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Was haben Sklaverei und Kolonialismus mit der Flucht von Afrikanern zu tun? Sehr gut besuchte Veranstaltung klärt auf

Vortrag und Diskussion: Fluchtursachen von jungen Afrikanern in der Auslandsgesellschaft. Flüchtlinge aus Afrika berichten über ihre Flucht

Flüchtlinge aus Afrika berichten in der Nordstadt über ihre Flucht. Fotos: Klaus Hartmann

Von Claus Stille

Im gedrängt vollem Großen Saal der Auslandsgesellschaft NRW in Dortmund ging es  um Fluchtursachen von jungen Afrikanern. Dr. Klaus Gelmroth, Vorsitzender der Deutsch-Afrikanischen Gesellschaft, bat einleitend die Dortmunder MitbürgerInnen, die „Freunde aus Afrika nett und freundlich aufzunehmen“, damit sie sich hier heimisch fühlen können. Er gab zu bedenken, dass viele geflüchtete Afrikaner unter Traumata leiden.

Dr. Kajo Schukalla sprach über Fluchtursachen von AfrikanerInnen

Vortrag und Diskussion: Fluchtursachen von jungen Afrikanern in der Auslandsgesellschaft. Referent Dr. Kajo Schukalla

Referent Dr. Kajo Schukalla.

In einem ersten Input-Beitrag vermittelte der Koordinator des Ghana Forums NRW, Dr. Kajo Schukalla, einen übersichtlichen Einblick zum Thema Entwicklungsprojekte.

Von  Afrika und über die von dort Flüchtenden würde „von etwas schlicht gestrickten Mitmenschen und auch von den Medien oft ein Schreckgespenst an die Wand gemalt“.

Als die gravierendsten Fluchtgründe benannte der Referent Menschenrechtsverletzungen, Landraub, Armut, den Klimawandel, Geschlechterproblematiken, Perspektivlosigkeit und fehlende Religionsfreiheit.

Schukalla wies daraufhin, dass allein in den letzten fünf Jahren weltweit 15 Konflikte ausgebrochen sind. Entsprechend hoch ist die Zahl der Geflüchteten. Mittlerweile ist deren Zahl auf über 60 Millionen angewachsen. Allein 35 Millionen Binnenflüchtlinge gebe es.  Dr. Schukalla zeigte anhand einer Karte innerafrikanische Wander- und Fluchtrouten auf.

Und wies auf die in der Kolonialzeit willkürlich gezogenen Ländergrenzen hin, die heute noch etliche Konflikte zwischen Ethnien begünstigen. Land-Raub erklärte Schukalla, werde leicht möglich, weil in Afrika zumeist keine Kataster existierten. Die Vertreibung von Menschen und Entzug der Existenzgrundlagen sind die Folge.  Die Fläche, die afrikanischen Bauern in den vergangenen Jahren enteignet wurde, entspreche circa. einem Drittel der Agrarflächen in der EU.

Afrika, ausgenutzt als „Menschenreservoir“ und ausgebeutet wegen seiner Rohstoffe

Vortrag und Diskussion: Fluchtursachen von jungen Afrikanern in der Auslandsgesellschaft. ReferentSerge Palasie

Referent Serge Palasie.

 Serge Palasie, „Fachpromotor“ Flucht, Migration und Entwicklung NRW beim Eine-Welt-Netz NRW, überschrieb seinen Vortrag mit der Frage „Was haben volle Flüchtlingsboote mit der Geschichte von Sklavenhandel und Kolonialismus zu tun?“.

Er sprach über akzeptierte Geflüchtete und jene, die hier oft schlecht angesehen würden: die sogenannten Wirtschaftsflüchtlinge. Die also, denen hier meist vorgeworfen wird, sie hätten ihre Misere selbst verschuldet und wollten sich nun in Deutschland nur ins „gemachte Nest“ setzen.

