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Kontroverse Diskussion um das Thema Prostitution: Ist das „Nordische Modell“ Segen oder Fluch für die Frauen im Milieu?

Die Linienstraße mit ihren Bordellen - hier ist Prostitution erlaubt.

Die Linienstraße in der Nordstadt mit ihren Bordellen – hier ist Prostitution erlaubt, die Betriebe sind angemeldet. In der Diskussion im MKK Dortmund wurde über das sogenannte „Nordische Modell“ diskutiert, durch welches ein striktes Sexkaufverbot durchgesetzt wird und Freier, Zuhälter und Bordellbetreiber bestraft werden. Foto: Archivbild

Von Claus Stille

Der 25. November ist der Internationale Tag zur Beseitigung von Gewalt gegen Frauen. Im Museum für Kunst- und Kulturgeschichte wurde vor diesem Hintergrund mit ExpertInnen über Prostitution diskutiert. „Terre des Femmes“ präferierte energisch das sogenannte Nordische Modell. Diejenigen Fachleute in der Runde, welche viel Erfahrung in der Praxis mit dem Thema Prostitution und damit verbundenen Problemen vorzuweisen haben, sehen darin keine Lösung für Deutschland. Das Dortmunder Modell habe sich bewährt, meinten sie und solle deshalb weiter verfolgt werden. 

Farbe des Tages war Orange – VHS Dortmund und „Terre des Femmes“ hatten zur Diskussion geladen

Die Farbe Orange ist ein Symbol für den Kampf gegen Gewalt an Frauen und Kindern – das haben die Vereinten Nationen so festgelegt. Viele Gebäude auf der ganzen Welt erstrahlten deshalb am Montag in Orange. So auch in unserer Stadt – u.a. das Dortmunder U. 

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Die Volkshochschule Dortmund organisierte anlässlich des Aktionstags gemeinsam mit der Organisation „Terre des Femmes“ einen Vortrag zum Thema Prostitution. Er fand in der Rotunde des Museums für Kunst- und Kulturgeschichte statt. Auch dort waren Pfeiler dezent mit orangenem Licht angestrahlt.

Im Fokus des Impulsvortrages der Rechtsanwältin Elke Süsselbeck während der trotz parallel stattfindender Termine erfreulich gut besuchten Veranstaltung, stand das sogenannte Nordische Modell, das als erstes Land Schweden im Jahre 1998 eingeführt hat. Dabei soll die Nachfrage nach Prostitution eingedämmt werden, indem Freier, Zuhälter und Bordellbetreiber bestraft werden, anstatt Prostituierte zu kriminalisieren. Kurzum. Es geht um ein Sexkaufverbot. Elke Süsselbeck erinnerte daran, dass das Europäische Parlament das schwedische Gesetz zum Sexkaufverbot für die EU empfohlen hat.

Elke Süsselbeck: „Prostitution geht jeden etwas an. Und jeder und jede hat hinzuschauen.“

Die Veranstaltung wurde von der VHS Dortmund und dem Verein „Terre des Femmes“ organisiert. Quelle: Screenshot

Wie Elke Süsselbeck zum Thema gefunden habe, erklärte die Paderborner Rechtsanwältin folgendermaßen: „Prostitution gehört zu unserer Gesellschaft. Sie geht jeden etwas an. Und jeder und jede hat hinzuschauen.“ Bevor Süsselbeck auf das Nordische Modell, welches sie präferiert und auch in Deutschland eingeführt haben möchte, einging, zeichnete sie ein Bild der momentanen rechtlichen Situation in Deutschland, wo das sogenannte Prostituiertenschutzgesetz gilt. 

Deutschland gelte auch als Vorzeigebeispiel: wegen einer legalisierten Prostitution. Heißt, sie ist nur in ausgewiesenen Sperrbezirken und an bestimmten Örtlichkeiten erlaubt. Bis zu dem von der rot-grünen Bundesregierung von Schröder und Fischer gemachten, ab 1. Januar 2002 in Kraft getretenen Prostitutionssgesetz, galt Prostitution als sittenwidrig. Damit sollte die rechtliche Stellung der Prostituierten in unserer Gesellschaft verbessert werden.

In einer Bundesratsinitiative von 2006, so Elke Süsselbeck, wurde angeregt Zwangsprostitution unter Strafe zu stellen. Bis zur Umsetzung habe es zehn Jahre gebraucht. Um Auswüchsen in der Prostitution – wie etwa Flatrate-Bordelle (die mit menschenverachtenden Slogans wie z.B. „All you can fuck“ bei einmaligem Eintrittsgeld von ca. 70 Euro warben) – u.ä. zu begegnen, reagierte die Politik. Nebenbei: Es gibt eine Schätzung, wonach in Deutschland zwischen 200.000 und 400.000 Menschen der Prostitution nachgehen.

Süsselbeck kritisiert das Dortmunder Modell und die deutsche Gesetzgebung

Nach der Schließung des Straßenstrichs ist die Linienstraße zentrale Anlaufstelle für Freier.

Nach der Schließung des Straßenstrichs ist die Linienstraße zentrale Anlaufstelle für Freier. Foto: Alex Völkel

Da das Prostitutionsgesetz nicht alle Erwartungen an es erfüllt habe, erklärte Süsselbeck, wurde es um das Prostituiertenschutzgesetz (in Kraft getreten am 1.Juli 2017) erweitert. Dessen Kernelemente sind, dass Prostituierte sich anmelden müssen, verbunden mit einer Gesundheitsberatung und einem ausgegebenen obligatorischen Ausweis mit Lichtbild, der bei sich zu führen ist.

