauen ein – als Mieterinnen.

Von den 28 Wohnungen, 48 bis 76 Quadmeter groß, sind bis auf vier alle öffentlich gefördert, so dass vor allem Frauen hier ein Zuhause finden können, deren Einkommen gering ist. Diese Bindung lief gerade aus, ist aber für weitere 15 Jahre verlängert worden, erzählen Ulrike Janz, Susanne Bartsch und Nora Burda. Das freut sie. Denn nur wenige private Eigentümer*innen verlängern die Fristen für gedeckelte Mieten, nachdem die festgelegte Zeit der Bindung herum ist.

„Es ist unrealistisch, dass hier immer Gemeinschaft passiert“

„Wir sind alle Mieterinnen“, betonen sie, aber die Vollversammlung der Bewohnerinnen entscheidet darüber, wer eine frei gewordene Wohnung beziehen kann.

Drei Frau stehen auf einer großen Grünfläche an zwei Hochbeeten.
Der Garten hinter dem Gebäude ist groß und macht viel Freude und Arbeit. Die Beginen sind auch Teil des Projekts querbeet. Foto: Alex Völkel für Nordstadtblogger.de

Von der künftigen Nachbarin wird erwartet, dass sie mitmacht in einer der Arbeitsgemeinschaften, die sich um Garten und Verwaltung, Technik und neue Interessentinnen kümmern.

Wer ein spezielles Hobby hat, darf und soll dieses gerne den anderen Bewohnerinnen vorstellen. Die Frauen treffen sich je nach Neigung zum Erzählen und Handarbeiten, Spielen und Kaffeetrinken.

Das ist ganz wichtig: „Wir sind kein betreutes Wohnen“

Da klingt es schon widersprüchlich, wenn Susanne Bartsch sagt: „Es ist eine unrealistische Erwartung, dass hier immer Gemeinschaft passiert.“ Was sie damit meint ist jedoch: Jede muss von sich aus aktiv werden, darf nicht erwarten, ein Rund-um-sorglos-Freizeitangebot präsentiert zu bekommen. Und noch etwas ist den Frauen sehr wichtig: „Wir sind kein betreutes Wohnen.“ Wer einzieht, muss in der Lage sein, ihr Leben selbst zu meistern, gerne auch mit Unterstützung von außen.

rospekte und Flyer zu Veranstaltungen und Treffen liegen auf dem Tisch.
Der Beginenhof-Verein ist in vielen Netzwerken aktiv und die jeweiligen Vertreterinnen somit oft unterwegs. Foto: Alex Völkel für Nordstadtblogger.de

Klar hilft man sich gegenseitig, füttert die Katzen – Hunde sind nicht erlaubt –, geht einkaufen und backt einen Kuchen. „Wir sind eine Gemeinschaft von ,Wahlverwandten’, die sich gegenseitig unterstützen, aber auch respektvoll in Ruhe lassen“, beschreiben die Beginen ihr Zusammenleben auf ihrer Internetseite.

Und wie das so ist, auch bei Wahlverwandten, manchmal gibt es Krach in der Familie, um Kleinigkeiten und um Grundsätzliches. Doch über all das können und müssen die Frauen reden. Manches wird aus der Welt geschafft, manches kommt wieder und verschwindet nie. Wie die mangelnde Disziplin in Sachen Wasch- und Trockenraum. Und trotzdem. Als Nora Burda abschließend sagt: „Wir sind trotz unseres Alters ungemein gut drauf“, nicken Ulrike Janz und Susanne Bartsch ihr bestätigend zu.


Anm.d.Red.: Haben Sie bis zum Ende gelesen? Nur zur Info: Die Nordstadtblogger arbeiten ehrenamtlich. Wir machen das gern, aber wir freuen uns auch über Unterstützung!

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