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Jahrestag der Pogromnacht: Würdiges und bewegendes Gedenken in Dorstfeld – hunderte Menschen nahmen Anteil

Gedenken an die Pogromnacht  in Dorstfeld am Denkmal der alten Synagoge - Rabbiner Baruch Babaev und Hartmut Anders-Hoepgen.

Gedenken an die Pogromnacht  in Dorstfeld – Rabbiner Baruch Babaev und Hartmut Anders-Hoepgen.

In diesem Jahr jähren sich die nationalsozialistischen Novemberpogrome zum 81. Mal. Die diesjährige Gedenkveranstaltung am jüdischen Denkmal in Dorstfeld wurde abermals von einigen hundert DortmunderInnen, darunter erfreulicherweise viele junge Leute, besucht. In seiner bewegenden Ansprache erinnerte Rabbiner Baruch Babaev auch an die  Opfer des rechtsterroristischen Anschlags von Halle/Saale und postulierte, „niemals Angst zu zeigen und uns für das Gute einzusetzen“. Den Ewiggestrigen – in Dortmund und anderswo – empfahl er:  „Wenn jemand vom Aussterben bedroht ist, dann soll er gehen.“ 

Erinnerung vor Ort an die Pogrome von 1938 – Beginn der systematischen Verfolgung jüdischer Menschen

Am 9. November 1938 kam es im ganzen Land zu organisierten antisemitischen Angriffen: DoSynagogen wurden in Brand gesetzt, jüdische Einrichtungen, Wohnungen und Geschäfte wurden zerstört und geplündert.

Aktionen auf dem Wilhelmsplatz.

Auch in Dortmund brannten Synagogen. Alljährlich findet auch in Dorstfeld am einstigen Standort der dortigen Synagoge – an das ein jüdisches Mahnmal erinnert – eine Gedenkveranstaltung statt.

In diesem Jahr bereits am 8. November, da diesmal der Schabbat – der jüdische Ruhetag – auf den 9. November fällt, um den Mitgliedern der jüdischen Gemeinde die Teilnahme zu ermöglichen.

Wieder hatten sich einige hundert Menschen am Gedenkort versammelt, um an schreckliche Geschehen vor nunmehr 81 Jahren zu erinnern. Darunter viele junge DortmunderInnen. Sie interessieren sich für das fürchterliche Schicksal, das den jüdischen DortmunderInnen damals widerfuhr. Sie wollen die Erinnerung daran wachhalten. 

Die jungen Leute  haben verinnerlicht, was die Auschwitz-Überlebende Esther Bejarano einmal so formulierte: „Ihr tragt keine Schuld für das was passiert ist, aber ihr macht euch schuldig, wenn es euch nicht interessiert.“  Und diesem Sinne handeln sie. Nicht nur am 9. November.

Die Pogrome markierten einen gewalttätigen Übergang zu der systematischen Verfolgung von jüdischen Menschen in Deutschland, die in der Shoah mündete.

Bürgermeisterin Birgit Jörder: Dorstfeld keineswegs aufgeben und „den falschen Menschen überlassen“

Pogromgedenken 2019 in Dorstfeld: Bürgermeisterin Birgit Jörder, Rabbiner Baruch Babaev und Bezirksbürgermeister Ralf Stoltze.

Bürgermeisterin Birgit Jörder, Rabbiner Baruch Babaev und Bezirksbürgermeister Ralf Stoltze. Fotos: Klaus Hartmann

Ein Grußwort am Gedenkort nach der Begrüßung der Anwesenden durch Ralf Stoltze, Bezirksbürgermeister Innenstadt-West, hielt Bürgermeisterin Birgit Jörder. Sie unterstrich die Bedeutung dieses Gedenkens gerade auch in Dorstfeld. Man werde diesen Stadtteil keineswegs aufgeben und  „den falschen Menschen“ überlassen. 

