Nordstadtblogger

Könnt Ihr Nightlife? – Gastronomen diskutierten mit OB-Kandidat*innen über das Nachtleben in Dortmund

(v.l.:) Philip Winterkamp (Gastro-Initiative), Utz Kowalewski (Die Linke), Dr. Andreas Hollstein (CDU), Hubertus Brand (Ausgehen in Dortmund), Thomas Westphal (SPD), Daniela Schneckenburger (B90/Die Grünen), Michael Kauch (FDP) und Moderator Stefan Hoffmann. Fotos: Timur Uselding

Das Nachtleben ist aufgrund der Coronakrise nicht nur in Dortmund größtenteils zum Erliegen gekommen, vielerorts kämpfen Gastronom*innen und Clubbetreiber*innen um die schiere Existenz. Auch die allmählichen Lockerungen der Infektionsschutzauflagen können die Verluste der letzten Monate nicht kompensieren, staatliche Hilfen greifen an vielen Stellen nicht weit genug und Clubs und Diskotheken bleiben weiterhin geschlossen oder können nur sehr eingeschränkt den Betrieb wieder aufnehmen. Aus diesem Grund wollten Menschen aus der Club- und Gastroszene in Dortmund den OB-Kandidat*innen zur Kommunalwahl auf den Zahn fühlen. „Könnt Ihr Nightlife?“ lautete die simple Frage, mit der sie Dr. Andreas Hollstein (CDU), Thomas Westphal (SPD), Daniela Schneckenburger (B90/Die Grünen), Michael Kauch (FDP) und Utz Kowalewski (Die Linke) zu einer Podiumsdiskussion in die Nightrooms Dortmund eingeladen hatten.

Dortmund hat Nightlife-Potential – es fehlt an Vernetzung und Unterstützung

Schon im April machte die Gastro-Initiative Dortmund mit dem Gastro-Stillsterben auf die prekäre Situation vieler Unternehmer*innen aufmerksam.

Sowohl Politiker*innen als auch Gastronm*innen und Clubbetreiber*innen sind sich einig. Die Großstadt Dortmund hat Nightlife-Potential, allerdings wird dies nicht zur Genüge ausgeschöpft. Es fehlt an Vernetzung und Unterstützung.  ___STEADY_PAYWALL___

Der Verein Ausgehen in Dortmund, die Gastro-Initiative Dortmund, die Interessengemeinschaft Dortmunder Club- und Konzertkultur und der Schaustellerverein Rote Erde, wollten zur Kommunalwahl von den Dortmunder OB-Kandidat*innen erfahren, welche Pläne sie zur Reanimierung und zur Attraktivierung des Nachtlebens in Dortmund haben.

Die Veranstaltung startete mit einer zehn Fragen umfassenden Ja oder Nein Runde. Moderator Stefan Hoffmann, über lange Jahre hinweg selbst als DJ in verschiedenen Dortmunder Nachtclubs aktiv, betonte, dass die formulierten Fragen gemeinsam mit Betreiber*innen und Angestellten aus der Dortmunder Nightlife-Szene ausgearbeitet worden waren. Anschließend hatten die Kandidat*innen jeweils drei Minuten Zeit, ihre Vision für ein zukünftig besseres und optimiertes Nachtleben in Dortmund zu präsentieren.

Eine Vision für das Dortmunder Nachtleben in jeweils drei Minuten

Im domicil club wird ab sofort der Dortmunder Musikstammtisch stattfinden.

Clubs wie das domicil mussten lange schließen und können den Betrieb nur eingeschränkt wieder aufnehmen. Foto: Archiv

Utz Kowalewski von den Dortmunder Linken empfindet die Innenstadt nachts viel zu ruhig. Es sei vielerorts in der Stadt ein Abwandern des Einzelhandels aufgrund veränderten Nutzerverhaltens zu beobachten. Hierdurch würden jedoch auch wieder „Möglichkeitsräume“ frei, um in der Innenstadt etwas Neues zu etablieren.

„Der Wallring ist nunmal das Zentrum von Dortmund. Ich könnte mir vorstellen, dass wir dort dann tatsächlich so etwas haben wie beispielsweise Bochum mit dem Bermudadreieck oder wie wir es mit dem Ostwall-Viertel auch mal hatten“, so Kowalewski. Es ginge im Wallbereich darum, nicht nur die Ansiedlung billiger Ramsch-Läden zu dulden und zu tolerieren, wie es derzeit beispielsweise auf dem Ostenhellweg geschehe, sondern ihm schwebe vor, unterstützt durch städtische Förderung, bestimmte Szenelokale zu etablieren.

