
Er ist seit knapp drei Jahrzehnten das markanteste Mahnmal für stockende Stadtentwicklung in der östlichen Innenstadt: der Kronenturm an der Märkischen Straße. Einst Herzstück der Kronen-Brauerei, steht er seit dem Ende des Brauereibetriebs leer – zu groß, um ignoriert zu werden, zu marode, um ihn einfach anzupacken. Ein Lost Place. Doch nun soll sich das ändern. Die LINIM-Gruppe plant den Umbau des gesamten Areals zu einem gemischten Stadtquartier mit rund 150 Wohnungen, Gastronomie, Läden und Büros. Und damit das nicht weitere Jahrzehnte dauert, greift die Stadtverwaltung zu einem neuen Instrument aus dem Baugesetzbuch: dem sogenannten „Bauturbo“. Die Entscheidung darüber fällt noch in diesem Monat.
Der Kronenturm soll komplett neu entstehen – als Wohnturm mit 19 Geschossen und Dachgarten
Was lange wie ein Wunschtraum klang, bekommt jetzt konkrete Konturen. Das Herzstück der Planung ist der Kronenturm selbst – und ausgerechnet hier ist der Eingriff am radikalsten. Denn entgegen früherer Hoffnungen lässt sich das Gebäude nicht einfach sanieren und umnutzen.

Untersuchungen der Bausubstanz haben ergeben, dass der Turm in seiner jetzigen Form nicht erhaltensfähig ist. Er muss vollständig zurückgebaut werden.
Allerdings soll er in gleicher Kubatur neu entstehen: als Wohnturm mit 19 Geschossen und Platz für 66 Wohnungen. Das architektonische Highlight wird ein nutzbarer Dachgarten, der von einer stilisierten Krone umrahmt wird – eine bewusste Referenz an die Brauereigeschichte des Ortes.
Stadtplanungsdezernent Stefan Szuggat erklärte nach der Sitzung des Verwaltungsvorstands: Die Konturen des Turms bleiben im Wesentlichen erhalten, er wird lediglich um etwa fünf Meter erhöht, um den Dachgarten unterzubringen.
Das Wenkers-Gebäude und das Sudhaus werden aufgestockt und teilweise neu gebaut

Auch die beiden historischen Backsteingebäude auf dem Areal – das Wenkersgebäude und das ehemalige Sudhaus – erfahren eine tiefgreifende Transformation. Ursprünglich war in der Projektentwicklung angestrebt worden, alle drei Bestandsgebäude vollständig zu erhalten.
Das hat sich als nicht realisierbar erwiesen. „Das Suthaus und das Wenkersgebäude können schon gar nicht mehr betreten werden“, so Szuggat. Die oberen Geschosse beider Häuser sind zu marode und werden abgetragen.

Vom Wenkersgebäude bleiben lediglich Untergeschoss, Erdgeschoss und erstes Obergeschoss erhalten. Darauf werden insgesamt sieben Vollgeschosse entstehen – eine Aufstockung um zwei Ebenen gegenüber dem alten Bestand. Das Sudhaus wird vollständig neu gebaut, nach Norden und Westen erweitert und künftig fünf Vollgeschosse haben.
Beide Gebäude fasst das beauftragte Büro RKW Architektur + als Einheit auf. Im Unter- und Erdgeschoss ist vor allem Gastronomie vorgesehen – und dabei soll das historische Kellergewölbe des Wenkersgebäudes als Restaurantlokal wiederbelebt werden. In den Obergeschossen entstehen insgesamt 39 Wohnungen, darunter auch Einheiten im Townhouse-Stil mit eigenem Eingang und Garten.
Zwei weitere Neubauten ergänzen das Quartier
Das Quartier Kronenburg wird nicht nur aus dem sanierten und neu errichteten Bestand bestehen. Direkt an der Märkischen Straße, unmittelbar südlich des Kronenturms, ist ein weiterer Neubau mit sieben Geschossen geplant, der mehrere Nutzungen kombiniert und Platz für 32 Wohnungen bietet.

