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Nach 25 Jahren startet der Prozess im Mordfall Nicole-Denise Schalla vorm Landgericht: Angeklagter bestreitet Tatvorwürfe

Vor dem Landgericht Dortmund hat 25 Jahre nach dem Mord an der 16-Jährigen der Prozess begonnen. Foto: Alex Völkel

Es geschah in der Nacht des 14. Oktober 1993. Die damals 16-jährige Gymnasiastin Nicole-Denise Schalla macht sich am späten Abend auf den Heimweg von ihrem Freund, mit dem sie den Nachmittag in seiner Wohnung in Herne verbracht hat. Um von Herne ihre elterliche Wohnung in Dortmund-Rahm zu erreichen, muss sie die unvorteilhafte Busverbindung mit mehreren Umsteigestationen in Kauf nehmen. Als sie schließlich ankommt, nur wenige Meter von ihrem Zuhause entfernt, beobachten verschiedene Augenzeugen, wie eine weitere Person hinter ihr aus dem Bus steigt. Sowohl Nicole als auch der Fremde verlassen die Bushaltestelle in gleicher Richtung.

Richter Windgätter: „Vor Gericht soll nun Licht ins Dunkel gebracht werden.“

Was dann genau geschah ist unklar und soll nun vor Gericht geklärt werden. „Das Ganze liegt sehr lange zurück. Nun ist es Aufgabe des Gerichts, Licht ins Dunkel zu bringen“, so der Vorsitzende Richter der 39. Strafkammer des Dortmunder Landgerichtes, Peter Windgätter.

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Am Morgen des 15. Oktober 1993 wird Nicoles lebloser, halbnackter Körper gefunden. Schnell steht fest, dass das junge Mädchen einem Sexualdelikt zum Opfer gefallen ist und erwürgt wurde. Doch da die Leiche eine ganze Nacht in strömenden Regen gelegen hatte, gestalten sich die Ermittlungen sehr schwierig. Die meisten Spuren sind durch den Regen abgewaschen worden.

Dennoch nehmen die Beamten mittels Folien Spuren vom Körper und der Kleidung des jungen Mädchens auf. Als erste Abgleiche mit Täterprofilen in den Datenbanken des LKA keine Treffer ergeben, werden die Folienträger gelagert. Schon damals steht fest, dass sich die Methoden der DNA-Analyse mit dem technischen Fortschritt weiterentwickeln und verfeinern werden.

Spurenträger wurden über die Jahre den verschiedensten Analysemethoden unterzogen

Nicole-Denis Schalla. Foto: Privat-Archiv

Seit 2000 ist der Kripobeamte Uwe B. mit dem Fall Nicole-Denise Schalla betraut. Vor Gericht berichtet er, dass erste Untersuchungen der Folienspuren unmittelbar nach der Tat keine Ergebnisse hervorbrachten. Man habe sie dann im Jahr 2000 nochmals vom Rechtsmedizinischen Institut in Münster analysieren lassen, was wiederum keine neuen Erkenntnisse brachte.

2007/2008 sei das neuartige Ethanolverfahren zur Extraktion von DNA-Spuren auf die Proben angewandt worden, woraufhin man zwei DNA-Spuren auf dem T-Shirt des Mädchens entdeckte. „Wir haben dann nochmals Speichelproben von über 90 Personen genommen aber ohne Erfolg“, so der Kripo-Beamte.

Um Proben für weitere Analysen zu haben, wurden die Folien jeweils zerschnitten und nur Teile analysiert. Im August diesen Jahres habe man sich entschieden die verbliebenen Folienträger an ein Analyseinstitut in München zu überstellen. Während die Proben vom T-Shirt sich als unbrauchbar erwiesen, gelang plötzlich der Durchbruch. Auf einer Folie vom rechten Leistenbereich des Mädchens entdeckten die Spezialisten eine einzelne Hautschuppe.

Eindeutige DNA-Zuordnung nach 25 Jahren bringt Fahnder auf die Spur von Ralph H.

Vor dem Landgericht Dortmund wird der Fall verhandelt.

Die Abgleiche mit den Datenbanken ergaben einen eindeutigen Treffer. Es folgte die Festnahme von Ralph H., der nun unter dringendem Tatverdacht steht. „Als ich den Angeklagten mit dem Tatvorwurf des Mordverdachtes konfrontierte, hat dieser mich wie in Schockstarre erstmal fünf bis zehn Sekunden nur angestarrt“, erklärt Kripobeamter B. 

Als er sich wieder etwas gefasst hatte, soll er gesagt haben, dass er niemanden umgebracht habe. Er machte keine weiteren Angaben und fragte den Beamten, ob es sich um einen Raub oder um eine Sexualdelikt gehandelt habe. Auch vor Gericht äußerte sich Ralph H. zunächst nicht.