Betreffs der Situation in Schweden sagte Elke Süsselbeck, dass entgegen der Zustimmung zu dem Sexkaufverbot vor der Einführung von 30 Prozent nun 80 Prozent hinter ihm stünden. Bereits in der Schule fände in Schweden eine entsprechende Aufklärung dazu statt.

Inzwischen sei Sexkauf dadurch in weiten Teilen der schwedischen Bevölkerung geächtet. Das Dortmunder Modell ist für Elke Süsselbeck keine Option. Viele Frauen, die in der Prostitution arbeiten hätten keine Krankenversicherung und könnten somit Krankheiten nicht auskurieren. Aussteigerinnen steckten „in einer sehr prekären Situation“. 

Diskussionsrunde mit ausgewiesenen ExpertInnen und feinfühliger Moderatorin

Dem Einführungsvortrag schloss sich eine Diskussionsrunde an. Zu dieser gehörten Dirk Becker, (Polizei NRW Dortmund), Inge Bell (Vorstand „Terre des Femmes“), Andrea Hitzke (Leiterin Dortmunder Mitternachtsmission e.V.), Elke Süsselbeck (Rechtsanwältin) und Birgit Zoerner (Sozialdezernentin der Stadt Dortmund). 

Feinfühlig moderiert wurde die Diskussionsrunde unter späterer Einbeziehung des Publikums von der Journalistin Sabine Ziemke (bekannt u.a. von der WDR-Lokalzeit Dortmund). In dieser Diskussion kristallisierten sich schnell die unterschiedliche Standpunkte und Sichtweisen der TeilnehmerInnen heraus.

Andrea Hitzke (Mitternachtsmission): Nordisches Modell ist keine Lösung 

Andrea Hitzke, Geschäftsführerin der Mitternachtsmission Dortmund.

Andrea Hitzke, Geschäftsführerin der Mittarnachtsmission Dortmund. Foto: Carmen Körner

Andrea Hitzke von der Mitternachtsmission vermochte im Nordischen Modell keine Lösung für Dortmund respektive Deutschland zu erkennen. Sie befürchte, dass dann Prostitution verdrängt werde und in ein Dunkelfeld abgleitet würde. Einhergehend mit der Gefahr von Gewalt gegenüber SexarbeiterInnen. 

Hitzke schätzt ein: das Dortmunder Modell funktioniere gut. Dadurch sei eine hohe Transparenz entstanden. Man suche die einzelnen Prostitutionsbetriebe auf und biete den Frauen bei Bedarf auch Hilfe und Unterstützung in Notlagen an.

Auch mithilfe des Sozialamts oder des Jobcenters. Auch Ausstiege aus der Prostitution seien durchaus schon erfolgreich ins Werk gesetzt worden. 

Im Rahmen der gesetzlichen Möglichkeiten ist Dortmund gut aufgestellt, schätzt Birgit Zoerner ein

Sozialdezernentin Birgit Zoerner.

Sozialdezernentin Birgit Zoerner. Foto: Alex Völkel

Sozialdezernentin Birgit Zoerner findet das derzeit geltende Recht im Prinzip trotz gesamtgesellschaftlicher Veränderungen, die immer bedacht werden müssten, gut. Ständige Diskussionen darüber – wie die am Montag – erachtet sie für sehr wichtig. Dabei müsse auch kritisch betrachtet und überprüft werden, was einmal angedacht war. 

Im Rahmen der gesetzlichen Möglichkeiten, schätzte sie ein, habe man sich in Dortmund gut aufgestellt. Zoerner lobte als gutes Beispiel die Einrichtung „Runder Tisch Prostitution“, der die Hilfsorganisationen zu Wort kommen lasse und wo gegenseitiger Austausch stattfinde.

Da gehe es natürlich auch darum, wie man Opfern von Menschenhandel helfen könne. Es stehe außer Frage, dass mit der Öffnung der EU im Jahr 2007 sehr viele Frauen auch aus Rumänien und Bulgarien nach Dortmund gekommen seien. 2011 sei schließlich der Dortmunder Straßenstrich verboten worden, um nicht zuletzt auch der teilweise erbärmlichen Art und Weise der Ausbeutung dieser Frauen dort entgegenzuwirken. 

Hauptkommissar Dirk Becker: Die „Dortmunder Philosophie“ ist praktikabel und zielführend

Ravensberger Straße, ehemaliger Straßenstrich hinter Hornbach

Ravensberger Straße, ehemaliger Straßenstrich hinter Hornbach

Auch der 1. Kriminalhauptkommissar Dirk Becker ist aufgrund seiner langjährigen Erfahrung in der polizeilichen Arbeit „eher skeptisch, was das Nordische Modell angeht“. Er fürchte vor allem, dass 25 Jahre gute Arbeit von Polizei und Ordnungsamt und allen Beteiligten dadurch konterkariert würden. Und Prostitution wieder in dunkle Ecken und Hinterzimmer geschoben werde.

Becker: „Wir sind generell daran interessiert, dass keiner Frau Leid angetan wird.“ Es habe sich bewährt die Frauen aktiv anzusprechen. Und ihnen nach Möglichkeit auch zu helfen. Dirk Becker lobte das schon 2002 in der Stadt eingeführte Dortmunder Modell, das er lieber „Dortmunder Philosophie“ nenne, als praktikabel und zielführend. 

