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„Zug der Erinnerung“ erinnert in Dortmund an die ermordeten jüdischen Kinder von Westerbork

Dortmunder Jugendliche begleiteten den "Zug der Erinnerung" im Jahr 2008 nach Auschwitz. In diesem Jahr wollen Dortmunder nach Westerbork und Sobibór. Archivbild: Alex Völkel

Dortmunder Jugendliche begleiteten den „Zug der Erinnerung“ im Jahr 2008 nach Auschwitz. In diesem Jahr wollen sie  nach Westerbork und Sobibór. Archivbild: Alex Völkel

Mit ihren Kindern verließen zahlreiche jüdische Familien nach der Machtübernahme der Nazis Dortmund. Viele fanden in den benachbarten Niederlanden eine neue Heimat und bauten sich eine neue Existenz auf. Nach dem Einmarsch der Wehrmacht traf sie der Rassenwahn der Nazis erneut mit brutaler Gewalt. Ihr Schicksal steht im Mittelpunkt des Aufenthaltes des Zuges der Erinnerung vom 10. 12. Juni 2013. Ein Trägerkreis aus 34 Organisationen begleitet den Aufenthalt gemeinsam mit dem Jugendring Dortmund und den Botschafter/innen der Erinnerung.

Menschenrechte müssen immer neu verteidigt werden – Für die Kinder von Westerbork

„Sich mit der Geschichte des eigenen Wohnortes zu befassen, trägt dazu bei, ein besseres Gespür für geschichtliche Vorgänge und Abläufe zu bekommen. […] Nur wer zurückblickt, wird erkennen, dass Demokratie und Menschenrechte nichts Selbstverständliches sind, sondern immer neu verteidigt und gefestigt werden müssen“, so die Worte von Bürgermeisterin Birgit Jörder zur Begrüßung des Zuges der Erinnerung im Jahr 2008. Mit einer neuen Ausstellung kommt er jetzt nach Dortmund.

Dortmunder Jugendliche begleiteten den "Zug der Erinnerung" im Jahr 2008 nach Auschwitz. In diesem Jahr wollen Dortmunder nach Westerbork und Sobibór. Archivbild: Alex Völkel

Dortmunder Jugendliche begleiteten den Zug 2008. Daraus ist die Initiative „Botschafter/innen der Erinnerung geworden. Archivbild: Alex Völkel

Im Mittelpunkt der neuen Ausstellung steht das Schicksal der „Kinder von Westerbork“. Vor 70 Jahren, im Mai und Juni1943, verließen hunderte „Reichsbahn“-Waggons das SS-„Durchgangslager“ Westerbork in den besetzten Niederlanden. Die Deportationen galten der jüdischen Bevölkerung Hollands und den aus Deutschland geflüchteten Emigranten. Ziel war ein Ort namens Sobibór.

Am 8. Juni 1943 verließ Transport No.15 Westerbork und fuhr auf dem deutschen Schienennetz „nach Osten“: In den 46 Waggons saßen 1.145 Kinder und Jugendliche, zusammen mit 2.000 weiteren Opfern. Sie wurden direkt nach der Ankunft am 11. Juni 1943 ermordet.

Der Zug der Erinnerung sammelt die Spuren der ermordeten Kinder und Jugendlichen und bewahrt sie so vor dem Vergessen. Angetrieben von der Hoffnung auf eine Zukunft flüchtete Max Turteltaub in die benachbarten Niederlande. Im Alter von 13 Jahren verließ er seine Familie in der Dortmunder Heiligegartenstrasse. In Loosdrecht fand er Aufnahme in einem landwirtschaftlichen Trainingszentrum für Jugendliche und bereitete sich auf die Auswanderung nach Palästina vor. Bei einer Polizeiaktion wurde Max festgenommen und nach Westerbork gebracht. Von dort brachte ihn ein Zug der Reichsbahn nach Sobibór. Max wurde wie unzählige andere direkt nach der Ankunft am 16. Juli 1943 ermordet.

Spurensuche in den Niederlanden – Für die Hoffnung von Sobibór

Max teilt das Schicksal vieler weiterer Kinder und Jugendlicher aus Dortmund und NRW. Unterstützt und begleitet vom Internationalen Bildungs- und Begegnungswerk IBB e.V. begeben sich über sechzig Jugendliche aus Dortmund und benachbarten Städten auf die Suche nach den Spuren dieser Kinder und Jugendlichen. Drei Tage vor Ankunft des Zuges der Erinnerung in Dortmund fahren sie auf Einladung der Gedenkstätte Westerbork in die Niederlande. Gemeinsam mit zahlreichen Menschen aus unserem Nachbarland werden sie in einer gemeinsamen Zeremonie der Kinder gedenken. Diese Fahrt bildet den Auftakt zu einer breit angelegten Spurensuche zwischen dem Ruhrgebiet, Westerbork und Sobibór.

