Alter Osten, junger Westen? Zwei Künstler auf der Reise in die (Familien-)Vergangenheit.

Werni und Finni am 5. Juni ab 18 Uhr im Rekorder II

Bernd Leistikow (l.) und Tomasz Thun wandeln künstlerisch auf den Spuren der Vergangenheit. Eine Suche, die vom Familienfoto zum Weltgeschehen und manchmal auch wieder zurück führt. Daniela Berglehn | Nordstadtblogger

Immer freitags ist in der Dortmunder Nordstadt Zeit für „Werni und Finni“, das ungewöhnliche Ausstellungsformat im Rekorder II. Am kommenden Freitag (5. Juni) sind Tomasz Thun (Dortmund) und Bernd Leistikow (Recklinghausen) zu Gast. Unter dem Titel „Alter Osten/(netsew regnuj)“ (rückwärts gelesen: junger Westen) beschäftigen sie sich künstlerisch mit ihren polnischen Wurzeln und Verflechtungen von Gegenwart und Vergangenheit.

Rekorder II – ein toller Ort um Dinge auszuprobieren

Kennengelernt haben sich Tomasz Thun und Bernd Leistikow bei einer Ausstellung des Wittener Künstlerbunds. Rund fünf Jahre ist das her, und sie waren sich sofort sympathisch. „Bernd hat sogar ein Bild von mir gekauft“, erzählt Thun. „Das zahl ich bis heute ab“, ergänzt Leistikow. Beide lachen.

Aufbau der Ausstellung mit Zeichnungen von Tomasz Thun, links: Wolfsschanze Daniela Berglehn | Nordstadtblogger

Den kleinen Ausstellungsraum Rekorder II in der Scharnhorstrasse 68 kennen beide – einzeln haben sie hier schon einmal ausgestellt, nun also zum ersten Mal zusammen.

„Das ist hier ein toller Ort, eine tolle Möglichkeit Dinge auszuprobieren“, findet Leistikow. Ihre Idee zum „Alten Osten“ wird hier zum ersten Mal realisiert und wenn es gut läuft, dann wandert die Ausstellung noch weiter in eine andere Galerie.

Thun engagiert sich auch außerhalb der eigenen Veranstaltung gern für den Ort, denn er findet „super, was die jungen Leute hier auf die Beine stellen und die Idee: ein Tag, eine Ausstellung ist genial.“

Auch als Gast kommt er regelmäßig vorbei und bringt Kuchen mit. Natürlich wird er auch für diese Ausstellung backen. Es soll Karpatka geben, einen polnischen Windbeutelkuchen. Auch der ist irgendwie Teil der künstlerischen Ost-West-Konzeption

Zwischen Karpatka und Karpaten führt der Weg in den Bunker

Die Collage auf Grundlage der rot-weißen polnischen Fahne im Fenster markiert den Startpunkt ihrer gemeinsamen Ausstellung. Das Bild ist im Prozess entstanden, zwischen ihnen hin und her gewandert, einer reagierte auf den Impuls des anderen.

Skizzen zu den Schiffmotiven von Tomasz Thun Daniela Berglehn | Nordstadtblogger

Thun ist zum Beispiel für die Madonna mit dem Regenbogen-Heiligenschein verantwortlich. Sie ist eine Anspielung auf die berühmte schwarze Madonna in Tschenstochau und zugleich ein Motiv, das er auf Fotos einer Demo im Internet gesehen hat. „Die Kids, die das Poster gemacht haben, wurden von Kirchenvertretern angezeigt und kamen vor Gericht – unfassbar“, erzählt er. ___STEADY_PAYWALL___

Viele seiner Anregungen findet er im Internet – auch seine Zeichnungen zur „Wolfsschanze“ basieren auf Web-Funden. Die Bunkeranlage, die im zweiten Weltkrieg in Polen von den Nazis als „Führerhauptquartier“ erbaut wurde, hat er als Ruinen skizziert: optisch von allen Hinweisen befreit, sehen sie aus wie Industrierbrachen im Ruhrgebiet: „Wir brauchen immer das Wissen, die ganze Geschichte“, so Thun.