Kontakte zum im Gewerbe arbeitenden Frauen und auch zu den Betreibern von Bordellen und Sauna- bzw. FKK-Clubs würden regelmäßig gepflegt. Sogar schon vor 2002 sei es der Dortmunder Polizei durch ständigen Kontrolldruck gelungen, sogenannte Flatrate-Bordelle und manch anderen Wildwuchs aus der Stadt zu verbannen. 

Polizist Dirk Becker räumt Probleme mit gewissen Internetportalen ein 

Nicht jede Frau, die etwa aus Bulgarien oder Rumänien herkomme, um als Prostituierte zu arbeiten, müsse per se eine Zwangsprostituierte sein, meint Becker. Es sei vielfach die Armut, die sie dazu bewege. Es gehe meist schlicht darum, den Lebensunterhalt, die Kinder abzusichern, oder ein Studium zu finanzieren. 

Die Prostitutionsstätten in Dortmund würden regelmäßig von der Polizei aufgesucht. Zu 90 Prozent dieser Prostitutionsstätten habe man teilweise schon seit 25 Jahren Kontakt. Probleme, die man mit bestimmten Internetportalen (über die Verabredungen zum Sex angeboten werden) habe, räumte Hauptkommissar Becker indes ein. Prostituierte würden nicht kriminalisiert.

Inge Bell (Terre des Femmes) ist ohne Wenn und Aber für ein Sexkaufverbot

Länder, die das Nordische Modell implementiert haben (2019) Grafik: Creative Commons, Quelle: Wikipedia

Erwartungsgemäß machte die aus Berlin angereiste Inge Bell (Vorstand „Terre des Femmes“) aus ihrem Herzen betreffs der absolut gesetzten Forderung nach Einführung des Nordischen Modells auch an diesem Abend in Dortmund keine Mördergrube.

„Warum“, fragte sie, „das Nordische Modell nicht hier ausprobieren?“ Zu diesem Behufe wartete sie mit einem Zitat von Albert Einstein auf: „Eine wirklich gute Idee erkennt man daran, dass ihre Verwirklichung von vornherein ausgeschlossen erscheint“. Bell verwies darauf, dass das Nordische Modell nicht nur in Schweden, sondern auch in Norwegen, Irland, Nordirland, Island, Kanada, Frankreich und Israel eingeführt wurde. Auch Spanien habe schon eine Gesetzesvorlage dazu. Warum also sollte es hierzulande nicht auch funktionieren. „Es ist also nicht so aus dem hohlen Kosmos gegriffen. Es hat bereits Erfolg“, so Inge Bell.

Moderatorin Sabine Ziemke hakte noch einmal nach und fragte nach dem konkreten Warum. Bell antwortete: „Weil es kein verbrieftes Recht der Männer sein kann, Sexualität, Körperteile und Körper von Frauen zu kaufen.“ Applaus eines Teils des Publikums. Prostitution sei etwas wie Sklaverei. Das kriege man nicht abgeschafft. Deswegen müsse ein Sexkaufverbot her. „Sex“, unterstrich Bell, „kann doch keine Arbeit sein“.

Inge Bell sieht im Nordischen Modell die Umsetzung der absoluten Gleichberechtigung von Mann und Frau

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Heiner Minzel, ehemaliger Chef der Dortmunder Sitte, der an seinem letzten Arbeitstag 2009 noch einmal durch die Linienstraße ging. Foto: Archivbild Franz Luthe

Inge Bell versuchte Hauptkommissar Becker weiszumachen, dass der Ex-Chef des Sittendezernats der Dortmunder Polizei, Heiner Minzel, nach anfänglicher Begeisterung für das Dortmunder Modell, nun meine, es sei gescheitert.

Gegen diese Behauptung regte sich Protest sowohl seitens Vertreterinnen der Mitternachtsmission als auch von Hauptkommissar Dirk Becker. Becker, der Minzel gut kennt, konnte sich „beim besten Willen“ nicht vorstellen, dass diese Behauptung stimmt. Becker spaßte, wenn dies so sei, müsse er Minzel von der bevorstehenden Weihnachtsfeier wieder ausladen.

Bell insistierte immer wieder, sie wolle einfach einmal die Anzahl und die Altersstruktur sowie die Herkunft der Frauen wissen, die in Dortmund der Prostitution nachgehen. Weder das Publikum noch die anderen MitdiskutantInnen auf dem Podium, Elke Süsselbeck ausgenommen, konnten nachvollziehen, wie das zur Versachlichung hätte beitragen können. Bells Hauptargument für das Nordische Modell ist die dadurch hergestellte absolute Gleichberechtigung von Männern und Frauen. 

Kritische Stimmen aus dem Publikum – Nordisches Modell zwinge die Prostituierten in den Untergrund

Logo der Mitternachtsmission. Quelle: Screenshot

Logo der Mitternachtsmission. Quelle: Screenshot

Kritik kam aus dem Publikum seitens einer Mitarbeiterin der Mitternachtsmission. Das schwedische Modell sei sehr unvollständig dargestellt worden. Prostituierte müssten quasi in den Untergrund gehen. Gerade dort seien sie aber gefährdet. Mietverträge von Sexarbeiterinnen würden dort gekündigt. Migrantinnen ausgewiesen. Lob gab es für Hauptkommissar Dirk Becker, der eine Lanze für das Dortmunder Modell gebrochen habe. 

