GLOSSE: Viel zu bereden, kaum zu verstehen – Politik im Kampf mit der Bahnhofshallenakustik

Die BV Innenstadt-Nord tagt in der Agora des Keuning-Hauses

Blick in die Agora
Bild von der konstituierenden Sitzung der Bezirksvertretung Innenstadt-Nord – da gab es auch noch mehr als drei Zuhörer:innen. Foto: Alexander Völkel für Nordstadtblogger.de

Eine Glosse von Alexander Völkel

Es gibt politische Sitzungen, die scheitern an Mehrheiten. Andere an Geschäftsordnungen, endlosen Wortbeiträgen oder schlicht an der Geduld aller Beteiligten. Und dann gibt es die Sitzungen der Bezirksvertretung Innenstadt-Nord. Die scheitern inzwischen vor allem an einem: am Raum und einem reißenden Geduldsfaden.

Agora? Eher Bahnhofshalle

Seit Corona tagt die Bezirksvertretung in der Agora des Dietrich-Keuning-Hauses. „Agora“ – das klingt zunächst ziemlich passend. Nach antikem Marktplatz, öffentlichem Diskurs und demokratischem Austausch. Tatsächlich hat die Agora allerdings eher die Akustik einer Bahnhofshalle als die eines Sitzungssaals.

Die ersten beiden Talk-Veranstaltungen im König-Haus waren gut besucht.
Dafür ist die Agora gedacht: Veranstaltungen wir den „talk im DKH“, Pentagon oder Konzerte und Feiern. Archivbild: Alex Völkel für Nordstadtblogger.de

Denn sie ist eben kein abgeschlossener Sitzungsraum, sondern ein zentraler Durchgangsbereich des Hauses. Wer ins Dietrich-Keuning-Haus kommt, kommt hier vorbei. Menschen gehen zu Veranstaltungen, suchen Räume oder Toiletten, Kinder sind unterwegs, Besucherinnen und Besucher unterhalten sich, am Empfang werden Fragen geklärt. Stimmen von Erwachsenen und Kindern, Gesprächsfetzen in verschiedenen Sprachen, Schritte und die ganz normale Geräuschkulisse eines lebendigen Hauses wirren durch den Raum.

Und um das ausdrücklich klarzustellen: Das Problem sind nicht die Menschen. Ein Haus wie das Dietrich-Keuning-Haus soll lebendig sein. Das Problem ist, ausgerechnet mitten in diesem lebendigen Haus eine politische Sitzung abzuhalten, bei der Menschen über Stunden konzentriert zuhören, diskutieren und Entscheidungen treffen sollen.

Die Presse rückt der Politik auf die Pelle

Die Bezirksvertreterinnen und Bezirksvertreter sitzen im Vergleich zu den Sitzungen während der Pandemie deutlich dichter zusammen . So können sie sich wenigstens gegenseitig verstehen, denn der Umgang mit dem Mikrofon klappt auch nicht immer.

Auch wir von der Presse haben unseren Platz schon kurzerhand um diverse Meter nach vorne verlegt. Nicht aus übermäßigem Bedürfnis nach politischer Nähe, sondern aus einem sehr profanen Grund: Wir wollten krampfhaft verstehen, was dort vorne eigentlich gesagt wird. Denn zu berichten gäbe es durchaus einiges.

Große Themen gegen großen Lärm

Da ging es unter anderem um die Unzufriedenheit mit der Moderation der Kampagne der Stadtmarke Dortmund bei Social Media, um bessere Freizeitangebote für Kinder im Bereich des Naturkundemuseums, um den Zustand von Straßen und die Vermüllung im Stadtbezirk. Es ging um Mehrgenerationen-Trainingsgeräte im Hoeschpark und um verschiedene Förderanträge für Kultur und Vereine.

Stelen stützen den Beckenboden
Thema Betonsanierung: Blick in den Nordbad-Keller, auf dem man die tragenden Stützen erkennt. Über den aktuellen Stand gibt es hier heute nicht zu lesen. Foto: Stadt Dortmund

Auch die Betonsanierung im Nordbad stand auf der Tagesordnung, ebenso die Kostensteigerungen bei der Reaktivierung der Sportanlage an der Schützenstraße. Und dann war da noch die Diskussion über die Einrichtung einer neuen Gesamtschule in Eving und die Frage, welche Auswirkungen diese auf die Nordstadt haben könnte. Alles Themen also, bei denen es sich durchaus lohnen würde, genau hinzuhören.

Wenn man denn könnte.

Nach zwei Stunden habe ich als Reporter für die Nordstadtblogger aufgegeben und die Sitzung verlassen. Nicht, weil die Tagesordnung abgearbeitet gewesen wäre. Nicht, weil die Themen langweilig gewesen wären. Und auch nicht, weil Politikerinnen und Politiker grundsätzlich eine bemerkenswerte Begabung besitzen, aus fünf Minuten Sachverhalt zwanzig Minuten Debatte zu machen.

Sondern weil ich schlicht entnervt war.

Öffentlichkeit muss man auch verstehen können

Wer einer politischen Sitzung folgt, sollte nicht permanent versuchen müssen, Wortbeiträge aus einem akustischen Grundrauschen herauszufiltern. Das ist für die Mitglieder der Bezirksvertretung ärgerlich, für Verwaltungsmitarbeitende ebenfalls – und für Öffentlichkeit und Presse ein echtes Problem. Denn Öffentlichkeit entsteht nicht dadurch, dass eine Sitzung theoretisch für alle zugänglich ist. Öffentlichkeit setzt auch voraus, dass man verstehen kann, was dort verhandelt wird.

Bezirksvertretung Nordstadt
Als die Bezirksvertretung der Nordstadt vor der Sommerpause im Rathaus tagte, war die Akustik hervorragend. Da fand sie auch in einem Sitzungssaal statt. Foto: Sigrid Kreische/ Nordstadtblogger.de

Die Agora des Dietrich-Keuning-Hauses ist ein guter Ort für vieles. Für Begegnung, Austausch, große Veranstaltungen und das lebendige Durcheinander, das zu einem solchen Haus gehört. Für eine mehrstündige Sitzung der Bezirksvertretung ist sie es nicht.

Deshalb wäre es langsam an der Zeit, aus der Corona-Übergangslösung wieder auszuziehen. Die Bezirksvertretung sollte zurück in einen der geeigneten größeren Räume oder in den kleinen Saal des Dietrich-Keuning-Hauses.

Dorthin, wo Politikerinnen und Politiker miteinander diskutieren können, die Presse zuhören kann und die Öffentlichkeit tatsächlich etwas von der Öffentlichkeit hat.

Damit eine Sitzung endlich wieder eine Sitzung ist – und keine politische Veranstaltung mit Bahnhofshallenakustik.


Anm.d.Red.: Haben Sie bis zum Ende gelesen? Nur zur Info: Die Nordstadtblogger arbeiten ehrenamtlich. Wir machen das gern, aber wir freuen uns auch über Unterstützung!

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