Doch so einfach sei es nicht. Palasie stellte klar, keine „historische Schuldzuweisungen“ machen zu wollen. Er richtete seinen Blick auf die Zeit, als Afrika ins Interesse der Kolonialmächte rückte. Anfangs habe es durchaus noch eine „gewisse Kooperation auf Augenhöhe“ der Europäer, zunächst der Portugiesen, etwa mit dem Kongo gegeben.

Mit der Entdeckung Amerikas hat „das Übel für den afrikanischen Kontinent“ seinen Lauf genommen

Vortrag und Diskussion: Fluchtursachen von jungen Afrikanern in der Auslandsgesellschaft. Die Veranstaltung war sehr gut besucht

Die Veranstaltung war sehr gut besucht.

Nachdem die Portugiesen als erste europäische Nation die päpstliche Erlaubnis erhielten, die Märkte des Orients und des Fernen Ostens via Seeweg gen Osten zu erschließen, wurde dies seitens des Papsts den Spaniern ebenfalls erlaubt – nun jedoch über den westlichen Seeweg.

So seien sie auf Amerika gestoßen und „das Übel für den afrikanischen Kontinent“ habe seinen Lauf genommen.

Hart arbeitende Arbeitskräfte wurden bald benötigt – die Sklaverei begann. Afrika diente als „Menschenreservoir“.  Schätzungsweise an die 60 Millionen Menschen seien vom afrikanischen Kontinent geraubt worden, um sie zu versklaven. Davon erreichten nur 12 Millionen Amerika.

All das hinterließ Spuren. Der Verlust an Menschen hat historisch Afrika in seiner Entwicklung schwer geschadet. Verdient hätten Kolonialherren und deren Gewährsleute in Afrika. Die Ware Mensch sei dann freilich später abgelöst worden – von fossilen Brennstoffen und wichtigen Rohstoffen. Die sich anschließende Kolonialzeit schwächte Afrika ebenfalls stark.

Nach dem Erlangen der Unabhängigkeit sei bei den meisten afrikanischer Staaten bis heute kaum eine nachhaltige Industrialisierung gelungen.

Der Weiterverarbeitungs- und Veredelungsprozess afrikanischer Rohstoffe (von Bodenschätzen bis zu agrarischen Erzeugnissen), der die mit Abstand größten Gewinne einfährt, so Palasie, fände noch immer weitestgehend außerhalb Afrikas statt.

Ein fairer Handel zwischen Afrika, Europa und den USA findet nicht statt

Vortrag und Diskussion: Fluchtursachen von jungen Afrikanern in der Auslandsgesellschaft. Die Veranstaltung war sehr gut besucht

Interessierte Zuhörerinnen und Zuhörer in der Auslandsgesellschaft.

Wie ein Ghanaer einwarf, sei das vom Westen so gewollt. Denn damit sei eben großes Geld zu verdienen. Als ebenso verwerflich bezeichnete der Gast den Druck Europas auf die afrikanischen Länder. Ein fairer Handel fände nicht statt.

Allein der Export von Hühnern und selbst von Tomaten aus der EU nach Ghana ruiniere die dortigen Bauern. Beides könne dort billiger angeboten werden als gleichwertige ghanaischen Produkte, so auch der von ihnen in Ghana produzierte Mais.

Ghana habe u.a. wegen dem Hühnerexport  unlängst bei der EU protestiert. Europa habe den Protest mit Verweis auf Reglement der Welthandelsorganisation (WTO) abgebügelt.

Bemerkenswert: Als die afrikanische Länder unabhängig wurden, hätten Arbeitskräfte  in Europa im Schnitt rund 50 mal mehr verdient als in Afrika.

2010 hat sich diese Einkommenskluft mehr als verdoppelt! Sechzig Jahre politische Unabhängigkeit einschließlich Entwicklungspolitik haben also nichts zum Besseren gewandelt.

Der Zusammenbruch des Sozialismus führte zu einer weiteren Zäsur auf dem Kontinent

Vortrag und Diskussion: Fluchtursachen von jungen Afrikanern in der Auslandsgesellschaft. ReferentSerge Palasie

Referent Serge Palasie.