Die im Publikum sitzende Vorsitzende der Liberalen Frauen Dortmund, meldete sich schließlich „mit schon länger scharrenden Füßen“, wie sie bekannte, zu Wort. Sie verwies auf die in Deutschland geltende freie Berufswahl. Warum sollte also eine Frau nicht selbst entscheiden, der Prostitution nachgehen zu wollen? Und sie merkte an, dass Prostituierte ihren Körper verkauften – wie immer behauptet werde –  stimme doch einfach nicht: „Man kann einen Körper nicht verkaufen.“

Sondern sie erbringen eine Dienstleistung mit ihrem Körper. Sie sei in der Kosmetik tätig: „Ich verkaufe auch nicht meine Hände. Auch wenn manche sie gerne mit nachhause nehmen würden.“ Sie habe sich auch mit Frauen in der Linienstraße (Dortmunder Bordellstraße) unterhalten und sei dort auf „kein Hascherl“ getroffen, die nicht wisse, was sie da mache. 

Anja Butschkau bezeichnet die Arbeit der Dortmunder Mitternachtsmission als „exzellent“

Aber auch Kritik an Prostitution wurde aus dem Publikum laut. Frauen dürften keine Sexpuppen sein. Es werde gemordet und vergewaltigt. Sie kämpfe deswegen für das Nordische Modell, sagte die Frau mit bewegenden Worten. Eine andere Dame aus dem Publikum, eine Fachanwältin für Strafrecht, merkte an, dass Menschenhandel und Zwangsprostitution Kontrolldelikte seien. Und es problematisch wäre, würde nicht kontinuierlich kontrolliert. Vom Nordischen Modell halte sie nichts.

Die SPD-Landtagsabgeordneten Volkan Baran, Anja Butschkau und Carina Gödeke verschafften sich einen Überblick über Arbeit und Leben in der Linienstraße.

Die SPD-Landtagsabgeordneten Volkan Baran, Anja Butschkau und Carina Gödeke bei einem Besuch in der Linienstraße im Januar 2019. Foto: Sascha Fijneman

Sie vertrete auch schlimm ausgebeutete Prostituierte aus Schweden. Was da passiere, habe sie hier in Deutschland noch nicht erlebt: „Ich bin überzeugt, dass in Schweden – das sagen auch Hilfsorganisationen in Schweden – genügend Leichen liegen, die nie gefunden werden.“

Eine andere Zuhörerin gab zu Bedenken, dass der Deutsche Frauenrat, Amnesty International, der Deutsche JuristInnenbund, die deutsche AIDS-Hilfe und andere Institutionen das schwedische Modell als Menschenrechtsverletzung einstufen.

Die im Raum anwesende SPD-Politikerin Anja Butschkau (MdL) appellierte angesichts des „sehr emotionalen Themas“ zwei Dinge „strikt voneinander getrennt“ zu betrachten: Prostitution und den Bereich Menschenhandel. Die Arbeit der Mitternachtsmission bezeichnete Butschkau als „exzellent“. 

Ehemalige Prostituierte spricht sich klar gegen das Nordische Modell aus

Eine Mitarbeiterin von der Prostituiertenberatungsstelle KOBER bemängelte aus dem Publikum heraus, dass auf dem Podium keine Sexarbeiterin sitze. Immer werde über Prostituierte gesprochen statt mit ihnen zu sprechen. Aus dem Publikum in der Rotunde meldete sich eine Ex-Prostituierte (sie hat das Dortmunder Modell mitgegründet), mit, wie sie sagte, „gestiegenem Blutdruck“. Sie habe nie ihren Körper oder sich selbst verkauft.

Logo der Beratungsstelle Kober Dortmund. Quelle Screenshot

Schwedische Prostituierte, mit denen sie Kontakt hatte, verteufelten das Schwedische Modell. Auch in Frankreich, wo es die Prostituierten schon immer besonders schwer gehabt hätten, würden SexarbeiterInnen trotz eingeführtem Nordischen Modell brutal vergewaltigt.

Eine Kritik aus dem Publikum lautete: „Terre des Femmes“ agiere beinahe „sektenähnlich“. Da werde eine Art „Gehirnwäsche“ betrieben, wie man das sonst nur von Sekten kenne. Wieder ein anderer Zuhörer klagte „Terre des Femmes“ an, sich an den Tag zur Beseitigung von Gewalt an Frauen angehängt zu haben und diesen mittels einer Kampagne als „Trittbrettfahrer“ für die eigenen Zwecke zu benutzen. Der Tag sei doch von anderen Organisationen ins Leben gerufen worden, um Gewalt an Frauen zu begegnen. Ein Sexkaufverbot via Nordisches Modell schicke viele Frauen in die Illegalität und „die offenen Arme von Gewalttätern“. 

Dem so an den Äußerungen von Inge Bell Kritik übendem Vater, der erst nachdem er seine Kinder zu Bett gebracht und deshalb erst später gekommen war, warf die Angegriffene vor, „eine Strategie der schwarzen Rhetorik“ zu betreiben. Buhrufe aus der Mitte der Rotunde. Der Herr konterte: „Die Rhetorik, die sie wählen, die Entkriminalisierung der Prostituierten und die Kriminalisierung der Freier ist eine Verschleierung der Fakten.“ 

Fazit: das Thema muss weiterhin gesamtgesellschaftlich debattiert werden

Die TeilnehmerInnen der Diskussion und OrganisatorInnen der Veranstaltung. Foto: Claus Stille

Das Thema konnte freilich in zwei Stunden nicht ausdiskutiert werden. Dennoch war die Diskussion äußerst interessant und ein Stück weit die Augen öffnend. Weitere ähnliche Diskussionsrunden, fanden gewiss viele der ZuhörerInnen nötig. 

