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Das „Fletch Bizzel“ ist in Schieflage geraten – Nach Aufregung und Streiterei jetzt erster Verhandlungstag vor Gericht

„Wir sehen uns im neuen Fletch“ steht auf dem Plakat – das ist kaum mehr als ein Wunsch. Fotos (5): Leopold Achilles

Von Leopold Achilles

Seit dem ersten Februar 2021 haben der Theatermacher Till Beckmann und die Kulturmanagerin und Dramaturgin Cindy Jänicke die Leitung des traditionsreichen Dortmunder Theaters „Fletch Bizzel“ im Klinikviertel übernommen. Erstes großes Kooperationsprojekt sollte FLETCH urban, gemeinsam mit dem Verein „Pottporus“ aus Herne werden. Mit FLETCH urban und der Premiere von FÉMINA, einer musikalischen Theaterperformance sollte es ab dem 17. April so richtig losgehen. Doch dazu kam es nicht. Stattdessen gab es Wochen nach dem Beginn ihres Schaffens zwei fristlose Kündigungen. Die Fälle werden nun vor dem Arbeitsgericht in Dortmund verhandelt.

Ein offensichtlich gescheiterter Neustart für das „neue Fletch“ – Konzept mit neuen Ansätzen sollte das Theater neu verankern

Das Theater im Klinikviertel.

Spätestens seit Ende März, Anfang April gibt es dicke Luft um die Neuausrichtung zwischen Verein und Vermietung im „Fletch“. Ganz konkret entlud sich der Konflikt rund um eine geplante Ausstellung mit urbaner Kunst. Abgesagt und aufgekündigt sei das Konzept, welches ausgearbeitet und von der neuen Leitung mit dem Verein und der technischen Leitung im Haus abgesprochen gewesen sei, so beschreibt es Till Beckmann.

Graffiti sollte auf Malerei treffen, eine Fotoausstellung und Installationen verschiedener Künstler*innen waren geplant. Aber auch Theater für junges Publikum, Schauspielproduktionen, Tanztheater, Projekte im öffentlichen Raum, Recherchen und andere Formen zeitgenössischer Kunst sollten auf dem Programm stehen.

Das Fletch sollte neu in Dortmund verankert werden und auch einer größeren Zahl von lokalen Künstler*innen für eigene und Kooperationsprojekte zur Verfügung stehen. Auch mit all denen fanden Gespräche statt, die das Fletch bis zum letzten Jahr als theatrale Basis nutzte. Es sollte ein Neustart inmitten des Lockdowns werden. Stattdessen erhielten Cindy Jänicke und Till Beckmann die fristlose Kündigung durch den Trägerverein des Theaters.

Till Beckmann ist enttäuscht und ohne Rückendeckung – „Das ist keine Kunst“

Till Beckmann im April im Fletch: müde und resigniert.

Noch im Februar hieß es, dass ihr Vorgänger und langjähriger Macher des Fletch Bizzels, Horst Hanke-Lindemann, sie beide ans Haus geholt hätte und sie in allem unterstützen würde. Weiter hieß es, Hanke-Lindemann habe sich auf die neuen Ideen und Vorstellungen eingelassen. „Selbst bei großen Veränderungen bleibt er sehr entspannt und sagt: probiert das mal aus“, kommentierte Beckmann die geplante Zusammenarbeit.

Mitte April ist Till Beckmann resigniert und müde, hat, wie er sagt, schon ein paar Tage nicht mehr richtig geschlafen und ist schwer enttäuscht. Nachdem in Vorbereitung auf die besagte Ausstellung erste Wände, eine Treppe, aber auch Türen und Heizkörper im Haus von Künstler*innen bemalt wurden, kam es zu einem Eklat mit dem Eigentümer der Immobilie. „Das ist keine Kunst“ soll es von dessen Seite geheißen haben, berichtet auch einer der Kuratoren, Patrick Brehmer.

„Wir hatten ein Ausstellungs-Konzept, in dem alles aufgeführt war, was wir vorhatten“, beteuert Till Beckmann. Er verstehe bis heute nicht, was da falsch gelaufen sei. „Wir verlieren hier vielleicht gerade die Rückendeckung derer, die uns ans Haus geholt haben, mit denen wir zusammen an der Transformation des Hauses gearbeitet haben, mit allem was wir sind und mitbringen.“

Künstlerischer Leiter ist entsetzt – Sachbeschädigung und Beschimpfungen?

Auch Zekai Fenerci, der Künstlerische Leiter von „Pottporus“ ist entsetzt über die Vorgänge im Fletch Bizzel. „So etwas habe ich noch nicht erlebt“, sagt Fenerci und ist sehr enttäuscht. Er bekam einen Anruf, die Arbeiten sofort zu stoppen, kurz nachdem die Künstler*innen angefangen hatten, das Foyer zu gestalten. Die Künstler*innen seien angeschrien und beleidigt worden und das Kunstwerk wurde als Sachbeschädigung bezeichnet, beschreibt es Fenerci.