Außerdem erhält das bestehende L-förmige Wohngebäude an der Kronenstraße, das ebenfalls der LINIM-Gruppe gehört, am östlichen Winkel einen Anbau mit acht weiteren Wohnungen. Damit verschwindet auch die bisher ungestaltete Brandwand und erhält eine gestaltete Fassade.
Insgesamt ergibt sich eine Wohnungsanzahl von rund 150 Einheiten, verteilt auf vier Gebäude statt der ursprünglich geplanten drei. Zur Märkischen Straße hin entsteht ein gestalteter Vorplatz, im rückwärtigen Bereich sind zwei begrünte Innenhöfe vorgesehen. Die neue Tiefgarage wird an die bereits bestehenden zwei Tiefgaragen angeschlossen und teilt sich eine gemeinsame Ein- und Ausfahrt an der Kronenstraße.
Der Bebauungsplan aus dem Jahr 2001 sah kein Wohnen vor – daher nun der „Bauturbo“
Hier liegt eine der zentralen Herausforderungen des Projekts: Der geltende Bebauungsplan für das Areal stammt aus dem Jahr 2001 und setzte ein Mischgebiet ohne Wohnen fest. Damals waren publikumswirksame Nutzungen wie Freizeiteinrichtungen, Läden, kulturelle Angebote und ein großzügiger öffentlicher Stadtplatz vor dem Kronenturm vorgesehen. Wohnen spielte in dieser Konzeption keine Rolle.

Um die rund 150 Wohnungen genehmigen zu können, greift die Stadtverwaltung nun auf die sogenannte Abweichungsregelung des neuen „Bauturbos“ im Baugesetzbuch zurück. Dieses Instrument ermöglicht es, Wohnungsbauprojekte auch dann zu genehmigen, wenn sie von bestehenden Bebauungsplänen abweichen – ohne das aufwändige reguläre Planänderungsverfahren durchlaufen zu müssen.
„Damit ersparen wir uns die vormals angedachte Änderung des Planungsrechtes, die uns ungefähr zwei Jahre Zeit gebraucht hätte mit drei verschiedenen Beschlusslagen im Rat“, erläuterte Szuggat. Die Verwaltung hat bereits intensive Vorarbeiten geleistet, darunter auch eine Prüfung möglicher Umweltauswirkungen.
Entscheidung fällt noch im Juni – erste Arbeiten könnten 2027 beginnen
Die politische Entscheidung steht unmittelbar bevor: Am 16. Juni befasst sich die Bezirksvertretung Innenstadt-Ost mit dem Projekt, am 24. Juni folgt der Ausschuss für Klimaschutz, Umwelt, Stadtgestaltung und Wohnen. Wenn die Ratspolitik grünes Licht gibt, wird die Verwaltung die vorliegende Bauvoranfrage positiv bescheiden. Parallel dazu soll ein städtebaulicher Vertrag mit dem Investor geschlossen werden, der die Qualitäten und Grundzüge des Projekts verbindlich festhält.
Beim Zeitplan gibt sich Dezernent Szuggat vorsichtig optimistisch: Er rechnet damit, dass bis Ende 2026 der Bauantrag eingereicht wird – und dass dann 2027 mit den ersten Sanierungs- und Entkernungsmaßnahmen innerhalb des Kronenturms begonnen werden kann.
Einen konkreten Fertigstellungstermin nannte er nicht, auch das Investitionsvolumen sei vom Investor bislang nicht beziffert worden.
Mietwohnungen statt Eigentum – über den Anteil geförderter Wohnungen wird noch verhandelt
Immerhin so viel ist bereits klar: Es sollen ausschließlich Mietwohnungen entstehen, keine Eigentumswohnungen. Über die Quote des geförderten Wohnungsbaus laufen noch Verhandlungen. Die Stadt verfolgt dabei den Grundsatz, bei adäquaten Vorhaben die 30-Prozent-Regel anzuwenden – also wie bei regulären Bebauungsplanverfahren.
Allerdings macht Szuggat deutlich, dass die tatsächliche Umsetzung von der Verfügbarkeit von Landesfördermitteln abhängt: „Ob das im Jahr 2027 dann vollständig in voller Höhe auch bedient werden kann mit Förderbescheiden, können wir glaube ich alle im Moment nicht sagen.“
Das Projekt steht damit exemplarisch für die Spannungsfelder des Wohnungsbaus in Dortmund: einerseits der politische Wille, historische Industriebrachen zu aktivieren und dringend benötigten Wohnraum zu schaffen; andererseits die Abhängigkeit von Förderprogrammen, Baurecht und einem Investor, der die Zielsetzungen tatsächlich mitträgt. Ob der „Bauturbo“ hier tatsächlich die erhoffte Beschleunigung bringt, wird sich zeigen – die nächsten Wochen geben zumindest eine erste Antwort.
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