Nordstadtblogger

Ein bitterer Verlust für die Kneipenszene in der Nordstadt: Der Salon Fink auf dem Nordmarkt schließt am 23. Dezember

Schöne Erinnerung: MitarbeiterInnen und Stammgäste des Salon Fink  (2014). Foto: Klaus Hartmann

Von Bjoern Hering/ Last Junkies on Earth.com

Das ist eine bittere Nachricht für alle Nordstadt-Freunde: Nach etwas mehr als sieben Jahren wird das FINK auf dem Nordmarkt am 23. Dezember schließen. Was dies für das Kultur- und Szeneleben tatsächlich bedeutet, lässt sich zum jetzigen Zeitpunkt nur erahnen. Eines aber ist sicher: der Einschnitt wird für viele nicht schmerzlos bleiben.

Der schwierige Standort am Nordstadt schreckt viele potenzielle Café-Gäste ab

Konzert von Ritalin Ray im Fink. Foto: Klaus Hartmann

Einfach war es nie für Betreiberin Kati Elinghoff, aber der besondere Charme aus 60er Deko, Biergarten, Café und Bar mit einer kleinen roten Bühne, auf der regelmäßig lokale sowie internationale Indie-Bands stehen, lockt seit über sieben Jahren ein treues Publikum mitten ins Epizentrum der Nordstadt.

Nicht einfach, weil der reine Standort des niedlichen Bungalows schon vor sieben Jahren viele Erstbesucher abschreckte. Die Gegend rund um den Dortmunder Nordmarkt gilt von je her als eine der raueren Gegenden, durchdrungen von Armut, Massenzuwanderung und Drogenszene. Um so schneller entwickelte sich das Fink zu einer Oase inmitten des täglichen Reibens.

Die Dortmunder Nordstadt steht für ein ständiges Durch– und Übereinander der sozialen Schichten und der kulturellen Rituale, eine chaotische Verdichtung, eine Art Superkompression, die das Gegenteil von gepflegt-hochpreisigem Zombifikations-Urbanismus ist. Reizvoll wegen der Ambivalenz dieses Stadtteils, ist das Fink nicht nur für viele heimische Künstler und Lebenskünstler seit seinem Bestehen allabendlicher Anlaufpunkt.

Kati Eilinghoff schuf für die DortmunderInnen ein urgemütliches Wohnzimmer  

Kati Eilinghoff betreibt mit viel Liebe das FINK auf dem Nordmarkt. Foto: Alexander Hügel

Für viele Nordstadt-Bewohner ist Eilinghoffs Ladenlokal viel mehr als nur eine Bar. In den letzten Jahren schuf Eilinghoff für die Dortmunder ein Wohnzimmer, einen urgemütlichen Wohlfühlraum, in dem sich allabendlich die Menschen treffen, die diesen Teil von Dortmund nicht aufgeben wollen.

Hunderte Indie-Bands standen bis heute auf der kleinen Bühne, ob aus Dortmund, Skandinavien oder bis aus den USA, und jede von ihnen hatte einen fantastischen Sound, denn die Akustik des kleinen Salons ist einfach perfekt für Konzerte dieser Art.

Verdammt oft tropfte der Schweiß von der Decke, denn mit 50 Personen ist es hier schon massig voll. Fantastische Parties wurden veranstaltet, DJs wie Martini, Steven Basscom, Alex Sound (La Palma, Kanarische Inseln), Alex Gasulla (Lleida, Spanien) oder das Stuntcat DJ Set erlebten hier zusammen mit den Besuchern unvergessliche Abende.

Zwischen Tatort und Action-Trash-Lesung 

Sonntags gibt es im Fink nach wie vor ganz traditionell den Tatort auf Großleinwand zu sehen, mit Blumenkohlauflauf und Mörderquiz. Legendär sind die Action-Trash Lesungen von Dond und Kati, die den kleinen Laden mit Konfetti, Action Trash Team und guter Laune, ja, überfluteten, kann man sagen.

