Nordstadtblogger

„Der Agent“: Ein abgehalfterter Versicherungsvertreter sucht Familienanschluss und Heimat und scheitert

Versicherungsagent Lohmann (Matthias Hecht) kennt sich aus mit den Menschen. Foto: Guntram Walter.

Von Angelika Steger

Er hat es nicht leicht: die Informationstechnik schreitet unaufhörlich und ohne Gnade voran. Nur noch Raffgier ist das Versicherungsgeschäft, anstatt sich um die KundInnen wirklich zu „kümmern.“ Was man früher face-to face besprach, das wird heute nur noch in knappen kurzen Worten per Messenger formuliert. Keine Zeit mehr für lange Gespräche. Zeit scheint aber Matthias Hecht zu haben, wenn er ein derart langweiliges Bühnenprogramm, das eine Mischung aus Schauspiel, Kabarett und Stand-Up-Comedy sein soll, schreiben kann.

Langeweile fast das ganze Stück hindurch, weil es keinerlei Überraschungen gibt

Das Stück „Der Agent“ ist auf der Bühne des Wichernhauses in der Nordstadt zu sehen. Schon am Anfang fragt man sich, was das werden soll, wenn der ehemals so erfolgreiche Versicherungsvertreter Lohmann mit einem schweren Koffer, der kein Aktenkoffer ist, auf die Bühne kommt.

Natürlich muss er dabei telefonieren, wie alle Geschäftsleute hat man immer was zu tun, was zu besprechen und anschließend muss man sich für diese Unhöflichkeit des Telefonierens entschuldigen. In diesem dicken Reisekoffer sei übrigens sein ganzes Leben drin, sicher verwahrt. Aha. Muss wohl viel verloren gegangen sein.

Allerdings spürt man als Zuschauerin weder Mitgefühl noch ist man belustigt, weil Matthias Hecht alias Versicherungsagent Lohmann eine geschlagene halbe Stunde, die Hälfte der gesamten Stückdauer braucht, um wirklich auf Touren zu kommen, die/den Zuschauer/in überhaupt mal zu interessieren für das, was er auf der Bühne meint präsentieren zu müssen.

Text ist nicht zum Lachen, möchte es aber sein

Die gemachten Witze über dämliche Fragen aus Quizshows ziehen nicht. Seine langen Pausen beim Sprechen und die Halbsätze sorgen für Langeweile statt Spannung. Außerdem ist es immer ein Zeichen von schwacher Schauspiel-Leistung, wenn die Figur oft über ihre eigenen Witze lachen muss.

Im ohnehin nicht mal halbvollen Wichern-Saal wurde selten mitgelacht. Und: Was interessiert es, wo er, Lohmann, gewesen war? Weshalb ist er gescheitert? Und um was geht es eigentlich? Schön, dass sich Hecht alias Lohmann diese Frage auch stellt, aber: das wirkt plan- und ideenlos. Dafür braucht man kein Theaterstück schreiben.

Sehnsucht nach „Heimat“ haben sie alle, Versicherungsvertreter wie Versicherte

Auch im Sozialraum muss man immer online sein. Foto: Guntram Walter.

Erst als seine Stimme lauter wird und er von den Begegnungen mit den Menschen, denen er doch nur Gutes tun will, kommt etwas Spannung auf. Wie begeistert ihn die Leute aufgenommen hätten, zum Kaffee und Kuchen eingeladen.

Und natürlich waren es immer Damen, gerne älter, die ihm ihren selbstgebackenen Kuchen servierten. Die anständige deutsche Hausfrau macht sowas natürlich. Die Sehnsucht nach etwas, was man „Heimat“ nennen könnte.

