
„Texte ohne Fotos sind auch Texte, mit Fotos werden sie aber erst zum Artikel“, erklärte mir der Redaktionsleiter der Nordstadtblogger, Alexander Völkel, nach einem Pressetermin, bei dem ich nur schlechte Fotos aufgenommen hatte. Einem dem das nicht passiert: Leopold Achilles. Er ist seit 2015 bei den Nordstadtblogger aktiv und hat seinen Bachelor in Fotografie abgeschlossen. In seiner Bachelorarbeit im Studiengang Fotografie an der FH Dortmund beschäftigt er sich mit dem Nordstadtblogger und dem Lokaljournalismus. Im Interview mit ihm geht es über Bildsprache, Dortmund, die Geschichte der Nordstadtblogger und die Zukunft des Lokaljournalismus.
NSB: Wozu braucht der Lokaljournalismus überhaupt Bilder?
Leopold Achilles: Ohne Bilder erzählt sich jede Geschichte schlechter. Ein Roman oder ein wissenschaftliches Buch kommt mit einem Titel und vielleicht einer Illustration aus.

Aber in einem journalistischen Werk siehst du den Ort, du siehst den Menschen, und du kannst als Leser:in viel besser eine Verbindung aufbauen. Du weißt, wer was gesagt hat, du hast ein Gesicht dazu. Bei Prominenten wie Angela Merkel kennt man die Stimme, weiß, wie sie sich bewegt.
Aber wenn es um den Chef eines städtischen Unternehmens geht, brauchst du ein Bild von dem Menschen oder von der Gruppe, sonst bleibt die Geschichte gesichtslos. Und da gibt es eben gute und bessere Bilder.
NSB: Wie unterscheidet sich der Lokaljournalismus in seiner Bildsprache von dem Journalismus, den wir am meisten konsumieren: im TV oder in überregionalen Zeitungen?
Da gibt es auf jeden Fall Unterschiede. Beim ehrenamtlichen Lokaljournalismus wie beim Nordstadtblogger ist die Qualität oft nicht dieselbe, das kann man eigentlich gar nicht vergleichen. Die großen Medien – Tagesschau, Spiegel – machen ihre Bilder zum Teil nicht selbst, sondern kaufen sie bei der AFP oder der Deutschen Presseagentur ein. Das sind Profifotografen.

Bei vielen Ehrenamtlichen, aber auch bei Lokalredaktionen sind es dagegen Redakteure, die nebenbei fotografieren. Das ist deren Tagesgeschäft: als Schreiberling rausgehen und am Ende mit dem Handy ein Foto machen. Das sollte man nicht mit einem Profi vergleichen, der nur für das eine Bild da ist.
Auch wenn die Handys immer besser geworden sind, man sieht den Unterschied, ob jemand ein geborener, gelernter und erfahrener Fotograf ist oder einfach nur ein Foto macht. Der Unterschied liegt oft darin, dass bei den professionelleren Medien die Konzentration auf das Bild und die auf den Text getrennt sind.
Leopold Achilles versammelt in seinem Bildband „Nordstadtblogger – Zehn Jahre ehrenamtlicher Fotojournalismus in Dortmund“ die besten Bilder aus seiner Zeit als ehrenamtlicher Fotograf in Dortmund. In diesen Bildern spiegelt sich nicht nur Dortmunder Zeitgeschichte: Es zeigt auch den politischen und gesellschaftlichen Wandel der letzten zehn Jahre.
NSB: Hat sich diese Bildsprache über die Jahre verändert? Sehen wir heute die gleichen Bilder wie vor zehn, fünfzehn Jahren?
An vielen Stellen schon. Ich habe neulich den Fotoworkshop mit Alex, unserem Chefredakteur, mitbekommen: eine sehr klassische, fast altbackene Herangehensweise, das darf er auch hören [lacht]. Goldener Schnitt, gerader Horizont, nichts verzerren. Oder, dass man ein Plakat so in die Kamera hält, dass man es gut lesen kann und ein Bild die ganze Geschichte erzählt.

