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Nach Kostenexplosion bei Sanierung: Neues Leben im Blücherbunker mit Transkulturalität und Nachhaltigkeit

Energetisch und brandschutztechnisch saniert - mit baulichem zweiten Rettungsweg - präsentiert sich der Blücherbunker.

Energetisch und brandschutztechnisch saniert präsentiert sich der Blücherbunker. Fotos: Alex Völkel

Von Alexander Völkel

Nach rund zwei Jahren – und damit deutlich später als erhofft – biegt der Umbau des Blücherbunkers in der Nordstadt auf die Zielgerade. Das Interkulturelle Zentrum (IKUZ), die Falken, der Teens- und Jugendtreff, das AWO-Streetwork und die Migrationsberatung sind hier (wieder) zu Hause. Nach zahlreichen Einschränkungen und räumlichen Provisorien für die Nutzer*innen freuen sich die Einrichtungen bereits darauf, die Arbeit in dem städtischen Gebäude wieder aufzunehmen. Der Umbau dauerte nicht nur deutlich länger, sondern wurde auch deutlich teurer. Obwohl der Bunkerumbau noch nicht endabgerechnet wurde, liegen die Baukosten schon jetzt bei rund 1,8 Millionen Euro, bestätigt Stadtsprecher Michael Meinders. Das ist rund das Sechsfache der ursprünglich von der Stadt kalkulierten Kosten.

Der Brandschutz und die energetische Sanierung im Bunker gingen richtig ins Geld

Eigentlich im Herbst 2018 hatten die Einrichtungen in „ihren“ Bunker zurückkehren wollen. Sie sind die schwierige Übergangszeit – unter anderem durch die temporäre Nutzung von gleich zwei Übergangsquartieren hintereinander – leid. Nun bereiten sie die Wiederinbetriebnahme vor. Es fehlt allerdings noch die endgültige Bauabnahme. Auch diese hatte sich in Zeiten von Corona verzögert. ___STEADY_PAYWALL___

Frank Czwikla ist froh, dass die Bauarbeiten fast abgeschlossen sind. Ein Kostentreiber war der Brandschutz mit dem zweiten Rettungsweg.

Frank Czwikla ist froh, dass die Bauarbeiten fast abgeschlossen sind. Ein Kostentreiber war der Brandschutz mit dem zweiten Rettungsweg.

Nötig war der Umbau des Bunkers aus Gründen des Brandschutzes. Auch die energetische Sanierung war ein zentraler Faktor. Ein Manko waren vor allem die Fenster. Die jahrzehntealte Einfach-Verglasung musste gegen neue Fenster ausgetauscht werden. Allerdings gab es vor allem am Fußboden und im Elektrobereich unvorhersehbare Schwachstellen. Daher verzögerte sich die Fertigstellung immer weiter. 

Zwischenzeitlich hatte die Stadt sogar geprüft, ob die Sanierung wegen der Kostenexplosion noch abzubrechen sei. Allerdings waren da die Arbeiten schon zu weit gediehen und die Unternehmen beauftragt, sodass nach einer mehrwöchigen Unterbrechung die Arbeiten wieder aufgenommen wurden. 

„Die Kosten bei einem Baustopp wären auch relativ hoch gewesen. Deshalb war ein Weiterbauen offenbar die weniger schlechte Lösung“, macht Frank Czwikla von der Baukommission der AWO deutlich. Hätte die Stadt diese Kosten früher absehen können, wäre vielleicht auch eine Entkernung des Bunkers und eine Gesamtsanierung möglich gewesen.

Mit Blick auf die zahlreichen kostenträchtigen Überraschungen ist man bei der AWO froh, dass man seinerzeit den Bunker nicht für einen symbolischen Euro von der Stadt gekauft hatte. Nun hoffen sie auf die Freigabe des Blücherbunkers, der für die Arbeit im Stadtteil dringend benötigt wird. 

