Nordstadtblogger

Wenn die große Liebe zum Verhängnis wird: Online-Beratungsstelle für minderjährige Mädchen in der Prostitution

Laura Rudolf (l.) und Hanna Biskoping informierten über das Online-Beratungsangebot der Dortmunder Mitternachtsmission für Minderjährige in der Prostitution. Fotos (2): Marius Schwarze

Von Marius Schwarze

Der Bereich Kinder- und Jugendprostitution der Mitternachtsmission Dortmund stellt ein neues Onlineportal vor, durch das Kinder und Jugendliche, die zur Prostitution gezwungen oder aufgrund einer ökonomisch schwierigen Lebenslage, eine Beschaffungsprostitution begonnen haben, einen Weg finden können, aus diesem Milieu auszusteigen. 

„Loverboys“: Kalkuliert werden Mädchen in Abhängigkeitsverhältnisse gedrängt

Hanna Biskoping und Laura Rudolf sind neben Andrea Hitzke die leitenden Sozialarbeiterinnen und haben sich auf das Thema Prostitution und Menschenhandel fokussiert. Rund 1.000 Frauen begleitet die Mitternachtsmission jährlich, darunter befinden sich zwischen 90 und 110 Minderjährige/junge Heranwachsende.* ___STEADY_PAYWALL___

„Die Lebensrealität der Jungs und Mädchen ist nunmal das Internet, und genau da wollen wir andocken“, antwortet Hanna Biskoping auf die Frage, warum mittlerweile Onlinedienste angeboten werden.Viele junge Frauen rutschen unbewusst in die Prostitution, sie werden manipuliert, in Abhängigkeitsverhältnisse gezwungen und fremdbestimmt.

Es ist oft ein Prozess der schleichend beginnt und am Ende ein trauriges Schicksal nach sich zieht. Ein Beispiel für diese Art der Einflussnahme auf die jungen Frauen sind die sogenannten „Loverboys“. „Ihr Vorgehen ist entsetzlich und kalkuliert“, beschreibt Hanna Biskoping die Herangehensweise dieser Männer.

Wenn die große Liebe für junge Frauen und Mädchen zum Verhängnis wird

Auf Schulhöfen, in Bars oder beliebten Treffpunkten für junge Frauen und Mädchen, schnappen sie sich ihre Opfer. Alleine im letzten Jahr sind unter den 1.000 gemeldeten begleiteten Frauen, die in der Prostitution sind, zwischen 90 und 110 Minderjährige/junge Heranwachsende, die beraten und betreut wurden.*

„Die Loverboys ziehen eine Masche durch und wickeln die jungen Frauen und Mädchen Stück für Stück ein, bis sie vom Freundeskreis und letztlich der Familie isoliert sind“, sagt Hanna Biskoping. Die Masche läuft meist sehr ähnlich ab. 

Die Mädchen werden direkt angesprochen, sie werden zum Essen eingeladen, es werden schöne Stunden miteinander verbracht. Dies häuft sich, bis die Mädchen sich in den meisten Fällen auch verlieben, denn zumeist sind die Mädchen und jungen Frauen in etwa zwischen 14 und 15 Jahren alt.

Eigentlich beginnt das alles wie eine große Liebesgeschichte, endet für die Mädchen aber in einer Situation aus der sie selten aus eigener Kraft entfliehen können. Nach mehreren Treffen, bekommen die Mädchen dann Geschenke, haben Geschlechtsverkehr mit dem Mann, der ihnen eine echte Wertschätzung vorgaukelt.

Entstehung von emotionalen und ökonomischen Abhängigkeiten

Nachdem die „Loverboys“ es geschafft haben, ein Mädchen vollends an sich zu binden, sodass ihre eigenen Freunde immer wieder versetzt werden und auch die eigene Familie als störender Faktor in der Liebesbeziehung angesehen wird, offenbart sich allmählich die wahre Absicht der falschen Liebhaber. Zunächst ist es ein schleichender langsamer Prozess. 