Serge Palasie wies auch auf die Zäsur hin, die nach dem Zusammenbruch sozialistischer Systeme um 1990 herum  in Afrika einsetzte. Die einzelnen afrikanischen Staaten waren bis dahin entweder vom Westen oder von sozialistischen Staaten unterstützt worden.

Der Kampf der Systeme hatte negative wie gute Seiten. Jedes wollte besser als das andere sein. Afrikanischen Staaten wurden so jeweils von einem der Systeme protegiert und geschützt.

Palasie verglich das auch mit dem geteilten Deutschland und der Situation nach dem Beitritt der DDR zur Bundesrepublik. Als das „Wettrennen der Systeme“ vorbei war, habe der Kapitalismus ungeniert sein wahres Gesicht zeigen und Sozialabbau betreiben können. Das anscheinend bessere Gegenmodell war ja offenbar erledigt.

Viele Menschen hierzulande, die nun angesichts der Flüchtlingskrise die Nase über die zu uns flüchtenden Menschen rümpften, hätten nie begriffen, worauf sich unser Wohlstand zu großen Teilen überhaupt gründet, merkte Serge Palasie an: nämlich wesentlich auf die Ausbeutung anderer Völker.

Wer also hier sage, so Palasie:  „Die Afrikaner hätten es nicht auf die Reihe gekriegt, weil sie faul unterm Baum sitzen und die Frauen arbeiten lassen. Und dann kommen die zu uns ins gemachte Nest“, der springe eben einfach entschieden zu kurz.

Junge Afrikanische Flüchtlinge berichteten über ihre Flucht und ihr Leben in Deutschland

Vortrag und Diskussion: Fluchtursachen von jungen Afrikanern in der Auslandsgesellschaft. Moderatorin Karin Herzog, Verein junger Deutsch-Afrikaner

Moderatorin Karin Herzog vom Verein junger Deutsch-Afrikaner in Dortmund.

Konkret um die Situation von Geflüchteten drehte es sich in einer von Karin Herzog vom Verein Junger Deutsch-Afrikaner geleiteten Gesprächsrunde. Daran beteiligt war der aus Nigeria stammende Sadik. Über Ghana nach Libyen und das Mittelmeer ist er nach Griechenland geflüchtet.

Sein Bruder starb dabei. 52 Leute waren in seinem Boot. Zirka 40 Menschen überlebten die Überfahrt. Sadik lebt seit vier Jahren in Deutschland. Er arbeitet für (1,50 Euro) pro Stunde in einem Dortmunder Flüchtlingsheim.

Er ist nur geduldet, die deutsche Sprache beherrscht er nicht. Was bei einigen Zuhörern Verwunderung auslöste, dürfte konkret mit seinem Aufenthaltsstatus zusammenhängen.

Sadik lebt seit vier Jahren in Dortmund, bekommt aber keine Arbeitserlaubnis

Vortrag und Diskussion: Fluchtursachen von jungen Afrikanern in der Auslandsgesellschaft. Flüchtlinge aus Afrika berichten über ihre Flucht

Flüchtlinge aus Afrika berichten über ihre Flucht.

Allerdings wurde Sadik im Rahmen der Veranstaltung darauf aufmerksam gemacht, dass es in Dortmund auch Vereine gebe, welche kostenlos Deutschunterricht erteilen.

Da dürfte sich also etwas anbahnen. Im Anschluss an die Veranstaltung wurden bereits entsprechende Absprachen mit Sadik getroffen.

Es wurde deutlich, dass in den Herkunftsländern der Flüchtlinge ein zu goldiges Bild von Deutschland gezeichnet wird.

Gemischte Gefühle hat Sadik nun hier: Einerseits fühlt er sich akzeptiert, andererseits macht ihm die Dauer seines Aufenthalts Sorge und das ihm noch immer eine Arbeitserlaubnis verwehrt wird.