Trotz millionenschwerer Investitionen ist das Gebäude auch künftig nicht barrierefrei

Insbesondere nächtliche Gelage sowie Drogenkonsum- und -handel sind ein ungelöstes Problem.

Insbesondere nächtliche Gelage sowie Drogenkonsum und -handel sind ein ungelöstes Problem.

Selbst wenn die Arbeiten abgeschlossen sind und der bauliche zweite Rettungsweg realisiert ist, bleibt das Bunkergebäude weiterhin – mit Ausnahme des Teens- und Jugendtreffs im Erdgeschoss – nicht barrierefrei.

Ein weiteres ungelöstes Problem ist die ungenutzte Grünfläche hinter dem Bunker – hier tummeln sich vor allem Kiffer und auch Dealer. Es gibt Beschwerden der Nachbarn und auch der Nutzer*innen des Bunkers – insbesondere, wenn Drogen vor dem Teens- und Jugendtreff konsumiert werden oder am Folgetag die Hinterlassenschaften von nächtlichen Gelagen sichtbar werden. Daher würden die verschiedenen Einrichtungen gerne die Grünfläche für eigene Aktivitäten nutzen und auch den Bereich einzäunen. 

Doch eine Entscheidung über die Nutzung der Freifläche gibt es nicht: „Aktuell wird die grundsätzliche Bebaubarkeit des Grundstücks mit einer Kindertageseinrichtung für drei bis vier Gruppen durch den Fachbereich Liegenschaften mittels einer Machbarkeitsstudie geprüft“, berichtet Stadtsprecher Michael Meinders.

Neues Konzept für die Nutzung: Bunker-Mieter*innen als Hausgemeinschaft

Die große Grünfläche würden die Einrichtungen gerne in die Arbeit einbeziehen - doch die Stadt prüft, ob hier der Bau einer Kita möglich wäre.

Die große Grünfläche würden die Einrichtungen gerne in die Arbeit einbeziehen – doch die Stadt prüft, ob hier der Bau einer Kita möglich wäre.

Dennoch arbeiten die Nutzer*innen am künftigen Konzept des Hauses und der möglichen Nutzung der Freifläche. Das Neue: Nicht die einzelnen Einrichtungen, sondern der Bunker in seiner Gesamtheit soll stärker in den Mittelpunkt treten – quasi als Hausgemeinschaft. 

Die Einrichtungen und Mieter*innen wollen stärker kooperieren und ihre Aktivitäten gemeinsam der Öffentlichkeit präsentieren. Sie definieren derzeit den gemeinsamen Nenner, um die Arbeit dann noch stärker als bisher schon auf das Quartier auszurichten. Außerdem wollen sie die direkten Nachbarn, aber auch die Menschen aus dem Hafen-Quartier noch stärker einbinden, berichtet Ricarda Erdmann, Leiterin der AWO-Migrationsdienste. 

Dabei soll auch – sollten sie die Nutzungserlaubnis bekommen – die Freifläche stärker eingebunden werden. Vielfältige Nutzungen seien hier denkbar. Neben „Urban Gardening“ – also einem Gemeinschaftsgarten-Projekt – schwebt den Migrationsdiensten auch ein deutlich größeres Nachhaltigkeitsprojekt vor.

Nachhaltige Bildung und Entwicklung als Schwerpunkt der partizipativen Arbeit

Ricarda Erdmann hat dabei das Konzept von „sevengardens“ im Blick. Das Programm „sevengardens“ ist eine global agierende Netzwerkinitiative des gemeinnützigen Vereins atavus e. V.. Basis der Arbeit sind Färbergärten. Die Gewinnung von Naturfarben aus Färberpflanzen ist Ausgangspunkt für ein niedrigschwelliges Partizipationsmodell. 

Nachhaltigkeit in Kombination mit sozialen und ökologischen Innovationen könnten eine Lösung sein.

Nachhaltigkeit in Kombination mit sozialen und ökologischen Innovationen könnten eine Lösung sein.

