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Neuer PCB-Fall in Dortmund: Keine akute Gefährdung – mehr als 700 Gärten in einem Teil von Körne sind betroffen

Um das Werk herum sollte auf den Verzehr bestimmter Gemüse verzichtet werden. Karte: Stadt Dortmund

Dortmund hat einen neuen PCB-Fall, aber – und das ist die gute Nachricht – offenbar bei weitem nicht so umfangreich und gravierend wie damals bei ENVIO. Bei einem Kautschuk-verarbeitendem Betrieb in Körne (Hannöversche Straße) sind bei Messungen entsprechende Emissionen gemessen worden. Die Behörden haben Verzehrempfehlungen bzw.„Nicht-Verzehr-Empfehlungen“ für bestimmte Gemüse aus den umliegenden Gärten in einem lokal begrenzten Bereich in Körne ausgesprochen. Im Radius der Zone befinden sich allerdings vier Kleingartenanlagen mit 547 Gärten, Grabeland mit 45 Parzellen und schätzungsweise 120 Gärten an Wohnhäusern. Eine akute Gesundheitsgefährdung – insbesondere durch die Luft – wird derzeit nicht befürchtet. 

Nach einem Störfall in Ennepetal wurden alle Kautschuk-Verarbeiter überprüft

Das Landesamt für Natur, Umwelt- und Verbraucherschutz (LANUV) hatte Messungen im Umfeld der Firma M+S Silicon Gmbh & Co. KG in Körne vorgenommen und dabei aktuell erhöhte PCB-Werte festgestellt. Die Untersuchungen hat das LANUV im Auftrag des Ministeriums für Umwelt, Landwirtschaft, Natur- und Verbraucherschutz des Landes Nordrhein-Westfalen (MULNV) durchgeführt und ausgewertet. 

Ludger Wilde

„Wir haben keinen akuten Zustand, sondern einen Vorsorgezustand“, betont  Dezernent Ludger Wilde.

Anlass war das Austreten von mit PCB (Polychlorierte Biphenyle) belasteten Flocken Ende 2019 bei einem Unternehmen in Ennepetal. Landesweit wurden sieben weitere Unternehmen identifiziert, die ebenfalls Silikon-Produkte herstellen und dafür einen Prozess in Gang setzen, bei dem chlorhaltige sogenannte „Vernetzer“ eingesetzt werden. 

Dabei sind PCB entstanden und über die Abluftkamine der Produktionsöfen freigesetzt worden.  Eine akute Gefährdung gebe es nicht: „Wir haben keinen akuten Zustand, sondern einen Vorsorgezustand“, betont der zuständige Dezernent Ludger Wilde.

Das Unternehmen M+S Silicon an der Hannöverschen Straße gehört zu diesen Unternehmen. Dort werden seit 2001 von mittlerweile rund 160 Beschäftigten neben anderen Produkten auch silikonbasierte Bauelemente für Schienenfahrzeuge und medizinische Geräte hergestellt. Für diese Produkte war der Einsatz dieser Sorte Vernetzer bislang Standard.

Beschäftigte wurden nicht durch PCB geschädigt – Produktion wird schrittweise umgestellt

Unternehmensgründer und Geschäftsführer Jürgen Siedler zeigte sich geschockt und tief getroffen. Denn der betroffene Vernetzer – er wirkt wie Backpulver beim Kuchenbacken –  wird seit den 70er-Jahre weltweit in der Verarbeitung von Silikon eingesetzt.

Unternehmensgründer und Geschäftsführer Jürgen Siedler

Unternehmensgründer und Geschäftsführer Jürgen Siedler zeigte sich tief betroffen.

Dass dabei unbeabsichtigt PCB entsteht und austritt, war der Branche neu und erst durch den Fall in Ennepetal aufgefallen. Die Beschäftigten dort wie auch in Dortmund wurden bereits untersucht. Die Bluttests waren zum Glück nicht auffällig – die Werte lagen unter dem Normwert.

Das Dortmunder Unternehmen entschuldigte sich für die Folgen und die Unannehmlichkeiten für die Nachbarn des mittelständischen Unternehmens. „Das ist für uns eine Voll-Katastrophe, dass überhaupt PCB entsteht“, so Siedler. Daher will das Unternehmen einen rigorosen Schritt vollziehen:  „Wir haben mit Lieferanten gesprochen und Alternativen geprüft, um diesen Vernetzer zu ersetzen“, so Siedler. 