„Wenn wir nicht mal in einem geschützten Kulturort frei sein können, machen wir hier nicht weiter“, erklärt Zekai Fenerci seine Gedanken zu dem Zeitpunkt. Und so entschieden Kurator*innen, Theaterleitung und Künstler*innen sich gemeinsam gegen eine Weiterführung der eigentlichen Ausstellungs-Pläne.

Für Zekai ist es „neu“, wie er sagt und nicht nachvollziehbar, wie der Eigentümer derartig in die künstlerische Arbeit im Haus eingreifen kann. Für ihn scheint klar, dass die Alteingesessenen im Fletch Bizzel und im Hintergrund, einfach nicht mit „Urban Art“ in Verbindung gebracht werden wollten. Das dies nun die Umsetzung des gesamten Konzepts des neuen Leitungsteams gefährden könnte, findet er unfassbar.

Nachfrage beim Eigentümer – Feuerschutztür war scheinbar Hauptproblem

Einblick in den Gestaltungsprozess, samt der besagten Feuerschutztür. Foto: Jochen Niemeyer

Zu modern, zu urban, zu bunt? Alles Mutmaßungen. Klare Worte fehlen uns dazu leider von Horst Hanke-Lindemann, dem Vorsitzenden des Vereins hinter dem Theater und im Februar noch Befürworter und Verfechter der Transformation und Neuausrichtung, gemeinsam mit Beckmann und Jänicke. Er hat sich auf unsere Anfrage zu einem Interview nicht zurückgemeldet.

Dafür konnten wir mit dem Eigentümer und Vermieter, Jochen Niemeyer telefonieren. Laut Niemeyers Aussagen im Gespräch mit Nordstadtblogger, gab es keinerlei Einflussnahme von seiner Seite. Allein die Tatsache, dass eine Feuerschutztür mit übersprüht wurde, war für ihn ein Problem. „Da geht es einfach um die Sicherheit“, erklärt er im April. Von Seiten der Kreativen wird gesagt, man habe dem Verein mit der Kündigung des Mietverhältnisses gedroht, sollte diese „Sachbeschädigung und Gefährdung der Bausubstanz“ nicht sofort gestoppt werden.

Zekai Fenerci erklärt, dass Teil des Ausstellungskonzepts die Herstellung des vorherigen Zustands der Räumlichkeiten nach Ende der Ausstellung im Juni gewesen sei. Die Künstler*innen haben dann mit einem professionellen Maler die Entfernung der Farben vorgenommen und die Wände, Türen, Heizkörper sind wieder im vorherigen Zustand und neu weiß gestrichen.

Die Vermieterseite hat den Rückbau und die Arbeiten begleitet und wurde über jeden Arbeitsschritt von Kurator Patrick Brehmer informiert. „Wir hatten die Hoffnung, dass sich die Situation dadurch entschärft,“ erklärt Beckmann.

Harte Worte: Nach 35 Jahren alles „in Schutt und Asche“ legen – Vermieter streitet Einflussnahme ab

Alles wieder schön weiß an den Wänden im Fletch.

„Man sucht eine Anstellung an einem Theater, um dann innerhalb von acht Wochen alles in Schutt und Asche zu legen, was 35 Jahre bestens funktioniert hat“, kommentiert Eigentümer Niemeyer die Arbeit der Beteiligten. „Mit Theater hat das ja nichts mehr zu tun“.

Und was ihn störe oder, so komme es ihm vor, dass Frau Jänicke und Herr Beckmann einen Keil zwischen das Verhältnis von Eigentümer und dem Mieter, dem Verein und somit zwischen ihn, Jochen Niemeyer und Horst Hanke-Lindemann treiben wollten.

Er spricht von einem freundschaftlichen Verhältnis zu Hanke-Lindemann, zum Vorstand und dem Ensemble, und weist Vorwürfe der Einflussnahme durch ihn und seine Mitarbeiter*innen entschieden zurück. „Auf die Kunst haben wir überhaupt noch nie Einfluss genommen“, erklärt Niemeyer. Und weiter, „auf einmal stehe im Raum: Kunst wird zensiert!“ und so sei es nicht, ist sich Niemeyer sicher. Warum das jetzt bewusst so hochgepusht wird, verstehe der Eigentümer des Gebäudes hinter dem Fletch Bizzel einfach nicht.

Beckmann wundert sich – Der Fall ist nun vor dem Arbeitsgericht: „Urban Art ist ja toll, aber nicht so.“

Horst Hanke-Lindemann ist als vielseitiger Theater- und Festivalorganisator bekannt. Foto:  Fletch Bizzel

Till Beckmann kann sich nur wundern. „Leider wurden wir dem Vermieter sehr spät und auch nur in einem Treffen persönlich vorgestellt, wir kennen ihn eigentlich gar nicht. Die Kommunikation lief direkt mit dem Mieter, dem Trägervein des Theaters“, so Beckmann.