Durch seinen Anwalt Giebeler ließ der 53-Jährige H. erklären, keine Angaben zum Sachverhalt machen zu wollen und die Tatvorwürfe von sich zu weisen. Anschließend ging das Gericht zur Beweisaufnahme über und hörte die ersten Zeugen an.

Freund: „Ich habe Nicole noch gefragt, ob mein Vater sie nicht nach Hause fahren soll.“

Auch Aktenzeichen XY ungelöst berichtete über den Fall Nicole Schalla.

Deckungsgleich berichteten der Busfahrer und eine Zeugin, die damals in unmittelbarer Nähe der Haltestelle wohnte, an der Nicole ausstieg, dass unmittelbar nach der Schülerin eine männliche Person den Bus verlassen habe und sich in gleicher Richtung wie das junge Mädchen auf den Weg machte. 

Aufgrund der langen Zeit, die seit dem Mord vergangen ist, fiel es den Zeugen schwer, genauere Angaben über die zweite Person zu machen. Zudem habe sich der Betroffene direkt nach dem Aussteigen seine Kapuze übergezogen. 

Auch der damalige Freund von Nicole Denise Schalla, war als Zeuge geladen und bestätigte, dass man den Nachmittag und Abend des Tattages gemeinsam verbracht habe. „Ich kann mich noch erinnern, dass ich sie gefragt habe, ob mein Vater sie nicht nach Hause fahren solle, da es so stark geregnet hatte“, so der damalige Freund.

Fühlte sich Nicole schon im Vorfeld beobachtet und verfolgt?

Nicole-Denise Schallas Leidenschaft waren Pferde und so verbrachte sie regelmäßig zwei bis drei Tage die Woche in einem Reitstall. Mehrere FreundInnen aus diesem Umfeld wurden angehört. Im Zuge der Befragung des Freundes und dieser FreundInnen kam es zu einigen Unklarheiten. So berichteten einige davon, dass Nicole schon einmal erwähnt hätte, dass ihr ein Auto aufgefallen sei, dass sie zu verfolgen schien. 

Bei den damaligen Polizeiaussagen finden sich mehrfach diese Beschreibungen. Heute fällt es den Zeugen schwer, sich daran zu erinnern. Ihr Freund räumte in seiner Vernehmung ein, in seiner Jugend kein Kind von Traurigkeit und Mitglied einer Jugendgang gewesen zu sein. Dadurch sei er öfter in Schlägereien verwickelt worden.

Für Angeklagten-Anwalt Giebeler ein wichtiger Aspekt. Denn die mittlerweile verstorbene Großmutter der Gymnasiastin hatte damals ausgesagt, dass ein Polizist aus Castrop-Rauxel sie angerufen habe, um einen Termin mit Nicole zu vereinbaren, die eine Aussage bezüglich einer Schlägerei machen sollte, an der ihr Freund beteiligt gewesen war.

Mysteriöse Telefonanrufe und Grabschändung nach der Beerdigung

Todesanzeige der Familie in der Lokalpresse zum zehnten Jahrestag.

Dies würde zumindest aus Sicht der Anwälte des Angeklagten ein etwaiges Motiv für die Tat darstellen. Der gesamte Sachverhalt blieb jedoch zunächst recht nebulös und die weiteren Verhandlungstage werden zeigen, ob er eine gewichtige Rolle im Verfahren spielen wird. Selbiges gilt für die erwähnte Verfolgung Nicoles durch einen unbekannten PKW.

Die Eltern des Opfers, Joachim und Siegrid Schalla, treten im Prozess als Nebenkläger auf. Auch sie kamen am ersten Verhandlungstag zu Wort und berichteten über Nicole und von ihren letzten Kontakten zu ihrer Tochter. Sichtlich erschüttert erzählte Mutter Siegrid, dass sie noch am Tattag gegen elf Uhr mit Nicole telefoniert habe.

Sie habe noch Kekse backen und den Reitstall besuchen wollen, bevor sie sich am Abend mit ihrem Freund treffen wollte. Außerdem berichteten sie von mysteriösen Telefonanrufen, mit denen sie nach der Tat über einen längeren Zeitraum belästigt worden seien. Des Weiteren sei kurz nach der Beerdigung das Grab verunreinigt bzw. geschändet worden. 

Auch hier blieben die Sachverhalte zunächst sehr undurchsichtig und es bleibt abzuwarten, wie sich die unterschiedlichen Puzzleteile am Ende schlüssig zusammenfügen lassen. Es ist nicht abzusehen, ob die genannten Vorfälle überhaupt eine Rolle für den Tathergang spielen werden. Im Sinne des Angeklagten ist es jedoch notwendig, alle Eventualitäten zu berücksichtigen. Die Beweisaufnahme wird am kommenden Mittwoch, den 19. Dezember 2018, fortgesetzt.

Ab Minute 38: „ZDF Aktenzeichen xy ungelöst“ über den Mordfall Nicole Schalla (08.04.1994)

 

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