Nordstadtblogger

Derne: Verkauf des letzten Grundstücks im Gewerbegebiet Gneisenau-Süd führt zur Abwicklung der Projektgesellschaft

Ringen um Zukunft: Dortmund-Derne, Zeche Gneisenau: mehr als nur ein Industriedenkmal. Foto: Leopold Achilles

Es ist eine Liquidation mit Ansage: Nachdem RAG Montan Immobilien das letzte Grundstück im Gewerbegebiet Gneisenau-Süd Mitte des Jahres an einen Dortmunder Elektronikgroßhandel veräußert hat, kann die 1996 zusammen mit der Stadt Dortmund – eigens zur Erschließung dieser Teilfläche des ehemaligen Bergwerks Gneisenau – gegründete Projektgesellschaft nun abgewickelt werden. Die Weichen dafür hat der Stadtrat auf seiner konstituierenden Sitzung in der vergangenen Woche gestellt: zum Jahresende ist Schluss. Der sommerliche Verkauf des rund 4.450 Quadratmeter großen Geländes markiert den Abschluss eines erfolgreichen Kooperationsprojektes.

Investitionen von rund 6,8 Millionen Euro und weitere 2,2 Millionen Euro von der Stadt für Kanalbau

Eine riesige Entwicklungsfläche im Dortmunder Norden: dort, wo einst vornehmlich in der Tiefe gegraben wurde, soll nun das Leben pulsieren. Fotos (7): RAG/Thomas Stachelhaus

70.000 Quadratmeter Nettogesamtfläche aus dem Bestand des RAG-Konzerns im Dortmunder Stadtteil Derne sind inzwischen offiziell vermarktet. Das Gewerbegebiet Gneisenau-Süd war – als Teilbereich des gesamten Stadtquartiers – 2002 eröffnet worden. ___STEADY_PAYWALL___

In weniger als zwei Jahren wurden für Sanierung und Erschließung dieser sieben Hektar großen Teilfläche des ehemaligen Zechenareals rund 7.000 Kubikmeter Beton und Mauerwerk abgebrochen, zirka 160.000 Tonnen Boden aufgenommen und wieder eingebaut sowie rund 19.000 Tonnen Boden entsorgt und neu angeliefert.

Zudem wurden etwa 1.300 Meter neue Gas- und Wasserleitungen sowie rund 4.300 Meter Stromkabel verlegt – alles in allem Investitionen mit einem Gesamtvolumen von rund 6,8 Millionen Euro. 3,6 Millionen Euro davon waren Fördermittel des Landes NRW sowie der Europäischen Union. Die RAG Montan Immobilien beteiligte sich mit 3,2 Millionen Euro. Weitere 2,2 Millionen Euro wendete die Stadt Dortmund zusätzlich für den Kanalbau auf.

34 orts- und stadtteilgebundene Gewerbebetriebe seit 2002 entlang der Gneisenauallee angesiedelt

Ein wichtiger Impuls für die erfolgreiche Vermarktung der Grundstücke sei die optimale verkehrstechnische Anbindung des Geländes an die B236 und damit an die Verkehrsachsen A1 und A2 nach Fertigstellung der Gneisenauallee im Jahr 2012 gewesen, erklärt Marco Nerger, Vertriebler im Geschäftsbereich Entwicklung der RAG Montan Immobilien. „Mit dem erfolgreichen Abschluss der Flächenvermarktung hat die Projektgesellschaft ihren Auftrag nun erfüllt:“

Insgesamt 34 orts- und stadtteilgebundene Gewerbebetriebe – unter anderem aus den Bereichen Elektro, Sanitär, Haustechnik, Kfz, Maschinenbau, Sicherheitstechnik, Garten- und Landschaftsbau sowie Medien – haben sich seit 2002 auf Grundstücken von 1.000 bis 8.000 Quadratmetern Größe entlang der Gneisenauallee angesiedelt.

Für den gebeutelten Stadtteil Dortmund-Derne bedeutet diese Entwicklung in den vergangenen Jahren schätzungsweise 300 neue Arbeitsplätze allein in dem südlichen Gewerbebereich von Gneisenau.

„Mit der Reaktivierung der gesamten, rund 60 Hektar großen Zechenbrache im Dortmunder Nordosten hat die RAG Montan Immobilien vor allem zukunftsfähigen Raum in einem Ortsteil entwickelt, für den der Wegfall des Bergbaus und der nachfolgende Strukturwandel enorme Herausforderungen waren und sind“, weiß denn auch Michael Kalthoff, Vorsitzender der Geschäftsführung der RAG Montan Immobilien.