Unvergessen auch die 24-Stunden-Ulysses-Lesung, in der tatsächlich 1008 Seiten am Stück gelesen wurden. Künstler wie Sascha Bisley gehen im Fink ein und aus, er war es, der ein Produktionsteam von ARTE mit in den Salon schleppte, das gar nicht mehr gehen wollte, so begeistert waren sie von dem Flair und dem Haselnassschnups.

Der Theaterregisseur Bjoern Gabriel drehte im Fink Teile seiner Videoeinspielungen, es gab – auch wenn sie technisch hakte – eine Live-Schaltung zu seinem aktuellen Stück, welches zeitlgleich auf der Bühne im Depot aufgeführt wurde. Der kleine Laden hält immer wieder für Musikvideos her, sowie für etliche Interviews, die Künstler genau hier und nirgendwo anders geben wollen.

Zu all dem sei erwähnt, dass das Fink eine ganz wunderbare Küche anzubieten hat, sowie einen kleinen Biergarten, der urbaner nicht sein könnte und der für viele Gäste eigentlich unverzichtbar für die Umgebung ist.

Der Salon Fink befindet sich direkt auf dem Nordmarkt – ein sehr schwieriges Umfeld. Foto: SF

Das Ende des Fink ist auch ein Versagen der Stadt und ihrer Bemühungen am Nordmarkt

Mit all dem wird am 23. Dezember nun Schluss sein. Schweren Herzens haben sich Kati Eilinghoff und ihr tolles Team dazu entschlossen, diese Oase für immer zu schließen. Das wird nicht schmerzlos an Dortmund vorübergehen. Denn einen Ort wie das Fink gibt es kein zweites Mal in der Stadt.

„Wenn alle weggehen würden, dann würden die Zombies gewinnen“, so titelten die Last Junkies on Earth damals eine Story über das Fink. Knapp viereinhalb Jahre später ist es soweit.

Trotz aller Mühen scheint die Stadt Dortmund das Problem Nordstadt nicht in den Griff zu bekommen. Trotz allem Entgegenkommens der Verantwortlichen kann Kati Eilinghoff ihren Laden nicht länger überleben lassen. Das dies nicht ihrem Engagement oder gastronomischen Fähigkeiten zu verschulden ist, sollte nach den oben geschriebenen Zeilen jedem Leser einleuchten.

Das Ende des Fink läutet mehr ein als nur das Ende einer weiteren Bar

DJ Alex Sound aus La Palma legte im Fink auf.

Das Ende des Fink läutet mehr ein als nur das Ende einer weiteren Bar. Ab Ende Dezember wird niemand mehr das teilweise apokalyptisch anmutende Treiben rund um den Nordmarkt mit einem Gegenprogramm aus Independent-Kultur und Kaffee jeden Tag aufs Neue durchbrechen.

Wenn Kati Eilinghoff am 23. Dezember zum letzten Mal die Türen schließt, dann ist das der Sieg der Zombies. Die Stadt Dortmund hat kläglich versagt, den Nordmarkt auf Dauer für mehr als zwei Hände voll treuer Stammgäste begehbar und attraktiv zu machen.

Das spiegelt nicht nur unsere persönliche Meinung wieder. In gefühlten hunderten Gesprächen in den letzten vier Jahren wurde den Last Junkies dies immer wieder als Hauptgrund aufgeführt, warum man sich letztendlich doch so oft entschließt, nicht den Weg Richtung Nordmarkt anzutreten.

Ohne diesen gastlichen Salon wird es ziemlich dunkel in Dortmunds Problembezirk

Nicht nur an Halloween ein verrückter Laden: Das Fink sorgt regelmäßig für bunte Abende im Nachtleben der Stadt Dortmund. Foto: LJOE

Das ist äußerst bedauerlich, mit der Konsequenz aber wird Eilinghoff nicht alleine leben müssen. Wenn das Licht im Fink erloschen ist, dann wird es ziemlich dunkel in Dortmunds Problembezirk.

