Nordstadtblogger

Mahlzeiten und Duschmöglichkeiten für Obdachlose – Stadt und Wohlfahrtsverbände reorganisieren Hilfen in Dortmund

Bleiben von Regeln gegen die Ansteckungsgefahr nicht verschont: Akteure von Wohlfahrtsverbänden und Stadt. Fotos (3): Thomas Engel

Die Coronakrise macht ein Leben auf der Straße noch unsäglicher, als es eh schon ist. Obdach- oder Wohnungslose müssen sich derzeit nachdrücklicher denn je fragen: Wie irgendwie an eine Mahlzeit gelangen? Wie sich waschen oder duschen? Denn durch Schließung vieler öffentlicher wie privater Einrichtungen brechen in Dortmund infolge der Pandemie wichtige Versorgungsnetzwerke weg, etablierte soziale Auffangangebote werden fragwürdig. – Darauf haben nun die Wohlfahrtsverbände im Verbund mit der Stadt reagiert. Um den Betroffenen zumindest den Zugang zum Allernötigsten zu sichern: Mahlzeiten und Duschgelegenheiten.

Einrichtungen der Obdachlosenhilfe müssen in Dortmund ihren Regelbetrieb runterfahren

Pressegespräche dieser Tage in Dortmund, während das Virus die Gesundheit eines jeden bedroht, der nicht immun ist: in merklichem Abstand voneinander – an exklusiven Einzeltischen – sitzen im Wichernhaus unweit des Nordmarkts Vertreter*innen von Verbänden der Freien Wohlfahrtspflege und Jörg Süshardt, Leiter des Sozialamtes. Die Schutzmaßnahmen zur Corona-Prophylaxe fordern ihren Tribut. ___STEADY_PAYWALL___

Kana Suppenküche, hier beim Aktionstag am Rathaus: aus Sicherheitsgründen bis auf Weiteres geschlossen

Der Grund für die Einladung: Insbesondere für Menschen ohne festen Wohnsitz hat sich die Lage mit den verordneten Einschränkungen des öffentlichen Lebens drastisch verschärft. Der Lebensmittelverkauf bei der Tafel beispielsweise findet nur noch dosiert statt.

Aber noch einschneidender für jene, die fast alles verloren haben: das Gast-Haus musste seinen Regelbetrieb einstellen, die Kana-Suppenküche hat gleich ganz geschlossen. Zu viele der Ehrenamtlichen gehören einer Risikogruppe an – wegen ihres gehobenen Alters und/oder einschlägigen Vorerkrankungen.

Während am Gast-Haus im Unionviertel jetzt über eine Außenausgabe täglich jeweils zwischen 9 bis 11 Uhr Lunchpakete ausgegeben werden, sind die Räumlichkeiten für den gängigen Publikumsverkehr gesperrt. Dadurch aber können die dort – ebenso wie im Brückentreff – vorhandenen Duschen auch nicht mehr genutzt werden. Wegen der relativen Enge ist das Infektionsrisiko angesichts der Nachfrage in den beiden Einrichtungen schlicht zu hoch.

Beteiligte Akteure: Handeln unter Zeitdruck über alle „ideologischen“ Grenzen hinweg

All das hat empfindliche Konsequenzen: „Wir haben eine nicht unerhebliche Gruppe von Menschen, die wirklich Versorgungsprobleme haben“, beschreibt Andreas Gora, Geschäftsführer der AWO-Dortmund und derzeitiger Sprecher der Arbeitsgemeinschaft freier Wohlfahrtsverbände, die verschärfte Lage, in der sich Obdachlose wiederfinden.

Schlangestehen am Gast-Haus. Hier und am Wichernhaus werden jeden Morgen 300 Lunchpakete an Obdachlose ausgegeben. Foto: GID

Schlange stehen am Gast-Haus, während das Virus wütet. Foto: GID

Aber: die kommunalen Akteure der Wohnungslosenhilfe – wiewohl ansonsten nicht immer in allen Fragen miteinander in seliger Einigkeit verbunden – haben sich zusammengerauft. Über ideologische Grenzen hinweg, wie Gora betont. Not fördert eben Pragmatismus: ein Handeln, das unter Zeitdruck steht, bietet bekanntlich wenig Raum für Endlosdebatten um des Kaisers Bart.

Wenn es etwa um die Frage geht, wer denn überhaupt anspruchsberechtigt sei. Dass die Stadt Dortmund hier keine Position schlichter Nonchalance einnehmen kann, liegt wegen der gesetzlichen Vorgaben für eine Gebietskörperschaft auf der Hand. Anders die Wohlfahrtsverbände: ihnen ist in keinem Fall untersagt, zu geben, wo Hilfe nottut. Wer duschen oder essen wolle: da müsse niemand einen Ausweis zeigen – „Selektion an der Essensausgabe“ würde nicht betrieben, betont Gunther Niermann, Geschäftsführer des Paritätischen.