Noch immer erschüttere sie, dass „dieser nationalsozialistische Massenmord, dieser unbeschreibliche Rassenwahn, diese menschenverachtenden Aktionen aus der Mitte der Gesellschaft nicht nur nicht verhindert, sondern durch große Teile der Bevölkerung erst ermöglicht wurden“.

Das dürfe nicht in Vergessenheit geraten. Es sei erschreckend, so Jörder weiter, dass gegenwärtig in Deutschland ein Erstarken des Antisemitismus  festzustellen sei. 

Die Bürgermeisterin bedankte sich ausdrücklich bei der jüdischen Gemeinde, dass deren Mitglieder trotzdem weiter zu Dortmund und Deutschland stehen. Sie seien „ein geschätzter Teil unserer Stadtgesellschaft“. Was nicht selbstverständlich sei. Denn gewiss befiele sie in ihrem täglichen Leben auch hier und da Angst. Jörder fragte besorgt: „Wie viel Warnzeichen muss es denn noch geben, damit endlich so wach sind, wie wir wach sein müssen?“

„Das Judentum hat sich vom Holocaust nicht erholt und wird sich auch nicht erholen“

Pogromgedenken 2019 in Dorstfeld am Denkmal für die alte Synagoge.

Pogromgedenken 2019 in Dorstfeld am Denkmal für die alte Synagoge.

Baruch Babaev, Rabbiner der jüdischen Gemeinde Dortmund dankte den „Bürgern, die Frieden schätzen, Bürger die friedlich miteinander leben möchten“, dass man sich ein weiteres Mal versammelt habe – Jung und Alt. Alle Generationen seien vertreten. Um dem zu gedenken, „was für mein Volk kein Vogelschiss ist“. 

Der Rabbiner erinnerte daran, dass in der Nacht vom 9. zum 10. November 1938 1400 jüdische Gotteshäuser zerstört und verbrannt wurden. Eben auch in Dorstfeld. Heute zähle man in Deutschland knapp einhundert Synagogen.

Das Judentum habe sich seitdem nicht erholt und werde sich auch nicht erholen. Babaev: „Wir vermissen unsere Brüder und Schwestern. Wir vermissen auch die, die sich auch ein friedliches Miteinander gewünscht haben. Die bis zu letzten Augenblick die Menschlichkeit in uns vertraut und gehofft haben.“

Vor einem Monat sei das plötzlich aktueller denn je gewesen. In bewegenden Worten erinnerte der Rabbiner daran, dass man am 9. Oktober, dem höchsten jüdischen Feiertag, Jom Kippur, mit Erschrecken habe sehen müssen, wie vor den Türen der Synagoge Polizeibeamte in kugelsicheren Westen und mit Maschinengewehren aufgezogen waren. Es musste etwas Schlimmes passiert sein. 

Rabbiner Baruch Babaev: „Wer sich für das Gute einsetzt, muss sich dafür nicht schämen und keine Angst haben“

Gedenken mit Bürgermeisterin Birgit Jörder, Polizeipräsident Gregor Lange, Rabbiner Baruch Babaev und Hartmut Anders-Hoepgen.

Dann habe man von dem rechtsterroristischen Anschlag von Halle gehört. Baruch Babaev: „Wir erinnern und beklagen heute an zwei junge Menschen aus Halle/Saale, die auch Pläne schmiedeten und Zukunft hatten. Leider wurde dies Zukunft diesen zwei Menschen genommen.“ 

Dennoch seien die Synagogen in Deutschland an diesem Tag so voll wie nie gewesen. „Wir haben keine Angst“, versicherte der Rabbiner. „Wer sich für das Gute einsetzt, muss sich dafür nicht schämen und keine Angst haben. Wenn sich jemand ein friedliches Miteinander wünscht, bekommt die ganze Unterstützung von uns allen.“  

Hier in Dortmund habe die Stadtgesellschaft „manchen Leuten“, die jeden Montag in der Nordstadt eine Demo hätten abhalten wollen, gezeigt: „Wir sind mehr!“ Babev gab sich sicher, dass bestimmten Vorurteile vom Aussterben bedroht sind. Und er erinnerte an das ehemalige Gotteshaus in Dortmund-Dorstfeld, wo einst „für Frieden und für Deutschland“ gebetet worden sei.

