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SERIE Nordstadt-Geschichte(n): Die Firma der Gebrüder Wolff war eine markante Adresse im Dortmunder Hafen

Stadthafen mit Hafenamt und dem Lagerhaus der Gebr. Wolff, um 1910 (Sammlung Klaus Winter)

Von Klaus Winter

Viele Unternehmen haben sich im Laufe der Zeit am Dortmunder Hafen angesiedelt. Eine große Zahl von ihnen existiert heute nicht mehr. Und obwohl sie in ihrer Zeit eine wichtige Rolle in der Stadt gespielt hatten, sind heute fast alle in Vergessenheit geraten. Eines dieser Unternehmen soll hier in Erinnerung gerufen werden: Die Kolonialwaren-Großhandlung der Gebrüder Wolff, die ihren Firmensitz mehr als 25 Jahre lang nahe dem Hafenamt hatte und dort auch einen großes Lagerhaus besaß.

Erster Firmensitz der Gebr. Wolff am Schwanenwall (Das Buch der alten Firmen von Groß-Dortmund, 1928)

Familie Wolff gründete ihren Großhandel mit bescheidenen Mitteln

Firmengründer Julius Wolff (Das Buch der alten Firmen von Groß-Dortmund, 1928)

Die Anfänge der Großhandlung liegen im Jahr 1882. Julius und Robert Wolff verfügten damals nur über geringe Mittel. Entsprechend bescheiden war der erste Firmensitz: ein einstöckiges, schmuckloses Häuschen am Schwanenwall Ecke Stiftsstraße. Hier waren sowohl Büro als auch Lager untergebracht.

Julius Wolff starb bereits 1888. Sein Grab auf dem Ostenfriedhof hat sich bis heute erhalten, wenn auch nicht unbeschädigt. Die Witwe Luise Wolff trat zunächst als seine Nachfolgerin in die Geschäftsführung ein. Später rückte an ihrer Stelle ein weiterer der insgesamt fünf Wolff-Brüder an ihre Stelle. Wilhelm Wolf engagierte sich besonders in der Führung einer Buchdruckerei und Papiergroßhandlung, die dem Hauptunternehmen angeschlossen war.

Die Geschäfte der Gebr. Wolff wuchsen beständig. Die Räumlichkeiten am Schwanenwall wurden deshalb bald zu klein. So musste der Firmensitz im Innenstadtbereich mehrfach verlegt und vergrößert werden.

Ein Grund für die positive Entwicklung wurde in einer stetigen, engen Zusammenarbeit von Groß- und Kleinhandel gesehen, wie sie die Wolffs stark förderten. Am Burgwall und an der Nordstraße, später an der Heroldstraße betrieben sie selber Einzelhandel.

Die Gebrüder Wolff erwarben Speicher im Hafen in der Nordstadt

Im Jahre 1904 musste die „Ein- und Verkaufsgenossenschaft für Getreide und landwirtschaftliche Bedarfsartikel für Westfalen eGmbH“ Konkurs anmelden. Die Genossenschaft hatte sich als eine der ersten am Stadthafen angesiedelt und zwar in großem Stil. Sie hatte ein Grundstück östlich des Hafenamts von der Stadt in Erbpacht genommen und darauf ein sechsstöckiges Speichergebäude mit ausgebautem Kellergeschoss errichtet hatte. Um die Baumaßnahme finanzieren zu können, musste die Genossenschaft allerdings einen hohen Kredit aufnehmen.

Architekten-Zeichnung des Lagerhauses, 1905 (Stadtarchiv Dortmund)

Ob die Belastungen durch den Kredit zu hoch waren oder ob die Geschäfte nicht wie erhofft liefen – die Genossenschaft ging in Konkurs. Der Konkursverwalter verkaufte im September 1904 das Lagerhaus auf dem 1.366 qm Grundstück an die Gebr. Wolff. Die verlängerten sogleich den Erbpachtvertrag mit der Stadt Dortmund um 44 Jahre, also bis 1948. Von nun ab hieß es „Gebr. Wolff – Dortmund-Hafen“ oder „Am Hafen“ – zu der Zeit eine offensichtlich hinreichend genaue Angabe, die die korrekte Anschrift Sunderweg 135 überflüssig machte.

Im Hafen entstand das Herz des Unternehmens

Eine große Übergangsfrist für die Neunutzung des Lagerhauses gab es nicht. Er musste von der Genossenschaft kurzfristig geräumt werden, wurde für die Zwecke der Gebr. Wolff umgebaut und dann rasch in Betrieb genommen.

1905 ließ man einen Feuermelder installieren, und 1906 wurde die Anlage einer Düngergrube genehmigt. 1907 baute man vom obersten Stockwerke zum Hafenbecken hin eine Verladevorrichtung mit festem Ausleger an. Dadurch wurde es möglich, am Beckenrand liegende Schiffe direkt vom Lagerhaus aus zu be- und entladen.

1907 ernannte die Firmenleitung Gustav Sternheim zum Prokuristen. Er bekleidete ab 1919 und bis in die 1930er Jahre auch das Amt eines Stadtverordneten in Dortmund.

Ende 1910 vergrößerten Gebr. Wolff durch die Hinzupachtung eines 385 qm großen Nachbargrundstücks ihr Gelände am Stadthafen. Auf der neuen Fläche entstand ein Wohn- und Bürohaus, das fortan als Firmensitz genutzt wurde.

