
Von der großen Bühne verabschiedete sich das Schauspiel Dortmund bereits Ende März 2026. Während der Umbauphase für die „Junge Bühne“ blickt das Theater Dortmund auf die kommende Interimsphase ohne feste Spielstätte. Bis Ende 2026 fungiert das Studio am Hiltropwall als Hauptspielstätte. Für umfangreichere Produktionen wird auf mehrere Spielorte im Dortmunder Stadtraum ausgewichen. Neben zwei Produktionen in der Kokerei Hansa, zieht das Schauspiel Dortmund ab Frühjahr 2027 in das alte C&A Gebäude an der Reinoldikirche.
Reisetour mit Nika Mišković, Sabrina Toyen und Julia Wissert
Auf einer kleinen Reisetour durch Dortmund stellt die Intendantin Julia Wissert die Ausweichspielstätten vor. Unterstützt von der leitenden Dramaturgin Sabrina Toyen und einer „Reisebegleitung“, dem langjährigen Ensemblemitglied Nika Mišković, berichtet sie von den geplanten Produktionen und alternativen Theaterangeboten.

Zur Zeit laufen die Proben für die „Dreigroschenoper“ von Bertolt Brecht (1898-1956) unter der Regie von Wissert selbst. Am 4. Juni 2026 feiert die Produktion im alten Salzlager der Kokerei Hansa Premiere – und das nicht gerade im kleinen Stil. Neben den zehn Schauspieler:innen, werden auf der Bühne sieben Bandmitglieder unter der Leitung von Yotam Schlezinger und 17 Chormitglieder das Stück musikalisch untermalen.
Wissert berichtet, dass die rund 300 Zuschauer:innen schon vor betreten des Salzlagers den „Überlebenskampf“ der Figuren mitbekommen werden. Auf dem Weg über das Industriegelände, sollen kleinere Ausschnitte der Inszenierung in die Handlung einleiten. Die Bühne selbst erstreckt sich anschließend über die weite Halle des Salzlagers. Das mehrstöckicke Bühnenbild wird im Stil der es umgebenden Industrie gestaltet.
Julia Wissert: „Wahnsinnig, diese Musik an diesem Ort“
Durch den Abend wird die Moritatensängerin (Linda Elsner) führen, die als Erzählerin gleich zwei Seiten bespielen darf: Denn das Publikum wird zu beiden Kanten eines langen Steges sitzen. Für sie sei an Brechts Stück und ihrer Figur gerade so spannend, dass es darum geht, es „dem Publikum nicht zu gemütlich machen zu wollen und sie zum Nachdenken aufzufordern.“

In dieser Inszenierung der „Dreigroschenoper“ versuche man, „eine Halbwelt zeitgenössisch zu erzählen und in eine Form zu bringen, die auch etwas mit uns zu tun hat“, berichtet Dramaturgin Toyen.
Wissert gesteht, dass sie mittlerweile „echter Brecht Fan“ sei und gefallen daran gefunden habe, den Stoff ins Heute zu übertragen. Obendrein sei es für sie eine „wahnsinnig tolle Verbindung, genau diese Musik an diesem Ort stattfinden zu lassen.“
Für sie sei außerdem Elisabteh Hauptmann als Autorin für die Inszenierung relevant: Aus der Sekundärliteratur wisse man, dass sie zu großen Anteilen am Werk beteiligt gewesen sei.___STEADY_PAYWALL___
Drei Johannas statt einer – neue Perspektiven auf Brechts Stück
Auch mit der zweiten Produktion in der Kokerei Hansa will sich das Schauspiel Dortmund mit der Spielstätte als Industriestandort beschäftigen: Ariane Kareev wird Bertholt Brechts „Die Heilige Johanna der Schlachthöfe“ inszenieren. Im Original sucht die Hauptfigur Johanna 1918 nach Gerichtigkeit für die Arbeiter:innen von Fleischfabriken in Chicago. Ab dem 7. November 2026 können die Dortmunder:innen drei ganz unterschiedliche Johannas kennenlernen.

Je nachdem, wer in der Waschkaue oder der Kompressorenhalle startet, wird eine Sicht einer Brechtschen oder modernen Johanna auf den Arbeitskampf, dem sie sich stellt, erhalten.
Wie auch schon in der letzten Produktion „Antigone“, die Kareev in Dortmund inszenierte, wird diese Produktion obendrein vom Zirkus leben – die dritte Johanna wird sich artistisch zeigen. Auf welche Art und Weise wird noch nicht verraten.
Das ehemalige C&A-Gebäude als einzigartige Spielstätte
Im Frühjahr 2027 wird das Schauspiel Dortmund in den ehemaligen C&A ziehen. Auf der Reisetour entwirft Wissert dort eine hypothetische Vorstellung, wie die Spielstätte aussehen könnte. Bisher befinde man sich bezüglich der Umsetzungsmöglichkeiten in einem „Annäherungsprozess“.

