Die Story von Sarah und Sadiya: Über Vorurteile, Nazis und das Syndrom der gruppenbezogenen Menschenfeindlichkeit

Fachtagung Unrechtsbewusstsein im Rathaus
Prof. Dr. Beate Küper referierte auf der Fachtagung Unrechtsbewusstsein im Rathaus. Fotos: Klaus Hartmann

Sarah und Sadiya sind zwei fiktive Schülerinnen am Ende des vierten Schuljahres einer Bielefelder Grundschule. Die Zeugnisse sind geschrieben. Beide haben exakt die gleichen guten Noten und die gleichen Vorlieben. Sie interessieren sich für Tiere, lesen gerne und besuchen regelmäßig mit ihren Familien religiöse Einrichtungen: Sarah geht mit Papa und Mama Sonntags in die Kirche, Sadiya, deren Eltern aus Marokko stammen, besucht Freitags die Moschee. Zwei Brüder haben die Mädchen auch. Außer ihrer Herkunft unterscheidet die Kinder nichts. Die Versetzung zur weiterführenden Schule steht an – Gymnasium oder Gesamtschule, Hauptschule oder…?

“Wie würden sie entscheiden?“, fragt Professorin Dr. Beate Küpper von der Fachhochschule Niederrhein die anwesenden Lehrerrinnen und Lehrer, Schulsozialarbeiterinnen und Schulpsychologen aus Dortmund.

Gruppenbezogene Menschenfeindlichkeit und die Ideologie der Ungleichwertigkeit

Pro NRW Kundgebung Am Grimmelsiepen
Pro NRW Kundgebung gegen den Bau einer Moschee in Hörde.

Gut 160 von ihnen haben sich heute im Rathaus der Stadt auf Einladung der Koordinierungsstelle für Vielfalt, Toleranz und Demokratie, des Respektbüros, des Jugendrings und der Polizei Dortmund zur Fachtagung UnRechtsbewusstsein versammelt.

Wie sich 320 Studenten und Studentinnen der Uni Bielfeld im Fach Erziehungswissenschaften / Lehramt in Sachen Schulempfehlung für Sarah und Sadiya entschieden haben, erklärt die Sozialpsychologin am Ende ihres Vortrags“Gruppenbezogene Menschenfeindlichkeit“.

47 Prozent der Studentinnen und Studenten schicken Sarah aufs Gymnasium und nur 33 Prozent empfehlen Sadiya für die gleiche Schulform, trotz gleicher Voraussetzungen. „Aber wir haben es doch nur gut gemeint”, wiederholt Küpper die Argumente der Studenten. „Möglicherweise können Sadiyas Eltern ihr nicht so gut bei den Hausaufgaben helfen und da wäre sie auf der Gesamtschule besser aufgehoben.“

Wie Vorurteile entstehen, welche Funktion sie erfüllen, warum sie ein Problem für die Opfer sind, aber auch für die Sender, sprich Täter, sein können sind die Inhalte ihres Referats. Sie spricht von einem Syndrom der Gruppenbezogenen Menschenfeindlichkeit, deren Kern die Ideologie der Ungleichwertigkeit beinhaltet und eine breite Basis in der Gesellschaft findet.

Rechtsaffine Schülerinnen und Schüler sind der Alltag in der Schule

Neonaziaufmarsch in Dortmund
Neonaziaufmarsch in Dortmund.

„In der Regel haben wir es mit rechtsaffinen Jugendlichen zu tun“ erklärt sie mit Blick in die Runde, weniger mit harten Rechtsradikalen, diese versuchen ihre Positionen im Konsens mit weiten Teilen der Bevölkerung zu begründen. „Nicht jeder der sich rassistisch oder in anderer Form gegenüber anderen Gruppen äußert ist oder wird zum Nazi“, schränkt sie ein. Jedoch ist die Intervention gegen solche Tendenzen eine Daueraufgabe.

Sie spricht von den weichen Faktoren des Rassismus, den alltäglichen unterschwelligen Vorurteilen gegenüber anderen Bevölkerungsgruppen. Sie hält uns den Spiegel vor: Niemand kann behaupten, dass er davon frei ist.
Und weiter: Hass und Kriminalität rechtsorientierter Gruppierungen stehen nur an der Spitze einer Pyramide, die im Mittelbau Rechtspopulismus in Politik und Medien beheimatet und eine breite Basis in den Einstellungen der Bevölkerung findet.

Polizei verzeichnet Rückgang rechtsorientierter Straftaten in Dortmund

Fachtagung Unrechtsbewusstsein im Rathaus
Walter Kemper, Leiter des polizeilichen Staatsschutzes.