Ein Drittel der Produkte konnte in den vergangenen Wochen bereits umgestellt werden. Nach den Sommerferien sollen es zwei Drittel und bis Jahresende 90 Prozent der Produkte sein, die dann Peroxyd-frei hergestellt werden. Doch um die PCB-Emissionen zu unterbinden, die sich vorerst nicht vermeiden lassen, wird in der kommenden Woche ein zusätzlicher Elektrofilter eingebaut, der laut Hersteller 99 Prozent der PCB aus der Ablauft herausfiltern soll. „Den Wirkungsgrad werden wir mit Messungen überprüfen“, erklärt Jörg Gimpel von der Gemeinsamen Unteren Umweltbehörde der Stadt Dortmund, Hagen und Bochum.

„Wir können keine Gefährdung erkennen, können aber auch keine Gefährdung ausschließen.“

Dr. Frank Renken, Leiter des Gesundheitsamtes, im Hintergrund Unternehmensgründer und Geschäftsführer Jürgen Siedler (re.)

Dr. Frank Renken, Leiter des Gesundheitsamtes, im Hintergrund Geschäftsführer Jürgen Siedler (re.)

Eine sofortige Umstellung der Produktion ist jedoch auch aus einem anderen Grund nicht möglich: Denn viele der Produkte haben bestimmte Eigenschaften, zum Beispiel eine Beständigkeit gegen Säure oder Druck. „Wenn man die Rezeptur ändert, müssen die Produkte neu zugelassen werden – das kostet Zeit“, zeigt Gimpel Verständnis für die Probleme der Hersteller.

Das Areal um das Werk wurde und wird weiter untersucht, berichtet Markus Halfmann, stv. Leiter des Dortmunder Umweltamtes und Leiter des Sonder-Arbeitskreises PCB. Entsprechend der Hauptwindrichtung wurden drei Proben von Löwenzahnblättern untersucht, die in der Abwindrichtung bis zu zehnfache Werte über dem Orientierungswert ergaben. Weitere Untersuchungen und Messungen werden folgen, auch Bodenproben werden noch genommen.

Allerdings – und darauf verwies Dr. Frank Renken, Leiter des Gesundheitsamtes – seien dies Orientierungs- und keine Grenzwerte. Daher gebe es keine Hinweise, dass es dadurch bereits zu Schädigungen kommen könne: „Wir können keine Gefährdung erkennen, können aber auch keine Gefährdung ausschließen. Daher haben wir die Verzehrempfehlung mit dem LANUV abgestimmt“, so Renken.

Verzicht auf bestimmte Gemüsesorten aus dem eigenen Garten wird empfohlen

Von den Menschen im direkten Umfeld sollten vorsorglich die Empfehlungen für den Anbau und Verzehr von Nutzpflanzen beachtet werden. Betroffen sind u.a. die Kleingartenanlagen rund um das Gewerbegebiet in Körne (GV Lenteninsel, GV Schwarzer Kamp, GV Nord-Ost, GV Frohes Schaffen). Zudem sind 45 Parzellen auf einem Stück Grasland sowie schätzungsweise 120 private Gärten entlang der benachbarten Wohnbebauung betroffen. 

Günter Mohr vom Stadtverband der Dortmunder Gartenvereine

Günter Mohr vom Stadtverband der Dortmunder Gartenvereine. Fotos: Alex Völkel

Günter Mohr vom Stadtverband der Dortmunder Gartenvereine machte deutlich, dass die erhöhten PCB-Werte die „Gartenfreunde geschockt und getroffen“ hätten: „Man sieht, hört, riecht und schmeckt sie nicht. Die Gefährdung ist nicht erkennbar und uns daher nicht geheuer“, so Mohr. Daher sei es wichtig, über den Umgang mit den Gartenerzeugnissen zu informieren. 

Konkret verzichtet werden sollte vorsorglich vor allem auf großblättriges Gemüse wie Grünkohl, Mangold, Spinat, Pflücksalat, Feldsalat, Rucola, Rübstiel, Staudensellerie und Kräuter in größeren Mengen. Früchte und Gemüse, die sich gut waschen oder schälen lassen (Tomaten, Salatgurken, Äpfel, Birnen, Pflaumen, Erdbeeren, Kirschen, Beerenobst), können ohne Risiko gegessen werden. 

Auch Kopfsalat, Weiß- und Rotkohl sowie Blumenkohl sind kein Problem. Ebenfalls ohne Bedenken kann man Wurzel- und Knollengemüse (Möhren, Radieschen oder Kartoffeln) aus Eigenanbau auf den Tisch bringen. 