Und dafür tut Lohmann alles, um das zu schützen, was sich bitte nie ändern soll. Sein Versicherungs-Konzept „Heimat-Schutz-Konzept“ sei revolutionär. Als ZuschauerIn jedoch ist bald klar: es ist einfach nur lächerlich. Versicherungen und ihre Agenten sind eben weder völlig böse noch total gut: sie sind ein notwendiges Übel, wenn man sein Eigentum versichern will für den Fall, dass der Besitz gestohlen oder beschädigt wird.

Was einmal war, ist heute nicht mehr: auch „Heimat“ ändert sich

Doch das Schicksal oder was auch immer meinte es nicht gut mit Lohmann. Abgehalftert sitzt und steht er auf der Bühne, pendelt zwischen zwei Seiten, die eine sei der „Sozialraum“ mit dem klobigen Holzstuhl, der andere der „Geschäftsraum“ mit dem „Bauhaus-Stuhl“ aus Metall und Kunststoff.

Eine Sache, die er wohl von seinem Onkel, einem Heiratsschwindler, von dem er erzählt gelernt hat: immer schön das Gesicht wahren, nie nach außen das eigene Scheitern zugeben. „Wer gut angezogen ist, dem hört man zu.“ Bluffen hat er wohl von diesem Verwandten gelernt.

Warum er genau gescheitert ist, hätte man als ZuschauerIn gern erfahren. Die Begründung, dass Verschwiegenheit eine Tugend eines Versicherungsagenten sei, zieht da nicht.

Kurzer Höhepunkt des Stücks, bevor die Erzählung wieder abflacht

Nur einmal muss man als ZuschauerIn wirklich lachen, als Lohmann den Selfie-Hype aufs Korn nimmt. Man könne sich das eigene Gesicht auf Lebensmittel drucken lassen. Dabei wisse man doch, wie man aussieht, warum also ständig diese Fotos?

So richtig ist er noch nicht im Hier und jetzt der digitalen Welt angekommen. Ob man Selfies gut findet oder nicht, warum sie gemacht werden, ist eigentlich bekannt.

Nichts Neues an diesem Abend – und über die Versicherungsbranche

Klar wird an diesem Abend im Stück „Der Agent“ nur, was man vorher schon wußte: jede-/r will ein Zuhause haben, eine Heimat, einen Ort, wo sie oder er sich wohl und angenommen fühlt. Niemand soll diesen Ort stören, auch kein Versicherungsvertreter.

Der möchte so gern Teil von denen sein, die ihn dann doch mit Kündigungen verjagt haben – warum genau, bleibt offen. Für Comedy-Fans ein eventuell lustiger Abend. Wer richtigen, guten und hintersinnigen Humor sucht, wird sich in „Der Agent“ aber nur langweilen.

Weitere Informationen:

  • Der Agent“, Soloprogramm von artsenico-Mitglied Matthias Hecht. Eine Produktion von artsenico und Zeitmaultheater Bochum.

Weitere Termine:

  • 23. März 2019, 19.30 Uhr im Zeitmaultheater Bochum.
  • 23. Mai um 20 Uhr im Wichernhaus Dortmund.

Programm des Wichernhauses Dortmund

 

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2 Gedanken über “„Der Agent“: Ein abgehalfterter Versicherungsvertreter sucht Familienanschluss und Heimat und scheitert

  1. Beate Conze

    Wie merkwürdig, dass dieser Abend allen gefallen hat, mit denen ich im Anschluss gesprochen habe.
    Diese Menschen haben durchaus Ahnung von Theater und besitzen richtig feinsinnigen Humor…
    Wie merkwürdig, dass hier gleichermassen Publikum und Darsteller unter dem Niveau der Kritikerin gezeichnet werden…

  2. Ferdinand Bunge

    Das ist keine seriöse Kritik, sondern eine vollkommen von oben herab geschriebene Vernichtung einer Inszenierung, der die Autorin jegliche Daseinsberechtigung abspricht. Man muss ein Stück nicht mögen, aber so etwas Unfundiertes kann man nicht ernst nehmen. Als Kritiker sollte man schon ein bisschen Offenheit mitbringen.

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