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HINTERGRUND: Viele Umbrüche in der Neonazi-Szene in Dortmund und aktiver Personal-Austausch mit Chemnitz

Michael Brück (li.) tritt sein Ratsmandat nicht an, Matthias Deyda (re.) folgt ihm nach.

Michael Brück (l.) hat sein Ratsmandat Matthias Deyda (r.) überlassen und ist nach Chemnitz gezogen. Archivbilder: Alex Völkel

Von David Peters und Alexander Völkel

Die Dortmunder Neonazi-Szene ist um Umbruch. Nicht nur, dass ihr einstiger Frontmann Michael Brück mittlerweile nach Chemnitz umgezogen ist. Es sind auch der ehemalige Oberbürgermeister-Kandidat der Partei „Die Rechte“, der Ex-AfD-Kreisvorsitzende Bernd Schreyner, und sechs weitere Mitglieder mit sofortiger Wirkung aus der Partei ausgetreten.

Ex-AfD-Mann verlässt wegen „unüberbrückbaren Ansichten über die Neuausrichtung“ „Die Rechte“

Bernd Schreyner wurde als „Anführer des national-konservativen Flügels der Dortmunder AfD“ vorgestellt.

Bernd Schreyner wurde vor seinem Eintritt in „Die Rechte“ als „Anführer des national-konservativen Flügels der Dortmunder AfD“ vorgestellt.

„Die Gründe meines Austrittes liegen u.a. in den unüberbrückbaren Ansichten über die Neuausrichtung der Partei nach den Kommunalwahlen. Den nun angestrebten Weg kann und will ich nicht mitgehen“, betont Schreyner. Doch wie genau diese Neuausrichtung aussieht, dazu möchte sich Schreyner auch auf Nachfrage nicht äußern. Auch die Partei selbst schweigt sich dazu aus. 

„Ich bleibe der Kommunalpolitik in Dortmund jedoch erhalten, bleiben Sie für das kommende Jahr gespannt“, drückt er sich bewusst kryptisch aus. Außer Spesen nichts gewesen, könnte man kommentieren – denn wegen seiner Mitgliedschaft der Partei „Die Rechte“ hatte die Polizei auch Schreyners Waffenschein eingezogen.

In Dortmund war es in den vergangenen Monaten auffallend ruhig: Es kam zu keinen Demonstrationen und Kundgebungen. Selbst der Jahrestag des Verbots des Nationalen Widerstandes Dortmund (NWDO) wurde erstmals nicht „gewürdigt“. Nur am Volkstrauertag – der offizielle Akt wurde wegen Corona zu einem „Stillen Gedenken“ mit wenigen Offiziellen reduziert – traten die Neonazis in größerer Anzahl zu einem „Heldengedenken“ auf dem Hauptfriedhof an.

Dortmunder Neonazis pflegen enge Kontakte nach Chemnitz

Alexander Deptolla - hier „Zaungast“ des Gedenkens an die Reichspogromnacht in Dorstfeld - ist einer der führenden Köpfe.

Alexander Deptolla – hier „Zaungast“ des Gedenkens an die Reichspogromnacht in Dorstfeld – ist einer der führenden Köpfe.

Der Umzug des langjährigen Dortmunder Neonazi-Führers Michael Brück nach Chemnitz zeichnete sich schon länger ab. Spätestens nachdem bekannt geworden war, dass Brück seine Mandate im Dortmunder Stadtrat und der Bezirksvertretung-Huckarde nicht antreten wird, verdichteten sich die Gerüchte um einen Umzug nach Ostdeutschland. 

Auf der Seite seines Internet-Versandhandels (dem ehemaligen antisem.it-Versand) hat er dies aber noch nicht nachvollzogen – dort wird noch die Emscherstraße in Dorstfeld genannt. Zuvor soll Brück sich laut Chemnitzer Antifaschist*innen häufiger in Chemnitz aufgehalten haben, besonders im Umfeld von Pro Chemnitz. Die rechte Wählervereinigung wurde unter anderem von einem Rechtsanwalt gegründet, der nun auch der neue Arbeitgeber von Brück sein soll.

Der neue Wohnort ist sicherlich nicht zufällig gewählt: Dortmunder Neonazis waren immer wieder bei Spielen des Chemnitzer FC zugegen und pflegen Kontakte zur extrem rechten Chemnitzer Fanszene. So trat der aktuell inhaftierte Dortmunder Neonazi Christoph D. laut der Antifaschistische Recherche Chemnitz für die Hooligan-Gruppierung „Kaotic Chemnitz“ beim neonazistischen Kampfsport-Event „Kampf der Nibelungen“ (KdN) an, welches von Alexander Deptolla aus Dortmund mitorganisiert wird.