Das ist der klassische Zeitungsjournalismus: Du hast wenig Platz, der Text ist das Wichtigste, aber es muss bebildert werden. Der große Unterschied zu einem digitalen Medium wie dem Nordstadtblogger ist die Fotostrecke.
In meiner wissenschaftlichen Arbeit habe ich die Westfälische Rundschau mit dem Nordstadtblogger verglichen. Die Westfälische Rundschau war eine klassische Zeitung, immer nur auf Papier, ohne relevantes Online-Auftreten. Sie hat diese Möglichkeiten nicht genutzt.
Online hast du nicht nur ein Aufmacherbild, sondern Protagonist A, Protagonist B, den Ort, und am Ende noch fünfzehn Bilder von der Veranstaltung im Jahr davor, damit der Leser einen Mehrwert hat. Das ging in der Zeitung damals nicht. Heute könntest du einen QR-Code reinmachen. Aber die Westfälische Rundschau wurde 2015 plattgemacht: das ist eine ganz andere Zeit.
NSB: Du hast in Deinem Fotoband viele Bilder aus den letzten zehn Jahren versammelt. Erzähl uns doch mal: Wie geht man an ein gutes Bild heran?
Erst mal musst du überhaupt dabei sein und die Kapazität haben, dir Gedanken zu machen. Wenn man nebenbei schreibt, hat man die nicht. Ich drehe mich auf einem Termin gern um das herum, was da passiert: eine Podiumsdiskussion, eine Demo, ein Verkehrsunfall.

Im Studium haben wir gelernt: Action, Portrait, Location und Detail. Das sind die vier Dinge, die du für eine Bildserie brauchst, und das muss nicht mal journalistisch sein. Du musst denjenigen oder die Gruppe zeigen, du musst dich verorten – wo bist du überhaupt –, du brauchst eine Aktion, und sei es nur ein Handshake, aber von der Location, kein Stockbild, sonst ist es unauthentisch.
Und dann noch ein Detail, näher dran, ein interessanteres Bild. Wenn du diese vier, fünf Bilder hast, ist die Story fertig, und eins davon ist bestenfalls das Aufmacherbild.
Vielleicht ist es das abstrakte Detail, das beim Leser Interesse weckt: ein Hydraulikarm von einem Abrissbagger, den man im ersten Moment gar nicht erkennt.
In seiner theoretischen Arbeit, die Achilles im Zuge seines Fotografie-Bachelors an der FH Dortmund verfasste, verglich er die visuellen Darstellungen in Dortmunder Print- und Digitalmedien. Dabei blickt er auf die Schließung der Westfälischen Rundschau 2013 zurück, die den Startpunkt für das Projekt Nordstadtblogger bildete. 2013 ging der Nordstadtblogger, gegründet und bis heute geleitet vom ehemaligen Westfälischen Rundschau-Redakteur Alexander Völkel, mit einem Text über den vom NSU-ermordeten Mehmet Kubaşık online.
NSB: Wie sieht der Lokaljournalismus in der Fotografie in den nächsten zehn Jahren aus?
Da wird sich nicht so viel tun. Das, was ich nicht so gut finde, wird eher zunehmen: diese Multimedialität. Ich erinnere mich, dass Peter Bandermann [später Polizeisprecher der Polizei Dortmund, Anm. d. Red.] vor über zehn Jahren, noch bei den Ruhr Nachrichten, als Erster mit einem iPhone einen Livestream gemacht, parallel mit der richtigen Kamera fotografiert und gleichzeitig geschrieben hat.

