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Kronen-Turm soll zentraler Standort für das historische Gedächtnis der Stadt werden – Machbarkeitsstudie geplant

Kronen-Turm mit Wenker-Bereich (l.): die Stadt Dortmund plant eine Radikalverjüngung. Fotos: Alexander Völkel

Gegenwärtig eher wie ein hässliches Entlein in Übergröße erscheinend, ragt der Kronen-Turm auf dem ehemaligen Gelände der 1996 als Familienunternehmen aufgelösten Dortmunder Traditionsbrauerei am Rande der südlichen Innenstadt in den Himmel. Gleichzeitig sucht das kommunale Stadtarchiv händeringend zureichende Räumlichkeiten, um den eigenen Bestand zentral zu sichern und seinem Bildungsauftrag gerecht zu werden. Der Verwaltungsvorstand der Stadt hat nun die Idee, die beiden misslichen Lagen zu einer guten Lösung zu vereinen. Ob das funktioniert, soll eine Machbarkeitsstudie zeigen.

Verwaistes Turmgebäude der ehemaligen Dortmunder Kronen-Brauerei im Fokus städtischer Interessen

Erweiterter Innenstadtbereich, Dortmund: Die kleine Gesellschaft findet sich im Foyer des Verwaltungsgebäudes der früheren Kronen-Brauerei an der Märkischen Straße ein. Was die Idee hinter diesem Pressetermin im Schatten des seit langem verwaisten Turmgebäudes der einst weit über die Stadtgrenzen hinaus bekannten Bierhersteller sei, das würde über die Zusammensetzung des Treffens wohl ziemlich klar, meint OB Ullrich Sierau in einer kurzen Ansprache.

Beate Puplick und Dr. Alexander Puplick: der Platz vor dem Kronen-Turm von 1965 als Vorbild

In Person sind das nebst seiner selbst: aus der kommunalen Verwaltung Thomas Ellerkamp, Leiter des Fachbereichs Liegenschaften, und Dr. Stefan Mühlhofer, Chef des Stadtarchivs, sowie die Gesellschafter der Kronenturm GbR – deren Eigentum die Reliquie aus den Zeiten von Bier, Kohle und Stahl darstellt: die JuristInnen Dr. Alexander Puplick und Beate Puplick.

Von 1729 bis 1996 in Familienbesitz, lag hier einst das Aktionszentrum der ältesten und zugleich größten Privatbrauerei Deutschlands, die seinerzeit den Ruf Dortmunds als „die Bierstadt“ maßgeblich mitprägte.

Lang ist’s her: unter Beibehaltung der Markennamen wurde das Unternehmen vor gut 20 Jahren – zusammen mit den vier bzw. neun Jahren zuvor akquirierten Stifts- und Thier-Brauereien – an die Dortmunder Actien-Brauerei (DAB) verkauft (die ihrerseits 2002 übrigens von der Frankfurter Radeberger Gruppe geschluckt und damit Teil des Oetker-Imperiums wurde).

Aktuell: Streuung verschiedener Aufgabenbereiche des Stadtarchivs auf drei voneinander getrennte Standorte

Was haben die Anwesenden in dieser industriehistorisch bedeutsamen Umgebung nun also vor? Der Leiter des Stadtarchivs, Dr. Stefan Mühlhofer, erläutert die Ausgangslage aus der Sicht seines Verantwortungsbereichs: einerseits sei das umfangreiche städtische Archiv eben angemessen zu sichern.

(v.l.:) Stefan Mühlofer und Thomas Ellerkamp

Klar: immerhin handelt es sich hier um jene Institution, die das verschriftlichte, bebilderte oder sonst wie repräsentierte kulturelle Erbe Dortmunds behütet. Dies impliziert in einer demokratischen Gesellschaft selbstverständlich auch einen Bildungsauftrag: die Stadtgeschichte solle in die Bevölkerung transportiert werden, formuliert der promovierte Historiker.

Das Problem, andererseits: Bestände und Fazilitäten des Archivs verteilten sich gegenwärtig über drei Lokalitäten in der Stadt. Diese Lage sei daher eher als „Provisorium“, als „Zwischenlösung“ anzusehen, keinesfalls als dauerhafter Zustand, diagnostiziert der ehemalige Stipendiat der Gerda Henkel Stiftung und seit 2015 stellvertretende Geschäftsführer der Kulturbetriebe Dortmund.