Doch noch leuchtet der roten Salon allabendlich für euch: Bis zum letzten Abend lädt das Fink noch einmal mit offenen Armen ein. Es wird noch einen halben Herbst und einen Winter lang tolle Konzerte und Veranstaltungen geben. Wer immer sich einbringen möchte, der ist herzlichst dazu eingeladen, sich im Laden zu melden.

Bis zur finalen Party am 23.12. soll es noch möglichst viel Angebot geben. Die rote Bühne kann euch gehören. Lassen wir es krachen!

Mehr zum Thema:

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„Wenn alle weggehen würden, würden die Zombies gewinnen!“ Salon Fink startet mit einer fantastischen Wiedereröffnungsparty

 

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9 Gedanken über “Ein bitterer Verlust für die Kneipenszene in der Nordstadt: Der Salon Fink auf dem Nordmarkt schließt am 23. Dezember

  1. Dr. Marita Hetmeier

    Nicht nur ein großer Verlust für die Kneipenszene. Die Gastronomie auf dem Nordmarkt war und ist ein dringendes Herzensanliegen für die Anwohnerinnen und Anwohner. Der Nordmarkt sollte ein Platz sein, auf dem sich die Menschen, die hier wohnen, zu Hause fühlen. Der Aufenthalt auf dem Nordmarkt ist aber inzwischen derart unangenehm geworden, dass Anwohnerinnen und Anwohner sich dort nicht mehr aufhalten wollen. Zu viele Problemgruppen, zu große Unsicherheit und zu viel Lärm. Schade, dabei ist der Nordmarkt mit sehr viel Geld hergerichtet worden. Aber vielleicht sollen die Anwohnerinnen und Anwohner, die sich eher der „normalen“ Bewohnerschaft zurechnen, auch gar nicht mehr dort sein. Mehr und mehr gewinnt man ja den Eindruck, es soll ein Problemghetto geschaffen werden. Menschen, die auf ihr Umfeld achten, die nicht ständig mit Drogen, Prostitution, Gewalt, Müll und Geschrei konfrontiert werden möchten, stören die Stadt da wohl nur…

  2. Auswärtsspiel

    „Jedem Ende wohnt ein Anfang inne“ ist eine abgewandelte Redewendung. Das „Fink“ war 2008 mit hohem finanziellen Einsatz der Stadt als Familiencafé „Killefit“ mit Frühstück, Mittagstisch und Kinderspielbereichen gestartet und sollte ein Gegengewicht zur Trinkerszene auf dem Nordmarkt sein. Der erste Pächter gab schnell auf. Der Szeneclub-Betrieb in den Abendstunden war vielleicht eine Notlösung mangels Pächter, aber keine angemessene Weiterführung. Diese geht (mutmaßlich nach Auslaufen des Pachtvertrages) zuende, was eine Chance ist, das ursprüngliche Konzept wieder aufzugreifen. Ein Familiencafé wird sich vermutlich nicht ökonomisch selbst tragen; aber welche Nutzungen sollen es sonst sein? Bitte keine weitere Unterkunft für die Ordnungsdienste und auch nicht wieder eine bessere „Kneipe“.

    1. Harm Lübben

      Wenn Sie gerne tagsueber in ein Cafe gehen wollen, so finden Sie nebenan in der Schleswiger Strasse bestimmt sieben Stueck in einer Reihe.
      Scherz beiseite: Die gleiche Betreiberin hat doch vorher jahrelang einen Tagesbetrieb versucht (Rasthaus Fink). Da sich das nicht trug, wechselte man auf den Abend. Das Latte Macchiato Publikum fuer den Nachmittag kann ich auf dem Nordmarkt nicht entdecken.
      Im Uebrigen: Das Gebaeude wurde als „Eiscafe“ geplant und gebaut. Nicht etwa, weil ein williger Eisverkaeufer in den Startloechern stand, sondern weil sich die Nordmarkt-Plus Buerger das so wuenschten und es galt die Gelder aus Urban II zu verpulvern. Und Sie sehen ja, wie gut sich die Idee mit dem Eiscafe umsetzen liess, wenn man nur mal kundige Buerger ans Ruder laesst.
      Meiner Meinung nach, wird es an dieser Stelle ueberhaupt keine Gastronomie mehr geben, sollte nicht das Publikum auf dem Nordmarkt ausgetauscht werden. Und das ist das eigentlch traurige an dieser Geschichte. Dass dieses Viertel seit sehr vielen Jahren schon aufgegeben und vor die Wand gefahren wurde, und jetzt fertig hat.