Nach dem Ersten Weltkrieg kam es zu zahlreichen Veränderungen

Firmengründer Robert Wolff (Das Buch der alten Firmen von Groß-Dortmund, 1928)

Der Firmengründer Robert Wolff schied 1919 aus dem Geschäft aus. Er starb 1925. An seiner Stelle trat der Sohn Hans Wolff als Gesellschafter in das Unternehmen ein.

Die Großhandlung Gebr. Wolff ging mit der Zeit! 1921 wurde der Umbau eines Stallgebäudes am Lagerhaus beantragt. Er sollte in eine Kraftwagenhalle verwandelt werden. Dagegen hatte die Städtische Hafenverwaltung keine Einwände.

Zum 1. Januar 1925 erhielt der langjährige Mitarbeiter Heinrich Hiddemann Einzelprokura.

Nach langen, wirtschaftlich schweren Jahren – Erster Weltkrieg, Revolution, Inflation, Ruhrbesetzung – standen in der zweiten Hälfte der 1920er Jahre die Zeichen wieder auf Wachstum.  Gebr. Wolff plante einen Um- und Erweiterungsbau, und die Hafenverwaltung erklärte sich mit diesen Plänen einverstanden.

Auch im Juli 1929 war eine Vergrößerung des Firmensitzes noch im Gespräch: Die Hafenverwaltung wurde gebeten, ein Grundstück, das sich zu der Zeit in der Verfügungsgewalt einer Treuhandgesellschaft befand, für die Großhandlung zu reservieren, weil man es nicht als unwahrscheinlich ansah, „daß wir den Platz demnächst benötigen“.

Die Weltwirtschaftskrise setzte dem Dortmunder Unternehmen stark zu

Schreiben der Gebr. Wolff, 1929 (Stadtarchiv Dortmund)

Durch die Weltwirtschaftskrise, die Ende 1929 ausbrach, kam auch die Großhandlung Gebr. Wolff schwer ins Straucheln. Sie erlitt große Einbrüche und Verluste, konnte sich aber zunächst noch behaupten.

Um die schwierige Lage in den Griff zu bekommen, versuchte die Geschäftsleitung, Kosten zu sparen, wo es nur ging. So wurde die Hafenverwaltung im Januar 1932 gebeten, den Erbpachtzins möglichst deutlich zu senken. Dem Antrag wurde zwar entsprochen, doch war dieses Entgegenkommen aus Sicht der Gebr. Wolff nicht ausreichend.

Firmen-Jubiläum in schweren Zeiten

In einem Schreiben an die Stadtverwaltung vom 9. März 1932 hieß es: „Bei dieser Gelegenheit möchten wir nicht unterlassen zu bemerken, dass wir am 1. April dieses Jahres auf ein 50jähriges Bestehen zurückblicken und bis vor einem Jahr bedeutende Steuerzahler der Stadt Dortmund gewesen sind und wenn wir diese wirtschaftliche Krise überdauern, hoffentlich auch wieder gute Steuerzahler werden. Es ist daher auch im Interesse der Stadtverwaltung, uns zu unterstützen, zumal wir auch eine Reihe Angestellte beschäftigen, darunter 5 Beamte, die über 25 Jahre in unseren Diensten stehen.“

Die Stadtverwaltung gratulierte der Fa. Gebr. Wolff pünktlich zum 1. April 1932: „Zu Ihrem heutigen 50jährigen Geschäftsjubiläum gestatten wir uns die herzlichsten Glückwünsche auszusprechen. Wir fügen den Wunsch hinzu, daß die guten Beziehungen, welche bisher zwischen Ihnen und uns bestanden, auch in Zukunft fortbestehen möchten.“ Auch in der Tagespresse erschienen entsprechende Artikel.

Zum Feiern war am Hafen wohl Niemandem zumute, denn mit Glückwünschen allein konnte natürlich keine wirtschaftliche Wende eingeleitet werden. Es ging weiter bergab mit dem Unternehmen und das blieb nicht unbemerkt. Im August 1932 wollte die Rosenthaler Mühlenwerke AG, Breslau, durch ihren Betriebsleiter das Grundstück der Gebr. Wolff am Hafen besichtigen.

Stadt- und Schmiedinghafen mit dem Lagerhaus der Fa. Gebr. Wolff (links) und dem Städtischen Lagerhaus (rechts), um 1910 (Sammlung Klaus Winter)

Nach dem 50jährigen war das Ende nicht mehr aufzuhalten

Das Breslauer Unternehmen war nur eines von mehreren Interessenten. Den Zuschlag erhielt im Sommer 1933 die „Westfälische Speditions-Gesellschaft mbH“. In dem Mietvertrag hieß es, dass Gebr. Wolff ihr Lagerhaus nebst Einrichtungen wie elektrischen Aufzug, Paternoster-Aufzug etc. sowie die dazugehörigen Nebenanlagen (Garagen, Tank und Hofraum) vermietete. Büro und Wohngebäude blieben noch in der Verfügungsgewalt der bisherigen Eigentümers.

Wann genau die Zahlungsunfähigkeit der Gebr. Wolff zum Ende der über 50jährigen Unternehmensentwicklung führte, ist unklar. Die politischen Verhältnisse ab 1933 dürften einer Rettung des Unternehmens jedenfalls entgegengewirkt haben, denn die Wolffs waren eine jüdische Familie.

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