Suche nach zentraler Lösung für städtische Archivbestände von Dauer am Kronen-Turm erfolgreich

In der Tat: Während sich jeweils Magazinflächen in den beiden angemieteten Gebäuden – dem kleineren an der Löwenstraße und der Zentrale des Stadtarchivs mit Lesesaal und Büros an der Märkischen Straße – befinden, sind Restaurierungswerkstatt, Zwischenarchiv und weitere Archivalien wie Karten und Pläne im stadteigenen Gebäude an der Küpferstraße untergebracht.

AkteurInnen (v. vorne:) Dr. Alexander Puplick, OB Ullrich Sierau, Beate Puplick, Dr. Stefan Mühlhofer und Thomas Ellerkamp

Die Nachteile dieser unbefriedigenden Situation liegen auf der Hand: eine dergestaltige Unterbringung von Archivalien ist personalintensiv, unwirtschaftlich und wegen der logistisch erforderlichen Transporte unter Inkaufnahme von Witterung und anderen Unwägsamkeiten risikobehaftet. Hinzukommt, dass sich die verfügbaren Lagerkapazitäten an den erwähnten Standorten faktisch auf ihre Stauraumgrenzen zubewegen. Das bedeutet: Abhilfe tut not.

Aus diesem Grund wurde die Stadtverwaltung seitens des Stadtrates vor einiger Zeit damit beauftragt, Möglichkeiten zu eruieren, die vorhandenen Bestände an einem zentralen Standort im Innenstadtbereich zusammenzuführen.

Und – et voilà: das Zwischenergebnis liegt nun vor. Was die Erkundigungen ergeben haben, erläutern die Beteiligten der Öffentlichkeit naheliegenderweise in der damaligen Kronen-Brauereiverwaltung und in Tuchfühlung zu jenem Ort, auf den ihre Vorwahl gefallen ist.

Archivbestände im Turm: nach Romanvorlage kein Problem, solange es nicht wirklich brennt

Wäre es kein baulicher Gegenstand, den es vernünftig zu nutzen gälte, könnte mit der Entscheidung für das ehemalige Sudhaus an der Märkischen Straße symbolisch von einer Art Verlobung die Rede sein, in deren Folge nun geschaut werden soll, ob die gegebene Einlassung Bestand haben kann. Seit nunmehr 20 Jahren bestünde die Herausforderung, den 1965 fertiggestellten Kronen-Turm vernünftig zu nutzen; eine ganze Reihe von Vorschlägen habe es bis heute gegeben, zählt OB Ullrich Sierau einige der vergangenen, aber seither gescheiterten Avancen auf.

Mit Begeisterung beim Thema: Ullrich Sierau

Jetzt macht die Kommunalverwaltung ernst und nimmt das Heft selbst in die Hand: „Im Namen der Rose“ – in dem Film, da hätte es im Archivturm gebrannt, schlägt Sierau einen Bogen zu den potentiellen Ehebedingungen, welche die einsam-verstreuten Archivalien der Stadt zu erwarten haben könnten. Ein lockerer Zusammenhang, sicher, auch ambivalent, Kino als Heuristik, aber wenigstens eine Idee: Turm und Archiv, das kann gehen. Und gegen die Entstehung von Feuerschäden gibt es moderne Techniken.

Neben solch freundlichem Eingangsgeplänkel qua metaphorischer Näherungsrhetorik hat der Oberbürgermeister allerdings noch andere, handfestere Argumente für die Bierturmwahl zu bieten. Das weitreichendste ist sicherlich: angesichts steigender Einwohnerzahlen in Dortmund – sie gingen auf die 603.000 zu – müsse die Infrastruktur der Stadt einer Revision unterzogen werden, so Sierau.

Stadtentwicklung muss neuen Anforderungen an Infrastruktur durch steigende Einwohnerzahlen genügen

In dieser Perspektive transzendiert die Kommune mit ihrer Vorentscheidung für das ehemalige Gelände der Kronen-Brauerei nach zweckrationalen Maßstäben faktisch den begrenzten, durch die als Ad-hoc-Bedürfnislage der Dortmunder ArchivarInnen angezeigten Handlungshorizont und bringt weiterreichende, strategische Perspektiven der Stadtentwicklung in das Planvorhaben mit ein.

Dieses Motiv war insofern schon bei der konkreten Objektwahl relevant, als die vorhandenen Baubestände des vormaligen Kronen-Areals die Größe der vom Stadtarchiv augenblicklich benötigten Nutzflächen um gut 50 Prozent übersteigen werden. Gegenüber ungefähr 11.000 Quadratmetern, die jetzt an den drei Standorten des Stadtarchivs benötigt würden, stünden auf dem alten Kronen-Gelände brutto an die 17.000 Quadratmeter zur Verfügung, erläutert Stefan Mühlhofer.