      1. Andreas Holz

        Warum soll denn das Publikum dort „ausgetauscht“ werden? Weil es nicht gut genug aussieht? Weil es nicht deutsch genug ist? Ich wohne in der Nähe, gehe oft über den Platz und freue mich über die vielen Kinder und Familien, die sich dort in der hellen Jahreshälfte bis spät in den Abend hinein aufhalten. Klar, die sind laut (das „Geschrei“, das Frau Hetmeier oben beklagt), aber so sind Kinder – arme Kinder erst recht – nun einmal. Warum dieses „Publikum“ vielen so ein Dorn im Auge ist, erschließt sich mir nicht. Die beklagten anderen Probleme – Kriminalität, Drogen, Prostitution – fallen mir natürlich auch gelegentlich auf, aber das ist definitiv nicht das bestimmende Bild auf dem Nordmarkt.

        Eine sinnvolle Nutzung des Gebäudes wäre ein kleines Jugendzentrum für die Roma-Kinder. Die Stadt kommt ja schon jetzt regelmäßig mit einem Wagen voller Spielgeräten angefahren, warum nicht das Gebäude dafür als Dauerlösung nutzen?

  3. Gewerkschaftsforum Beitrags Autor

    Auf gewerkschaftsforum-do.de ist folgender Beitrag erschienen, den wir euch nicht vorenthalten wollen:

    Gastronomie auf dem Nordmarkt – Stadtplanung aus dem Tollhaus

    Anfang der 1990er Jahre gab es die Initiative „Rund um den Nordmarkt“. Hier hatten sich einzelne Personen und Gruppen, die in der Umgebung des Nordmarktes in der Kinder- und Jugendarbeit, an der Grundschule und in der Beratungs- und Stadtteilarbeit tätig waren, zusammengeschlossen. Die Initiative trat an die Stadt Dortmund mit der Bitte heran, bei der …

    Mehr: http://gewerkschaftsforum-do.de/gastronomie-auf-dem-nordmarkt-stadtplanung-aus-dem-tollhaus/

  4. Nordstadtbeobachter

    Nach einer kurzen Phase der Entspannung kamen mit der EU-Südosterweiterung die Rotationseuropäer und machten den Nordmarkt und dessen Umgebung zu einem höchst unwirtlichen Ort, der sich absolut nicht mehr wie Deutschland anfühlt.
    Die Migrationskrise („Flüchtlingskrise“) gibt seit über einem Jahr der Nordstadt endgültig den Rest. Ohne all diese bildungsfernen und teils kriminellen „Neubürger“ der vergangenen 5 Jahre hätte hingegen eine weitere Entspannung erreicht werden können, wie sie sich zwischendurch schon abgezeichnet hatte.
    Die inszenierte Willkommenskultur bestärkt im Endeffekt nicht nur den rechten Rand, sondern auch die strukturrassistische Mitte der Gesellschaft, die sich zunehmend (wieder) in die migrantenarmen zurückzieht.

  5. Andreas Koch

    Was für eine Botschaft „Keine Aufwärmbude für Sozialarbeiter“: Der Nordmarkt ist gerettet. Die Sozialarbeiter müssen woanders ihren Kaffee trinken, die Füße vor den Ofen legen und die Zeit totschlagen. Ordentliches Gewerbe statt Sozzifuzzitum, das ist die neue Botschaft für die Nordstadt.

    Vielen Dank für die Wertschätzung des Berufstandes!

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