Dieses Thema sei gesellschaftspolitisch wichtig, wie auch Sozialdezernentin Birgit Zoerner einschätzte. Man müsse mit Bedacht danach fragen, was ist und was wir haben wollten. Die Standpunkte der einzelnen Beteiligten an der Podiumsdiskussion hatten sich – was wohl auch niemand erwartet hatte – indes nicht verändert.

Die Waage – so dürfte wohl richtig eingeschätzt sein – kippte nicht in Richtung Nordisches Modell. Für das Dortmunder Modell blieb die Sympathie vielen dagegen wohl erhalten. Es muss halt nur ständig daran gearbeitet werden, um auf neu auftretende Probleme zu reagieren, ohne dabei das Kind mit dem Bade auszuschütten.

 

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12 Gedanken über “Kontroverse Diskussion um das Thema Prostitution: Ist das „Nordische Modell“ Segen oder Fluch für die Frauen im Milieu?

  1. S.

    Was viel zu selten thematisiert wird, ist dass in Deutschland, auf Grund unserer liberalen Gesetzte, der Menschenhandel mit jungen osteuropäischen Frauen boomt.
    Deutschland ist das Thailand von Europa.

    Zwangsprostitution steht in Deutschland 10-Tausendfach auf der Tagesordnung.
    Zwangsprostituierte werden so brutal erpresst, dass sie vor der Polizei niemals eingestehen würden, dass sie es nicht freiwillig machen.
    Das Wissen wir, und trotzdem lassen wir die Kriminellen gewehren. Das effektivste Mittel hiergegen anzugehen ist das Nordische Modell.

    Doch die Lobby der Bordellbetreiber und Deutschen Prostitituierten (ca. 20% der Prostituierten sind Deutsch) sind lauter als die zum Schweigen erpresste Mehrheit.

  2. Inge Bell

    Danke für diesen guten, wenngleich doch erkennbar tendenziösen Bericht. Ich bin Inge Bell und habe in meiner Eigenschaft als Vorständen von TERRE DES FEMMES – Deutschlands größter Frauenrechtsorganisation – und als Vorständen von SOLWODI – Deutschlands größter Hilfsorganisation für Opfer von Menschenhandel – mit diskutiert.
    Und ich kam aus dem Staunen gar nicht mehr heraus!

    Die Pro-Prostitutionslobby hatte ja in Dortmund sämtliche Kräfte mobilisiert – und so saßen im Publikum rund zwei Drittel Verfechterinnen und Verfechter des Häppy-Sexwörk-Mythos: Bordellbetreiber, Mitarbeiterinnen von Prostitutions-Beratungsstellen, eine Rechtsanwältin des Milieus und ein-zwei Frauen aus der Prostitution.

    Sie alle hatten sichtlich kein Interesse an einer echten Diskussion zum Thema „Das Nordische Modell“, sondern waren auf Krawall gebürstet.

    Immer wieder kam der Vorwurf aus diesem Publikum, wir wollten Prostitution verbieten. Ich habe an dem Abend sicher ein halbes Dutzend Mal wiederholt: nein, wir wollen eben gerade nicht Prostitution verbieten, die Mädchen und Frauen in der Prostitution sollen ganz straffrei bleiben. Wir wollen den Sexkauf verbieten, d.h. die Freier, die Sexkäufer, machen sich strafbar. So wie es das „Nordische Modell“ eben erfolgreich praktiziert, was ja schließlich auch Titel und Ziel der ganzen Veranstaltung war.

    Aber davon ließen sich die ProstitutionsbefürworterInnen nicht beirren – immer wieder kam dieses Totschlagargument – und auch andere Elemente der Schwarzen Rhetorik wurden ausgepackt:

    So wurde bezweifelt, dass sich bei TDF auch Frauen engagieren, die Prostitutionserfahrungen haben – und als wir sagten, natürlich sind auch solche Frauen bei uns, da wurde gleich weiter relativiert: Ja, das sei bestimmt die Huschke Mau – aber die sei ja gar keine echte Prostituierte, sie sei Menschenhandelsopfer. Das habe ja nichts mit Prostitution zu tun.

    Krass!

    Natürlich habe ich mit Verve widersprochen und deutlich gemacht, dass es doch nichts bringt, wenn „Sexarbeiterinnen“ andere Frauen in der Prostitution beschämen – hier sei ja wohl Solidarität gefragt.

    Ich habe mich zurückversetzt gefühlt in eine Zeit vor 20 Jahren, als man Prostitution und Menschenhandel noch peinlich genau zu trennen versuchte. Böser Menschenhandel, gute Prostitution. Arme Opfer, aber hat ja nichts mit der empowernden Häppy-Prostitution zu tun…

    Puh!

    Den Vogel abgeschossen haben aber tatsächlich zwei Mitdiskutierende auf dem Podium: die Leiterin der Dortmunder Mitternachtsmission und ein Polizeimitarbeiter.

    Ich habe beide gleich zu Beginn der Diskussion gefragt, wie denn die Prostitutionsszene in Dortmund genau aussehe – wieviele Mädchen und Frauen denn hier aus Rumänien und Bulgarien kämen – ob es auch so sei wie im Rest von Deutschland, wo weit über 80-90% mittlerweile aus (Süd)osteuropa kommen, vor allem sehr junge Frauen und Roma in gesundheitlich extrem schlechtem Zustand?