Informationen für Betroffene in Körne – weitere Untersuchungen werden folgen

Jörg Gimpel und Markus Halfmann berichten über die Untersuchungen und Auswirkungen.

Jörg Gimpel und Markus Halfmann berichten über die Untersuchungen und Auswirkungen.

In den betroffenen Bereichen werden Flugblätter verteilt, auch auf der Internetseite der Stadt und des Stadtverbandes sind Informationen abrufbar. Alle Beteiligten hoffen, dass nur in dieser Saison Rücksicht genommen werden muss. Bisher wurden die PCB-Belastungen nur in den Blättern gefunden. 

Allerdings stehen die Bodenuntersuchungen noch aus. Auch die Luftzusammensetzung sowie Staubmessungen werden noch folgen – alles in Absprache mit dem LANUV. Blutuntersuchungen von Anlieger*innen oder Gärtner*innen sind bisher nicht vorgesehen. Die Untersuchungen der Beschäftigten waren ja – wie berichtet – unauffällig.

„Blutuntersuchungen sind denkbar. Aber naheliegender Weise wollen wir erst die Ergebnisse aus Ennepetal abwarten – da wurden deutlich stärkere Belastungen gefunden“, betont Gesundheitsamtsleiter Dr. Frank Renken. „Wenn die Ergebnisse auffällig sind, dann werden wir uns auch einer solchen Überlegung nicht widersetzen.“ 

Hier gibt es das Merkblatt als PDF zum Download: Info-Flyer PCB Koerne

Um das Werk herum sollte auf den Verzehr bestimmter Gemüse verzichtet werden. Foto: Stadt Dortmund

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2 Gedanken über “Neuer PCB-Fall in Dortmund: Keine akute Gefährdung – mehr als 700 Gärten in einem Teil von Körne sind betroffen

  1. LINKE & PIRATEN drängen auf Aufklärung des neuen PBC-Falls (PM)

    LINKE & PIRATEN drängen auf Aufklärung des neuen PBC-Falls

    „PCB ist ein Stoff aus dem sogenannten schmutzigen Dutzend – PCBs sind weltweit verboten. Schlimm, dass Dortmund erneut einen Fall einer PCB-Freisetzung in die Umwelt hat.“ Utz Kowalewski, Vorsitzender und umweltpolitischer Sprecher der Fraktion DIE LINKE & PIRATEN im Dortmunder Rat, ist alarmiert. Schon wieder gibt es in Dortmund einen PCB-Fall. Schon wieder wurden die Vorsorgewerte überschritten. Schon wieder konnte bei einem Unternehmen – dieses Mal an der Hannöverschen Straße – ein Ausstoß der giftigen Chlorverbindung nachgewiesen werden.

    Kowalewski hat um eine ausführliche Berichterstattung in der Sitzung des Umweltausschusses am 10. Juni gebeten. „Zudem habe ich um die genauen Werte und die gefundenen PCB-Kongenere gebeten, damit wir die Situation und eine mögliche Gefährdungslage überhaupt seriös einschätzen und mit anderen Fällen vergleichen können. Die Stadt Dortmund ist aber bereits jetzt aufgefordert eine Informationsveranstaltung für die Anwohner des betroffenen Gebietes zu organisieren – natürlich unter Einhaltung aller Corona-Sicherheitsmaßnahmen“, fordert der Politiker der LINKEN.

    Der Envio-Skandal ist vielen Dortmundern noch in Erinnerung. Bei der unsachgemäßen Entsorgung und dem Recycling von Transformatoren war zwischen 2004 und 2010 so viel PBC freigesetzt worden, dass Mitarbeiter vergiftet wurden und schwere Schäden davon trugen. Die Firma wurde seinerzeit stillgelegt. Das Firmengelände selbst, aber auch die Umwelt waren verseucht. Bis heute darf in dieser Gegend kein selbst angebauter Grünkohl verzehrt werden. Das LANUV empfiehlt nun auch beim aktuellen Fall an der Hannöverschen Straße eine Verzehrwarnung für örtlich angebautes Gemüse auszusprechen.