Neue Duschgelegenheiten im ehemaligen Kreiswehrersatzamt an der Leuthardtstraße

Allen Divergenzen zum Trotz: Vorrangig galt, zu lindern, näherhin, mit den Auswirkungen der Maßnahmen zur Corona-Prävention fertig zu werden. Und zwar konkret. Es mussten für einen sensitiven Personenkreis schnell Alternativen zu den darüber teils weggebrochenen Angeboten her. Das sind, was persönliche Hygiene betrifft, jene Obdachlose, die städtischen Angeboten durchaus kritisch gegenüberstehen. So dass etwa die Männerübernachtungsstelle an der Unionsstraße mit ihren Duschgelegenheiten für sie keine wirkliche Option darstellt. Gleichwohl in den Notschlafstellen aktuell Kapazitäten frei wären: etwa zehn Prozent sind derzeit nicht ausgeschöpft.

Im ehemaligen Kreiswehrersatzamt werden künftig bis zu 250 Flüchtlinge untergebracht.

Das ehemalige Kreiswehrersatzamt dient jetzt als Dusch-Station für Obdachlose. Foto: Alex Völkel

Die gute Nachricht: Zur Verfügung steht nun zusätzlich das ehemalige Kreiswehrersatzamt an der Leuthardtstraße – eine Immobilie im städtischen Besitz, die genügend Raum für Infektionsschutz bietet. Den Betrieb der dortigen Dusch-Station übernehmen unter Federführung des Paritätischen Dortmund die üblichen Verdächtigen: die ehrenamtlichen Einrichtungen der Wohnungslosenhilfe.

Die Stadt trägt als Eigentümerin die anfallenden Verbrauchskosten ebenso wie 60 Prozent der Ausgaben für ein professionelles Sicherheits- und Reinigungsunternehmen vor Ort; zudem kommt sie für Hygiene-Utensilien und Wäscheartikel auf. Das verbliebene Delta finanzieren die anderen Beteiligten: das Gast-Haus, Bodo, Team Wärmebus, Diakonisches Werk sowie das Deutsche Rote Kreuz.

Weitere Duschmöglichkeiten gibt es im Übrigen – nach Absprache – im Café kick am Hohen Wall und beim „Streetwork Jugendamt“ in der Leopoldstraße. Dort wird zudem postalische Erreichbarkeit angeboten. Die etwa ist Voraussetzung, um überhaupt Transferleistungen beziehen zu können – Kohle oder Einkaufsgutscheine vom Amt.

Viele Angebote für Obdach- und Wohnungslose laufen (fast so) weiter wie bisher

Vor der neuen Essensausgabe am Wichernhaus (v.l.): Anja Butschkau, Jörg Süshardt, Gunther Niermann, Tobias Berghoff (Caritas Dortmund), Pfarrer Niels Back

Auch die Versorgung mit Nahrungsmitteln hat in der Stadt ein neues Standbein. Im Wichernhaus an der Stollenstraße werden seit kurzem täglich Kaffee und Lunchpakete an Obdachlose bzw. Wohnungslose ausgegeben. Das seien immerhin 120 Menschen, die hier versorgt würden, sagt Diakonie-Geschäftsführer Niels Back.

Welchen Stellenwert das Angebot einnimmt, nämlich dass es sich um eine faktisch existentielle Nothilfe handelt, macht Gunther Niermann klar: „Letztlich geht es darum, dass wir Kalorien verbreiten“, so der Geschäftsführer des Paritätischen. Von den aus gutem Willen heraus entstandenen Gabenzäunen hingegen hält wiederum AWO-Chef Andreas Gora weniger – da sei die Einhaltung hygienischer Standards nicht gesichert. Wer helfen wolle, solle sich besser an die Vergabestellen wenden.

Die gewohnte Beratung für Obdachlose (ZBS) im Dortmunder Diakoniezentrum in der Rolandstraße findet – mit gebührendem Abstand, versteht sich – wie bisher statt. Und das aus gutem Grund: trotz mancher Erfolge – sprich: einer erfolgreichen Vermittlung in Wohnungen, Bezug von Transferleistungen, Suchtberatung – macht der Diakoniepfarrer einen gestiegenen Bedarf aus.

Alle Ressourcen auf einen Haufen legen – woher was kommt, ist dann „Latte“

Auch über die Rolandstraße können Menschen von der Straße eine eigene Adresse einrichten lassen. 700 seien es mittlerweile, die diese Möglichkeit in Anspruch nähmen, erklärt Niels Back. Hier werden auch Schlafsäcke verteilt; zudem wurden Schließfächer installiert, die von vielen genutzt werden.