Um die Spitze der Pyramide ging es in den Vorträgen ihrer Vorredner. Walter Kemper, Leiter des Polizeilichen Staatsschutzes referierte über die aktuelle Lage des Rechtsextremismus in Dortmund aus Sicht der Polizei und erläuterte die Strategie der Behörde. „Ständige Repression, führe dazu, den Spaß am Rechts sein zu verlieren“ verweist er auf die erlebnisorientierten Jugendlichen im rechten Spektrum. „Aufkleber anbringen ist eine Ordnungswidrigkeit“, beschreibt er das frühzeitige Einsetzen der Polizei. Kemper berichtet vom Verbot des NWDO Dortmunds und der Razzia im Haus Rheinische Straße 135.

„Die dort gefundenen Gegenstände waren ein klarer Beweis für die Militanz der Gruppe.“ Gefunden wurden unter anderem, Schutzschilde, Messer, Schlagstöcke und drei scharfe Waffen nebst 1000 Schuss Munition. „In der neu gegründeten Partei „Die Rechte“ spielen Dortmunder eine wichtige Rolle“, verweist er auf die Nachfolgeorganisation des NWDO in Dortmund, die am 1. Mai 2013 zur Demonstration 450 Personen mobilisieren konnte. „ Damit war die dieser Aufzug die bundesweit größte Veranstaltung der Partei“.

Kemper referiert über Aktionen wie Demonstrationen im Wohnumfeld bekannter Dortmunder Politiker zur Weihnachtszeit, über ein verhindertes Rechtsrock-Konzert in Herne. „Dummerweise hat „Die Rechte“ den Fehler begangen, die Veranstaltung als Solidaritätskonzert für den NWDO anzukündigen, dadurch konnte polizeilich eingegriffen werden.“ Der Nationale Widerstand Dortmund (NWDO) war zu dieser Zeit schon verboten.

„Anfangs wurde Rechtsextremismus mit einer gewissen Nachlässigkeit behandelt“

Fachtagung Unrechtsbewusstsein im Rathaus
Hartmut Anders-Höpgen.

Letztendlich ist ein Rückgang rechtsextremistischer Straftaten in Dortmund zu verzeichnen. Eine ähnliche Bilanz zieht Hartmut Anders-Hoepgen von der Koordinierungsstelle für Vielfalt, Toleranz und Demokratie aus Verwaltungssicht.“ Die Nazis wurden zurückgedrängt, die Aufmärsche sind kleiner geworden. Im Jahr 2007 zählte man noch gut 1000 Teilnehmer an dem Antikriegstags-Aufmarsch, Im Jahre 2013 fanden sich nur noch cirka 400 Teilnehmer zusammen. „Anfangs wurde das Thema Rechtsextremismus in Dortmund mit einer gewissen Nachlässigkeit behandelt“, erklärt er die Entwicklung der Stadt zur Hochburg der Neonazis und erinnert an den bundesweit schlechten Ruf Dortmunds.

„Seit dem Ratsbeschluss von 2007 änderte sich dies, Gelder für zivilgesellschaftliche Maßnahmen wurden verdoppelt“, die Polizeiliche Repression wurde erhöht. Die Zusammenarbeit zwischen Polizei, Verwaltung und der Zivilgesellschaft wurde optimiert. „Der Wahlkampfauftakt der Partei „Die Rechte“ im Dortmunder Hafen konnte durch die Zusammenarbeit mit dem Ordnungsamt verhindert werden. Bauordliche und sicherheitsrelevante Aspekte führten zu einem Verbot der Veranstaltung. Ein schwerer finanzieller Verlust für die Nazis.

Sierau: Der scheidende Polizeipräsident „hat alle unsere Hoffnungen übertroffen“

Fachtagung Unrechtsbewusstsein im Rathaus
Der scheidende Polizeichef Norbert Wesseler.

Die Zusammenarbeit in der Stadt lobt auch der scheidende Polizeipräsident Norbert Wesseler in seiner Begrüßungsrede. „Das Thema Rechtsextremismus ist das Thema mit dem meine Arbeit am meisten verbunden wird“, beschreibt Wesseler seine Auftritte außerhalb der Stadt. „Wir nutzen alles was der Rechtsstaat hergibt.“Zuvor lobte ihn Oberbürgermeister Ullrich Sierau für dessen Arbeit. „Er hat alle unsere Hoffnungen übertroffen.“

Am Nachmittag ging es weiter mit  vielen Fachforen: Oliver Wilkes referierte beispielsweise zum Umgang mit rechtsextremen Äußerungen im Klassenzimmer, Gabriele Krieling, MIA-DO-KI, und Birgit Miemitz zu schulischen Handlungsoptionen gegen Demokratiefeindlichkeit. Den Abschluss der Veranstaltung gestaltete die Theaterpädagogische Werkstatt Osnabrück.

 

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