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Benefizveranstaltung für Obdachlosenhilfen mit durchaus politischem Anspruch im Fritz-Henßler-Haus Dortmund

Die Aktiven laden zu einer Benefizveranstaltung für Obdachloseninitiativen ein. Foto: Oliver Schaper

Von Thomas Engel

Die Zahl der in Armut lebenden Menschen, ob in sogenannter überdachter Obdachlosigkeit oder gleich ohne festes Dach über dem Kopf, ist in Dortmund in den letzten Jahren stetig gestiegen. Obdachlosenhilfen haben entsprechend einen festen Platz in unserem Stadtbild eingenommen. Zu ihren Gunsten – und um auf das Problem sozialer Not aufmerksam zu machen – hat der Verein Pro-Dortmund e.V. in Kooperation mit dem AWO-Unterbezirk und dem Fritz-Henßler-Haus für Samstag, den 3. Februar, eine Benefizveranstaltung organisiert.

Die wachsende Armut in Dortmund ist nicht nur ein soziales, sondern auch ein politisches Problem

Immer mehr Menschen in Dortmund sind wohnungs- oder obdachlos. Archivfoto: Klaus Hartmann

Beim Pressegespräch zur Vorbereitung der Benefizveranstaltung für Dortmunder Obdachlosenhilfen wird schnell klar, dass es um viel mehr geht, als nur um die Akquisition von Spendengeldern für Menschen in Not. Es sei eine durchaus politische, eine sozialpolitische Veranstaltung, betont der Vorsitzende von Pro-Dortmund e.V., Georg Deventer, der sich bislang maßgeblich um die Organisation des Events gekümmert hat. Denn Armut werde in unserer Gesellschaft bedauerlicherweise immer selbstverständlicher – darüber waren sich alle Anwesenden einig.

Über 100.000 Menschen habe beispielsweise das Gast-Haus Dortmund im letzten Jahr begleitet, erklärt Katrin Lauterborn, Geschäftsführerin des Trägervereins Ökumenische Wohnungslosen-Initiative e.V.. Es seien die Menschen am Rande der Gesellschaft, die kämen, auch solche aus der sogenannten „überdachten Obdachlosigkeit“. Die Armut wachse, nicht zuletzt wegen vieler MigrantInnen, die keinerlei staatliche Leistungen erhielten.

Ähnliche Erfahrungen hat auch Monika Dürger gemacht. Zwar seien nicht alle Menschen, die ins ObdachlosenKaffee kämen, so die Leiterin des 1999 gegründeten Cafés der St. Reinoldi-Kirchengemeinde, wirklich obdachlos, aber sie alle gehörten zu den Ärmsten der Armen. Immer mehr Menschen in Dortmund, die aus verschiedenen Gründen durch das Netz staatlicher Hilfen fallen, sind auf die Unterstützung von sozialen Initiativen angewiesen, um sich mit dem Nötigsten für ihr Leben zu versorgen.

Was die Organisatoren bewegt: Hinschauen statt wegschauen, Solidarität statt Ausgrenzung

Das Problem sich ausweitender Armut in Dortmund und dessen soziale Implikationen stärker in das öffentliche Bewusstsein zu rücken, ist das erklärte Ziel der nun angekündigten Benefizveranstaltung unter dem Motto „Ich mach mein Ding“. Genauso wie bei der Stärkung des Engagements vieler Dortmunder BürgerInnen gegen Intoleranz und Rassismus gilt im Sinne der Organisatoren eindeutig: Hinschauen, statt wegschauen, und die vielfältigen Formen von Armut thematisieren – solidarisch sein, statt auszugrenzen.

Die Organisatoren – das sind neben dem gemeinnützigen Verein Pro-Dortmund die Arbeiterwohlfahrt (AWO), Unterbezirk Dortmund, sowie das Fritz-Henßler-Haus, das seine Räumlichkeiten zur Verfügung stellen wird. Und diese beteiligten Institutionen verfolgen mit der Veranstaltung – neben ihrer politischen Botschaft – freilich auch einen eher pragmatisch orientierten Zweck: einschlägigen Dortmunder Obdachlosenhilfen finanziell etwas unter die Arme zu greifen.