Hier in der Rolandstraße berät die Diakonie Dortmund/Lünen weiter Nichtsesshafte – mit Erfolg. Aber es werden trotzdem nicht weniger, im Gegenteil.

Trotz der Krise laufen die Hilfsangebote des mobilen medizinischen Dienstes in Zusammenarbeit mit dem Gesundheitsamt weiter. Und der Wärmebus ist noch regelmäßig unterwegs: täglich versorgt er an zwei Standorten – auf dem Nordmarkt und am Dortmunder U – bedürftige Menschen mit einer heißen Suppe. Immerhin. Hier engagieren sich die Johannesgesellschaft, Malteser, das Rote Kreuz und die katholische Stadtkirche.

Finanziert werden alle auf die Coronakrise hin adaptierten Maßnahmen in der Kommune mit Mitteln der Stadt Dortmund sowie der Wohlfahrtsverbände. 2.000 Euro haben jeweils AWO, Diakonie, der Paritätische sowie Caritas an zusätzlichen Mitteln allein für das Duschangebot in den Topf geworfen. Doch niemand sieht die Dinge beim Engagement sonderlich eng. „Sehr variabel in der Hüfte“ seien sie da, gibt Gunther Niermann zu verstehen. „Wir machen da nicht die zweite Stelle hinter dem Komma auf – dann säßen wir nicht hier.“ Und der Chef des Sozialamts sekundiert: Gemeinsam legten sie alles an Ressourcen auf den Haufen – woher das käme, das sei „Latte“.

Wohnungslosigkeit: Es geht nicht nur ums Essen, sondern um gesellschaftliche Teilhabe

Wie lange unter den besonderen Pandemie-Bedingungen solche Hilfsangebote adaptiv konfiguriert werden müssen, ist freilich offen. Andreas Gora ist eher optimistisch: „Wir sind zurzeit der guten Hoffnung, dass es keine unendliche Dauer haben wird.“ Eingestellt sei man auf ein über ein, zwei Monate laufendes Angebot.

Armut in Dortmund

Es geht nicht allein um Nahrung, sondern vor allem um eine Perspektive in dieser Gesellschaft. Foto: Klaus Hartmann.

Jedenfalls sind die kommunalen Akteure mit der jetzt geschaffenen Hilfsstruktur einerseits durchaus zufrieden. Ein gutes soziales Klima erkennt Anja Butschkau, Ehrenvorsitzende der AWO in Dortmund.

Andererseits ist allen klar: nicht jede*r wird mit dem bestehenden Instrumentarium erreicht. Da schliefen Menschen im innerstädtischen Bereich weiterhin in Eingängen; da gäbe es kleine Gruppen aus Südost-Europa, ohne Job und ohne Anspruch auf Sozialleistungen. Demnächst wolle man jeden morgen solche Menschen mit dem Lastenrad aufsuchen, reagiert Niels Back.

Am Ende möchte der Pfarrer noch auf einen zentralen Aspekt im ganzen Problemkomplex hinweisen, auch mit Blick auf die Berichterstattung zur Obdachlosigkeit. Da würde häufig so getan, als ginge es nur um die Versorgung mit Essen. Eine verengte Sichtweise. Denn letztlich zähle, so Back: bei den Betroffenen einen Prozess in Gang zu setzen, mit dem Chancen zur gesellschaftlichen Teilhabe geschaffen werden. – Almosen sehen anders aus.

Weitere Informationen:

  • Existentielle Hilfen für obdachlose Menschen in Dortmund – gültig ab dem 20. April 2020; hier:

 

Unterstütze uns auf Steady

 

Mehr zum Thema bei nordstadtblogger.de:

Unbürokratische Hilfe für Obdachlose in Dortmund: Gruppe „Menschenwürde to Go“ verteilt Carepakete auf der Straße

CORONA: Suppenküchen und Gast-Haus Dortmund ändern Ausgabe und Angebot – Essen wird durchs Fenster gereicht

Print Friendly, PDF & Email

2 Gedanken über “Mahlzeiten und Duschmöglichkeiten für Obdachlose – Stadt und Wohlfahrtsverbände reorganisieren Hilfen in Dortmund

  1. Dortmunder Tafel (Pressemitteilung): Filialen in Dorstfeld und Huckarde öffnen wieder Beitrags Autor

    Die Dortmunder Tafel öffnet Filialen in Dorstfeld und Huckarde wieder

    Die Dortmunder Tafel wird in der nächsten Woche die Filialen Dorstfeld und Huckarde wieder eröffnen.
    Um die besonderen Hygiene- und Abstandsregelungen einhalten zu können, dürfen die Kunden in 14-tägigem Wechsel zum Einkauf kommen.