Heute musst du alles machen, am besten gleichzeitig: live sein, Fotos, Text, einen Text in einfacher Sprache, im besten Fall noch einen Podcast. Und wenn du Pech hast, machst du das alles als eine Person für ein Thema. Das führt nicht zu besserem Lokaljournalismus.
Die Technik wird einem helfen, gute Fotos zu schießen, aber die Bilder werden anders aussehen. Vielleicht laufen wir in zehn Jahren mit einer 360-Grad-Kamera oder so etwas wie der Ray-Ban-Meta-Brille herum, die in der Zeit 150.000 Bilder aufnimmt und dir das beste heraussucht, weil sie gelernt hat, wie gute Bilder aussehen.
Dann wählst du als Bildredakteur nur noch aus oder die KI macht das, und der Leser bekommt, je nach Algorithmus, nur die Bilder angezeigt, die ihn interessieren. Hauptsache, es bleiben echte Bilder und keine KI-Sachen oder Beispielbilder. Archivbilder sind schon manchmal kritisch, aber Beispielbilder finde ich echt schwach.
NSB: Du bist fast von Anfang an beim Nordstadtblogger dabei. Wie blickst Du auf die Entwicklung des Mediums und dass es nur auf Ehrenamtlichen aufbaut?
Die Entwicklung finde ich auf jeden Fall sehr gut. Schön, dass so viele junge Menschen rein- und wieder rausgehen, dass wir Praktika anbieten und Leuten die Möglichkeit geben, die woanders vielleicht nicht so leicht reinschnuppern könnten.
Das Kommerzialisieren versuchen wir seit ein paar Jahren über Steady, also crowdfunding-mäßig, aber im Kern ist es Alexander Völkels Baby [Gründer und Redaktionsleiter von Nordstadtblogger.de, Anm. d. Red.]. Er trägt das.
Es gibt keine Verrückten, die so etwas auch aufziehen und in der Form machen wollen. Also gibt es bestimmt, aber die findest du nicht in den nächsten dreißig Jahren hier in Dortmund [lacht].
„Ehrenamt muss man sich leisten können“ steht auf dem Buch-Rücken von Achilles’ Fotoband, der zehn Jahre Dortmunder Lokaljournalismus dokumentiert. Das Zitat stammt von Nordstadtblogger-Gründer Alexander Völkel. Dieser Aussage stimmt Achilles nachdenklich. Es brauche Menschen, die sich einsetzen wollen, das stimmt. Das haben die letzten Jahre gezeigt. Der Nordstadtblogger ist dabei ein Dortmunder Beispiel, das zeigt, wie stark ehrenamtliche Arbeit eine Stadt prägen können. Doch dem Nordstadtblogger stehen, wie dem Rest des Lokaljournalismus, große Veränderungen bevor, meint Achilles.
NSB: Wozu braucht es Medien wie den Nordstadtblogger?
Er füllt das Loch, das die Westfälische Rundschau hinterlassen hat. [Die Westfälische Rundschau, jahrzehntelang Dortmunds führende Regionalzeitung, wurde 2013 als Redaktion geschlossen und existiert seither nur noch als „Zombie-Titel“, dessen Dortmunder Lokalteil – ebenso wie der von der WAZ – von der Konkurrenz (den Ruhr Nachrichten) zugeliefert wird, Anm. d. Red.] Vielleicht habe ich mir das Thema auch deshalb ausgesucht. Das Interesse dafür habe ich erst in den letzten Jahren entwickelt.

Dass dieser Lokaljournalismus so weggekauft und wegrationalisiert wurde, ist nicht gut und, wie andere erforscht haben, auch demokratiegefährdend. Ich habe im Grunde nur deren Forschung aufgegriffen. Es ist Fakt: Wenn wir zu wenig über das berichten, was um die Ecke passiert, verlieren wir den Bezug zu uns vor Ort.
Man kennt zwar angeblich jeden über sechs, sieben Ecken, aber das heißt nicht, dass wir über alles Bescheid wissen. Deshalb braucht man auch in einer Kommune wie Dortmund lokalen Journalismus. Sonst wird es Kacke und wir sehen ja gerade an anderer Stelle, etwa beim Rechtsruck, wie kacke es wird. Das ist sicher nicht die einzige Drehschraube, aber mitunter eine.
Selbst wenn es den Nordstadtblogger in zwanzig, dreißig Jahren nicht mehr gibt, wird er über die Stadtgrenzen hinaus ein Leuchtturmprojekt gewesen sein, das andere inspiriert hat. Wenn er stirbt, wird es einen Aufschrei geben, der verhallt. Aber dann gibt es bestimmt andere, die den Platz einnehmen und diese Demokratiearbeit machen.
Das Gespräch führte Lukas Pazzini.
Leopold Achilles, Jahrgang 1993, ist Fotograf (B.A.) und freier Journalist aus Dortmund. Er startete seine fotografische Laufbahn als Autodidakt und wagte mit Mitte zwanzig den Schritt zum Studium – inspiriert u. a. durch seine Teilnahme am Kunstwettbewerb „Junge³Kunst” 2015/2016 und einen Kulturaustausch in Smolensk (Russland). Seine Schwerpunkte liegen auf Reportage-, Dokumentar- und Porträtfotografie.
Wer Interesse an dem Fotoband: Nordstadtblogger. Zehn Jahre ehrenamtlicher Fotojournalismus in Dortmund“ oder an der wissenschaftlichen Arbeit: „Journalistische Verantwortung im Wandel: Ein visueller Vergleich von Print- und Digitalmedien am Beispiel Dortmunds“ von Leopold Achilles hat, kann sich bei dieser Mail-Adresse melden: hallo@leopoldachilles.de
Anm.d.Red.: Haben Sie bis zum Ende gelesen? Nur zur Info: Die Nordstadtblogger arbeiten ehrenamtlich. Wir machen das gern, aber wir freuen uns auch über Unterstützung!