Beeindruckende Texte von SchülerInnen und musikalische Beiträge trugen zum Gelingen bei

Pogromgedenken2019 in Dorstfeld am Denkmal der alten Synagoge. Schüleraktionen

„Gedenken wir allen Opfern“, schloss Rabbiner Babaev seine Ansprache, „aber nehmen wir uns ganz fest vor, niemals Angst zu zeigen und uns für das Gute einzusetzen. Und wenn jemand vorm Aussterben bedroht ist, dann soll er gehen. Denn auf dieser ganzen schönen Welt, haben diese keinen Platz.“

SchülerInnen der Martin-Luther-King-Gesamtschule sowie des Leibniz Gymnasiums trugen mit beeindruckenden eigenen Texten zu den Themen Gedenken und Antisemitismus zum Gelingen der Gedenkveranstaltung bei. 

Musikalisch begleitet wurde das Gedenken von Wolfgang Brust (Gitarre) und Sevgi Kahraman-Brust (Gesang). Sevgi Kahraman-Brust erinnerte zusätzlich an das Leiden der Menschen in der Osttürkei unter dem Erdogan-Regime.

Dorstfeld ist inzwischen ein Symbol für den Widerstand gegen die Ewiggestrigen

Bezirksbürgermeister Ralf Stoltze

Ralf Stoltze, Bezirksbürgermeister der Innenstadt-West, zu der auch Dorstfeld gehört, erinnerte an das Mahnmal, welches 1986 errichtet wurde und  vor welchem sich die Menschen versammelt hatten.

Er bezeichnete das gegenwärtige Gedenken wichtiger als je zuvor. Dorstfeld sei inzwischen als Symbol für den Widerstand gegen die Ewiggestrigen in unserer Gesellschaft. 

„In einer von der Zivilgesellschaft organisierten Form zeigen wir, wie Demokratie im Alltag funktionieren kann und was sie bedeutet“, sagte Stoltze.  

Umfangreiches Rahmenprogramm auf dem Wilhelmplatz bereicherte das würdige Gedenken

Aktionen auf dem Wilhelmsplatz.

Kantor Arie Mozes sprach das jüdische Gedenkgebet. Die Versammelten, darunter u.a.. auch der Dortmunder Polizeipräsident Gregor Lange, legten eine Schweigeminute ein.

Dem Gedenken vorangegangen war ein Rahmenprogramm auf dem Wilhelmplatz, bei dem Dortmunder Schulen und Organisationen ihre Arbeit zu den Themen Nationalsozialismus, Gedenken und Antisemitismus vorstellten und zum Austausch einluden.

Es präsentierten sich unter anderem die Martin-Luther-King-Gesamtschule, die Anne-Frank-Gesamtschule und die Emscherschule Aplerbeck. Ebenso war der Jugendring Dortmund, das Respekt-Büro des Jugendamts Dortmund und die Mahn- und Gedenkstätte Steinwache vertreten.

Sevgi Kahraman

BesucherInnen konnten sich hier über die jeweilige Arbeit informieren und ins Gespräch mit den einzelnen Ausstellern kommen.

Organisiert hatte die Gedenkveranstaltung das Projekt Quartiersdemokraten. Veranstalter war der Verein zur Förderung von Respekt, Toleranz und Verständigung in Dortmund-Dorstfeld e.V.

Das Gedenken war von der Polizei, darunter auch von BeamtInnen der Reiterstaffel, vorsorglich umfassend abgesichert. Es verlief friedlich und in entschieden fester Zuversicht, Antisemitismus und Rassismus auch künftig entschlossen entgegentreten zu wollen.

 

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