Der LGBTQ-Gemeinde in Dortmund fehle zum Beispiel ein Szenetreff. Auch spezielle Angebote für Migrant*innen seien denkbar und wünschenswert. „Wir brauchen in Dortmund Angebote, die zum Teil auch von der Stadt gefördert werden müssten. Es geht darum, Anreize und Angebote für die Unternehmer*innen zu schaffen.“ 

Nachtbürgermeister als Koordinator im Dortmunder Nightlife?

Andreas Hollstein (CDU) und Hubertus Brand vom Verein Ausgehen in Dortmund.

Dortmund braucht ein pulsierendes Nachtleben, unter anderem um junge Menschen auch nach ihrem Studium in der Stadt zu behalten, meint CDU-OB-Kandidat Andreas Hollstein. Hierfür sei es nötig, bereits bestehende Angebote in Clustern zu bündeln und diese dann untereinander zu vernetzen. Hier sei zum Beispiel die Entwicklung einer Smartphone-App denkbar, damit auch ortsfremde Personen sich schnell einen Überblick über das Nachtleben in Dortmund verschaffen könnten.

„Nightlife ist für mich aber auch nicht nur die Location, in der das Nachtleben dann stattfindet, sondern auch die Events, die Dortmund noch verstärken kann und verstärken muss“, so Hollstein. Wichtig ist ihm bei allen Überlegungen, die Betreiber*innen und Gastronom*innen teilhaben zu lassen. Politik und Verwaltung könnten nicht definieren, was die Nightlife-Szene braucht. Alles müsste partizipativ geschehen. Durch Corona sei eine neue Situation entstanden und man müsse bestehende Bewegungen und Bemühungen zusammenführen und in konkrete Aktionen umsetzen. Erleichterungen für die Branche seitens der Stadtverwaltung allein würden nicht reichen. 

Man müsse auch Impulse von außen, beispielsweise aus Berlin, aufgreifen und sich an ihnen orientieren. Um die verschiedenen Akteure und Interessen zu koordinieren, sei das Amt eines Nachtbürgermeisters, der sich im Dortmunder Nachtleben auskennt und Verwaltungserfahrung mit sich bringt, eine Lösungsoption.

Die jungen Menschen in Dortmund wollen draußen feiern

Events wie das Dortbunt-Festival liegen voll im Trend findet Thomas Westphal.

Thomas Westphal sieht in Dortmund große Chancen, bereits vorhandene IT-Strukturen in Dortmund mit der Nightlife-Szene und somit mit Kunst und Kultur zu verknüpfen. Hieraus könnte man ein Wachstum generieren, das wieder viele Arbeitsplätze sichern und schaffen könnte. In der Pandemie sei es wichtig, sehr darauf zu achten, nicht zu viele Lokale und Clubs zu verlieren. Ein paar Verluste seien jedoch leider unvermeidlich.

Der Chef der Dortmunder Wirtschaftsförderung tritt dafür ein, gemeinsam mit den Akteuren und der Stadtverwaltung neue Ideen und Konzepte für das Dortmunder Nachtleben zu entwickeln – als Erweiterung zu bereits bestehenden Angeboten. „Dortmund will raus. Das junge Dortmund will raus“, konstatiert Westphal. Viele junge Menschen wollten in ihrer Freizeit draußen an der frischen Luft etwas erleben. Daher sei es wichtig, auch hier für Outdoor-Events zu sorgen. 

Hierbei müsse man natürlich immer vermitteln zwischen den Interessen der Anwohner*innen und dem wirtschaftlichen Hintergrund der Nachtclubs. Aber Ideen, wie beispielsweise den Westpark einzuzäunen, um nächtliche Ruhestörungen etc. zu unterbinden, seien schlicht der falsche Weg.

Es muss zwischen wirtschaftlichen Zielen der Akteure und Anliegerinteressen abgewogen werden

Auch Daniela Schneckenburger gibt zu bedenken, dass bei allen Überlegungen zur Förderung des Dortmunder Nachtlebens das Konfliktmanagement mit den Anwohner*innen mitgedacht werden müsse. Auch die grüne Stadträtin begrüßt die Idee eines Nachtbürgermeisters. Momentan ginge es in erster Linie darum, gemeinsam die Krise zu überstehen, auch wenn viele Angebote verloren gehen würden.