Umfangreiches Stadtentwicklungskonzept: Verbindung von Leben, Wohnen, Arbeiten, Freizeit und Erholung

Planungskonzept des Stadtquartiers Gneisenau in Dortmund-Derne. Foto: Luftbild des RVR

Das Gewerbegebiet ist nur ein Baustein des umfangreichen Stadtentwicklungskonzeptes auf der Montanbrache inmitten des Stadtteils. Das ambitionierte Ziel der Kooperationsgemeinschaft war es, ein zukunftsfähiges Quartier zu schaffen, das die Bereiche Leben, Wohnen, Arbeiten, Freizeit und Erholung sinnvoll miteinander verbindet.

Neben Gneisenau-Süd wurden auf dem Gelände des ehemaligen Bergwerks eine neun Hektar große Logistikfläche, ein Nahversorgungszentrum mit Supermärkten, Drogerie, Bäcker, Sparkassen-Filiale und Dienstleistern sowie ein Stadtteilpark und gestaltete Grünflächen realisiert.

Das Konzept integriert zudem moderne Wohnbebauung – insgesamt 63 Doppel-, Reihen- und Einzelhäuser, von denen die letzten derzeit fertiggestellt werden. Sie wurden u.a. auf dem ehemaligen Sportplatz der Zeche errichtet.

Durch Reaktivierung der Fläche: neue wirtschaftliche Basis für das Quartier mit Strahlkraft für Gesamtstadt

Wohnen auf dem ehemaligen Zechensportplatz

Michael Lenkeit, Geschäftsführer der Wirtschaftsförderung Dortmund, sieht daher erwartungsgemäß die Dinge auf dem richtigen Weg: „Auf dem Areal des ehemaligen Bergwerks Gneisenau ist es uns gelungen, aus einem Brownfield einen florierenden Gewerbe-, Handels- und Logistikstandort zu machen. Mit den Neuansiedlungen sind auf dem gesamten Zechengelände über 1.200 Arbeitsplätze entstanden – und das über alle Qualifizierungsstufen hinweg.

Die Reaktivierung der Fläche gäbe dem Quartier eine neue wirtschaftliche Basis, von der letztlich die ganze Stadt profitiere. Darüber hinaus hätten die Freizeitmöglichkeiten wie der Stadtteilpark die Aufenthalts- und Lebensqualität deutlich erhöht, so der Wirtschaftsförderer.

Auch der sich seinerzeit noch im Amt befindende OB Dortmunds, Ullrich Sierau, der zuvor bereits als Planungsdezernent in das Vorhaben eingebunden war, zeigte sich überzeugt:

„In enger Kooperation ist auf dem ehemaligen Gneisenau-Gelände ein neues, modernes Stadtquartier entstanden. Im Umfeld des früheren, inzwischen denkmalgeschützten Schachtgerüsts der Zeche als historischer Landmarke gibt es nun Gewerbe- und Logistikflächen, Einkaufs- und Dienstleitungsangebote sowie attraktive Freizeitmöglichkeiten inklusive Stadtteilpark für die Bürgerinnen und Bürger Dernes.“

Strukturplan soll weitere Leitlinien für Weiterentwicklung Dernes und des Gneisenau-Geländes festschreiben

Aus der Zechenbrache sei ein Stadtquartier geworden, so Sierau, das die Identität des Stadtteils im Blick behalten und parallel die Lebensqualität in Derne gesteigert habe. Dadurch sei ein erheblicher Beitrag zur kontinuierlichen Aufwertung des Dortmunder Nordens geleistet worden. „Ein Strukturplan wird nun die weiteren Leitlinien für die Weiterentwicklung Dernes und des Gneisenau-Geländes festschreiben.“

Dies war im August vom Verwaltungsvorstand der Stadt beschlossen worden, um die abschließende Entwicklung des Bergwerksgeländes zu erleichtern und eine Stadtteilentwicklung im Einklang mit den Industriedenkmalen festzuschreiben.

Michael Kalthoff, Vorsitzender RAG Montan Immobilien

„Potenziale“, lautet die Begründung, bestünden neben der funktionalen Einbindung der unter Denkmalschutz stehenden Industriebauten etwa noch im Ausbau von Fuß- und Radwegeverbindungen.