Denn er sieht andere Leute, die noch nicht so lange hier sind und denen bereits erlaubt wird zu arbeiten. Manchmal frage er sich resigniert, ob seine Benachteiligung nicht womöglich mit seiner Hautfarbe in Zusammenhang steht. Deutschland entspricht nicht seinen ursprünglichen Vorstellungen.

Obwohl er seine Zukunft nicht allzu positiv sieht, hofft er dennoch weiter auf ein normales Arbeitsverhältnis. Die Ursachen seiner Flucht: Perspektivlosigkeit.

Noah flüchtete vor Ausländerfeindlichkeit in Griechenland und fühlt sich hier gut aufgenommen

Noah (20) dagegen ist ebenfalls vier Jahre in Deutschland. Allerdings spricht der in Griechenland geborene, sehr gut Deutsch. Er kam nach Deutschland, weil ihm die Bedrohung von Ausländern durch Rechtsradikale in Griechenland zu gefährlich geworden war.

Von den Deutschen fiühlt er sich gut aufgenommen. Noah erzählte, er sei weitgehend ohne spezielle Vorstellungen nach Deutschland gekommen.

Von der Arbeit mit Flüchtlingen in Dortmund berichteten Kossi Logovie und Kevin Matuke

Vortrag und Diskussion: Fluchtursachen von jungen Afrikanern in der Auslandsgesellschaft. Die Veranstaltung war sehr gut besucht

Viele Besucher fanden keinen Platz mehr.

An der Seite von Moderatorin Karin Herzog nahmen schließlich noch Kossi Logovie (Diakonie Phönix-Haus) und Kevin Matuke (Integrationsrat Dortmund) Platz. Kossie Logovie berichtete über die Situation im Phönix-Haus in Hörde.

Afrikanische neu zugewanderte Menschen sind dort in der Minderheit. Sie dürfen entgegen den Syrern keine staatliche finanzierten Sprachkurse bzw. Wohnung in Anspruch nehmen. Araber und Afrikaner gingen im Haus stets getrennte Wege, so Kossie Logovie.

Die Afrikaner sehen sich benachteiligt. Konflikte blieben nicht aus. Kossi Logovie versucht Spannungen durch das Organisieren von Fußballspielen abzubauen. Aufgefallen sei ihm, dass die Afrikaner früh aus dem Hause gingen und erst abends zurückkehrten. Sie seien eben immer auf der Suche „nach der Zukunft“.

Die Ausführungen der beiden Referenten ergänzte Matuke dahingehend, dass die Fluchtursachen einen langen Anlaufweg hatten. Seit Jahrzehnten schon hätten Fluchtbewegungen vorausgesehen werden können. Die Gründe für eine Flucht seien oft dieselben gewesen in der Geschichte: Der Wunsch nach einem besseren  Leben.

Gleichermaßen sprach Matuke die Auswirkungen von Korruption als einen weiteren  Fluchtgrund der Menschen in afrikanischen Ländern an. Letztlich trügen auch rosige Medienberichte dazu bei, Leute auf dem afrikanischen Kontinent zur Flucht zu ermuntern. Des Weiteren kritisierte Matuke, dass hier lebende Afrikaner bei Heimatbesuchen das Leben im Westen beschönigten. Oder die Leute wollten Kritisches über den Westen einfach nicht glauben.

Der Abend klang mit Musik und Gesprächen bei leckeren afrikanischen Spezialitäten aus

Den sehr gut besuchten, informativen Abend, veranstaltet vom Verein Junger Deutsch-Afrikaner e.V. , dem Planerladen e.V.  und der Deutsch-Afrikanische Gesellschaft, beschloss ein musikalischer Part.

Douglas Osei begleitete Noah (Gesang) auf dem Flügel. Im Eingangsbereich des Saals wurden leckere afrikanische Spezialitäten zum Verzehr angeboten.

Mehr Infos zum Verein Junger Deutsch-Afrikaner: vjda.de

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