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100 Jahre Dortmunder Mitternachtsmission – Bürgermeisterin Jörder lobt: „Ein leuchtendes Beispiel für Nächstenliebe“

Großes Interesse beim Festakt: Im Rathaus hat die Dortmunder Mitternachtsmission ihr 100-jähriges Bestehen gefeiert. Fotos: Carmen Körner

100 Jahre Dortmunder Mitternachtsmission – ein Jubiläum, das gefeiert werden muss. Auch, wenn die alltägliche – oder besser: allnächtliche Arbeit der Fachberatungsstelle für Prostituierte und Opfer von Menschenhandel eher mit den ernsten Seiten des Lebens zu tun hat. Am Donnerstagabend wurde mit einem Gottesdienst in St. Reinoldi und einem großen Empfang im Rathaus das Jahrhundert-Projekt „Mitternachtsmission“ gewürdigt. Und es wurde nicht gespart mit Lob und Anerkennung, vor allem für die in den letzten drei Jahrzehnten geleistete Arbeit.

Beratungsstelle hat Tabu-Thema Prostitution in die Öffentlichkeit gerückt

Bürgermeisterin Birgit Jörder zeigte sich in ihrer Begrüßungsrede schon allein von der großen Gästeschar in der Kirche und im Rathaus beeindruckt: „Das zeigt, dass ihnen allen das Schicksal der Frauen und Mädchen nicht gleichgültig ist.“ Für die Bürgermeisterin ist die Beratungsstelle ein „leuchtendes Beispiel für Nächstenliebe, an dem andere sich orientieren können.“

Der Mitternachtsmission sei es gelungen, ein Tabuthema in das Zentrum des öffentlichen Interesses zu rücken. Und genau das sei wichtig. „Nur mit breiter gesellschaftlicher Unterstützung lässt sich das Verbrechen Menschenhandel bekämpfen!“

Die Bürgermeisterin, die selbst Mitglied im Vorstand des Vereins der Mitternachtsmission ist, sicherte dem Team der Beratungsstelle auch für die zukünftige Arbeit alle Unterstützung der Stadt zu. „Für die Lebensleistung Mitternachtsmission spreche ich allen Beteiligten den Dank der Stadt für ihren Einsatz in den vergangenen 100 Jahren aus.“

Krieg und Armut machen Frauen zu Opfern von Menschenhandel

„Die Situation für die Frauen 1918 und 2018 hat sich nicht viel verändert“, betonte Andrea Auras-Reiffen, Vorstandsvorsitzende des Vereins Dortmunder Mitternachtsmission, in ihrem Grußwort.

Im Gründungsjahr der Mitternachtsmission seien viele Frauen aufgrund des 1. Weltkrieges vor Armut und Hunger in die großen Städte geflüchtet. Der Weg in die Prostitution war dort für etliche die einzige Möglichkeit zu überleben. „Auch heute wieder vertreiben Armut und Krieg die Frauen aus ihrer Heimat.“

Auras-Reiffen dankte ebenso wie die anderen Rednerinnen des Festabends vor allem dem Team der Mitternachtsmission für ihren oft aufreibenden und strapaziösen Einsatz rund um die Uhr.

Verein wurde 1918 in einem Konfirmandenzimmer in der Nordstadt gegründet

Gegründet wurde der Verein der Dortmunder Mitternachtsmission am 3. März 1918  im Konfirmandenzimmer von Pfarrer Donsbach in der Kielstraße 10 im Dortmunder Norden. Schon zuvor gab es bereits erste konfessionelle Bestrebungen zur „Bekämpfung von Prostitution und Unsittlichkeit“, das geht aus Protokollen der Kreissynode aus jener Zeit hervor.

Andrea Hitzke, Leiterin der Mitternachtsmission Dortmund.

Schon 1915 legte der damalige Pfarrer der Pauluskirche, Hermann Flume, der Kreissynode „Leitsätze zur Prostitutionsfrage“ vor. „Die Prostitution ist neben Tuberkulose und Alkoholismus eines der schwierigsten Probleme. Es restlos zur allgemeinen Zufriedenheit zu lösen, wird wohl ein frommer Wunsch bleiben“, formulierte es Flume in seinem Einleitungstext.