„Es beginnt meist damit, dass der Mann bei einem guten Freund oder Bekannten Schulden hat, und dieser das Mädchen auch attraktiv findet. Wenn er nun also mit ihr schlafen könnte, wären die Schulden vergessen“, erklärt Hanna Biskoping das weitere Vorgehen. 

„Fortlaufend wird dem Mädchen zu verstehen gegeben, dass sie für die gemeinsame Zukunft auch etwas tun muss“, schildert Biskoping weiter. Während das Mädchen verliebt ist und alles für ihren „Loverboy“ macht, nutzt dieser die entstandene Abhängigkeit aus. Meist haben die Mädchen zu diesem Zeitpunkt kaum noch Kontakt zu Freunden, und schämen sich auch, offen darüber zu sprechen, dass sie sich prostituieren. 

Durch Onlineberatung die Hürden für die jungen Frauen so gering wie möglich halten

Mitternachtsmission

Die Informationsangebote der Mitternachtsmission gibt es auf deutsch und zehn weiteren Sprachen. Foto: Alex Völkel

Sie sind in einem Teufelskreis gefangen, aus dem die wenigsten Frauen aus eigener Kraft wieder herauskommen, und genau hier setzt das Angebot der Mitternachtsmission an. Die meisten der Klientinnen und Klienten werden direkt aus dem Milieu, auf den Straßen angesprochen. Sinn ist es diesen Frauen eine emotionale Stütze zu bieten, mit dem Ziel sie aus dieser Lebenslage herauszuholen, ihnen Perspektiven aufzeigen für die eigene Zukunft und diese dann in Zusammenarbeit mit Ausbildungsstellen anzugehen.

Die Onlineberatung verfolgt das Ziel, Mädchen und jungen Frauen einen Raum zu schaffen, in dem sie sich öffnen können, Vertrauen gewinnen, und gemeinsam mit den Sozialarbeiterinnen an einer Lösung, und vor allem dem Ausstieg arbeiten. „Wir wollen die Hürden so gering wie möglich halten“, sagt Laura Rudolf. 

Die Lebensrealität der jungen Frauen, Mädchen und auch Jungs, ist heutzutage das Internet. „Genau hier wollen wir andocken, weil die Lebensrealität eben vor allem in den sozialen Netzwerken stattfindet“, erklärt Hanna Biskoping den Schritt zu einer Onlineberatung. Im Gespräch mit Hanna Biskoping und Laura Rudolf wird schnell klar, dass dieses Modell, der Arbeit mit jungen Frauen und Mädchen, erfolgreich zu sein scheint. 

Anonymität hilft den jungen Frauen, die eigene Scham zu überwinden

Der Vorteil der Onlineberatung sei es, dass hier auf die Mitternachtsmission zugegangen wird, aus freien Stücken. Es läuft bislang über Chatportale ab, die Frauen können anonym eine Nachricht schreiben, und bekommen die Möglichkeit ihr Problem offenzulegen. 

„Es ist ein anonymer Chat, ohne Foto und anfangs ohne Namen, das gibt den jungen Frauen nochmal mehr Sicherheit“, sagt Laura Rudolf. Verwunderlich scheint es nicht, dass es leichter fällt in Chats alles einmal loszuwerden und offen darüber zu schreiben. „Es hat ja auch viel mit Scham zu tun. Es ist etwas ganz anderes, wenn jemand vor mir sitzt und dem erzähle ich, dass ich Prostituierte bin oder wenn ich das alles einmal runterschreiben kann“, erklärt Hanna Biskoping. 

Zunächst werden sehr schnell Vertrauensebenen geschaffen und durch extra Schulungen Methoden entwickelt, damit der Chat und der Kontakt nicht wieder abbricht. „Doch funktioniert das natürlich nicht auf Anhieb. Unser Ziel ist klar der Ausstieg aber meistens haben die jungen Frauen und Mädchen ganz andere Probleme im Kopf“, so Hanna Biskoping weiter. Aus diesem Grund kann eine Begleitung von diesen Mädchen und jungen Frauen bis zu fünf Jahren andauern. 