„Wir wurden von Horst Hanke-Lindemann mit unserem Konzept ans Haus geholt, wir arbeiten mit allen Kolleg*innen gemeinsam mit Hochdruck an vielen sehr unterschiedlichen Projekten und noch bevor eines dieser Projekte überhaupt für ein Publikum zugänglich ist, müssen wir uns fragen, wie diese Situation unsere weitere Arbeit beeinflussen wird.“

In der Güterverhandlung am 31. Mai 2021 – dem ersten Termin am Arbeitsgericht zwischen Cindy Jänicke und dem Fletch Bizzel in Person von Horst Hanke-Lindemann – meldete sich dieser mehrfach zu Wort. Er wolle klarstellen, dass es ihm wichtig gewesen sei, im Guten auseinander zu gehen.

Beate Puplick, die Anwältin von Hanke-Lindemann, schilderte zu Beginn dieses ersten Verhandlungstages die Gründe der fristlosen Kündigung gegen Cindy Jänicke. Der Sachverhalt sei komplex betonte sie. „Das ganze „Theater“ sei entstanden, weil Absprachen nicht eingehalten worden seien. „Urban Art ist ja toll, aber nicht so“, hieß es weiter von Hanke-Lindemanns Anwältin.

Und so stehen wohl drei Kündigungsgründe im Raum: einmal die Nichteinhaltung von Brandschutzbestimmungen. Außerdem sollen interne Informationen mit dritten geteilt worden sein. Und, es sei ein Büro im Fletch verwüstet worden und ein wichtiger Ordner gelöscht worden.

„Wir sind missbraucht worden.“ – Es geht ums Theater

Till Beckmann und Cindy Jänicke haben gegen ihre fristlose Kündigung geklagt.

Horst Hanke-Lindemann erklärte vor dem Arbeitsgericht, warum man jetzt auf Fakten gehe. Denn er habe dem Duo – seiner neuen Leitung Jänicke und Beckmann – voll vertraut und sei wohl zu blauäugig gewesen. „Wir sind missbraucht worden“, sagte Hanke-Lindemann. Er würde den ausgehandelten Vertrag nun nur noch anwenden um die Sache hier vor Gericht zu klären. Es gehe ihm um das Theater und den Einzug von Kunst. Auch von urbaner Kunst, betonte er.

Zu einer Einigung zwischen den beiden Parteien kam es an diesem Montag nicht. Nach rund 45 Minuten beendete die Richterin diese erste Güteverhandlung ergebnislos. Ein nächster Termin für Cindy Jänickes Klage wurde für den 25. August ausgemacht. Die Verhandlung ist öffentlich.

Am 17. Juni wird dann auch Till Beckmann bei seiner Güteverhandlung für sein Recht im selben Fall kämpfen müssen. Der Anwalt der beiden, Achim Fricke, sprach nach der Verhandlung von der „Disqualifizierung zweier Künstler“ und, dass es hier auch um Existenzen gehe. Jänicke war mit ihrer dreiköpfigen Familie für den Job im Fletch von Flensburg nach Dortmund gezogen.

Offener Brief an den Kulturdezernenten sorgt für weitere Aufmerksamkeit

Adolf Winkelmann, Sabine Brandi, Birgit Rumpel und Günter Rückert veröffentlichten am 31. Mai 2021, zeitgleich zum ersten Verhandlungstag, einen offenen Brief, der an den Kulturdezernenten Jörg Stüdemann gerichtet ist. Sie beobachten mit Erstaunen und Verwunderung die aktuellen Ereignisse im Theater Fletch, schreiben sie.

„Angesichts der Bedeutung, die das Fletch für Dortmunds freie Theaterlandschaft hat – was sich auch an der jährlichen Fördersumme von mehr als 320.000 Euro (2020) durch das Kulturbüro ablesen lässt – kann die Öffentlichkeit mehr Transparenz über diese Vorgänge erwarten„, schreiben sie, und so fragen die drei: „Wie konnte es zu der überraschenden Absetzung von gerade erst eingestelltem Personal kommen?“ und „Stimmt es, dass der Vermieter sich in die künstlerische Ausrichtung des Theaters eingemischt hat?“.

Nordstadtblogger wird die Angelegenheit weiter verfolgen.

 

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Ein Gedanke zu “Das „Fletch Bizzel“ ist in Schieflage geraten – Nach Aufregung und Streiterei jetzt erster Verhandlungstag vor Gericht

  1. Georg Schnitzler

    Aus der Ferne: Das kommt dabei heraus, wenn ein Platzhirsch seine Nachfolger einstellt und dann nicht sofort verschwindet. Horst, mit weinerlicher Stimme: „Mein in 35 Jahren – zusammen mit dem Jochen – aufgebautes Lebenswerk wird mit Füßen getreten.“ Gutsherren wie dieser „wenden Verträge an“ statt sie einzuhalten und „wollen im Guten auseinander gehen“. Dringender Rat an die beiden (gemäß Arbeitsrecht) leitenden Angestellten Cindy Jänicke und Till Beckmann: Nicht um die Positionen kämpfen, das ist aussichtslos, sondern für eine möglichst hohe Abfindung streiten. Auch um den Blick nach vorn wieder frei zu kriegen.
    Eine Alternative gibt es: Im Trägerverein dafür sorgen, dass der Horst abgewählt wird.

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