    Sie wollten es nicht sagen. Sie lavierten herum. Weder der Polizist noch die Leiterin der Beratungsstelle hatten Zahlen parat. Schlechte Vorbereitung oder bewusstes Verschweigen? Und sie wollten partout nichts zu der Herkunft der Mädchen und Frauen sagen. Sie haben sich die ganzen zweieinhalb Stunden davor gedrückt, zuzugeben, was doch ganz offensichtlich nicht zu leugnen ist: dass die allermeisten Mädchen und Frauen in der Prostitution super-jung sind, höchst-vulnerabel, mit als „Verlobten/Freunden/Cousins“ deklarierten Zuhältern. Alle aus den ärmsten Ländern (Süd) Osteuropas, sprachlos, rechtlos, hilflos.

    Aber genau das passte nicht ins Bild gestern in Dortmund.

    Zum Glück war ich nicht allein auf dem Podium als Verfechterin des Nordischen Modells. Die Juristin Elke Süsselbeck hatte schon in ihrem Vortrag die rechtlichen Hintergründe und schwedischen Erfahrungen vorgestellt – und auch die Dezernentin der Stadt Dortmund sah den traurigen Realitäten des südosteuropäischen Elendsmilieus ins Auge und fragte sich, mit welchem Frauenbild wohl junge Männer aufwachsen. Besonders berührt hat mich die Wortmeldungen einer Prostitutionsausteigerin, die eindrücklich davon sprach, dass „sexuelle Benutzung“ einfach Gewalt sei.

    Sehr schade, dass Sie die Aussage dieser Prostitutionsausteigerin in Ihrem Blog einfach weggelassen haben. Nicht zuletzt auch daran erkennt man Ihre Tendenz.

    Alles Gute! Inge Bell

    1. Petra Faulstich

      Ja ich war teils sprachlos über die Aussagen mancher Frauen. Erst als ich wusste sie gehören zur Mitternachtsmission und Kober etc ,ich mich jetzt im nachhinein frage mit welcher Intension sie so vehement die Prostitution so vehement verteidigen, als sich mit aller Kraft zum Wohle der Prostituierten einzusetzen. . ???? Vielleicht haben sie das Modell Prostitution nicht verstanden.., der Mythos der freien angesehen Prostituierten gibt es nicht….aber es profitieren viele Andere …Alles gute den Frauen

  3. Sima Salami

    Ich war selbst dort und finde ich ehrlich gesagt schade, dass Sie in diesem Artikel nur die Stimme von Leute in der Publikum, die gegen nordische Modell waren, gezeigt und reflektiert haben! Entweder nix schreiben, oder wenn sie so detailiert schreiben, sollten Sie von beide Seiten schreinen.

  4. BicycleFriend

    Niemand wird die Prostitution abschaffen können. Es gibt immer wieder Männer, die das Bedürfnis nach weiblicher Gesellschaft oder gar Geschlechtsverkehr haben, weil sie entweder keine Freundin haben/bekommen (warum auch immer) oder mit ihrer Partnerin nicht zufrieden sind. Man muss sich bei dieser Thematik auch ansehen, WARUM Männer zu Prostituierten gehen. Prostituierte, wenn es sich nicht um Opfer von Menschenhandel handelt, sind weder Opfer noch ist diese ‚Berufswahl‘ unbedingt immer freiwillig. Das zeigte eine Diskussionsveranstaltung MIT Prostituierten, über die in diesem Blog berichtet wurde: https://fahrrad3gruen.wordpress.com/2018/09/27/das-geschaeft-mit-dem-sex-ist-verpoent-doch-es-laeuft-ueber-ein-verschwiegenes-und-verspottetes-phaenomen-in-der-gesellschaft/ Darin wurde auch deutlich, dass die Damen in der Linienstraße sich sehr wohl zu wehren wissen, wenn ihnen ein Freier blöd kommt oder gar gewalttätig wird. Bevor man ständig die Prostituierten oder die Prostitution kritisiert, sollten sich manche (Ehe-)partner überlegen, warum sie unbedingt zu einer P. gehen müssen, warum sie nicht fähig sind, ein Nein ihrer Partnerin zu einer bestimmten Sexpraktik (denn genau das wird von den Prostituierten geboten, ist das, was sie verkaufen) zu akzeptieren. Hier funktioniert manche Partnerschaft wohl nicht…

  5. Bebbi

    Die Mitternachtsmission sollte doch einen sehr guten Einblick darein haben, was Prostitution mit Menschen macht, die da als Anbieter aktiv sind oder besser: … sein müssen. Nicht ohne Grund macht man Aussteigerberatung. Berichte über Frauen und Männer, die in statistisch irrelevanten Nischen der Prostitution halbwegs selbstbestimmt der Prostitution mit wenigen gut zahlenden Kunden, die zudem abgelehnt werden können, nachgehen ohne dass es biografische Erfahrungen von Missbrauch und Vernachlässigung gibt, dürfen nicht darüber hinwegtäuschen, dass die überwiegende Mehrheit m. E. Frauen sind, die das aus direktem Zwang oder strukturellen Zwängen heraus machen und dabei in einem Umfang Sexualität praktizieren, die außer frisch verliebten Teenagern sicherlich keinem Spaß machen – mal davon abgesehen, dass die eigene Sexualität dabei völlig in den Hintergrund tritt.

    Das aus einem Selbsterhaltungstrieb heraus, das Verschwinden von Prostitution ausgeschlossen wird, ist ein typischer Mechanismus bei erstmal guten Initiativen, wenn diese sich verfestigt sind und dann ihr Überleben davon abhängig wird, dass das Problem weiter existiert. Prostitution ist kein Naturgesetz, sondern setzt bestimmte Vorstellungen von Sexualität und Geschlechtern voraus und ist von Machtfragen geprägt.