    Wie schlimm ist es dieses Mal? „Es scheint nicht so heftig zu sein wie bei Envio“, sagt Utz Kowalewski, der damals mit seinen Recherchen zu Envio den Ball erst ins Rollen brachte. „Der Fall scheint eher gelagert zu sein wie in Ennepetal, wo ein Produktionsproblem bei der Herstellung von Silikon zur einer regelmäßigen PCB-Freisetzung geführt hat“. Auch dort wurde der Diplom-Biologe gebeten aus den Dortmunder PCB-Erfahrungen zu berichten. „In Ennepetal ist ausschließlich das PBC-47 freigesetzt worden – die Verursacherfrage war leicht zu klären, weil es PCB-47 in NRW nicht als Hintergrundbelastung gibt, wie bei einigen anderen PCBs. In Ennepetal regnete es in Form großer Rußflocken ab, fand sich in Vorgärten, auf Autos oder den Fensterbrettern der Anwohner wieder.“

    Das LANUV untersuchte daraufhin alle Silikonhersteller in NRW – in Dortmund mit einem klaren Befund. An drei Standorten rund um den fraglichen Betrieb wurden Proben genommen; zwei davon wiesen Werte oberhalb der Vorsorgewerte auf.

  2. GRÜNE: PCB-Belastungen müssen vollständig abgestellt werden (PM)

    GRÜNE: PCB-Belastungen müssen vollständig abgestellt werden

    Nach Ennepetal und Witten ist jetzt auch Dortmund von erhöhten PCB-Werten im Umfeld einer Anlage zur Silikonherstellung betroffen. Darüber hat die Stadt jetzt informiert. Entdeckt wurde der gesundheitsschädliche Stoff im Rahmen einer Sonderuntersuchung, die das Umweltministerium nach Bekanntwerden der PCB-Vorkommen in Ennepetal im Januar dieses Jahres für sämtliche weitere Betriebe dieser Art in NRW angeordnet hatte.

    „In Dortmund werden beim Thema PCB direkt Erinnerungen an Envio und damit an einen der größten Umweltskandale in der Geschichte der Stadt wach. Deshalb ist es jetzt besonders wichtig, die Menschen umfassend über die gemessenen Werte und die Auswirkungen auf ihre Gesundheit zu informieren und umgehend alle nötigen Schritte einzuleiten, um die Belastung mit den als krebserregend geltenden Stoffen zu stoppen“, so Ingrid Reuter, Fraktionssprecherin der GRÜNEN im Rat. „Wir begrüßen die aktive Informationspolitik des Umweltamtes und die Einrichtung von Homepage und Hotline für die Bürger*innen. Auch wenn es bisher noch keinen Verdacht einer gesundheitlichen Belastung gibt, kommt es jetzt darauf an, die richtigen Maßnahmen zu ergreifen. Dazu gehört vor allem, dass alle nötigen und möglichen Untersuchungen zum Schutz der Menschen umgesetzt werden – auch Blutuntersuchungen für diejenigen, die das zu ihrer Sicherheit wünschen. Nur so können alle Befürchtungen möglichst ausgeschlossen werden“, so Reuter. „Neben den bisher durchgeführten Messungen sollten zudem die angekündigten weiteren Pflanzenmessungen und Bodenuntersuchungen schnellstens durch Luft- und Staubniederschlagsmessungen, wie sie am Hafen durchgeführt werden, ergänzt werden“.

    Nach dem bisherigen Stand der Auswertungen setzen neben den Firmen in Ennepetal, Witten und Dortmund fünf weitere Betriebe in Nordrhein-Westfalen einen Stoff ein, der dazu führt, dass im Rahmen der Produktion PCB freigesetzt wird. Der Nachweis des PCB-Ausstoßes bei silikonverarbeitenden Betrieben scheint jetzt Anlass zu sein, die gesetzlichen Vorgaben für diese Branche endlich neu zu bewerten. Denn während PCB in Deutschland seit 1989 nicht mehr hergestellt oder in den Verkehr gebracht werden dürfen (PCB-Verbotsverordnung), benötigen silikonverarbeitende Betriebe bisher keine immissionsschutzrechtliche Genehmigung.

    „Das muss dringend geändert werden“, fordert Ingrid Reuter und ist damit nicht allein. Sowohl Bundes- als auch Landesgrüne haben bereits signalisiert, diese Forderung nachdrücklich voranzutreiben. Eine entsprechende Bundesratsinitiative wurde jetzt auf den Weg gebracht. „Jetzt muss auf Bundesebene die nötige Gesetzesänderung vorgenommen werden, um das PCB-Minimierungsgebot dahingehend weiter zu entwickeln, dass ein Ausstoß komplett vermieden und der Entstehung von PCB als Nebenprodukt einen Riegel vorgeschoben wird. Denjenigen, die seit 30 Jahren neben dem Werk in Dortmund ihren Garten hatten, wird das allerdings wohl nur ein geringer Trost sein.“

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