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NGG fordert gleiches Geld für gleiche Arbeit: In Dortmund verdienen Frauen rund 380 Euro weniger als Männer

Viele Frauen arbeiten in prekären Arbeitsverhältnissen in der Gastronomie. Fotos (2): NGG Gewerkschaft

Sie arbeiten genauso lang, ziehen aber beim Verdienst den Kürzeren: Frauen, die in Dortmund eine Vollzeit-Stelle haben, verdienen rund 380 Euro weniger im Monat als ihre männlichen Kollegen. Darauf hat die Gewerkschaft Nahrung-Genuss-Gaststätten (NGG) zum Internationalen Frauentag am 8. März hingewiesen. Die NGG beruft sich dabei auf aktuelle Zahlen der Bundesagentur für Arbeit. Danach liegt das durchschnittliche Vollzeit- Einkommen von Frauen in Dortmund aktuell bei 3.167 Euro im Monat – Männer mit der gleichen Arbeitszeit kommen auf 3.548 Euro. Das macht einen Unterschied von elf Prozent. In ganz Nordrhein-Westfalen beläuft sich der Gender Pay Gap, die Lohnlücke zwischen den Geschlechtern, auf 13 Prozent.

Arbeitsmarkt von „vorgestern“: Frauen immer noch stark benachteiligt

Viele Frauen arbeiten in der Gastronomie: Doch Teilzeit- und 450-Euro- Stellen führen häufig dazu, dass Frauen nur auf Mini-Löhne kommen.

„Es kann nicht sein, dass Frauen auf dem Arbeitsmarkt noch immer so stark benachteiligt sind. Viele Unternehmen in der Region nutzen das Lohngefälle aus, obwohl sie mehr zahlen müssten“, kritisiert Manfred Sträter von der NGG-Region Dortmund.

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Besonders problematisch sei die Situation in frauendominierten Berufen – etwa im Service einer Gaststätte oder im Verkauf einer Bäckerei. Wenn hier nicht nach Tarif gezahlt werde, träfen niedrige Löhne häufig auf Teilzeitjobs und befristete Stellen. „Die Folge sind geringe Einkommen und im Alter Mini-Renten, die Frauen dann beim Amt aufstocken müssen“, so Sträter. 

Nach Einschätzung des Gewerkschafters dürfte der tatsächliche Gender Pay Gap in Dortmund bei deutlich über elf Prozent liegen. „Bezieht man Teilzeitstellen und Minijobs in die Rechnung ein, wird die Kluft noch größer. Denn hier arbeiten mehr Frauen als Männer. Zugleich sind die Löhne im Schnitt deutlich niedriger“, sagt der NGG-Geschäftsführer.

Gleiches Geld für gleiche Arbeit: Forderung nach gesetzlicher Regelung 

Fest zum Tag der Befreiung vor 70 Jahren auf der Münsterstraße. Manfred Sträter, NGG

NGG-Geschäftsführer Manfred Sträter, Foto: Klaus Hartmann/Archiv

„Hinzu kommt, dass noch immer zu viele Frauen zu Hause bleiben – nicht zuletzt auch, weil das Ehegatten-Splitting bei der Steuer die Rollenteilung verstärkt“, so Sträter. Damit gehe dem heimischen Arbeitsmarkt eine große Chance durch die Lappen. Mit Blick auf die Alterung der Gesellschaft und den Fachkräftemangel müssten eigentlich schon heute viel mehr Frauen ins Berufsleben einsteigen. 

Die NGG fordert die Unternehmen auf, die unterschiedliche Bezahlung von Frauen und Männern in vergleichbaren Positionen zu beenden. Auch die Politik sei gefordert. „Statt immer neuer Lippenbekenntnisse zum Frauentag brauchen wir einen gesetzlichen Anspruch auf gleiches Geld für gleichwertige Arbeit, der Wirkung zeigt und in den Betrieben zwingend umgesetzt werden muss. Alles andere ist im Jahr 2020 von vorgestern“, so Sträter. 

