500 Nazis trauerten um „SS-Siggi“ - viel Polizei und Gegenprotest

„Heldengedenken“ oder „letztes Aufbäumen“? „Trauermarsch“ blieb unter Erwartung der Polizei

Begleitet von einem großen Polizeiaufgebot zog der „Trauermarsch“ von der Dortmunder City nach Dorstfeld. Leopold Achilles | Nordstadtblogger

Mit einem „Trauermarsch“ gedachten Neonazis in Dortmund am Samstag (9. Oktober 2021) dem verstorbenen Siegfried Borchardt („SS-Siggi“). Antifaschist:innen sahen in dem Aufmarsch eine Instrumentalisierung und riefen zum Gegenprotest auf. Entlang der Route vom Hauptbahnhof bis nach Dorstfeld, gab es an mehreren Stellen angemeldeten und unangemeldeten Gegenprotest. Eine Machtdemonstration oder gar ein Aufbäumen der Neonazis war das versuchte „Heldengedenken“ nicht. Zudem blieb die Zahl der Teilnehmenden von Rechts unter den Erwartungen bzw. Befürchtungen.

Polizei hielt 250 Teilnehmer:innen für unrealistisch und plante mit bis zu 1000

Ordnerbesprechung: Christian Worch und Alexander Deptolla geben Instruktionen.
Ordnerbesprechung: Führungskader wie Christian Worch und Alexander Deptolla geben Instruktionen. Foto: Alexander Völkel für Nordstadtblogger.de

Bis zu 500 Rechtsextremist:innen nahmen laut der Polizei an dem als Demonstration angemeldeten Marsch teil. Es war die erste Demonstration seit Monaten. Dabei kamen zwar deutlich mehr als die 250 von den Neonazis angemeldeten Teilnehmer:innen zum Startpunkt am Hauptbahnhof – sie stapeln seit geraumer Zeit tief.

Aber dennoch kamen nur rund halb so viele, die von der Polizei erwartet bzw. befürchtet. Die Polizei war mit sehr vielen Einsatzkräften und Fahrzeugen – darunter auch mehrere Wasserwerfer – im Einsatz. „Die Zahl von bis zu 500 Teilnehmenden liegt weit unter der von uns erwarteten Teilnehmerzahl“, erklärte Polizeipräsident Gregor Lange.

Polizeipräsident Gregor Lange (li.) verfolgte das Demogeschehen vor Ort.
Polizeipräsident Gregor Lange (li.) verfolgte das Demogeschehen vor Ort. Foto: Alexander Völkel für Nordstadtblogger.de

Die angemeldeten 250 Teilnehmer:innen erschien der Polizei als unrealistisch. Man hatte sich daher auf bis zu 1000 Teilnehmende von Seiten der Neonazis vorbereitet.

Dennoch sah Lange in der Demo kein Aufbäumen der personell geschwächten Dortmunder Neonazi-Szene, sondern nur den zu erwartenden Aufzug nach dem Tod des bekanntesten Dortmunder Rechtsextremen.

„Unsere intensive Vorbereitung auf diesen Großeinsatz war erfolgreich und zeigt, dass die rechte Szene in Dortmund geschwächt und überregional zu keiner größeren Mobilisierung mehr fähig ist“, bilanzierte Lange den Einsatz.

Störungsfreier Aufmarsch der Neonazis in Dortmund

„Heldengedenken“ - ein Bild von „SS-Siggi“ vor einem Weltkriegspanzer wurde vor dem Banner hergeführt.
Versuchtes „Heldengedenken“ – ein Bild von „SS-Siggi“ vor einem Weltkriegspanzer wurde vor dem Banner hergeführt. Foto: Alexander Völkel für Nordstadtblogger.de

Seine Behörde spricht von einem „nahezu störungsfreien Verlauf“. Mit rund einer Stunde Verspätung ging es los. Dafür gab es vor allem zwei Gründe: Unter anderem taten sich die Neonazis schwer, ausreichend Ordner zu stellen, die von der Polizei akzeptiert wurden. Ein Ausschlusskriterium für die Zulassung als Ordner sind u.a. einschlägige Vorstrafen.

Aber es gab auch längere Diskussionen, als die Neonazis vor Ort die Auflage bekamen, im Demozug keine Dortmund-Fahnen mit sich führen zu dürfen. Das konnte die Partei „Die Rechte“ – anders als den umfangreichen Auflagenkatalog im Vorfeld – nicht mehr rechtlich prüfen lassen bzw. dagegen gerichtlich vorgehen. Daher kündigten sie vorsorglich an, dies im Nachgang überprüfen zu lassen und deswegen neue Demos anzumelden.

