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Die HMKV-Ausstellung „Faţadă/Fassade“ zeigt Baukunst als Gegenentwurf zur stigmatisierten Position der Roma

Auch die Flure auf der Etage des HMKV wurden farblich neu gestaltet. Fotos: Alex Völkel

Auch die Flure auf der Etage des HMKV im Dortmunder U wurden farblich neu gestaltet. Fotos: Alex Völkel

Von Aimie Rudat

Die Nordstadt hat mit vielen Stigmatisierungen zu kämpfen. Die Bewohner*innen-Gruppe, die die meisten Vorurteile und rassistischen Anfeindungen erleben muss, sind Rom*nja. Dass die Zugewanderten aus Roma-Gemeinschaften in Südosteuropa aber auch einen reichen Schatz an Kulturen und Traditionen nach Dortmund mitbringen, wird oft verkannt – wenngleich es interessante Projekte wie das Fassaden-Projekt in der Schleswiger Straße 31 gibt. „Wir holen das Projekt in den kulturellen Leuchtturm der Stadt Dortmund – und machen es einer größeren und anderen Öffentlichkeit zugänglich“, freut sich Inke Arns, Direktorin des HardwareMedienKunstVereins (HMKV) im Dortmunder U.

Ausstellung zur Roma-Baukultur kann jetzt im Dortmunder U besichtigt werden

Die Künstler Mathias Jud (Foto) und Christoph Wachter haben mit Menschen aus der Roma-Community am Nordmarkt gearbeitet.

Die Künstler Mathias Jud (Foto) und Christoph Wachter haben mitMenschen der Roma-Community gearbeitet.

Ab dem 24. Oktober 2020 zeigt der HMKV auf Ebene 3 im Dortmunder U die Ausstellung „Faţadă/Fassade“. Sie bildet den Abschluss des siebten Roma-Kulturfestivals „Djelem Djelem“ in Dortmund. ___STEADY_PAYWALL___

Ab dem 24. Oktober 2020 zeigt der HMKV auf Ebene 3 im Dortmunder U die Ausstellung „Faţadă/Fassade“. Sie bildet den Abschluss des siebten Roma-Kulturfestivals „Djelem Djelem“ in Dortmund.

Doch die für den HMKV ungewöhnliche Ausstellung – die Vernissage musste Corona-bedingt ausfallen – bildet gleichzeitig den Auftakt für ein eigenes Veranstaltungsprogramm im Dortmunder U, welches beim HMKV bis zum 21. März 2021 laufen soll.

Die Ausstellung baut auf dem gleichnamigen kollaborativen Kunstprojekt der Werkstatt Mallinckrodtstraße auf, das von Akteur*innen aus der Dortmunder Roma-Community zusammen mit den Künstlern Christoph Wachter und Mathias Jud entwickelt wurde.

Das Ziel: Eine gemeinsame Erkundung des Stadtraums nach Möglichkeiten einer positiven und selbstbestimmten Repräsentation der Roma-Community.

Die Roma-Community gehört in der Geschichte und Gegenwart zu der am meisten von Rassismus und Marginalisierung betroffenen gesellschaftlichen Gruppen in Europa. Auch in Dortmund leben viele Roma-Familien unter teils problematischen Bedingungen.

Interkultur Ruhr hat eine Fassaden-Werkstatt am Nordmarkt möglich gemacht

Diese Fassade an der Schleswiger Straße 31 wurde künstlerisch gestaltet.

Diese Fassade an der Schleswiger Straße 31 wurde im vergangenen Jahr künstlerisch gestaltet.

An diese komplexe lokale, regionale und europäische Situation schließt das Projekt „Faţadă/Fassade“ an. Hierbei handelt es sich um nichts weniger als die Frage, ob ein Wohnhaus in der Dortmunder Nordstadt so gestaltet werden kann, dass es den Roma-Architekturen in Rumänien ähnelt.

Auf Einladung von Interkultur Ruhr haben die Künstler Mathias Jud und Christoph Wachter 2017 gemeinsam mit Akteur*innen aus der Nachbarschaft des Nordmarkts eine Werkstatt in der Mallinckrodtstraße eröffnet, in der in den letzten zwei Jahren viele von der Roma-Baukultur inspirierte Hausmodelle entstanden sind. Einer dieser Entwürfe wurde 2019 in die Realität umgesetzt. Auf der Schleswiger Straße 31 schmücken ornamentale Farbmuster die Fassade.

Vor diesem Hintergrund hat der HMKV beschlossen, das Projekt als Ausstellung ins Dortmunder U zu holen. Zu sehen ist unter anderem auch die Neugestaltung des Eingangsbereichs des HMKV, realisiert von Mitgliedern der Werkstatt Mallinckrodtstraße. „Das werden die neuen Selfie-Backgrounds der nächsten Monate“, witzelt die Direktorin des HMKV Inke Arns.