Im Rat ist es bisher deutlich ruhiger – AfD und Neonazi stimmen oft gemeinsam ab

Personalwechsel zwischen Dortmund und Chemnitz waren auch in der Vergangenheit keine Seltenheit. So zog beispielsweise der Kampfsportler und Neonazi Marvin E. aus der Ruhrmetropole in dieselbe Chemnitzer Straße, in der nun auch Brück wohnen soll. Im Gegenzug kam Jim Koal nach Dortmund. Koal hat aufgrund des Mandatsverzichts von Brück den verwaisten Platz in der Bezirksvertretung Huckarde übernommen.

Neonazi Matthias Deyda meldet sich bisher im Rat kaum zu Wort und stimmt häufig gemeinsam mit der AfD ab.

Neonazi Matthias Deyda meldet sich bisher im Rat kaum zu Wort und stimmt häufig gemeinsam mit der AfD ab.

Auch für Dortmunder Antifaschist*innen kam der Umzug Brücks und die Weitergabe des Ratsmandats an Matthias Deyda nicht sonderlich überraschend. Seine Rolle füllt dieser aber anders als Brück: Der hatte es sich zur Maxime erhoben, möglichst zu jedem Tagesordnungspunkt seine Redezeit auszunutzen und so die demokratischen Ratsmitglieder zur Weißglut getrieben. 

Deyda meldet sich hingegen bisher kaum zu Wort – und das obwohl es thematisch passende Möglichkeiten gegeben hätte. Er hatte sich primär in eigener Sache zu Wort gemeldet, als eine Ratsmehrheit ihm rechtswidrig einen beratenden Sitz im Bürgerdienste-Ausschuss verwehren wollte. Den Klageweg musste er aber nicht beschreiten – der OB rügte entsprechend der Gemeindeordnung den Beschluss und ließ neu darüber abstimmen, wo sich dann die meisten Ratsmitglieder enthielten.

Primär die AfD unterstützte Deyda, die bei sehr vielen Tagesordnungspunkten im Gleichklang abstimmten. Sticheleien wie zu Zeiten von Brück, der die AfD mitunter offen als „zu bürgerlich“ attackierte, blieben bisher aus. Wie sich das Verhältnis künftig im Rat weiter entwickelt, bleibt abzuwarten.

Der Neonazi-Ratsherr ließ angeblich einen Anwalt an die Stadt Dortmund schreiben, dass er von der Maskenpflicht befreit werden wolle. Dies lehnte die Stadt mit Verweis auf das Infektionsschutzgesetz ab. Der Anwalt soll derselbe Anwalt aus Chemnitz sein, bei dem Michael Brück heute arbeiten soll.

Ein schnelles Ende der Dortmunder Neonazi-Aktivitäten ist nicht zu erwarten

Der selbst erklärt „Nazi-Kiez“ in Dorstfeld - es gibt hier personelle Wechsel.

Der selbst erklärte „Nazi-Kiez“ in Dorstfeld – es gibt hier personelle Wechsel.

Doch wer mit dem Wegzug Brücks auf ein Ende der Nazi-Aktivitäten in Dortmund gehofft hatte, dürfte sich täuschen: „Es hat sich seit Längerem abgezeichnet, dass Brücks Zeit in Dortmund vorbei ist. Es haben sich schon länger andere Nazi-Kader in den Vordergrund gedrängt“, stellte die Pressesprecherin der Autonomen Antifa 170, Kim Schmidt, fest. 

Die Dortmunder Antifa-Gruppe mutmaßt, dass neben Deyda auch der KdN-Mitorganisator Alexander Deptolla die Führungsrolle Brücks innerhalb der lokalen Szene einnehmen wird. „Brücks Wegzug wird weniger verändern, als viele hoffen. Dortmunds Naziproblem hat sich damit nicht erledigt“, betont Kim Schmidt. Die aktuelle Tiefphase der Szene sei vielmehr Resultat einer Gemengelage aus zahlreichen Faktoren, so die Antifaschist*innen. 

Ein Grund für die derzeitige Schwächephase dürften auch die zahlreichen Haftstrafen von führenden Kadern wie Sascha Krolzig, Christoph Drewer, Matthias D., Steven F. und Galionsfigur Siegfried „SS-Siggi “Borchardt sein. Doch die Haftstrafen dauern nicht ewig und weitere Urteile sind teils noch nicht rechtskräftig – oder die Verfahren noch nicht einmal angesetzt.

 

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