    In Dorstfeld beginnen die Kunden aus Gruppe 2 am 12. Mai um 15 Uhr und aus Gruppe 4 um 15.50 Uhr. Die Kunden aus Gruppe 1 und 3 sind dann eine Woche später dran (Gruppe 1 um 15 Uhr, Gruppe 3 um 15.50 Uhr)
    In Huckarde wird es, anders als sonst, vorgepackte Kisten geben. Auch dort beginnen am 15. Mai die Kunden aus Gruppe 2 (11.30 Uhr) und Gruppe 4 (12.30 Uhr), die Kunden aus Gruppe 1 (11.30 Uhr) und Gruppe 3 (12.30 Uhr) sind am 22. Mai an der Reihe.

    Die Einkaufszeiten werden in der Filiale verteilt und stehen unter http://www.dortmunder-tafel.de zum Download bereit.

    Damit sind ab nächste Woche wieder 5 der 8 Ausgabestellen der Dortmunder Tafel geöffnet. Die Filialen Hörde, Wickede und Körne bleiben zunächst noch geschlossen; über eine mögliche Wieder-Eröffnung wird rechtzeitig informiert.

  2. Duschmöglichkeit für Wohnungslose geht in die Verlängerung – Angebot wird sehr gut angenommen (PM)

    Duschmöglichkeit für Wohnungslose geht in die Verlängerung – Angebot wird sehr gut angenommen

    Seit Mitte April gibt es an der Leuthardstraße 5-7 eine kostenlose Duschmöglichkeit mit Wäscheausgabe für wohnungslose Menschen. Die Stadt Dortmund hatte das Angebot gemeinsam mit den Verbänden der freien Wohlfahrtspflege sowie mit ehrenamtlichen Akteuren der Wohnungslosenhilfe entwickelt. Es wird von der Zielgruppe sehr gut angenommen und geht nun angesichts der sich nur langsam verändernden Corona-Lage in die Verlängerung.

    Das Team aus bodo e.V., dem Wärmebus-Verbund und dem für die Koordination zuständigen Gast-Haus e.V. begrüßt montags, mittwochs und freitags zwischen 12 und 16 Uhr maximal 40 Menschen. Vor Ort sind an diesen Tagen je sieben ehrenamtliche Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter, die die Gäste mit Kleidung, Handtüchern und Hygieneartikeln versorgen. Das DRK und das Diakonische Werk unterstützen bei Bedarf mit zusätzlichen Kleiderspenden.

    In den ersten vier Wochen haben bereits 638 Menschen das Angebot genutzt. Damit sind die vorhandenen Duschmöglichkeiten zu 80 Prozent ausgelastet. Es sind zu über 90 Prozent Männer ohne Wohnung und Obdach, die die von der Duschmöglichkeit Gebrauch machen. Rund 30 Prozent der Gäste waren bereits mehrfach vor Ort. Die Auswertung zeigt, dass das alternative Gemeinschaftsprojekt die aktuell fehlenden Hygieneangebote gut auffangen kann.

    Eine weithin sichtbare Werbefolie an der Leuthardstraße macht auf das Angebot aufmerksam. Vor Ort stehen jeweils fünf Duschen für Frauen und Männer zur Verfügung. Die Besucherinnen und Besucher erhalten außer einer kostenlosen Dusche auch ein Wäsche- und Hygienepack. Nach jedem Gebrauch werden die Duschbereiche von einer professionellen Reinigungsfirma fachgerecht gereinigt und desinfiziert. Das Ordnungspersonal sorgt für Sicherheit und einen reibungslosen Ablauf unter Einhaltung der Hygiene- und Abstandsregeln – u.a. liegen Eingang und Ausgang getrennt voneinander.

    Die von den eingebundenen Trägern erhaltenen Landesfördermittel des „Notversorgungsfonds für Obdachlose NRW“ fließen, neben den zahlreichen und großzügigen Spenden von Bürgerinnen und Bürgern, in die Finanzierung des Angebots ein. Zudem beteiligen sich die Verbände der freien Wohlfahrtspflege mit einem Zuschuss. Die restlichen Kosten werden aus dem Budget des Sozialamts bereitgestellt.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

Durch die weitere Nutzung der Seite stimmst du der Verwendung von Cookies zu. Weitere Infos

Die Cookie-Einstellungen auf dieser Website sind auf "Cookies zulassen" eingestellt, um das beste Surferlebnis zu ermöglichen. Wenn du diese Website ohne Änderung der Cookie-Einstellungen verwendest oder auf "Akzeptieren" klickst, erklärst du sich damit einverstanden.

Schließen