Zugute kommen soll der gesamte Veranstaltungserlös nämlich dem mittlerweile stadtbekannten Straßenmagazin Bodo, der Wohnungsloseninitiative Gast-Haus e.V. an der Rheinischen Straße sowie dem ObdachlosenKaffee Sankt Reinoldi in der Innenstadt. Zum Verkauf stehen insgesamt 330 Eintrittskarten, von denen erst einige vergriffen sind. Die drei beteiligten Obdachloseninitiativen werden an dem Abend übrigens jeweils mit Infoständen vertreten sein.

Es kommt weniger auf den Erlös denn auf die Inhalte des Benefiziums und deren politische Motivation an

Das Gast-Haus – bzw. die beiden Häuser – an der Rheinischen Straße. Foto: Alex Völkel

Die Eintrittskarten werden für 10 bis 15 Euro verkauft. Es ergibt sich infolgedessen ein maximaler Erlös von knapp 5.000 Euro. Viel Geld. Und dennoch sehr wenig: man/frau teile durch drei und überlege, dass etwa das seit nunmehr 22 Jahren ausschließlich spendenfinanzierte Gast-Haus ein jährliches Budget von ungefähr einer halben Million Euro hat. Ohne jemals einen Betriebskostenzuschuss der Stadt Dortmund erhalten zu haben.

Allein die vom Gast-Haus angebotene medizinische Betreuung für Menschen, die gleiches sonst nirgendwo finden können, verschlingt jährlich an die 100.000 Euro. Weiterhin ist zu bedenken, dass die allermeisten HelferInnen dort ehrenamtlich tätig sind. Fielen sie weg, müsste einem Großteil der hilfsbedürftigen Menschen, die es gegenwärtig aufsuchen, die Tür vor der Nase zugeschlagen werden.

Um die Funktionsfähigkeit des Gast-Hauses zu gewährleisten, wäre zudem an der Spitze des Ehrenamtes eine gewisse Professionalisierung vonnöten. SpezialistInnen für IT, Web-Design, Organisation/Logistik, und so weiter. ExpertInnen-Wissen, was es nicht um die Ecke und nicht unbedingt ehrenamtlich gibt, aber dringend benötigt wird.

Hier wird der zugeteilte Erlös des Benefiz-Abends offenbar wenig ausrichten. Es geht am ersten Samstag im Februar im Fritz-Henßler-Haus vielmehr um ein Zeichen mit freundlichem Aufforderungscharakter: dass das Dortmunder Armutsproblem kommunalpolitisch von zuständigen Stellen und der Stadtgesellschaft gerne stärker ins Auge gefasst werden dürfte.

Vision: Das eigene Traumbild lebensweltlich ausgestalten zu können

Mehr als 300 Menschen sahen vor zwei Jahren das erste Benefizkonzert im Fritz-Henßler-Haus. Archivfoto: Alex Völkel

Zu dem Motto der Benefizveranstaltung – „Ich mach mein Ding“ – zitiert Monika Dürger einen Satz von Hermann Hesse – Ein Mensch möge einen Beruf finden, „der das in ihm liegende Traumbild zu erwecken und ins Leben zu gestalten vermag“ (aus: „Der vierte Lebenslauf Josef Knechts“). Damit habe sie ihren erst-intuitiven Widerstand gegen den implizit kolportierten Inhalt des Schriftzugs auf dem Veranstaltungsplakat aufgegeben.

Das „eigene Ding zu machen“ möchte die langjährige Presbyterin der Reinoldi-Gemeinde wie alle anderen AktivistInnen um die geplante Veranstaltung herum nämlich nicht als jenen Ego-Trip missverstanden wissen, der da rücksichtslos eigene Filme durchzieht. Vielmehr geht es – etwas kantisch ausgedrückt – um die Schaffung von Bedingungen der Möglichkeit, sich selbst zu verwirklichen. Also darum, die Schwachen in unserer Gesellschaft, die sonst kaum eine Chance hätten, darin zu unterstützten, dass sie ihr Leben so leben können, wie sie es für sich wollen.