Roma-Architektur: Tradition und Impuls der Mehrheitskultur

Das Projekt „Faţadă/Fassade“ richtet seinen Fokus auf eine besondere Form der Architektur, die in den letzten 30 Jahren unter anderem in Rumänien entstanden ist. Inspiriert sind die Hausmodelle von den fantastischen Bauformen, die Roma-Familien seit vielen Jahren in Dörfern und Straßenzügen Rumäniens realisieren.

Die Modelle zeichnen sich durch expressive Fassaden sowie Innenräume aus, die mit ornamentalen Farbmustern bedeckt sind. Von Kuppeln über Burgzinnen bis hin zu silbrig schimmernden Zwiebeldächern, alles ist erlaubt.

Hier vermischen sich eine große Vielzahl an medialen wie auch lokalen rumänischen Einflüssen. So finden sich nicht nur Elemente von Neoklassizismus und amerikanischem Kolonialstil wieder, sondern auch die der barocken Kirchenarchitektur der Region, z.B. in den hohen, teils pagodenartigen Dächern.

Die Häuser dienen der Repräsentation sowie dem Ausdruck der Selbstermächtigung

Das Ziel ist, die Betrachter zu beeindrucken und in Erstaunen zu versetzen. Alles was man sieht, besteht nur aus Dekor. Häufig ist nur ein Raum der Roma-Paläste bewohnt.

Denn die Häuser dienen ausschließlich der Repräsentation sowie dem Ausdruck der Selbstermächtigung, indem sie sich rassistischen Zuschreibungen und weit verbreiteten Vorurteilen entziehen.

Neben den unterschiedlichsten Formen aus der globalen Architekturgeschichte sind auch Statussymbole oder Luxusnamen häufig und gerne verwendete Elemente. Attribute, die die Roma-Familien sich selber aneignen oder erreichen möchten. Sie dienen zur Selbstaufwertung und gleichzeitig sind es Symbole einer sichtbaren Forderung nach Anerkennung in der Gesellschaft, erklärt der Künstler Mathias Jud.

Der Gedanke einer gerechten Gesellschaft wird weiter verfolgt

Im hinteren Teil des Ausstellungsraums wurde eigens für die Fassaden-Ausstellung ein Lesesaal errichtet.

Voraussichtlich bleibt die Ausstellung nicht die letzte dieser Sorte. Die Werkstatt in der Mallinckrodtstraße soll mindestens noch bis zum Frühjahr 2020 weiterbestehen. Danach werden die Räumlichkeiten zu einer Kita umfunktioniert, aber die Stadt Dortmund sucht bereits nach einer neuen Unterkunft und Trägerschaft für das Projekt.

Vielleicht kann das Künstler-Team samt seiner Modelle nun in einem geräumigeren Quartier einziehen, denn 200 qm sind eindeutig zu klein für eine Werkstatt, die teils raumhohe Modelle beherbergt. „Eine alte Schule wäre perfekt“, teilt Fabian Saavedra-Lara halb ernst, halb scherzhaft mit. Das Projekt „Fassade“ soll auf jeden Fall weitergehen.

Der Plan ist eine Wanderung der Modelle durch die ganze Region. Die Miniatur-Häuser sollen nicht nur in Kunsträumen hier vor Ort möglichst viele Menschen auf die Ausgrenzung und Marginalisierung der Roma-Familien aufmerksam machen, sondern weitverbreitet ausgestellt werden, um ein noch größeres Publikum anzusprechen. Dabei ist der Ausstellungsort nebensächlich. Ob auf dem Rathausplatz einer beliebigen Stadt oder in einem Museum, das Ziel ist, das Interesse anderer Regionen zu wecken.

(Falls sich das Video nicht darstellt, bitte das Browserfenster neu laden!)

 

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2 Gedanken über “Die HMKV-Ausstellung „Faţadă/Fassade“ zeigt Baukunst als Gegenentwurf zur stigmatisierten Position der Roma

  1. Neue HMKV-Ausstellung Faţadă/Fassade erfolgreich eröffnet - Familiensonntag am 01. November entfällt - Der HMKV ist ab Montag, 02. November 2020, vorübergehend geschlossen (PM)

    Neue HMKV-Ausstellung Faţadă/Fassade erfolgreich eröffnet – Familiensonntag am 01. November entfällt – Der HMKV ist ab Montag, 02. November 2020, vorübergehend geschlossen

    Die neue Ausstellung Faţadă/Fassade, die seit dem 24. Oktober 2020 im HMKV zu sehen ist, erfreute sich bereits am Eröffnungswochenende regen Interesses. Unter Einhaltung aller geltenden Corona-Maßnahmen haben bereits zahlreiche Besucher die rund 17 von der Roma-Baukultur inspirierten Hausmodelle besichtigen und sich im Lesebereich über den Kontext und die Geschichte der anhaltenden Diskriminierung von Rom*nja informieren können.

