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Wie fühlt sich das eigentlich an? „Bewusstseinsbildung“ zum Thema „Behinderung“ im Rathaus Dortmund

TeilnehmerInnen probieren sich mit einem geübten Rollstuhlfahrer und befahren die „Hürden“ der Stadt.

Von Laura Sommer

Im Dortmunder Rathaus konnten Menschen mit und ohne Behinderung einen aktionsreichen Nachmittag rund um das Thema „Behinderung“ erleben. Martina Siehoff, Inklusionsbeauftragte der Linkspartei in Nordrhein-Westfalen, lud zusammen mit dem Behindertenpolitischen Netzwerk und der Fraktion „Die Linke und Piraten“alle Interessierten und Betroffenen ein.

Artikel 8 UN-Behindertenrechtskonvention – Verpflichtung von Bewusstseinsbildung

Diese Teilnehmerin erfährt mit einem selbst gemachten Simulationsanzug, wie es sich anfühlen könnte, körperlich eingeschränkt zu sein.

Wenn man an Behinderungen denkt, denken die meisten an RollstuhlfahrerInnen oder blinde Menschen – dabei gibt es weitaus mehr Einschränkungen, die man nicht unbedingt an Äußerlichkeiten erkennen kann. Zusammen mit dem Behinderten-Politischen Netzwerk ermöglichte die Fraktion „Die Linke und Piraten“ einen Informations-Nachmittag rund um das Thema Behinderung.

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Die Absicht dieser Veranstaltung war, Menschen mit oder ohne Behinderung in eine andere Lage zu versetzen und somit eine „Bewusstseinsbildung“ zu schaffen. So nennt es die UN-Behindertenrechtskonvention. Laut Artikel 8 der UN-Behindertenrechtskonvention sind alle Vertragsstaaten zur sofortigen, wirksamen und geeigneten Maßnahmen der Bewusstseinsbildung verpflichtet.

Ziel ist es, in der Gesellschaft das Bewusstsein für Menschen mit Behinderungen zu schärfen und die Achtung ihrer Rechte und ihrer Würde zu fördern. Die Maßnahmen sollen dazu beitragen, dass Klischees, Vorurteile und schädliche Praktiken gegenüber Menschen mit Behinderungen, auch aufgrund des Geschlechts oder des Alters, in allen Lebensbereichen bekämpft werden und dass das Bewusstsein für die Fähigkeiten und den Beitrag von Menschen mit Behinderungen gefördert wird.

Simulation verschiedener Behinderungen, Alterserscheinungen und Sinnes-Belastungen

Ein Simulationsanzug wird bei einem Teilnehmer hergerichtet.

Zu dem wird der Artikel 8 unter Absatz zwei mit zutreffenden Maßnahmen konkretisiert: durch die dauerhafte Durchführung wirksamer Öffentlichkeits-Kampagnen, die Förderung einer respektvollen Einstellung auf allen Ebenen des Bildungs-Systems und die Förderung von Schulprogrammen zur Schärfung des Bewusstseins für Menschen mit Behinderungen und für deren Rechte.

Somit ermöglichte das Behindertenpolitische Netzwerk und die Fraktion „Die Linke und Piraten“,  gesunden Menschen eine Simulation verschiedener Einschränkungen. Einmal ein paar Minuten als behinderter Mensch erleben – in dem man sich beispielsweise in einen Rollstuhl setzte und versuchte, die Unwägbarkeiten des Alltags aus rollender Perspektive zu bewältigen.

Aber nicht nur die Perspektive aus einem Rollstuhl heraus  wurde simuliert – auch der Alltag von gehbehinderten, hochbetagten, erblindeten oder Menschen mit psychischen Einschränkungen, wie mit einer Psychose, wurde nachgeahmt. Ein Kurzfilm zum Thema Psychose, sollte die Schwierigkeiten im Alltag darstellen, die Menschen mit einer Psychose haben.

Kurzfilm zum Thema Psychose: „Psychose Box – wie der Alltag v e r r ü c k t wird“

Wer über das Thema „Behinderung“ nachdenkt, assoziiert damit meistens Menschen, die nicht mehr sehen oder laufen können – Dabei ist das Spektrum an Einschränkungen weitaus größer – Ein Kurzfilm machte auf die Einschränkungen im Alltag von Menschen mit Psychosen aufmerksam. „Psychose Box – wie der Alltag v e r r ü c k t wird“ war Aufhänger des Nachmittags beziehungsweise Abends.