Dennoch sehe man bisher vor, dass die ebenerdige Bühne im Erdgeschoss vielseitig nutzbar sein wird: Durch vier Eingänge und eine mobile Tribünensituation, kann die Fläche variieren. In dem „Ruhrtrinale ähnlichem Aufbau“, wie Wissert ihn sich vorstellt, sollen bis zu 300 Zuschauer:innen Platz finden.
Herausfordernd könnte dabei die niedirge Decke sowie die die Säulen in der gesamten Tiefpaterre sein, die aufgrund der Statik nicht zu entfernen sind. Aber Wissert blickt zuversichtlich auf die neue Situation: Im Gegensatz zur ehemaligen großen Bühne sitze man hier nicht „22 Meter entfernt im Rang“, sondern sei „auf Augenhöhe“ Teil des Geschehens.
Erreichen werden die Zuschauer:innen die Interims-Spielstätte über die Verteilerebene der U-Bahnhaltestelle Reinoldikirche. Zusätzlich zum Bühnenraum werden sowohl die Büroräumlichkeiten des Schauspiels als auch zwei Probebühnen Teil des Inventars der Interims-Spielstätte werden.
Neue, „roughere und direktere“ Theaterformate im Stadtraum
Mit dem Umzug mitten in die Stadt setzt das Schauspiel auf neue Formate: Freuen dürfe sich das Publikum auf Performances, die von der Stadt bis zur Reinoldikirche führen – mit neuen und bereits bestehenden Kooperationspartner:innen. Ähnlich wie das „Institut“ am Hiltropwall, wird es im alten C&A eine kleine Bühne geben, auf der laut Wissert „alles an Experimenten“ stattfinden kann.

Selbst wenn in der Interims-Spielzeit nur 9 anstatt 10 Premieren geplant sind, blickt das Team mit Vorfreude auf die Herausforderungen: Die Angebote würden „rougher und direkter und gleichzeitig genauso mit Theater zu tun haben wie jede Dreigroschenoper“ skizziert Wissert.
Sie träume unter anderem von einem Projekt, in dem in 24 Stunden eine Produktion auf die Beine gestellt würde – mit welchem Ergebnis auch immer. Als Highlight markiert Wissert außerdem die bereits geplanten Produktionen im C&A.
Premierenstart im C&A mit neuen Produktionen ab 2027
Eröffnet werden soll die Spielstätte im Frühjahr 2027 mit „Die blutige Kammer“ von Angela Carter, inszeniert von Wissert. Die beiden folgenden Premieren werden zum einen eine Überschreibung des „Terminator“ und zum anderen eine Adaption des Sachbuches „Unser Schmerz ist unsere Kraft“ von Gamze Kubaşιk und Semiya Şimşek sein. Für ersteres kehrt Lola Fuchs ans Haus zurück – Mišković berichtet, dass Fuchs so inzeniere, dass man „gleichzeitig weinen und lachen könne“.

„Unser Schmerz ist unsere Kraft“ wird in der Regie von Bassam Gazi auf die Bühne gebracht, der Experte für „dokumentarische Arbeiten“ sei, wie Toyen erzähllt. Das Sachbuch erzählt jugendgerecht von den Morden der NSU in Dortmund.
Neben den dokumentarischen Arbeiten ist Gazi bekannt für seine partizipative Arbeitsweise – auch im Schauspiel Dortmund werden in „Unser Schmerz ist unsere Kraft“ Jugendliche mit auf der Bühne stehen.
Ziel ist inspiriendes Theater für Alle
In der Pressemitteilung des Schauspiel Dortmund wird das Ziel für die Interimszeit auf den Punkt gebracht: „Theater als lebendiger, offener und inspirierender Ort für die gesamte Stadtgesellschaft.“ Auch Mišković blickt gespannt auf die kommende Zeit: „Endlich gehen wir weg, aus der schwarzen Box, in der wir sonst immer sind.“ Neue Spielorte seien wie neue Bühnenbilder, die man entdecken könne. Genaure Informationen, wie sich diese „Bühnenbilder“ in der Spielzeit 2026/2027 ausgestalten werden, wird es im Herbst 2026 vom Schauspiel Dortmund geben.
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