Vor allem israelbezogener Antisemitismus laut RIAS auf Versammlungen angestiegen

RIAS NRW berichtet vom ansteigenden Antisemitismus im Jahr 2025

Kundgebung gegen Hass und Antisemitismus in Dortmund nach dem Anschlag in Sydney im Dezember 2025. Karsten Wickern | Nordstadtblogger

Die Zahl der antisemitischen Vorfälle in Nordrhein-Westfalen ist im Jahr 2025 im Vergleich zum Vorjahr um 17 Prozent gestiegen. Insgesamt nennt der Jahresbericht der Recherche- und Informationsstelle Antisemitismus Nordrhein-Westfalen (RIAS NRW) 1.102 verifizierte antisemitische Vorfälle. Im Regierungsbezirk Arnsberg, zu dem Dortmund gehört, wurden 181 Vorfälle gezählt.

Vorfälle auf der Straße nehmen deutlich zu

Was genau erfasst RIAS NRW? Die Vorfälle reichen von Angriffen, Bedrohungen und Sachbeschädigungen bis zu verletzendem Verhalten, worunter gezielt diskriminierende Aussagen und Versammlungen mit antisemitischen Inhalten fallen.

Sticker mit der Aufschrift „Zionism is Racism is Fascism".
Israelbezogener Antisemitismus wird immer sichtbarer – auch in Dortmund. Foto: Alexander Völkel

Die meisten dieser Vorfälle ereignen sich dabei auf offener Straße. Von diesen Vorfällen gab es im Jahr 2025 138 mehr als im Vorjahr (von 327 auf 465 Vorfälle). 970 erfasste Fälle ereigneten sich offline, 132 online. ___STEADY_PAYWALL___

RIAS geht davon aus, dass das Dunkelfeld trotz steigender Bekanntheit und Aufklärung über das Thema und die Anlaufstellen groß bleibt, also die Zahl der Fälle, die sich ereignet haben, aber nicht gemeldet wurden. Uriya Shavit, Professor für Islamwissenschaften an der Universität Tel Aviv, spricht davon, dass der Antisemitismus eine „normalisierte Realität“ geworden sei.

Israelbezogener Antisemitismus wird am häufigsten gemeldet

Antisemitismus kann laut Bericht in mehreren Formen erscheinen. So gibt es unter anderem den modernen Antisemitismus, der Jüdinnen und Juden große politische und ökonomische Macht zuschreibt, den Post-Schoa-Antisemitismus, mit dem etwa die Ablehnung der Erinnerung an den Holocaust einhergeht, und den israelbezogenen Antisemitismus, der im Bericht als die häufigste Form erscheint.

Hinweis im Jüdischen Museum in Berlin: „Der Antisemitismus ist das Gerücht über die Juden“ (Adorno). Archivfoto: Alex Völkel für Nordstadtblogger.de

Der israelbezogene Antisemitismus verbinde laut Bericht „wie keine andere Erscheinungsform“ verschiedenste antisemitische Narrative unterschiedlicher Herkunft. Antisemitismus insgesamt sei zudem „längst nicht auf einzelne politische Milieus“ begrenzt, wie RIAS-Projektleiter Jörg Rensmann betont.

Gemeint ist mit dieser Form des Antisemitismus, wenn beispielsweise dem Staat Israel das Existenzrecht abgesprochen oder die Vernichtung Israels gefordert wird. Kritik an Israel, die sich nicht antisemitischer Narrative bediene, werde allerdings nicht als Vorfall gewertet. Diese Form des Antisemitismus sei besonders auf vielen Kundgebungen im vergangenen Jahr zu beobachten gewesen.

Angriffe und Bedrohungen erreichen Höchststände

Neben dem zahlenmäßigen Anstieg verzeichnet der Bericht vor allem eine Verschärfung der Vorfälle. So äußere sich der Antisemitismus in Nordrhein-Westfalen zunehmend enthemmter, bedrohlicher und direkter. Die Zahl der körperlichen Angriffe stieg um 78 Prozent auf 32 Fälle, die der Bedrohungen um 50 Prozent auf 33 Fälle. Beide Werte sind die höchsten seit Beginn der Erfassung im April 2022. Knapp die Hälfte der Bedrohungen, nämlich 16 Fälle, beinhaltete dabei direkte Morddrohungen gegen Personen, die als jüdisch oder zionistisch gelesen wurden.

Auffällig ist zudem, dass der Antisemitismus verstärkt in Bereiche vordringt, die als Schutzräume gelten. Die Vorfälle im direkten Wohnumfeld stiegen um 115 Prozent von 20 auf 43 Fälle. An und im Umfeld von Synagogen registrierte RIAS NRW 21 Vorfälle, nach lediglich drei im Vorjahr. Erstmals seit Beginn der Dokumentation fanden außerdem Versammlungen in unmittelbarer Nähe jüdischer Gemeinden statt, darunter eine Demonstration am jüdischen Feiertag Jom Kippur nahe der Bonner Synagoge.

Bei der Frage nach dem politischen Hintergrund lässt sich die Mehrheit der Vorfälle nicht eindeutig zuordnen: In 59 Prozent der Fälle blieb das Milieu unbekannt. Unter den zuordenbaren Fällen bildet der antiisraelische Aktivismus mit 249 Vorfällen das größte Spektrum, gefolgt vom linken und antiimperialistischen Milieu, dessen Fallzahl sich mit 71 Vorfällen mehr als verdoppelte. Auch Vorfälle aus dem rechtsextremen und rechtspopulistischen Spektrum nahmen um 29 Prozent auf 67 Fälle zu, ebenso jene mit islamischem oder islamistischem Hintergrund, die um 34 Prozent auf 43 Fälle stiegen.

Politik zeigt sich besorgt, RIAS fordert Zivilcourage ein

Verena Schäffer (Grüne), NRW-Ministerin unter anderem für Familie, Jugend und Integration, zeigte sich angesichts des Anstiegs der Vorfälle entsetzt. „Antisemitismus beginnt nicht erst bei Straftaten, sondern bei diskriminierendem und verletzendem Verhalten.“ Sie kündigte Maßnahmen für mehr Diskriminierungsschutz an.

Jörg Rensmann, Politikwissenschaftler und Leiter der Recherche- und Informationsstelle Antisemitismus Nordrhein-Westfalen (RIAS NRW) Foto: Alex Völkel für Nordstadtblogger.de

Eine gesellschaftliche Normalisierung des Antisemitismus sieht auch Rensmann. Er fordert dazu auf, „jeder Form der Relativierung und Normalisierung entschieden entgegenzutreten.“

Die Auswirkungen der steigenden Zahlen spürt auch Dr. Oren Osterer, Geschäftsführer der Synagogen-Gemeinde Köln: „Besonders besorgt uns die Entwicklung an Schulen, aus denen vermehrt antisemitische Übergriffe und verbale Attacken berichtet werden.“

Den RIAS-Bericht gibt es hier: Antisemitische Vorfälle in Nordrhein-Westfalen 2025 


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