Nach diesen nicht unüblichen juristischen Scharmützeln ging es auf den „Trauermarsch“. Dieser führte wie geplant vom Hauptbahnhof über den Wallring  und die Rheinische Straße nach Dorstfeld. Er endete in Emscher- und Thusneldastraße, wo vor dem früheren Wohnhaus von „SS-Siggi“ die Trauerfeier stattfand.

„Der Gegenprotest war lautstark, bunt und friedlich“

Foto: Leopold Achilles für Nordstadtblogger.de Leopold Achilles | Nordstadtblogger

Straßenblockaden wie sie Gegendemonstrant:innen bei ähnlich großen Aufmärschen in der Vergangenheit organisierten, gab es dieses mal nicht. Generell war der Gegenprotest im Vergleich zu den vergangenen Jahren etwas schwächer. Jedoch gab es dennoch vielfältige Proteste.

Am Dortmunder U trafen die Neonazis zunächst auf Kundgebungen des „Arbeitskreis gegen Rechtsextremismus“ und den Dortmunder Grünen. Neben dem ehemaligen Haus des verbotenen „Nationalen Widerstand Dortmund” in der Rheinischen Straße 135 veranstaltete die „Autonome Antifa 170“ eine Kundgebung. Insgesamt schlossen sich den drei Kundgebungen nach Polizeiangaben ca. 200 Teilnehmer:innen an.

Zwischen den Kundgebungen gab es immer wieder unmittelbaren Protest an der Demoroute durch Anwohner:innen und Antifaschist:innen. Zu körperlichen Auseinandersetzungen kam es dabei nicht. Viele Gegendemonstrant:innen zeigten den Neonazis beide Mittelfinger. Vereinzelt drohten Neonazis dem Gegenprotest. Die meisten blieben jedoch der internen Anweisung treu, sich „nicht provozieren“ zu lassen.

„Trauermarsch“ wurde durch lauten Gegenprotest gestört

Gemeinsam mit OB Westphal gedachte der Ak Rechtsextremismus Opfern von Nazis. Karsten Wickern | Nordstadtblogger

Beim Arbeitskreis gegen Rechtsextremismus (AKgR) hat man sich Gedanken darüber gemacht, ob und wie man auf einen solchen „Trauermarsch“ reagieren soll. Sie fanden, dass Protest nötig sei. „Hier soll jemand zum Helden gemacht werden, der sich dafür in einer demokratischen Gesellschaft nicht eignet“, erklärte Friedrich Stiller vom AKgR bei der Kundgebung.

Fünf Särge platzierte der Arbeitskreis bei seiner Kundgebung an der Nazi-Route. Sie sollten an die Opfer von Neonazis erinnern –  allein im Raum Dortmund wurden von Menschen von Neonazis ermordet.

Auf Twitter erntete der Arbeitskreis nicht nur Applaus, sondern auch den Vorwurf, die Opfer zu Instrumentalisieren. Das sei auf diversen Ebenen geschmacklos, twitterte z.B. der Account @amzdo. Auch deshalb, weil Muslime traditionell nicht mit Särgen bestattet würden.

Auch mit Särgen erinnerte der Arbeitskreis an die Opfer der Nazis.
Auch mit Särgen erinnerte der Arbeitskreis gegen Rechtsextremismus an die Opfer der Nazis. Foto: Alexander Völkel für Nordstadtblogger.de

Der AKgR weist die Kritik zurück. „Es ist eine Erinnerung, die die getöteten Opfer ehrt und das Gedenken an sie wachhält“, twitterte er zurück. Da man ja den Opfern von Nazis gedachte, rief Stiller vor Ort dazu auf, ruhig zu demonstrieren und z.B. keine Pfeifen zu nutzen. Einige Rufe gab es gegen den Trauermarsch dann aber doch – sowie musikalische Beschallung.

Deutlich lauter waren allerdings die Proteste der antifaschistische Gruppierungen in Dorstfeld: Entlang der Route bis zur Ottostraße in Dorstfeld hatten Demonstrierende Parolen gegen die Nazis gerufen.

„Antifaschist:innen haben den Nazis nicht die Möglichkeit gegeben, in Ruhe einen Heldenmythos zu zelebrieren und einen rechten Gewalttäter ungestört zu feiern“, resümiert Kim Schmidt, Pressesprecherin der „Autonomen Antifa 170“ die Proteste. Der Gegenprotest in Dorstfeld lasse den Mythos um Dorstfeld vor den auswärtigen Nazis weiter bröckeln, glaubt Schmidt.


Es berichten Leopold Achilles, Karsten Wickern, Alix von Schirp und Alexander Völkel


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