Auch Arbeitsagentur kritisiert Lohnlücke, sieht jedoch auch positive Entwicklung

Heike Bettermann ist neue Chefin der Agentur für Arbeit in Dortmund. Foto: Alex Völkel

Heike Bettermann, Chefin der Agentur für Arbeit in Dortmund. Foto: Alex Völkel

Auch die Arbeitsagentur Dortmund macht zum Weltfrauentag auf die Problematik der Lohnlücke aufmerksam. Dennoch habe sich der Arbeitsmarkt in den letzten Jahren positiv für Frauen entwickelt. Doch es blieben weiterhin Baustellen im Bereich von Alleinerziehenden oder eben der thematisierten Entgeltunterschiede.

Auch die obsolete Rollenverteilung müsse weiter aufgebrochen werden; Frauen würden sich noch immer meist für kaufmännische, soziale oder pflegerische Tätigkeiten entscheiden. Die MINT-Berufe würden sie eher meiden und sie zu häufig männlichen Bewerbern überlassen.

„In vielen Berufen, in denen wir in Dortmund Engpässe bei der Personalrekrutierung sehen, sind deutlich weniger Frauen als Männer beschäftigt. Dabei könnte vor allem in gewerblichen und technischen Berufen eine stärkere Beschäftigung von Frauen diesen Engpässen entgegenwirken“, so die Chefin der Dortmunder Arbeitsagentur Heike Bettermann.

Doch dazu sei die Bereitschaft auf beiden Seiten wesentlich, neue Wege zu gehen. Auf der einen Seite müssten Rahmenbedingungen für Frauen attraktiver werden, anderseits müssten sich Bewerberinnen auch Berufen jenseits des traditionellen Rollenbildes öffnen. Klar sei: „Für den zukünftigen Arbeitsmarkt ist eine Beschäftigung von Frauen in allen Branchen unverzichtbar“.

Die Berufsberatung der Agentur für Arbeit lege deshalb einen besonderen Schwerpunkt darauf, jungen Frauen attraktive Wege in diesen Berufsfeldern aufzuzeigen, die sie vielleicht erst einmal nicht in Betracht ziehen. Auch Arbeitgeberinnen und Arbeitgeber können etwas dafür tun, traditionelle Rollenbilder zu überwinden.

Zum Beispiel können sie interessierten Mädchen und Frauen einen Einblick in vermeintliche Männerberufe ermöglichen und so auch Fachkräfte für ihr Unternehmen gewinnen. Ein weiterer Schritt ist die Verankerung der Vereinbarkeit von Familie und Beruf in die Unternehmenskultur. So steigern sie ihre Attraktivität und die ihrer Branchen für Frauen und für Männer.


 Zehn Fakten zu Frauen am Dortmunder Arbeitsmarkt

1. Beschäftigung von Frauen steigt langfristig

Im Juni 2019 waren im Agenturbezirk Dortmund 113.614 Frauen sozialversicherungspflichtig beschäftigt. Das sind zwar 2.145 mehr Beschäftige als 2018. Allerdings hat sich der Anteil aller sozialversicherungspflichtigen Beschäftigten aufgrund des stärkeren Wachstums bei den Männern um 0,4 Prozentpunkte verringert. Der langfristige Trend zeigt aber nach oben. Im Jahr 2007 lag der Anteil noch bei 45,1 Prozent.

2. Frauen wählen eher keine gewerblich-technischen Berufe

Die meisten Frauen, 13,9 Prozent, sind in der Gesundheitsbranche tätig. Auch im Einzel- und Großhandel sowie der öffentlichen Verwaltung sowie dem Sozialwesen sind viele Frauen beschäftigt. Der Schwerpunkt der Männer liegt dagegen eher im verarbeitenden Gewerbe. In vielen Berufen, die einen Fachkräftemangel oder zumindest spürbare Engpässe aufweisen, wo jede gut qualifizierte Arbeitskraft gebraucht werden kann, arbeiten besonders häufig eher Männer als Frauen.

