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Denkmal des Monats Juni 2019: St. Reinoldi Dortmund am Ostenhellweg ist eine „Wunderkirche“ mit Überraschungen

„Wunderkirche“ mit vielen Überraschungen – so lautet das Motto der Kirche St.-Reinoldi für den evangelischen Kirchentag 2019 in Dortmund. Für die Denkmalbehörde Dortmund ist dies Anlass, die Kirche als Baudenkmal des Monats Juni 2019 vorzustellen. Denn auch in ihrer Historie und ihrer Substanz bietet die Reinoldikirche noch immer Überraschungen für Denkmalpfleger und Archäologen.

Ein symbolträchtiges Baudenkmal mit Strahlkraft für die gesamte Stadt Dortmund

Die Reinoldikirche in der Dortmunder Innenstadt.

Die Reinoldikirche in der Dortmunder Innenstadt ist stadtbildprägend. Foto: Leopold Achilles

Die Reinoldikirche ist sowohl stadtgeschichtlich wie auch kunsthistorisch eines der bedeutendsten Bauwerke Dortmunds. Hier wurden nicht nur die Reliquien des Stadtheiligen Reinoldus aufbewahrt, hier saß auch der Rat der Freien Reichsstadt im repräsentativen Chorgestühl – heute das älteste noch erhaltene in Westfalen.

Die Reinoldikirche war deshalb als Kirche der Ratsherren auch immer Ausdruck politischer Macht und Unabhängigkeit, denn als Freie Reichsstadt unterstand man keinem Landesherrn, sondern war nur dem Kaiser verantwortlich. Sowohl der Bau selbst als auch seine Ausstattung zeigen dies deutlich.

Besonders der zwischen 1421 und 1450 an das rund 200 Jahre ältere frühgotische Langhaus angebaute spätgotische Chor, der an den gotischen Chor des Aachener Kaiserdoms erinnert, und die Statue Karls des Großen im Inneren nehmen Bezug auf die Stellung als Freie Reichsstadt.

Ausstattungsstücke wie der Flügelaltar aus Flandern mit beeindruckenden Gemälden und Schnitzereien, Adlerpult und Taufbecken oder die überlebensgroße Figur des heiligen Reinoldus sind nicht nur Ausdruck von Religiosität, sondern gleichzeitig wichtige Statussymbole.

Langwierige Außensanierungen starteten bereits vor zehn Jahren

Heute geht es weniger um eine weitere prachtvolle Ausstattung, sondern um den Erhalt des Überkommenen. Witterungs- und Umwelteinflüsse, manchmal auch die schlichte Nutzung durch den Menschen, strapazieren auf Dauer das Bauwerk, lassen Steine schwinden, Fugen bröckeln oder Fenster verrußen. Vor zehn Jahren startete eine umfangreiche Sanierung der Fassaden der Kirche. In mehreren Bauabschnitten arbeitete man sich um die Kirche herum, um dann mit dem Dach die Sanierungs- und Restaurierungsarbeiten abzuschließen.

Beim Wiederaufbau nach dem Zweiten Weltkrieg hatte man ein Maßwerkfenster aus vielen kleinen Einzelteilen zusammengesetzt. Daran hatte der Zahn der Zeit besonders genagt. Foto: Michael Holtkötter

Beim Wiederaufbau nach dem Zweiten Weltkrieg hatte man ein Maßwerkfenster aus vielen kleinen Einzelteilen zusammengesetzt. Daran hatte der Zahn der Zeit besonders genagt. Foto: Michael Holtkötter

Das heißt aber nicht, dass nun für Generationen ausgesorgt ist: „Bisherige Erfahrungen zeigen, dass man 20 Jahre Ruhe hat. Danach werden vermutlich erneut umfangreiche Sanierungsarbeiten an den Fassaden notwendig werden, selbst wenn kleinere Problemstellen umgehend angegangen werden. So gesehen ist nicht auszuschließen, dass man in gut zehn Jahren erneut mit Arbeiten am Turm beginnen muss“, so der zuständige Denkmalpfleger der Dortmunder Denkmalbehörde.

Auf ein unerwartetes Problem trafen Steinmetzen und Denkmalpfleger auf der Nordseite des Chores. Beim Wiederaufbau nach den Teilzerstörungen der Reinoldikirche im Zweiten Weltkrieg hatte man ein Maßwerkfenster aus vielen kleinen Einzelteilen zusammengesetzt. Daran hatte der Zahn der Zeit besonders genagt.

Die Statik genügte überhaupt nicht mehr den Anforderungen. „Es war ein Wunder, dass es nicht einfach aus der Fassade gefallen ist. Die Substanz war nicht zu retten, sodass eine detailgetreue Kopie erstellt werden musste, die man sehr gut am hellen Stein erkennen kann.“

Fundamente, Knochen und Gläser als archäologisches Puzzle

Auch wenn es „unter die Erde“ geht, also beispielsweise bei dem Einbau neuer Heizungsrohre in den Kirchboden oder bei der Umgestaltung des Kirchplatzes, ergibt sich für die Denkmalbehörde die Möglichkeit, ein weiteres Puzzlestück zur langen Geschichte von St. Reinoldi hinzuzufügen.

Das sanierte Maßwerkfenster bestand aus vielen kleinen Einzelteilen. Foto: Bruno Wittke

Das sanierte Maßwerkfenster (links oben) bestand aus vielen kleinen Einzelteilen. Foto: Bruno Wittke

Die Aufregung war groß, als man Mitte des 20. Jahrhunderts bei Grabungen an der Nordseite der Kirche auf etwa 1000 Jahre alte Fundamente stieß, die sich einem Vorgängerbau der Kirche zuordnen lassen. Besonders die historischen Mauerreste eines Rundturms an der Nordwest-Ecke der heutigen Kirche rückten in den Fokus. Sollte es sich bei diesen Turmfundamenten tatsächlich um Reste des nördlichen Turms eines Westwerks handeln?

Für das entsprechende Pendant, den südlichen Seitenturm, der unter dem Reinoldi-Forum zu vermuten ist, fehlen bis heute entsprechende Belege. Doch sowohl die Lage der aufgefundenen Mauerreste, als auch das Alter dieser Fundamente, sind Belege dafür, dass es sich bei den historischen Mauerresten möglicherweise um die Reste eines frühromanischen Westwerks von einem Vorgängerbau der heutigen Kirche handelt.

In über 70 Jahren Grabungstätigkeit in und um St. Reinoldi konnten neben diesen Mauern zahlreiche Relikte vergangener Zeiten wie die Reste einer Gießerei und eines abgebrannten Wohnhauses aus dem Mittelalter, Fundamente der Reinoldischule aus dem 19. Jahrhundert sowie zahlreiche Münzen und Gefäßscherben dokumentiert und geborgen werden.

Immer wieder stießen die Archäologen auch auf menschliche Knochen. Denn vom Mittelalter bis in das frühe 19. Jahrhundert hinein diente das unmittelbare Umfeld der Kirche auch als Friedhof.

 

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