Regelmäßige Workshops, damit jeder seine Augen offen hält 

Klar ist aber, dass die Mitternachtsmission, durch ihre Onlineberatung mehr junge Frauen, Mädchen und zum Teil auch Männer erreichen will, die sich in einer ähnlichen Situation befinden. Schon seit ein paar Jahren haben die Sozialarbeiterinnen von der Mitternachtsmission regelmäßige Workshops an Schulen veranstaltet, damit vor allem auf die Maschen der sogenannten „Loverboys“ aufmerksam gemacht werden kann. 

Die Onlineberatung ist besonders in der aktuellen Pandemie eine gute Stütze für viele Frauen, den Kontakt aufrechtzuerhalten und für die Mitternachtsmission, die Gelegenheit auf sich aufmerksam zu machen. Abschließend erklärt Andrea Hitzke, welche Relevanz dieses Thema für die Gesellschaft mit sich bringt.

„Es ist aber vor allem wichtig, und das ist auch unser Ziel, wenn wir Workshops anbieten, dass mehr Menschen, Jugendliche aber auch Eltern, darauf aufmerksam werden, dass es überall passieren und jedes Mädchen treffen kann. Nicht nur wir von der Mitternachtsmission, sondern ein jeder sollte die Augen offen halten, und hat bei Verdacht über die Onlineberatung eben auch die Möglichkeit Verdachtsfälle zu äußern“.

____________________

*In einer älteren Version dieses Beitrages war von 400 Minderjährigen die Rede. Auf Hinweis der Mitternachtsmission haben wir die Angabe entsprechend korrigiert.

Unterstütze uns auf Steady
Weitere Informationen:

 

Mehr zum Thema bei nordstadtblogger.de:

„Liebe macht süchtig…“: Projekt der Gutenberg-Realschule in Dortmund befasst sich mit „Loverboys“ und Prostitution

Prostitutionsverbot in der Corona-Pandemie: Die CDU sieht die Erfolge des „Dortmunder Modells“ in Gefahr

Lockerungen? Fehlanzeige! – Das Berufsverbot für Sexarbeiterinnen bleibt auch nach dem 15. Juni bestehen

Keine Opfer, kein Zwang: Sexarbeiterinnen wehren sich gegen Vorurteile – Prostitutionsgegner blieben Gesprächsrunde fern

Tote Hose in der Linienstraße: Kontaktverbot macht Prostituierte arbeitslos – die Mitternachtsmission hilft

Oberverwaltungsgericht Münster bestätigt Verbot der Straßenprostitution im gesamten Dortmunder Stadtgebiet

„Alles Nutten, oder was?“ – Ehemaliger Chef der „Sitte“ diskutiert in Petri-Kirche über die Situation von Prostituierten

SPD-Besuch in der Linienstraße: Rotlichtmilieu der Nordstadt gilt als Vorzeigemodell für den Umgang mit Prostitution

Prostitution: Mitglieder der Dortmunder Frauenverbände blickten hinter die Kulissen eines Sex-Clubs am Phoenixsee

Die Prostituierten setzen Zeichen: „Zwangsprostitution, Menschenhandel, Kinderprostitution – Nein Danke!“

Prostitution in Dortmund: Grüne wollen neues Gesetz und zusätzliche Hilfsmaßnahmen diskutieren

Einblicke in das Leben im Bordell – Ausstellung „Menschen in der Linienstraße“ eröffnet am Samstag in der Petri-Kirche

Kontroverse Diskussion um das Thema Prostitution: Ist das „Nordische Modell“ Segen oder Fluch für die Frauen im Milieu?

 

Print Friendly, PDF & Email

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

Durch die weitere Nutzung der Seite stimmst du der Verwendung von Cookies zu. Weitere Infos

Die Cookie-Einstellungen auf dieser Website sind auf "Cookies zulassen" eingestellt, um das beste Surferlebnis zu ermöglichen. Wenn du diese Website ohne Änderung der Cookie-Einstellungen verwendest oder auf "Akzeptieren" klickst, erklärst du sich damit einverstanden.

Schließen