Ähnlich ist es bei seinen Schiffsbildern. Die poppige Bemalung ist keineswegs lustig, sondern ein spezielles Tarndesign, das im Ersten Weltkrieg entwickelt wurde, um U-Boote zu verwirren. Die optischen Verzerrungen machten es unmöglich Kurs und Entfernung des Ziels einzuschätzen.

Mal konkret, mal lyrisch – und manchmal fügt es sich Jahre später

Geschichte(n) sind Thun und Leistikow wichtig, „aber Tomasz ist immer sehr konkret“, findet Leistikow. Während Thun eine Straßenbahnfahrerin ins Bild setzt, um von den Anfängen der Gewerkschaft Solidarność zu erzählen, interessieren Leistikow eher Mythen. „Bernd ist mehr der lyrische Typ“, denkt Thun. 

Aufbau: Bernd Leistikow nutzt alte Buchdeckel als Bildgrund. Daniela Berglehn | Nordstadtblogger

Tatsächlich sind Leistikows Zeichnungen auf Buchkarton eher zart und bleiben im Ungefähren. Ein Engel, ein Fisch – alles vorsichtig platziert auf einem Untergrund, der früher Deckel für eine ganze andere Geschichte war.

Einige Stellen sind abgerieben, andere blieben unbearbeitet: „Ich reagiere auf den Untergrund, kommuniziere mit dem Karton und will seine Würde bewahren“, schildert er den Prozess.

Neben diesen Bildern gibt es Figuren und Objekte aus gefundenen Materialien – besinnlich, aber auch humorvoll. Ein Pappkarton mit Quarzkrone wird zum „Versuch mein brennendes Haus zu löschen“.

„Alles spricht zu mir“, sagt Leistikow. „Manche Dinge habe ich Jahre im Atelier und auf einmal fügt es sich“ – zum Beispiel zu einer kleinen Figur aus Rosenholz, Knochen und Stein, die im Rekorder an der Wand hängen wird.

Gedichte und Polonaise, aber um 22.00 Uhr ist der Kunst-Spuk vorbei

Lyrisch oder konkret, Geschichten-Erzähler sind beide Künstler – es könnte also ein spannender Abend werden. Und da Bernd Leistikow auch ein Mann der Worte ist, wird es sicher nicht die üblichen Reden geben, sondern vielleicht ein paar seiner Gedichte.

Gutes Team: Bernd Leistikow und Tomasz Thun beim Aufbau ihrer Ausstellung. Daniela Berglehn | Nordstadtblogger

Viel Zeit bleibt den beiden nicht, denn um 22.00 Uhr schließt die Ausstellung ja auch schon wieder. So ist das Prinzip von „Werni und Finni“.

Und dazwischen? „Tanzen wir auch noch Polonaise“, verspricht Thun. Aber nicht so wie die Deutschen, sondern so, wie der Tanz in Polen ursprünglich getanzt wird, zu zweit und als eleganter Eröffnungstanz.

Kurzweilig und aufregend wird es also wieder bei „Werni und Finni“ – und die nächsten Künstler:innen warten bereits darauf, an einem der folgenden Freitage die Kunstwelt zu erobern. Alt oder jung, Studium oder nicht – feste Regeln gibt es nicht und wer selbst einmal ausstellen möchte, kann einfach vorbeikommen. Am Tresen hängt eine Liste und ein paar Freitage sind noch offen.

Auf einen Blick

  • „Alter Osten/(netsew regnuj)“, 5. Juni 18.00 – 22.00 Uhr im Rahmen von „Werni und Finni“
  • Rekorder II, Scharnhorststraße 68, 44147 Dortmund
  • Instagram: werni_finni leistikowbernd16

Anm.d.Red.: Haben Sie bis zum Ende gelesen? Nur zur Info: Die Nordstadtblogger arbeiten ehrenamtlich. Wir machen das gern, aber wir freuen uns auch über Unterstützung!

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