Mit anderen Worten: die zunächst frei bleibenden Kapazitäten in den ehemaligen Kronen-Immobilien könnten anderweitig, beispielsweise zur Bürovermietung genutzt werden. Die spezifische Belegungsweise aber zeitigt definitiv korrelierende Auswirkungen auf das soziale Umfeld am Standort; ebenso, wie die Dauer von Fremdnutzungen eine Rolle spielen dürfte, aber nicht eindeutig bestimmbar ist.

Denn bislang sind Richtung wie Ausmaß zukünftiger Veränderungen beim mittel- bis langfristigen Flächenbedarf eines vereinten Dortmunder Stadtarchivs nicht wirklich klar: Einerseits ist hier perspektivisch von etwa 16.000 Quadratmetern die Rede, andererseits figurieren solche Werte ersichtlich relativ zu Entscheidungen darüber, welche und wie viele der vorhandenen materiellen Archivbestände durch neue Möglichkeiten ihrer Digitalisierung verkleinert werden können oder sollen.

Ergebnisse der Machbarkeitsstudie sollen in einem Jahr zum Vergleich mit anderen Optionen vorliegen

Zum Baubestand auf dem Gelände unweit der B1 gehört neben dem 62 Meter hohen Kronen-Turm unter anderem der Richtung stadtauswärts hinter ihm, entlang der Markischen Straße gelegene Wenker-Bereich. Geplant ist eine städtische Übernahme des Grundstücks bzw. des darauf befindlichen Immobilienbestands im Einvernehmen mit dem Eigentümer; entsprechende Vorgespräche seien positiv gewesen, heißt es.

Mit der Machbarkeitsstudie sollen verschiedene, qualitative Optionen (Arten der Nutzung, Umfeldgestaltung, Modernisierungstypen usf.) aus einer Stadtentwicklungsperspektive beschrieben werden. Ihre veranschlagten Kosten belaufen sich voraussichtlich auf 200.000 Euro; innert eines Jahres werden die Ergebnisse erwartet. Das Resultat der zwischenzeitlich geplanten Zielverhandlungen mit den Eigentümern wird Aufschluss über die Höhe der Aufwendungen für eine Übernahme des Grundstücks rund um die vormalige Kronen-Brauerei geben.

Dann soll verglichen werden: die Gesamtkosten bei Realisierung des Projekts in der jetzt angestrebten Form gegenüber einer weiteren Mietlösung und der Option „grüne Wiese“, das heißt: Kosten für den Neubau eines Archivs mit Büroflächen, Vortragsräumen und Präsenzbeständen. Nach Schätzungen der Stadt müsste der Kämmerer in diesem Fall ca. 30 Millionen Euro locker machen.

Im Kronen-Turm vergegenständlichte Geschichte soll endlich wieder lebendig werden

Wenn im nächsten Jahr plangemäß um diese Zeit vergleichbare Zahlen vorliegen sollten, wird der Stadtrat das letzte Wort haben. Geschätzt, könnte das Projekt 2023 abgeschlossen werden. Natürlich müsse das Vorhaben wirtschaftlich darstellbar sein, so Thomas Ellerkamp, Leiter des Fachbereichs Liegenschaften der Stadt Dortmund. Und ist optimistisch: Die Stadt ginge gegenwärtig nicht davon aus, dass die in der Studie aufgestellten Kosten jene überstiegen, die woanders auf einer grünen Wiese entstünden, da beim präferierten Vorhaben eigentlich nur ein gründlicher Innenausbau der angeschlagenen Gebäude zur Debatte stünde.

Hier soll sich absehbar etwas ändern

OB Sierau ist gleichfalls guten Mutes: bisher sei jedenfalls noch kein Haken an der Sache gefunden worden, gibt er zu Protokoll. Und bei dieser Gelegenheit mit Nachdruck: er wolle jetzt nicht nur eine Ansage machen, sondern am Ende des Tages auch Erfolg vermelden können.

Schließlich habe es der jetzt ausgewählte Standort von seiner Größe wie Potentialität her in sich: ein „Leuchtturm“ der Stadt, mit unglaublichen statischen Voraussetzungen, durch die nicht nur die Punktbelastungen von Archivregalen getragen werden könnten.

Denn es ginge ja nicht um Archivstaub, sondern darum, diesen Turm, der schon Geschichte sei, ein immenses Narrativ in sich trüge, in eine neue Nutzung zu bringen – dadurch diese Geschichte am Ort selbst wieder lebendig zu machen, wie dies schon am Dortmunder U geschehen sei: heute ein Zentrum für Kultur, Wissenschaft, Bildung etc.

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