Darüber hinaus initiiert „sevengardens“ vielfältige Projekte, insbesondere in den Bereichen Bildung für nachhaltige Entwicklung, Erhaltung der Biodiversität und Förderung lokaler Wirtschaftskreisläufe. Das können Gartenbauprojekte, Upcyling, Repaircafés, Fairtrade-Kiosk, Bücherschrank, Foodsharing-Projekte und vieles andere sein, um nur einige Beispiele zu nennen.

Der Trägerverein von „sevengardens“ setzt sich mit seinen Färbergärten für Kunst und Kultur ein. Dies u. a. durch die wissenschaftliche Erforschung und durch experimentelle Archäologie von überkommenen Handwerkstechniken und deren Wiederbelebung. Das Besondere: Dies funktioniert auch ohne Sprache – auf Augenhöhe werden Barrieren zwischen Generationen, Sprachen und Kulturen überwunden.

Auf der Grundlage dieser wiederbelebten Techniken sollen außerdem nachhaltig Erziehung und Bildung, Naturschutz, Entwicklungshilfe und internationale Gesinnung gefördert werden. Menschen aus aller Welt können so traditionelle Fertigkeiten bereichernd in die Arbeit von hochtechnisierten Gesellschaften einbringen.

Das „IKUZ“ ist bald Geschichte – der künftige Fokus liegt auf Transkulturalität

Die AWO-Migrationsdienste packen schon aus - in gleich zwei Provisorien mussten sie arbeiten.

Die AWO-Migrationsdienste packen schon aus – in gleich zwei Provisorien mussten sie arbeiten.

Das passt für die Migrationsdienste gut zur bisherigen und künftigen Arbeit. Denn diese richtet sich auch neu aus. Augenfälligstes Merkmal: Der Name „Interkulturelles Zentrum“ oder kurz „IKUZ“ soll künftig verschwinden.

„Wir wollen den Titel erneuern und den veränderten Inhalten anpassen. Interkulturelles ist in der Migrationsarbeit fachlich überholt. Wir reden heute von Transkulturalität“, erklärt Erdmann. Dabei wird neben der Arbeit mit Zugewanderten verstärkt die sogenannte Aufnahmegesellschaft in den Blick genommen.

Das neue Label soll gemeinsam mit der Bunkergemeinschaft entwickelt werden und auch die Bewohner*innen des Quartiers sollen hierbei mitmischen. Künftig sollen die Aktivitäten der Migrationsdienste über einen neuen Auftritt in den sozialen Netzwerken einem breiteren Publikum zugänglich gemacht werden. So wird zumindest virtuell Barrierefreiheit möglich.

Nachhaltigkeit ist nicht mehr nur ein Thema für den gebildeten Mittelstand

„AWO-Lesezeichen“ heißt der öffentliche Bücherschrank, der vor dem Eugen-Krautscheid-Haus steht. Foto: Alex Völkel

„AWO-Lesezeichen“ heißt der öffentliche Bücherschrank, der vor dem Eugen-Krautscheid-Haus steht. Foto: Alex Völkel

Inhaltlich werde viel mehr über Nachhaltigkeit und globale Gerechtigkeit geredet – denn diese hätten mit der Arbeit mit Zugewanderten vor Ort viel zu tun. Stichwort: Was hat Ausbeutung der Ressourcen mit Migration zu tun? Dem Thema widmet sich die Integrationsagentur schon länger und hat dazu auch im vergangenen Jahr eine Bildungskonferenz in der Nordstadt organisiert.

Sie wollen das Thema Nachhaltigkeit  – bisher eher ein Thema für den gebildeten Mittelstand – in die Arbeit mit den Menschen aus benachteiligten Bevölkerungsgruppen bringen, mit denen die AWO in der Nordstadt sehr niederschwellig arbeitet. So soll deren Lebenswirklichkeit mit den Herausforderungen nachhaltigen Lebens in Einklang gebracht und auch neue Perspektiven für die zumeist zugewanderten Menschen entwickelt werden.

