Eine Grundschule in der Nordstadt zeigt, was Förderung leisten kann – und wo sie nicht reicht

Das Startchancen-Programm und die Realität im Klassenzimmer

Blick auf den Schulhof
Die Libellen-Grundschule hat ihren Namen vom Libellen-Quartier in der Dortmunder Nordstadt, in dem sie liegt. Archivfoto: Alex Völkel für Nordstadtblogger.de

Ein Gastbeitrag von Lennart Thomas und Simon Ewerbeck

Mit dem Startchancen-Programm will die Bundesregierung für Chancengleichheit an den Schulen sorgen. Ob das klappt, ist fraglich. Damit sich die Chancen sozial benachteiligter Kinder wirklich verbessern, braucht es weit mehr als das. Eine Schule in der Dortmunder Nordstadt zeigt, wie es gehen könnte.

Schulalltag zwischen Anspruch und Realität

Mit schnellem Schritt läuft Schulleiterin Christiane Mika durch die Gänge des Schulgebäudes. Seit 20 Jahren ist sie hier Schulleiterin. Jeden Tag ist sie von 7 bis 17 Uhr in der Schule. Oder noch länger. „Wir hätten tausend Gründe, jeden Tag die Decke über den Kopf zu ziehen. Aber wir haben hier ein geniales Team, das wirklich versucht, neue Antworten zu finden. Ich freue mich jeden Morgen, wenn es losgeht.“ Obwohl sie schnell läuft, kommt Frau Mika kaum vom Fleck. Sie grüßt Kinder, spricht mit ihren Lehrkräften, klärt Fragen von Eltern. Als Schulleiterin muss man hier tausend Arme haben.

„Ihr macht Lehramt, richtig?“ Ne. „Aber wolltet ihr nicht den Unterricht besichtigen?“ Ja, aber wir studieren nicht Lehramt, sondern Journalismus. Wir sind wegen Startchancen und so hier. „Ach ja, stimmt, sorry. Es gibt so Tage, da denkst du, du hast alles gut durchgetaktet. Und dann kommt doch wieder alles anders als geplant.“

Währenddessen erklingt aus den Lautsprechern im Eingangsbereich der Dortmunder Libellen-Grundschule ruhige Musik. Kinder verabschieden sich von ihren Eltern und werden von Lehrerinnen in Empfang genommen. Gleich geht der Unterricht los.

Eine Schule im „Ankommen-Stadtteil“

Die Libellen-Grundschule heißt wie das Libellen-Quartier, dem Viertel in der Dortmunder Nordstadt, in dem die Schule liegt. Wer dort durch die Straßen läuft, der findet das Tier als Graffiti an der ein oder anderen Hauswand. „Wir fanden diesen Namen ganz schön, weil es ein Tier ist, das die Kinder aus ihrer unmittelbaren Umgebung kennen“, berichtet die Schulleiterin Frau Mika von der Namensgebung. „Es ist schillernd, vielfältig, nicht so gewöhnlich und es drückt unseren Stadtteilbezug aus.“

Grafik Familiensprachen
Grafik: Lennart Thomas / Simon Ewerbeck

Etwas mehr als 4.000 Menschen aus über 80 verschiedenen Ländern leben im Libellen-Quartier. 94 Prozent der Kinder im Kindergarten- und Grundschulalter haben einen Migrationshintergrund. Etwa die Hälfte ihrer Eltern bezieht Bürgergeld. Das ist mehr als doppelt so hoch wie der Dortmunder Durchschnitt. Ein „Ankommen-Stadtteil, in dem man auch erstmal ohne deutsche Sprachkenntnisse klarkommt“, sagt Frau Mika. „Man kann in der Nordstadt überall einkaufen, ohne Deutsch sprechen zu müssen. Und das ist sowohl die Chance als auch die Schwierigkeit.“

Viele Kinder an der Libellen-Grundschule sprechen zu Beginn auch noch kein Deutsch. Deswegen gibt es an der Schule Mitarbeitende, die verschiedene Sprachen sprechen. Arabisch, kurdisch, türkisch, bulgarisch, rumänisch, polnisch, kroatisch und albanisch decken sie ab. Damit haben etwa zwei Drittel der Kinder, die zu Hause nicht oder kaum Deutsch sprechen, eine erwachsene Person, mit der sie auch in ihrer Familiensprache reden können.

Unterricht neu gedacht und organisiert

Die Kinder einer Klasse sind im Unterrichtsraum und im Flur verstreut. Ein Mädchen sitzt an einem Gruppentisch und malt, eine andere erledigt Aufgaben aus dem Matheunterricht, drei Jungs liegen auf dem Boden in der Mitte des Klassenraums und starren Löcher in die Luft. „Sucht euch bitte eine Beschäftigung“, hören sie dann ihren Lehrer André Richter sagen. Mit schuldbewusstem Blick stapfen die drei zum Bücherregal und setzen sich an den Tisch. Ein anderer Junge hat gerade einen Stofftier Adler zur Seite gelegt und schlägt jetzt sein Schulheft auf. Im Flur vor den Klassenräumen sitzt eine Gruppe Mädchen und spielt ein Memory-Spiel.