    Trotz des abgesagten Eröffnungstages zeigt sich HMKV-Direktorin Dr. Inke Arns erfreut über die Resonanz: „Ich bin sehr zufrieden und glücklich, dass es wir dieses erfolgreiche Projekt aus der Dortmunder Nordstadt hier im kulturellen Leuchtturm der Stadt, dem Dortmunder U, präsentieren können. Die Roma-Baukultur hat es verdient, dass viel mehr Menschen von ihr erfahren.“ Fabian Saavedra-Lara, kuratorischer Co-Leiter von Interkultur Ruhr, denkt bereits über die Ausstellung hinaus: „Wir würden uns freuen, die Hausmodelle nach der Ausstellung beim HMKV an weiteren Orten in der Stadt und der Region zeigen zu können, und möchten die Arbeit der Werkstatt Mallinckrodtstraße auch 2021 weiter unterstützen. Gemeinsam mit der Stadt Dortmund wird auch nach einer längerfristigen Perspektive für den Ort gesucht. Das Projekt könnte sich regionalisieren und auch in anderen Städten des Ruhrgebiets aktiv werden.“

    Auch das Team der Werkstatt Mallinckrodtstraße freut sich über die positiven Reaktionen aus der Dortmunder Roma-Community: „Die Leute kommen zu uns und sagen, sie sind stolz auf uns!“ berichtet Werkstattleiter Cernat Siminoc (Roger).

    Der aktuellen Situation geschuldet folgt auf den erfolgreichen Auftakt eine temporäre Schließung: Aufgrund der aktuell verschärften Corona-Maßnahmen kann am kommenden Sonntag, den 01. November 2020 der geplante Familiensonntag im Dortmunder U nicht stattfinden. Die Ausstellung bleibt noch bis einschließlich Sonntag, den 1. November 2020 18 Uhr im Dortmunder U für die Öffentlichkeit zugänglich. Ab Montag, 2. November 2020 wird das gesamte Dortmunder U, einschließlich des HMKV, vorübergehend schließen. Damit folgt der HMKV den aktuellen Verordnungen des Bundes zur Pandemiebekämpfung. Das gesamte Team des HMKV hofft, bald wieder in die Ausstellung Faţadă/Fassade einladen zu können, die bis zum 21. März 2021 läuft.

    Im November online zu sehen auf der Webseite des HMKV:
    Das HMKV Video des Monats kommt im November von Abner Preis: Der amerikanisch-israelische Künstler, der auch schon in der HMKV-Ausstellung Böse Clowns mit einer großen Neuproduktion vertreten war, zeigt mit The Mask Maker and the Tree (2017, 12:20 Min.) eine Arbeit über einen Maskenmacher und einen magischen Baum.

  2. Faţadă Podcast: Wie Architektur mit Rassismus und Klassismus zusammenhängt (PM)

    Faţadă Podcast: Wie Architektur mit Rassismus und Klassismus zusammenhängt

    Während die Lichter in unserer Ausstellung weiterhin dunkel bleiben und wir hoffen, die Türen bald wieder für Besucher*innen öffnen zu können, reflektieren wir – der dunklen Jahreszeit entsprechend – dieses sehr besondere Projekt Faţadă/Fassade, mit dem der HMKV erstmals eine Ausstellung gemeinsam mit Mitgliedern der Roma-Community aus der Dortmunder Nordstadt realisiert hat.

    Die Nordstadt steht wie kein anderer Stadtteil Dortmunds für die kulturelle Vielfalt in Dortmund. Gleichzeitig wird die Nordstadt weit über die Grenzen Dortmunds problematisiert und ihre Bewohner*innen kriminalisiert. In vier Podcast-Folgen, produziert in Zusammenarbeit mit der Autorin Olga Felker, beleuchten wir den Entstehungshintergrund des Projekts Faţadă/Fassade und erläutern die sozialen und politischen Kontexte sowie die Bedeutung des Projekts für die Stadt.

    In der zweiten Folge „Sei mein Gast“ spricht Olga Felker mit Dr. Inke Arns, der Direktorin des HMKV, und Fabian Saavedra-Lara dem Co-Leiter von Interkultur Ruhr. Hierbei wird der Weg der Ausstellung Faţadă/Fassade reflektiert, über Gastfreundschaft philosophiert und überlegt, was daraus für die Zukunft der kuratorischen Praxis mitgenommen werden kann.

    In der heute veröffentlichten dritten Folge „Mehr ist mehr – Über Architektur, Rassismus und Klassismus“ spricht Olga Felker mit den beiden Künstlern Christoph Wachter und Mathias Jud. In dem Gespräch wird der Weg der beiden ins Ruhrgebiet nachgezeichnet, die Wahrnehmung der Rom*nja in der Gesellschaft erläutert und beschrieben, wie sich die Roma-Baukultur entwickelt hat.

    Wir wünschen viel Spaß beim Hören, auf unserer Webseite, bei Spotify oder Soundcloud!

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