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Etwas anderes zu sein als die Hausfrau, die nur lernte, für die Familie da zu sein: „Frauen-Empowerment“ bei Djelem Djelem

Frauen-Empowerment-Workshop im DKH beim siebten Roma-Kulturfestival „Djelem Djelem“. Fotos: Alex Völkel

Von Aimie Rudat

Sich gegenseitig austauschen und vernetzen – das war das Ziel des „Frauen-Empowerment“-Workshops im Dietrich-Keuning-Haus (DKH). Im Rahmen des siebten Roma-Kulturfestivals „Djelem Djelem“ stellten Rom*nja-Aktivistinnen dort am Samstag ihre Empowerment-Arbeit vor und berichteten bei Kaffee und Kuchen von Erfahrungen, Projekten, Fortschritten sowie Plänen. Trotz allen Einschränkungen durch Corona war die Teilnahme von Roma-Frauen und weiteren Interessierten zahlreich, wodurch rege Diskussionen für selbstbewusstes Engagement und Toleranz geführt werden konnten.

Das Roma-Kulturfestival geht im DKH mit einem Workshop zum Empowerment von Frauen weiter

Nora Oertel-Ribero von „Raum vor Ort“ aus der Nordstadt arbeitet mit Marcela Muntean zusammen. Sie ist im Projekt „Vast vasteste – Hand in Hand“ als Roma-Bildungsmediatorin angestellt. Das Projekt ist eine Kooperation zwischen der Stadt Dortmund, dem Ministerium für Schule und Bildung NRW und der Freudenberg Stiftung.

In diesem Workshop möchten die Organisator*innen Roma-Frauen aus Dortmund und dem Ausland zusammenbringen, um über die Umsetzung von Projekten zu diskutieren sowie Erfahrungen auszutauschen. ___STEADY_PAYWALL___

Doch die Gäste aus dem Ausland konnten nicht kommen – die Partnerländer sind durch steigende Coronazahlen zu Risikogebieten erklärt worden. Daher blieb der Dortmunder*innen-Kreis bei den Diskussionen unter sich. An dem Ziel des Workshops hat das jedoch nichts geändert: Zusammen gegen Sexismus, Rassismus und gesellschaftliche Machtverhältnisse vorgehen.

Die AWO veranstaltet diesen Workshop nicht nur als eine einmalige Diskussionsrunde, sondern möchte eine viel tiefere Verbindung unter den Roma-Frauen schaffen. Das Ziel ist es, eine Gemeinschaft der Roma-Frauen zu bilden, die sich gegenseitig im Alltag unterstützt. Hierfür soll es den Frauen ermöglicht werden, sich wöchentlich in einer gemütlichen Gesprächsrunde zu treffen, die als regelmäßiger Austausch von Erfahrungen dienen soll.

Für ein selbstbestimmtes Leben: Workshop vernetzt Roma-Frauen zu einer Gemeinschaft

Organisatorinnen und Teilnehmerinnen des Workshops

Um die Stimmung etwas aufzulockern, stellte Nora Oertel-Ribero zunächst ein paar persönliche Fragen an die Frauen. Dadurch zeigte sich, dass fast alle Teilnehmer*innen bereits Mütter sind, die sich hauptsächlich um die Erziehung ihrer Kinder und den Haushalt kümmern. Teilweise mussten manche Roma-Frauen den Workshop aus genau diesen Gründen schon früher verlassen.

Damit die Roma-Frauen sich untereinander besser kennenlernen, wurde in einer Vorstellungsrunde über den jeweiligen Beruf, das Herkunftsland sowie die zahlreichen Sprachen geredet, die die Roma-Frauen beherrschen. Besonders momentan – durch die Coronakrise – haben viele Roma-Frauen Schwierigkeiten, einen Beruf zu finden, oder wurden entlassen.

Während der Diskussion erarbeiteten die Rom*nja-Aktivistinnen eigene Ideen zur Umsetzung von Projekten in Bezug auf die Themen: Bildung, Freizeit und Kultur, Beziehung und Familie, Wohnen und Leben, Arbeit und Qualifikation. Der Grundgedanke der Diskussion war die aktive Auseinandersetzung der Roma-Frauen mit ihrer Zukunft, im Hinblick auf eine gelungene Integration in die Dortmunder Gesellschaft und ein selbstbestimmtes Leben.