Bereits im März dieses Jahres hatte es dazu einen Workshop unter Federführung des Amts für Stadterneuerung gegeben, an dem neben Vertreter*innen der Stadt sowie der Stiftung Industriedenkmalpflege und Geschichtskultur als Eignerin der Denkmale auch die RAG Montan Immobilien beteiligt war.

Michael Kalthoff: „Uns ist sehr daran gelegen, die Umsetzung auch dieses letzten Bausteins im Rahmen der Gesamterschließung des Geländes aktiv zu begleiten und zu unterstützen.“

Zukunft der durch Übernahme vor dem Abriss bewahrten Denkmale einer Industriekultur noch offen

Insgesamt drei Flächen, „zwei kleinere Restflächen“ und der Bereich der ehemaligen Zentralwerkstatt, so Marco Nerger, stehen auf Gneisenau derzeit noch zur Erschließung aus: Für eine 7.500 Quadratmeter große Fläche zwischen den beiden Fördergerüsten gebe es keine fixierte Nutzung im Bebauungsplan: „Hier gilt es, unsere Wünsche, die Wünsche der Stadt und die Anliegen der Industriedenkmalstiftung in Einklang zu bringen“.

Ursula Mehrfeld, Geschäftsführerin
der Stiftung Industriedenkmalpflege und Geschichtskultur. Archivfoto (2): Leopold Achilles

Darauf hofft auch Ursula Mehrfeld, Geschäftsführerin der Stiftung Industriedenkmalpflege und Geschichtskultur: „Die Industriedenkmale der Zeche Gneisenau sind für den Stadtteil Derne und das gesamte Gebiet mit all seinen Neuansiedlungen prägend und identitätsstiftend. Die angesiedelten Firmen nutzen diese faszinierende Kulisse gerne für ihre Werbezwecke.“

Doch leider, bemängelt die Akteurin, sei die Zukunft der durch Übernahme vor dem Abriss bewahrten Denkmale noch offen. Ihre Hoffnung: „dass es gelingen wird, sie in das künftige Stadtteilkonzept einzubinden und die Entwicklung in unserem und vor allem im Sinne der Stadtteilbewohner zu einem erfolgreichen Abschluss zu bringen.“

Ebenfalls unmittelbar im Bereich der historischen Bestandsgebäude stehen weitere 3.000 Quadratmeter Nutzfläche zur Verfügung. Marco Nerger: „Dieses Gelände könnten wir durch den Ankauf ergänzender kleinerer Flächen, die sich derzeit in Fremdbesitz befinden, noch einmal erweitern. Hier wäre eine mehrgeschossige Bebauung, etwa ein Ärzte- oder Geschäftshaus denkbar.“ Konkrete Pläne schließlich gibt es bereits für das rund neun Hektar große Gelände der ehemaligen Zentralwerkstatt an der Derner Straße. „Hier gehen wir demnächst fünf Hektar im südlichen Teil für die gewerbliche Entwicklung an.“

Weitere Hintergrundinformationen: Bergbauarchitektur auf Gneisenau und Denkmalpflege vor Ort

Gleich zwei Landmarken prägen das Gelände des ehemaligen Bergwerks Gneisenau in Dortmund: Der nach dem belgischen Konstrukteur Eugen Tomson benannte Tomson-Bock über Schacht 2 ist das älteste erhaltene stählerne Fördergerüst des Ruhrgebiets. Tomson war als Direktor der Bergwerksgesellschaft Gneisenau maßgeblich am wirtschaftlichen Erfolg der Zeche beteiligt; nicht zuletzt, da das von ihm entwickelte Strebengerüst, das bis auf eine Höhe von 13 Metern von der Schachthalle umhaust wird, einen einfachen Zugang zum Schacht möglich machte.

Außergewöhnlich ist auch das zweigeschossige Turmgerüst über Schacht 4: Da die beiden Maschinenhäuser aufgrund von Platzmangel extrem nah am Fördergerüst errichtet werden mussten, wurden die Streben des Doppelbocks nahezu senkrecht in den Boden getrieben. Die beiden Zwillingsdampffördermaschinen wiederum platzierten die Konstrukteure mit Blick auf einen effizienten Seilneigungswinkel ins erste Obergeschoss der Maschinenhäuser.

