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„Das, was ich hier mache, ist mein Leben“ – Nach 40 Jahren geht NGG-Sekretär Manfred Sträter in Rente

Ein Leben für jene, denen Rechte und Stimme fehlen: Manfred Sträter, scheidender Geschäftsführer der Gewerkschaft NGG. Fotos: Klaus Hartmann

Von Susanne Schulte

Wenn Manfred Sträter am Dienstag zu seinem letzten Arbeitstag ins Büro am Ostwall kommt, erwartet ihn keine Abschiedsfeier. Der Gewerkschaftssekretär der NGG (Nahrung, Genuss, Gaststätten) geht nach mehr als 40 Dienstjahren mit Abstand zu den Kolleg*innen und Weggefährt*innen in den Feierabend. Das war anders geplant. Am Samstag (28. März) wollte er im Kreis vieler, vieler Mitglieder während der Delegiertenversammlung in der Actien-Brauerei allen Tschüss sagen. Doch die Verordnungen zum Schutz vor der Ansteckung mit dem Grippe-Virus stoppten auch diese traditionelle Veranstaltung. Dabei ist sie eine der zwei Höhepunkte innerhalb des NGG-Gewerkschaftslebens in Dortmund. Der zweite ist die Ehrung der Jubilar*innen am zweiten Novemberwochenende. Sträter hofft, dass sich zu dieser Feier alle treffen können.

Viele der von ihm ausgehandelten Tarifverträge gelten heute in Unternehmen der Gastronomie

Manfred Sträter hat viele Tarifverträge ausgehandelt, die in Betrieben und Branchen gelten. „Der längste Streik war 1994 der in der Brauindustrie. Der hat zehn Tage gedauert.“

Dass es in Dortmund heute noch eine Brauindustrie gibt, ist auch den NGG-Mitgliedern und ihrem Sekretär zu verdanken. „Wir haben damals die Brauerei in Dortmund erhalten, als sie dicht gemacht werden sollte.“

Gerade jetzt hat er für die Angestellten in der Systemgastronomie einen wichtigen Abschluss ausgehandelt: Sie erhalten 90 Prozent des Nettolohnes, wenn sie in Kurzarbeit gehen müssen. Die Zahlung der Arbeitsagentur muss der Arbeitgeber aufstocken.

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Immer im Einsatz für die Menschen, die wenig Rechte haben und kaum gehört werden

So, wie für die Beschäftigten in den einzelnen Branchen, hat sich der gebürtige Recklinghäuser Zeit seines Lebens stark gemacht für die Rechte derjenigen, die wenige hatten und kaum gehört wurden.

Er war Klassensprecher und Schülersprecher, während der Ausbildung zum Chemielaborant bei der Veba in Gelsenkirchen Lehrjahrssprecher – „man war schneller in der IG Chemie als man gucken konnte“ –, Jugendvertreter, Gesamtjugendvertreter und später, als Fachhochschüler, Sprecher für alle Schulen von Gelsenkirchen.

„Der Nachteil war: Ich bin an meiner Schule nicht so richtig zum Lernen gekommen.“ So musste er in die Nachprüfung, die er bestand, aber mittlerweile war die Einschreibefrist für das Ingenieursstudium verstrichen, das er anfangen wollte.

Von der ÖTV zur Knackwurst-Gewerkschaft nach Hagen

Seine erste feste Stelle hatte Sträter innerhalb der DGB-Gewerkschaften als Jugendbildungsreferent bei der ÖTV. 1980 am 1. März war sein erster Arbeitstag als Gewerkschaftssekretär bei der NGG, „der Knackwurst-Gewerkschaft, wie wir sagten“, in Hagen. Zum September 1991 wechselte er nach Dortmund. „Die Gewerkschaften haben einen Machtverlust hinnehmen müssen“, sagt er rückblickend auf die vier Jahrzehnte. 9.000 Mitglieder hatte die NGG in Dortmund damals, knapp 5.000 sind es heute. So ist ebenfalls die Zahl der Kolleg*innen im Büro ist um die Hälfte geschrumpft.

Klare Position: „Fusionen bringen nichts, was wir auch alleine erreichen können“

Aber auch als kleine Organisation kann man viel durchsetzen. So habe es der NGG gut getan, sich nicht ver.di anzuschließen, ist sich Sträter sicher. Er wollte damals, wie die anderen kleinen Gewerkschaften im DGB, das österreichische Modell in Deutschland übernehmen: der DGB als Mitgliedsgewerkschaft.

Das fand aber keine Mehrheit bei den großen Einzelgewerkschaften. „Wir waren überzeugt: Fusionen bringen nichts, was wir auch alleine erreichen können.“ Die Rückschau gibt ihm Recht.

Mitglied in der SPD – für acht Jahre: Kanzler Schmidt war der Grund für den Austritt

So treu wie Manfred Sträter seiner Gewerkschaft geblieben ist, so treu ist er auch seiner politischen Einstellung. 1972, als 17-Jähriger, unterschrieb er die Beitrittserklärung zur SPD. Die Jugend war damals für Willy Brandt, wollte mehr Demokratie wagen. Für Helmut Schmidt und den Nato-Doppelbeschluss war Sträter nicht. „Ich habe dieses Jahr Jubiläum. Seit 40 Jahren bin ich raus aus der Partei.“

Auch für die Rechte der NGG-Belegschaft ist Sträter immer im Einsatz gewesen

Selbst innerhalb der NGG setzt er sich als (Gesamt-)Betriebsratsvorsitzender für die Rechte der Arbeitnehmer*innen ein. Wie viele Stunden er selbst in der Woche arbeitet, verrät der 65-Jährige nicht. Nur, dass es ein paar mehr sein könnten, als er müsste. „Das, was ich hier mache, ist mein Leben“, sagt er. „Aber ich quäle mich auch nicht dabei.“

 

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Ein Gedanke zu “„Das, was ich hier mache, ist mein Leben“ – Nach 40 Jahren geht NGG-Sekretär Manfred Sträter in Rente

  1. Wolfgang Richter

    Lieber Manfred,
    zum Abschied aus der Hauptamtlichkeit senden wir Dir herzliche Grüße und Wünsche. So wie wir Dich manchesmal hauptamtlich erlebt haben, gerne auf der Straße – solidarisch, kämpferisch, ehrlich, unermüdlich, großer Gewerkschafter – werden wir Dir auch ‚in Rente‘ begegnen, da sind wir sicher.
    Bis dann,
    Ula und Wolfgang Richter

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