Was die Eintrittspreise betrifft, erklärt Monika Dörger, solle daher auch niemand an den Eingangstüren abgewiesen werden, der/die ein Ticket vielleicht nicht vollständig bezahlen könne: Es käme auf die Solidarität, die Inhalte an. Ein Benefizkonzert nur für die Begüterten dürfe es nicht geben – dies ginge am Sinn der Veranstaltung vorbei: „Wenn wir nur auf‘s Geld gucken, schauen wir genau auf das, was unsere Gesellschaft kaputt macht,“ so die Leiterin des ObdachlosenKaffee, die neben Georg Deventer von Pro-Dortmund den Abend moderieren wird.

Bühnenprogramm mit Interview, einer Lesung und vor allem mit viel Musik

Die VeranstalterInnen haben für den Benefizabend ein abwechslungsreiches Bühnenprogramm geplant. Anfangs soll es „ein wenig fachlich“ zugehen, erläutert Georg Deventer. In diesem Zusammenhang würde unter anderem ein stadtbekannter Bodo-Verkäufer interviewt, der sich als einer von 150-180 Menschen in Dortmund durch den Verkauf der Zeitschrift ein wenig Geld hinzuverdient.

Danach gibt es eine Lesung in memoriam Walter Liggesmeyer, dem überregional bekannten Dortmunder Maler und Schriftsteller. Der im Mai letzten Jahres verstorbene Künstler hatte sich zu Lebzeiten immer wieder für die Obdachlosenhilfe engagiert. – Seine Gedichte werden gelesen vom Kammerschauspieler Dieter Clausnitzer (bekannt beispielsweise aus dem Tatort Münster als Hanffreund und Vater des Kommissars) – im Wechsel mit dem Auftritt von Sänger, Songwriter und Schauspieler Christoph Nitz, auch bekannt als Jonny Cash, vom Hansa-Theater in Dortmund-Hörde.

Höhepunkt des Bühnenprogramms wird ab 20.30 Uhr der zweistündige Auftritt der Udo-Lindenberg-Coverband „Panische Saiten“ sein. Nach eigenen Angaben am 23.2.2016 „irdischer Raumzeit, voller Motivation, angetörnt durch die Klänge Gerhard Gösebrechts in panischer Eierlikör- und Zigarrenmanier“ gegründet, um die Songs ihres Idols live auf die Bühne zu bringen.

Die beim Vorgespräch anwesenden Musiker haben übrigens nicht unbedingt den Eindruck hinterlassen, als legten sie pünktlich nach zwei Stunden gern ihre Instrumente zur Seite. Und wie alle beteiligten KünstlerInnen verzichten sie natürlich auf eine Gage.

Die unvermeidlichen Kosten der Veranstaltung können vollständig refinanziert werden

Die Sachkosten der Veranstaltung wie für den Plakatdruck, GEMA-Gebühren, technisches Personal oder Security können durch einen Zuschuss der Sparkasse Dortmund vollständig gedeckt werden. Daher wird der Erlös durch den Verkauf der Eintrittskarten zur Gänze an die Obdachlosenhilfen gehen.

Die Bäckerei Grobe unterstützt eine Aktion „Wärme geben“, indem sie für jede verkaufte Karte in einer ihrer Filialen jeweils ein Heißgetränk bereitstellt. Die im alten Hafenamt ansässige Kraken GmbH – Visuelle Kommunikation hat die Veranstaltungsplakate, Tickets und den Facebook-Auftritt entgeltlos gestaltet. Das Catering für die beteiligten Akteure übernimmt die Küche des LWL Aplerbeck. Ebenfalls selbstverständlich kostenfrei.

Schirmfrau der Veranstaltung ist Anja Butschkau, MdL. Seitens der Stadt Dortmund wird Bürgermeisterin Jörder erwartet.

Weitere Informationen:

  • Wo: Fritz-Henßler-Haus, Geschwister-Scholl-Straße 33, 44135 Dortmund
  • Wann: 3. Februar 2018. Einlass ab 18.30 Uhr; Bühnenprogramm ab 19.30 Uhr
  • Eintrittskarten: 15 Euro, ermäßigt 10 Euro
  • Ticketverkauf: Im AWO-StadtZentrum, Klosterstraße 8-10, Tel.: 0231/9934-0; bei BODO, Schwanenwall 36-38, Tel.: 0231/9509780; Reinoldiforum an der Reinoldikirche, Di-Sa, 11-17 Uhr.
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