Florentina Marin und Dobrila Nikolic – Beispiele für selbstbestimmte Roma-Frauen in Dortmund

Mehrere Frauen, die bereits anderen Frauen und Familien mit Rat und Tat zur Seite standen, wurden mittlerweile zu Mediatorinnen qualifiziert. Mediatorinnen arbeiten oftmals in den Grundschulen, wo sie als „Vermittlerin“ zwischen Eltern und Lehrern eine große Rolle beim Thema Integration spielen. Aufgrund ihres häufig eigenen Migrationshintergrundes, haben sie einen leichteren Zugang zu Einwandererfamilien und können insbesondere Kinder beim Einleben und Zurechtfinden in der neuen Umgebung unterstützen.

Eine dieser Frauen ist Florentina Marin, die ebenfalls im Projekt „Vast vasteste – Hand in Hand“ arbeitet. Sie kommt ursprünglich aus Rumänien und lebt seit 2015 in Deutschland. Schon in ihrer Heimat hat sie sich in einer Feministen-Organisation nicht nur für die Rechte von Frauen und die Verbesserung der aktuellen Lebensumstände eingesetzt, sondern auch für die Integration von Roma-Familien.

So schaffte es die Organisation beispielsweise, die frühe Verheiratung von jungen Mädchen zu unterbinden sowie den Dorfbewohner*innen eine kostenlose Arztbehandlung zu ermöglichen. In Deutschland arbeitet Florentina Marin nun als Mediatorin in Grundschulen, möchte aber eine Ausbildung zur Familienbegleiterin absolvieren, sobald ihre Deutschkenntnisse sich verbessert haben.

Dobrila Nikolic arbeitet bei der AWO als Integrationshelferin. Sie lebt seit dreieinhalb Jahren in Deutschland und stammt ursprünglich aus Serbien. So wie Florentina hat sich auch Dobrila in ihrer Heimat mit der Integration von Roma-Gemeinschaften in die Gesellschaft eingesetzt. Nun hat sie in Deutschland einen eigenen Podcast, der sowohl auf Romanes als auch auf Deutsch veröffentlicht wird. In vier Folgen geht es um das Kulturfestival „Djelem Djelem“. Hier werden unter anderem Hintergründe der Roma-Geschichte beleuchtet. Insbesondere wird das Augenmerk auf die Verfolgung von Roma-Familien gelegt; Dobrila Nikolics Familie selbst dient hierfür als Beispiel.

Die Perspektive der Mehrheit von Roma-Frauen: für die Kinder da sein, eigene Bedürfnisse zurückstellen

Trotz dieser ermutigenden Beispiele gibt es viele Roma-Frauen, die diese Perspektive nicht teilen. In der Realität sind Vorbilder wie Florentina Marin und Dobrila Nikolic noch immer Sonderfälle.

Der Grund für eine Auswanderung ist oftmals der Wunsch, den eigenen Kindern eine bessere Zukunft zu schaffen. Dabei werden persönliche Bedürfnisse, Träume und Wünsche zurückgestellt, obwohl die Mehrheit der eingewanderten Roma-Frauen selber erst in ihren 20ern steckt.

Doch die meisten Roma-Frauen konzentrieren sich auf den Haushalt und die Erziehung der eigenen Kinder. Viel Zeit für die persönliche Zukunftsplanung bleibt da nicht und wenn die Kinder erst einmal aus dem Haus sind, scheint es, als ob die Chance verpasst worden wäre.

Eine sich gegenseitig unterstützende Gemeinschaft von Roma-Frauen kann diesen Blickwinkel womöglich ändern. Durch die gemeinsamen wöchentlichen Treffen können sich die Frauen nicht nur gegen Rassismus, Sexismus und gesellschaftliche Ungerechtigkeiten engagieren, sondern auch gegenseitig motivieren, etwas anderes zu sein – als die Hausfrau, die nie etwas anderes gelernt hat, außer für die Familie da zu sein.

 

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