Zur Gründungsversammlung 1918, die sogar mit offizieller Genehmigung der Polizeiverwaltung stattfand, kamen damals 19 Männer und Frauen. Beraten wurden unter anderem die Vereinsstatuten. Darunter Paragraph 2, der als Zweck des Vereins nennt, an der „Rettung und Bewahrung der Söhne und Töchter unseres Volkes zu arbeiten“.

Dieser Zweck soll erreicht werden durch „Verteilung geeigneter Druckschriften, durch seelsorgerliche Unterredung, durch Unterbringung in bestehende Zufluchts- und Rettungshäuser und Arbeitsstätten“. Schon 1925  wurde übrigens für die Arbeit für die „gefallenen“ Frauen und Mädchen eine hauptamtliche Kraft eingestellt, eine ausgebildete Bibelhaus-Schwester der Frauenmission Malche.

Viel Lob für aufopferungsvolle Arbeit des Teams der Mitternachtsmission

Heute ist die Dortmunder Mitternachtsmission eine Fachberatungsstelle, die weit über Dortmund hinaus anerkannt ist und Vorbildcharakter hat. Andrea Hitzke, Leiterin der Mitternachtsmission, nutzte das große Forum der Jubiläumsfeier am Donnerstagabend, um die aufopferungsvolle  Arbeit des Teams der Beratungsstelle herauszustellen. „Unser Job ist nicht leicht. Wir sind oft schockiert und fassungslos von dem, was wir von den Frauen erfahren.“

Jutta Geißler-Hehlke prägte als Leiterin die Mitternachtsmission bis 2012.

Viele der Opfer von Menschenhandel stehen verletzt und krank, traumatisiert oder hochschwanger vor der Tür der Beratungsstelle. Den Einsatz für diese Frauen jeden Tag und jede Nacht wieder zu leisten, sei nur durch den Zusammenhalt im Team möglich. Jede müsse sich auf die andere verlassen können. Besonders hilfreich, so Hitzke, sei aber auch die hohe Akzeptanz und Wertschätzung der Mitternachtsmission in der Stadt.

Auch Jutta Geißler-Hehlke, die frühere langjährige Leiterin der Dortmunder Mitternachtsmission, betonte in ihrer Ansprache: „Der Erfolg der Arbeit der Mitternachtsmission wird von vielen getragen, das ist nichts für Einzelkämpfer.“ Geißler-Hehlke, die wesentlich den „Runden Tisch Prostitution“ im Jahr 2002 mitbegründet hat, nutzte die Möglichkeit, noch einmal den Behörden – von Polizei bis Jugendamt – für die gute Zusammenarbeit zu danken.

„Auch, wenn es unterschiedliche Positionen gab, konnte zumindest ein Kompromiss gefunden werden“, lobte sie. Das „Dortmunder Modell“, das alle relevanten Stellen, inklusive der Bordellbesitzer, an einen Tisch bringt, ist inzwischen über Deutschland hinaus ein Begriff und findet immer mehr NachahmerInnen.

„Thema Menschenhandel gehört in die Mitte der Gesellschaft“

Wie sehr die Arbeit der Mitternachtsmission gerade in Bezug auf die Opfer von Menschenhandel geschätzt wird, dokumentierte sich nicht zuletzt durch Gastrednerinnen des bundesweiten Koordinierungskreises gegen Menschenhandel und des Bundeskriminalamtes (BKA). Naile Tanis, Geschäftsführerin des Koordinierungskreises: „Es ist unglaublich mit welchem Engagement hier gearbeitet wird. Die Beratungsstelle in Dortmund hat Maßstäbe gesetzt.“

Kurz vor dem Ende des offiziellen Teils, der mit musikalischen Einlagen von Jane Franklin und Martin Klausmeier sowie Pianistin Atzuko Seki bereichert wurde, schaffte es auch die NRW-Gleichstellungsministerin Ina Scharrenbach in die Bürgerhalle des Rathauses. Sie war im Stau stecken geblieben. „Die Mitternachtsmission hilft dort, wo keiner hilft, und zeigt Menschlichkeit, wo es keine Menschlichkeit zu geben scheint“, charakterisierte sie die Arbeit des Teams der Beratungsstelle. Scharrenbach: „Das Thema Menschenhandel gehört in die Mitte der Gesellschaft, denn Menschenhandel ist unrecht.“

Nach dem Festakt gab es dann in der ersten Etage des Rathauses bei Getränken und Häppchen Zeit, sich auszutauschen, neue Netzwerke zu knüpfen – oder ganz einfach das runde Jubiläum zu feiern.

 

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