Dortmunder Jugendliche begleiteten den "Zug der Erinnerung" im Jahr 2008 nach Auschwitz. In diesem Jahr wollen Dortmunder nach Westerbork und Sobibór. Archivbild: Alex Völkel

In Auschwitz gedachten Dortmunder den Opfern der Deportationen. Archivbild: Alex Völkel

Die „Reichsbahn“-Waggons, die vor 70 Jahren durch Deutschland fuhren, hätten gestoppt werden können, und die Kinder könnten leben – wenn Rassismus und nationalistischer Größenwahn auf entschlossenen Widerstand gestoßen wären.

Dass dieser Widerstand selbst unter verzweifelten Umständen möglich ist, wurde in Sobibór bewiesen: Im Oktober 1943 organisierten Gefangene einen Aufstand. Alexander Pjetjerski war Leutnant der Roten Armee und wurde nach Sobibór verschleppt. Seine militärische Ausbildung half ihm den Aufstand präzise zu planen und entschlossen durchzuführen.

Zu Pjetjerskis Helfern gehörte eine Dortmunder Gefangene. In der Frauenbaracke bereitet das geheime Aufstandskomitee den Ausbruch vor. Dort verliebte sich Sascha Pjetjerski in die Dortmunderin Gertrude Poppert, die er „Luka“ nannte. Den Aufständischen gelang die Überwältigung der SS-Bewacher. Mehrere Gruppen konnten sich befreien. Das Vernichtungslager musste geschlossen werden. Der Aufstand von Sobibór macht Mut, trotz seiner verzweifelten Umstände.

Die Ausstellung im Zug der Erinnerung

Im Mittelpunkt der Ausstellung stehen ausgewählte Biographien. Es sind nicht die Bilder des Schreckens und des Grauens die den Besucher und die Besucherin begleiten. Im Mittelpunkt stehen Bilder von lachenden und glücklichen Kindern, Texte aus Tagebüchern und Poesiealben. Allen Kindern gemeinsam ist ihr Schicksal: Sie wurden über Westerbork in das Vernichtungslager Sobibór deportiert. Pünktlich an jeden Dienstag fuhr der Zug aus Westerbork ab. Spätestens am darauf folgenden Freitag waren alle Deportierten ermordet in den Gaskammern von Sobibór.

Die Ausstellung stellt auch die Rolle der Täter dar. Wer waren diese Menschen die bei Reichsbahn und Reichsverkehrsministerium die Züge in den Tod organisierten. Mit der Darstellung des Aufstands von Sobibór macht die Ausstellung Mut und stellt ein eher vernachlässigtes Kapitel dar.

Zahlreiche Unterstützer und Sponsoren für das Projekt in Dortmund gefunden

Der "Zug der Erinnerung" macht vom 10. bis 12. Juni 2013 auf dem Dortmunder Hauptbahnhof Station. Foto: Alex Völkel

Der „Zug der Erinnerung“ macht vom 10. bis 12. Juni 2013 auf dem Dortmunder Hauptbahnhof Station – vor dem Rathaus machten sie am Dienstag Werbung. Foto: Alex Völkel

Der Aufenthalt des Zuges der Erinnerung wird finanziell ermöglicht durch einen Trägerkeis aus 34 Organisationen und mit Mitteln aus dem Bundesprogramm „Toleranz fördern – Kompetenz stärken“. Das Dortmunder Bahnhofsmanagement unterstützt den Aufenthalt und wird Besucher/innen in geeigneter Weise auf den Zug der Erinnerung hinweisen. Der Jugendring Dortmund koordiniert und begleitet die Aktivitäten des Trägerkreises.

Die Gedenkfeier zu Eröffnung findet am 10. Juni ab 16 Uhr, statt. Die Dortmunder  verabschieden den Zug mit Botschaften der Erinnerung am 12. Juni gegen 12 Uhr. Jugendliche Botschafter/innen der Erinnerung begleiten Gruppen beim Besuch der Ausstellung und berichten von ihren Aktivitäten.

Der Besuch der Ausstellung ist kostenlos und jederzeit während der Öffnungszeiten möglich: Montag, 10.Juni und Dienstag, 11. Juni, jeweils von 8 bis 20 Uhr
, sowie Mittwoch, 12. Juni, 8 bis 13 Uhr

pdf: Das Gesamtprogramm

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