Denkmäler und Bestandsgebäude befinden sich seit 1997 in der Obhut der Stiftung Industriedenkmalpflege und Geschichtskultur. Vor Ort aktiv ist in deren Auftrag seit 2004 der Verein „Förderkreis Zechenkultur Gneisenau e.V.“ (früher: Knappenverein Glück-Auf Gneisenau-Hostedde 1896 e.V.).

Der Verein nutzt das nördliche Fördermaschinenhaus Schacht 4 sowie das Notmaschinenhaus und organisiert neben der Pflege des baulichen Bestandes auch Veranstaltungen vor Ort.

Die letzte „bergbauspezifische Nutzung“ auf dem Gelände obliegt der Essener Minegas GmbH, die seit 2006 auf einem mittlerweile ebenfalls der Industriedenkmalstiftung zugesprochenen Gelände ein Blockheizkraftwerk mit Grubengas betreibt. Drei Gasmotor-Generatoren erzeugen hier Strom, der in das Dortmunder Netz eingespeist wird.

Weitere Informationen: Geschichtliche Meilensteine rund um die Zeche Gneisenau in Dortmund-Derne

  • 1873 erste Abteufarbeiten auf der Zeche Gneisenau; starke Wasserzuflüsse verzögern die reguläre Förderung
  • 1886 erste Kohleförderung auf der Schachtanlage Gneisenau
  • 1890 Inbetriebnahme der Kokerei
  • 1891 die Harpener Bergbau-AG übernimmt Gneisenau
  • 1927/28 Inbetriebnahme einer neuen, modernen Großkokerei
  • 1931 Zusammenlegung mit dem Steinkohlenbergwerk Scharnhorst
  • 1934 Förderung erfolgt ausschließlich über den Zentralförderschacht 4
  • 1939-1945: Während des Zweiten Weltkriegs wurden auf der Zeche Gneisenau Kriegsgefangene zur Zwangsarbeit eingesetzt. Diese waren in einem Barackenlager an der Derner Straße untergebracht. Durch alliierte Bombenangriffe wurden die Tagesanlagen der Zeche schwer beschädigt.
  • 1945: Zwei Monate nach Kriegsende wurde die Produktion wieder aufgenommen und kontinuierlich gesteigert
  • 1974 Gneisenau ist eine der größten Schachtanlagen in Europa mit 6.300 Bergleuten und einer Jahresproduktion von 4,2 Mio. Tonnen
  • 1985 Stilllegung der Zeche Gneisenau
  • 1989 Stilllegung der Zentralkokerei
  • 1990 Stilllegung des Zechenkraftwerkes
  • 1996 Gründung Projektgesellschaft Gneisenau
  • 2006 Realisierung Einzelhandelszentrum und Dienstleistungsriegel
  • 2008 Fertigstellung Stadtteilpark I
  • 2012 Eröffnung der Gneisenauallee
  • 2013 Eröffnung Stadtteilpark II
  • 2014 Fertigstellung Landschaftsbauwerk mit Himmelsschaukel
  • 2014 Vermarktungsauftakt Wohngebiet „Wohnen am Stadtteilpark Derne“
  • 2015 Abschluss Vermarktung Logistikfläche
  • 2017 Vermarktungsauftakt Wohngebiet „Wohnen am Hochzeitswald
    Derne“ an der Kornblumenstraße
  • 2019 Abschluss Vermarktung „Wohnen am Stadtteilpark Derne“
  • 2020 Abschluss Vermarktung Gewerbegebiet Gneisenau-Süd
  • 2020 Spatenstich Kindergarten Kornblumenstraße 8
  • 2020 Strukturplan Dortmund-Derne
  • 2021 Straßenendausbau Kornblumenstraße und Christine-Teusch-Bogen

 

Unterstütze uns auf Steady

 

Mehr zum Thema bei nordstadtblogger.de:

„Kohle, Koks und Kolonie“: Die Geschichte des Verbundbergwerks Gneisenau – nicht nur für Bergleute

Bewegung rund um die Zeche Gneisenau: Strategiekonzept mit Investitionen von 14 Millionen Euro für Dortmund-Derne

 

Print Friendly, PDF & Email

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

Durch die weitere Nutzung der Seite stimmst du der Verwendung von Cookies zu. Weitere Infos

Die Cookie-Einstellungen auf dieser Website sind auf "Cookies zulassen" eingestellt, um das beste Surferlebnis zu ermöglichen. Wenn du diese Website ohne Änderung der Cookie-Einstellungen verwendest oder auf "Akzeptieren" klickst, erklärst du sich damit einverstanden.

Schließen