Oftmals wird eine Psychose mit Stimmen im Kopf begleitet – es ist schwer zu unterscheiden was real ist und was nicht

Die meisten Menschen haben eine geringe Aufmerksamkeit für Personen mit solchen Problematiken. Oftmals denken sie sich nur: „Oh, was ist denn mit dieser Person falsch“, weil atypische Bewegungen gemacht werden, oder jemand mit sich selbst spricht.

Dabei ist es oftmals die fehlende Aufmerksamkeit und das fehlende Verständnis, was diese Menschen in noch ungemütlichere Alltagssituationen bringt. „Man muss nicht im Rollstuhl sitzen, um behindert zu sein – eine Psychose ist auch eine Einschränkung bzw. Behinderung“, entgegnete eine/r der TeilnehmerInnen in einer abschließenden Diskussion.

Aber wie kann man einer Gesellschaft eine Behinderung beibringen, die man gar nicht „ sehen“ kann? Es müsste weiterhin öffentliche Aufklärungsarbeit und Bewusstseinsbildung in allen Ebenen stattfinden. Ob an Schulen, bei ArbeitgeberInnen und/oder bei Workshops – es wäre wichtig zu wissen wie es sich eigentlich anfühlt, wenn man eingeschränkt ist, damit die eigene Sensibilität gestärkt wird.

Kreativer Selbstversuch – Wie fühlt sich das eigentlich an?

Kopfsteinpflaster vor dem Rathaus auf dem Friedensplatz – mit einem Rollstuhl nicht schwer zu befahren und kostet viel Kraft und Übung. Foto: Karsten Wickern

TeilnehmerInnen wurden in zwei Gruppen aufgeteilt um sich in verschiedenen Rollen einzufühlen. Mit einem selbstgemachten Simulationsanzug wurden verschiedene Alterserscheinungen und Behinderungen nachgeahmt. Gewichte für beide Arme und Beine, eine Brille für die Simulation von Erblindung, Handschuhe um den Tastsinn zu trüben und Ohrenstöpsel um das Gehör zu beeinträchtigen.

Mit voller Montur durften TeilnehmerInnen Selbsterfahrungen machen, in dem sie einen Weg von ein paar Metern inklusive Treppen zurücklegten. Sie sind in einem geschützten Rahmen gewesen und erhielten Unterstützung: Vielen wurde sofort bewusst, wie schwer ein alltägliches Leben, mit solchen Einschränkungen, sein kann – vor allem wenn man alleine ist.

Die andere Gruppe machte sich mit Rollstühlen vom Rathaus bis zum Alten Markt auf. Zunächst sollten „einfache“ Hürden getestet werden. Das Rathaus ist umgeben von Kopfsteinpflaster und vielen leichten Schrägen, was das Rollstuhlfahren enorm erschwert. Vor allem als ungeübte(r) FahrerIn hat man extrem mit dem unebenen Boden und den Schrägen zu kämpfen.

Selbstversuch Rollstuhlfahren – TeilnehmerInnen suchten öffentliches Behinderten-WC

Teilhabe an Stadtfesten - für Menschen mit Behinderungen keine Selbstverständlichkeit.

Teilhabe an Stadtfesten – für Menschen mit Behinderungen keine Selbstverständlichkeit.

Die nächste Selbsterfahrung sollte die Suche nach einer öffentlichen Behindertentoilette sein – davon gibt es 15 in Dortmund – oftmals „Außer Betrieb“. Das Schild „Außer Betrieb“ beinhaltete außerdem eine Service-Nummer, um den Schaden zu melden.

Bei einem Selbstversuch rief die Inklusionsbeauftragte der Links-Partei, Martina Siehoff dort an um zu erfahren, wann die Toilette wieder in Betrieb sei und wo die nächste öffentliche Toilette ist. Leider ist die Service-Nummer deutschlandweit und die Person am Telefon konnte nur schwerlich Auskünfte über Dortmund geben.

Auch bei verschiedenen GastronomInnen am alten Markt sind die TeilnehmerInnen nur teilweise fündig geworden: mit einen Lastenaufzug in Richtung Keller zu einer Toilette oder gar keine Möglichkeit eine zu besuchen. Einmal ein paar Minuten als behinderter Mensch leben – Wie fühlt sich das eigentlich an? Es ergaben sich viele interessante Gespräche und hoffentlich bewusstseinsbildene Erfahrungen für alle TeilnehmerInnen.

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