    Das Märchen vom einem Job wie jedem anderen stimmt ganz sicher nicht. Warum sonst das Versteckspiel, wenn man der Prostitution nachgeht? Und als Kosmetikern anderen Menschen behandeln ist ja wohl auch was anderes als andauern andere Menschen wortwörtlich in einen rein zu lassen unter Missachtung des räumlichen Schutzbereiches gegenüber anderen. Vom damit einhergehenden Gesundheitsrisiko mal angesehen. Und diese körperlich Nähe macht einen verletzlich und angreifbar. Aber wenn das ein Job wie alle andere ist, dann empfehlt ihn doch euren Söhnen und Töchtern …

  6. Simone Kleinert

    TERRE DES FEMMES Städtegruppe Dortmund dankt den Nordstadtbloggern für die mediale Aufmerksamkeit!

    Leider haben wir an dem Abend viel zu sehr über Prostituierte gesprochen. Einige arbeiten selbstständig und selbstbestimmt. Andere wiederum werden sexuell ausgebeutet und viele von ihnen wissen es nicht mal.

    Wir hätten uns gewünscht, wenn wir mehr darüber gesprochen hätten, was es mit uns als Gesellschaft macht. Deshalb schließen wir uns der Frage unserer Sozialdezernentin an: was macht es mit unseren Kindern, unseren Söhnen, wenn das eine Geschlecht das andere kaufen kann. Wie sollen Mädchen und Frauen gleichgestellt sein, wenn sich Teile der Männerwelt den Zugang zu einem menschlichen Körper kaufen können?

    Es ist mitnichten so, dass die Einheit Körper, Geist und Seele voneinander zu trennen sind. Viele Frauen erleben physische und psychische Gewalt.

    Deshalb: 1. Entkriminalisierung der Personen in der Prostitution, 2. Kriminalisierung derer, die profitieren (Freier, ZuhälterInnen und Bordellbetreibende), 3. 100% staatlich finanzierte Ausstiegshilfe für Prostituierte und Freier, 4. Aufklärung durch Gender Unterricht: der menschliche Körper ist keine Ware.

  7. Gerd L.

    Danke für den ausführlichen Bericht, bei dem mir sehr gut die unterschiedlichen Positionen klar geworden sind.

    Mir wird nicht ganz klar, wie man sagen kann, dass man Prostitution nicht verbieten will, wenn man quasi 50% der daran beteiligten bestrafen will.

    Die spannendere Frage ist aber, wo fängt denn Prostitution an?
    Wenn ich mit der Tinder-Bekanntschaft vorher Essen gehe und für beide zahle und ihr hinterher noch eine Kleinigkeit schenke, ist es ok? Und auch noch, wenn ich ihr noch Geld gebe für die sichere Heimfahrt mit dem Taxi?

  8. Elke Süsselbeck

    Ein Polizist, der es nicht versteht, dass eine angemessene Ausbildung der Polizeidienste in Bezug auf die verschiedenen Facetten der sexuellen Ausbeutung in der Prostitution, wie unumgänglich ist und eine Unterstützung der Einsätze durch dafür ausgebildete Sozialarbeiterinnen notwendig ist, der ist im besten Fall ignorant. Eine Beratungsstelle, die auf ihrer eigenen Homepage beschreibt, dass Alkohol- und Drogenkonsum häufig konsumiert werden müssen, um “ die Sexarbeit zu erleichtern und die Dauer der Dienstleistung zu verlängern“ und dann auf dem Podium von einer freiwilligen Ausübung der Prostitution spricht, ist im besten Fall als unglaubwürdig anzusehen. Das Dortmunder Modell zeichnet sich dadurch aus, BordellinhaberInnen als “ Geschäftsleute im Unterhaltungsbereich“ zu präsentieren und die ausbeuterischen Zustände zu leugnen.
    Für ein Zimmer in der Linienstrasse zahlen die Frauen 150,- pro Tag. Pauschalsteuer 10,-€. Und die Stadt beteiligt sich mit 6,- Vergnügungssteuer pro Tag.
    166,-€ pro Tag.
    Damit startet jede Frau jeden Tag in Dortmund in der Linienstrasse.
    Ein Job wie jeder andere auch?
    Wir brauchen eine Kriminalisierung der Freier, ein gesetzlich verankertes Recht auf Ausstieg und endlich den Genderunterricht an jeder deutschen Schule.
    Prostitution ist Ausdruck eines ernstzunehmenden sozialen Problems in unserer Gesellschaft und muss endlich als das anerkannt werden, was es ist: Gewalt gegen Frauen.
    Und das geht jede und jeden an.
    Wegschauen und ignorieren kostet Frauenleben jeden Tag.
    Auch in Dortmund.