3. Beschäftigungsquote der Männer deutlich höher als die der Frauen

Im Jahr 2019 waren in Dortmund durchschnittlich 50,2 Prozent der Frauen sozialversicherungspflichtig beschäftigt. Dies ist gegenüber dem Vorjahr eine Steigerung um 0,9 Prozent, doch fällt der Anstieg schwächer aus als bei den Männern. Aufgrund der noch immer klassischen Rollenverteilung liegt die Beschäftigungsquote der Männer (59,9 Prozent) deutlich höher als die der Frauen.

4. Entgeltunterschiede zwischen den Geschlechtern

Frauen erzielen am Arbeitsmarkt ein niedrigeres Entgelt als Männer. Im Vergleich zu den Männern in Dortmund verdienen Frauen im Durchschnitt rund 380 Euro weniger.

5. Die Arbeitslosigkeit der Frauen ging 2019 weiter zurück

Im Jahr 2019 waren in Dortmund nur noch 13.909 Frauen arbeitslos gemeldet. Gegenüber 2018 hat sich ihre Zahl um 156 Personen oder 1,1 Prozent verringert. Insgesamt waren im vergangenen Jahr 43,6 Prozent aller Arbeitslosen weiblich.

6. Frauen überwiegend für die Erziehung der eigenen Kinder verantwortlich.

Von allen alleinerziehenden Arbeitslosen sind neun von zehn Frauen. Unter den arbeitslosen Frauen in Dortmund ist rund jede Fünfte alleinerziehend, von ihnen sind zudem viele langzeitarbeitslos. Die Arbeitsmarktchancen für die Alleinerziehenden werden dadurch stark beeinträchtigt.

7. Eine große Anzahl der arbeitslosen Frauen hat keine Ausbildung

Nahezu zwei Drittel der arbeitslosen Frauen verfügt über keine Berufsausbildung. Bildung und Qualifizierung sollten hier im Vordergrund stehen, da auf dem Arbeitsmarkt eine hohe Nachfrage nach ausgebildeten Fachkräften besteht. Auch eine Berufsausbildung in Teilzeit zu absolvieren, neben eventueller Betreuungspflichten, ist in den meisten Berufen möglich.

8. Der Wunsch nach Teilzeit ist ausgeprägt

Deutlich weniger der arbeitslosen Frauen möchten oder können in Vollzeit arbeiten. Durch familiäre Verpflichtungen und klassische Rollenverteilung besteht bei mehr Frauen der Wunsch nach Teilzeit. 30 Prozent suchen eher nach einer Teilzeitstelle, bei den Männern sind es 4,8 Prozent.

9. Frauen sind in MINT-Berufen unterrepräsentiert

Während rund ein Drittel der Beschäftigten Männer in MINT-Berufen (Mathematik, Informatik, Naturwissenschaften, Technik)  tätig sind, sind es bei den Frauen weniger als jede zehnte. 7,1 Prozent aller sozialversicherungspflichtig beschäftigten Frauen arbeiten in MINT-Berufen, bei den Männern sind es 32,7 Prozent.

10. MINT-Ausbildungen weiterhin Männerdomäne

Der Schwerpunkt der weiblichen Auszubildenden und Studierenden liegt auf wirtschaftlichen, gesundheitlichen und sozialen Ausbildungsgängen bzw. Studienfächern. Die MINT-Berufe, also Berufe der Mathematik, Informatik, Naturwissenschaft oder Technik, meiden sie eher und überlassen sie männlichen Bewerbern. Diese technischen Fächer sind männlich dominiert. Unter den Top 10 Studienfächern befinden sich bei den Frauen nur zwei aus dem MINT Bereich, Informatik und Biologie, während bei den Männern acht der Top 10 Studienbereiche zu MINT gezählt werden.

 

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