„Wir wollen soziale Verantwortung erfahrbar und erlebbar machen. Denn das Thema Nachhaltigkeit soll nicht nur dem Mittelstand überlassen werden. Warum sollen nicht auch Menschen mit kleinem Geldbeutel ökologische und fair gehandelte Produkte nutzen können?“ So sollen die Mehrkosten beispielsweise über Spendengelder ausgeglichen werden. 

Alte Kulturtechniken sollen Zuwander*innen neue Einnahmen ermöglichen

Das Symposium findet im Rahmen des "Djelem Djelem" Festivals statt, das inzwischen zum vierten mal in bunt gemischtes Programm bietet. Foto: Alex Völkel

Das Roma-Kulturfestival setzt auf Empowerment, nicht auf Stigmatisierung. Nun sollen alte Fertigkeiten den Zugewanderten neue Perspektiven erschließen.

Außerdem sollen sich Menschen, die mit traditionellen handwerklichen Fertigkeiten vertraut sind, beispielsweise im Landbau, einbringen. Denn alte Techniken wie das Fermentieren erleben in Deutschland eine Renaissance.

Selbst in anderen europäischen Ländern wie Rumänien ist das teils noch Alltag – und lebensnotwendig, um Lebensmittel haltbar zu machen. Diese Fähigkeiten an andere zu vermitteln und damit sogar zum eigenen Lebensunterhalt beizutragen, soll eine Facette der künftigen Arbeit sein. 

„Wir wollen die Relevanz für unsere Klient*innen und unsere Arbeit herausfinden und Schritte weiterdenken, wie dadurch lokale Wirtschaftskreisläufe gestartet werden können. Zum Beispiel könnten Frauen Kinderkleidung ohne belastende Chemikalien upcyclen und hier verkaufen. Sie könnten sich so eine Einkommensquelle oder ein Zubrot verschaffen. Auch im Bereich von Bildungsmaßnahmen sind solche Ansätze denkbar“, skizziert Erdmann die Überlegungen.

Es ist ein Querschnittsthema: „Gesunde Ernährung bewegt immer mehr Menschen. Bisher schauen sie vorerst auf Bio, aber noch nicht mit sozialer Gerechtigkeit“, betont Frank Czwikla. „Das Thema ist vielen Menschen nicht mehr so fern wie früher. Viele Jugendliche aus schwierigen Verhältnissen wissen heute viel über gesunde Ernährung und Körperlichkeit. Und Schulen machen das auch.“ 

Auch künftig Arbeit auf Augenhöhe – die offizielle Eröffnungsfeier muss Corona-bedingt noch warten

Tobias Petschke ist froh, dass die Belastungen durch den Umbau für den Teens- und Jugendtreff vorbei sind.

Tobias Petschke ist froh, dass die Belastungen durch den Umbau für den Teens- und Jugendtreff vorbei sind.

Entscheidend sei die Vermittlung auf Augenhöhe – die Menschen müssten deren Bedeutung erkennen und ihre eigenen Fähigkeiten einbringen können. „Dann haben wir eine Win-Win-Situation“, ergänzt Ricarda Erdmann.

Diese Zukunftsmusik ist das eine, dass die Einrichtung wieder öffnen kann, das andere. Vor allem im Teens- und Jugendtreff atmet dessen Leiter Tobias Petschke erleichtert durch. Denn der Jugendtreff sollte – anders als anderen Nutzer*innen – auch während der Bauzeit vor Ort geöffnet bleiben.

„Es war eine schwierige Übergangszeit. Ich bin froh, dass das vorbei ist“, gesteht Petschke. In den zwei Jahren musste er mit Baulärm, Dreck und sogar zwei längeren Schließungen kämpfen. Nun freut er sich auf Normalität. Der sofortige Neustart musste allerdings wegen Corona warten. Wann es eine große offizielle Eröffnungsfeier geben wird, ist auch daher noch offen. Derzeit hofft die Bunkergemeinschaft auf November!

 

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