Thomas Westphal, Daniela Schneckenburger und Michael Kauch.

Anschließend könne die Stadtverwaltung Instrumente nutzen, um die Ansiedlung neuer Lokale etc. zu unterstützen. Jedes Milieu und jede Orientierung solle in der Stadt auch des Nachts eine Anlaufstelle, einen Szeneclub haben.

Auch FDP-Kandidat Michael Kauch beobachtet, dass immer mehr Einzehandelsflächen verloren gehen. Die Stadt müsse konkreter werden in ihren Planungen. Wo man mehr Wohnraum schaffen wolle, mache es wenig Sinn, über das Nachtleben zu sprechen. Solche Vorhaben seien in der Vergangenheit nie gut gelaufen und er nennt die Beispiele Ostwall und Hafen. Man müsse das Konfliktmanagement zwischen den Clubbetreiber*innen und den Anwohner*innen schon bei der Stadtplanung berücksichtigen.

Nachdem die Kandidat*innen ihre Visionen präsentiert hatten, stiegen sie in eine Diskussion mit anwesenden Dortmunder Gastronomen ein. Für sie steht fest, dass solange noch immer Menschen abends nach Bochum fahren, um sich zu amüsieren, das Dortmunder Nightlife-Potential nicht völlig ausgeschöpft wurde. Sie wünschen sich vor allem mehr Rückendeckung in der Öffentlichkeit. 

Am Beispiel Berlin kann man sehen, wie es gelingen kann

Unter anderem berichtete Dimitar Maria Hegemann, Betreiber des Kulttechnoclubs Tresor in Berlin und mittlerweile auch in Dortmund mit dem Tresor.West auf Phoenix-West von seinen Erfahrungen in der Bundeshauptstadt. Dort habe man einen permanenten Roundtable etabliert, an dem sich alle Akteur*innen des Nachtlebens und der Stadtverwaltung sowie die Ordnungsbehörden regelmäßig mindestens einmal im Monat treffen würden.

Durch diese Bestrebungen sei unter anderem ein Lärmschutzfonds eingerichtet worden, der es ermöglicht, bei Anwohnerbeschwerden aufgrund des Lärmpegels etc. beispielsweise bauliche Veränderungen vorzunehmen, wie etwa Lärmschutzwände oder bessere Verglasung der Anliegerwohnungen. Die Beteiligten müssten Verantwortung übernehmen, mit Leidenschaft bei der Sache sein und eine gewisse Risikobereitschaft mitbringen. In Think Tanks könnten Ideen und Visionen gesammelt werden, Aktuer*innen und ihre Mitarbeiter*innen könnten spezielle Coachings erhalten und vieles mehr. Dieses Modell sei übertragbar auf Dortmund. 

Man müsse die Menschen in der Stadt mitnehmen, animieren und inspirieren, um ein pulsierendes Nachtleben in Dortmund zu realisieren. Wenn alle an einem Strang ziehen würden, werde die Stadt am Endes des Tages viel bunter. Denn durch ein gut funktionierendes Nightlife profitieren letztlich auch wieder viele andere Branchen.

Eine Aufzeichnung der gesamten Veranstaltung steht im Anhang des Artikels zur Verfügung. 

 

Unterstütze uns auf Steady

 

Weitere Informationen:

Mehr zum Thema bei nordstadtblogger.de:

Dortmund will die angeschlagene Gastronomie unterstützen und plant Corona-taugliche Musterveranstaltungen

„Gastrostillsterben“: Gastronomie- und Hotelbetriebe demonstrieren vor dem Rathaus für mehr Unterstützung

Print Friendly, PDF & Email

Ein Gedanke zu “Könnt Ihr Nightlife? – Gastronomen diskutierten mit OB-Kandidat*innen über das Nachtleben in Dortmund

  1. Heinz Lüders

    Schön, dass dieses Thema jetzt wieder auf die Agenda kommt. Westphal weiß bestimmt noch, wie die Jusos Dortmund mehrfach ein Szeneviertel gefordert haben oder auch nicht….

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

Durch die weitere Nutzung der Seite stimmst du der Verwendung von Cookies zu. Weitere Infos

Die Cookie-Einstellungen auf dieser Website sind auf "Cookies zulassen" eingestellt, um das beste Surferlebnis zu ermöglichen. Wenn du diese Website ohne Änderung der Cookie-Einstellungen verwendest oder auf "Akzeptieren" klickst, erklärst du sich damit einverstanden.

Schließen