  9. Mechthild Eickel

    Es ist die immer gleiche Masche: Expert*innen aus Beratungsstellen, die täglich mit Prostituierten sprechen, sie beraten und unterstützen, werden als Lobby diffamiert. Wenn Andersdenkende im Publikum überwiegen, sind sie von dunklen Maechten herbeigeschafft. Prostituierte selbst werden als Zeuginnen ihrer Situation nur akzeptiert, wenn sie sich vorher als Opfer dargestellt haben. Frau Bell, sie arbeiten mit Halbwahrheiten und Unterstellungen. Sie unterschlagen, was Prostituierte selbst zu ihrer Lage in den Ländern sagen, in denen der Kauf von sexuellen Dienstleistungen verboten ist. Ich nehme ihnen nicht ab, das Sie nicht genau wissen, wen Kaufverbote treffen und historisch immer treffen sollten: die Verkäufer*innen. Ich weiß wirklich nicht, warum sie die Frauen nicht einfach in Ruhe ihren Lebensunterhalt erwirtschaften lassen wollen oder können. Oder warum es Sie selbst am Tag der Gewalt nicht über die wirklich dramatische häusliche Gewalt sprechen und darum werben, sie überall und konsequent zu ächten. Stattdessen den Slogan “ Sex darf keine Ware sein“ zu skandieren lenkt von den wirklichen Problemen der Frauen in unserer Gesellschaft nur ab.

  10. Evelyn Schwarz

    Diese Podiumsdiskussion ist völlig am eigentlichen Ziel über das Thema „Chancen & Risiken“ zu debattieren vorbeigeschossen – sehr schade!

    Ich bin seit 2011 als Sexarbeiterin tätig und habe mich bewusst für diese Arbeit entschieden, weil ich hier selbstbestimmend agieren kann, meine Familie davon im Stande bin zu ernähren ohne staatliche Hilfe in Anspruch nehmen zu müssen und meinen finanziellen Wünschen näher als bei einem „normalen Job“ sein kann.
    Zudem liebe ich meine Tätigkeit wirklich.
    Ein Sexkaufverbot in Deutschland würde mich völlig entrechten und meine Existenz zerstören.

    Obwohl auch ich als Sexarbeiterin in Form meiner Tätigkeit meinen Anteil zur Gesellschaft beisteuere wie z.B. Vergnügen zu bereiten, Arbeitsplätze zu schaffen (darunter zählen nicht nur Prostituierte, sondern auch Empfangsdamen, Sicherheits- und Reinigungspersonal und Hausmeister, etc.), ud Sexarbeiterinnen eine Räumlichleit zu bieten, um nicht auf der Straße arbeiten zu müssen, sowie ganz regulär Steuern abzuführen, würde ich wieder „an den Rand der Gesellschaft“ gedrängt werden, meine Rechte auf Sozial-, Kranken- und Rentenversicherung verlieren und somit auch wieder unter Stigmatisierung leiden müssen.
    Da ich bin sicherlich auch nicht die einzige Prostituierte in Deutschland.

    Was ich aus der Podiumsdiskussion mitgenommen habe, ist die Tatsache, dass „Das Nordische Modell“ äußerst widersprüchlich ist.
    Als Beispiel
    Der Freier macht sich strafbar, die Prostituierte darf ihre Dienste jedoch weiterhin anbieten – es ist unmöglich etwas anzubieten, wenn es doch eigentlich illegal ist?!
    Zudem ist uns bei der Podiumsdiskussion keinerlei Dunkelziffer bezüglich des Sexkaufverbots dort genannt worden (es sei denn damit waren die Sexarbeiterinnen gemeint, welche trotz Freierbestrafung weiter agieren).

    Außerdem waren wir uns alle einig, dass man zwischen (freiwilliger) Prostitution und Menschenhandel (Zwangsprostitution) unterscheiden muss.
    Die Risiken bei einem Verbot stufe ich persönlich als erfahrene Sexarbeiterin höher ein als die Chancen.

    Gekaufter Sex ist nunmal das älteste Gewerbe der Menschheit und kann nicht gestoppt werden, sondern verlagert sich lediglich wieder in den Untergrund und fördert Kriminaltität bzw. Zwangsprostitution.
    Da kann man auch unmöglich von Solitarität sprechen, wenn man ein Problem einfach wegschiebt statt es zu behandeln, denn die Arbeitsbedingungen in anderen Ländern beispielsweise sind wesentlich schlechter als hier in der BRD.

    Im besten Fall aber gibt es „nur“ eine Verlagerung auf Partnerportale bzw. Verschleierung von Prostitution, was allerdings zu noch weniger Transparenz führt, sowie Geldwäsche und Steuerhinterziehung födert.
    Auch die Übertragung sexueller Krankheiten und Verletzungen (BDSM-Bereich) wird zunehmen, da hier keinerlei Prävention mehr geleistet wird.

    Menschen mit geistigen und/oder körperlichen Einchränkungen haben dann kaum noch eine Chance ihre Sexualität zu leben.
    Zudem wird es den Anstieg der sexuellen Belästigungen bzw. Vergewaltigungen fördern.
    Es wird etlichen Menschen ein bedeutendes Ventil genommen mit dem sie für eine gewisse Zeit ihrem Alltag entfliehen können – dies führt evtl. zu höherem Aggressionspotenzial.
    Etliche Steuergelder wie z.B. Umsatz-, Gewerbe-, Einkommen- und Vergnügungssteuer von ehrlichen SexarbeiterInnen, BordellbetreiberInnen, sowie spezialisierten Angestellten, Vermietern und Lieferanten in dem Bereich fallen weg, sodass auch ihre Existenzen evtl. bedroht sind.

    Ich würde sogar behaupten, dass noch mehr Ehen scheitern werden, weil Sie Affären beginnen um ihre Neigungen ausleben zu können von der mehr Gefahr ausgeht als von einer Prostituierten.

    Stattdessen könnte man Prostitution „privilegieren“ und über effektivere Maßnahmen als nur eine Anmeldepflicht beratschlagen, um Prostitution einzudämmen bzw. zu verbessern.

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