Stofftier auf einem Tisch
Liegt nur hier, weil der Junge in seinem Schulheft arbeitet: Der
Stofftier-Adler. Foto: Lennart Thomas / Simon Ewerbeck

Was sich chaotisch anhört, ist genauso geplant. Ein Blick auf den Tagesplan verrät mehr. In der Ecke des Klassenraums sind laminierte Zettel an eine Magnettafel geheftet. Auf ihnen stehen „Offener Anfang“ und „freie Arbeitszeit“. Mit anderen Worten: Die Kinder entscheiden selbst, womit sie sich beschäftigen möchten und haben Zeit, anzukommen.

Eine gute Gelegenheit, etwas zu frühstücken, mit anderen Kindern ein Spiel zu spielen oder eine Aufgabe im Deutschbuch zu machen. Diese Art auf die Bedürfnisse der Grundschulkinder einzugehen, gehört an der Libellen Grundschule zum Konzept, zusammen mit einem klassenübergreifenden Unterricht. Das bedeutet, dass in allen 16 Klassen der Schule Kinder von erster bis vierter Klasse sitzen.

Schulleiterin Mika ist stolz, dass ihre Libellen-Grundschule es geschafft hat, innerhalb von zwei Jahren den Lehrplan an das Konzept anzupassen. „Da ist wirklich ein pädagogischer Traum von mir in Erfüllung gegangen.“ Lehrer André Richter hat sich extra wegen diesem besonderen Unterrichtsmodell an der Libellen Grundschule beworben. Das deutsche Schulsystem beschäftigt sich viel zu wenig mit den Bedürfnissen der Kinder und zu viel mit denen der Lehrer. „Die Argumente gegen das Konzept sind immer aus Perspektive der Lehrkräfte. Aber sollten wir nicht Unterricht für die Kinder machen?“, fragt Richter. Für ihn ist die Antwort klar: Ja!

Große Unterschiede schon zum Schulstart

Die Schule entschied sich für dieses Konzept, weil die Bedürfnisse und Kompetenzen der Kinder an der Libellen Grundschule gerade zum Schulstart teilweise weit auseinanderliegen. „Wir haben Kinder, die aus der Kita kommen, die neugierig sind, die gucken, was wir hier machen, die Fragen stellen oder die auch kindlich angemessen zurückhaltend sind“, erzählt Frau Mika.

Blick auf den Tagesablauf
Auf einem Whiteboard steht der Tagesablauf für die Klasse. Foto: Lennart Thomas / Simon Ewerbeck

Das seien Kinder, die auf Fragen antworten und sich im Raum orientieren können. Die Lust haben, etwas mitzumachen und auch mal abwarten können.“ Sie erzählt aber auch von Kindern, die nicht wissen, warum sie da sind. „Im schlimmsten Fall sitzen diese Kinder wie paralysiert vor uns und sind ohne Mama und Papa, ohne ihr enges Bezugsfeld, ziemlich verloren.“

Mika erzählt, dass diese Kinder ihr Verhalten kaum steuern können. Sie reagieren auf jedes Geräusch und jede Bewegung, sind ständig in Bewegung und haben eine Aufmerksamkeitsspanne von zwei Minuten. „Ihnen fehlen oft elementare kindliche Erfahrungen, häufig durch uneingeschränkten Medienkonsum verursacht.“ Diese Kinder hätten kaum Neugierde, antworten nicht auf Fragen, wissen nicht, wie man einen Stift halten soll, geschweige denn, was mit Schere und Papier zu tun ist. Sie reagieren auf Ansprachen nicht. Auch nicht, wenn man es in ihrer Familiensprache versucht.

Förderprogramm „Lernen neu denken“

Nach der Corona-Pandemie sei die Situation besonders alarmierend gewesen, erzählt die Schulleiterin. Deswegen hat ihre Schule gemeinsam mit der ein paar hundert Meter entfernten Nordmarkt-Grundschule ein eigenes Förderprogramm gestartet: „Lernen neu denken“. Die Idee: Einmal pro Schulwoche bekommen die Schulkinder mindestens drei Stunden intensivere und individuellere Förderung als sonst.

Ausgestellte Holz Skulpturen
Im Flur liegen gebastelte Holz-Tiere aus einem Lernworkshop. Foto: Lennart Thomas / Simon Ewerbeck

Dazu werden sie in zwei Gruppen aufgeteilt. Während die eine Hälfte in der Schule spezielle Lernförderung bekommt, macht die andere einen Ausflug in die Natur oder besucht ein Museum. Dieses „Rauskommen“ aus dem Schulalltag ist für die Kinder extrem wichtig, stellt Christiane Mika immer wieder fest. Und die Erfahrungen, die die Kinder bei diesen Ausflügen machen, werden dann im Unterricht aufgegriffen. „Die Idee war, vielen Kindern wieder das zurückzubringen, was sie komplett verloren haben, Neugierde, Ausdauer, Entdeckungsdrang, denn die Kinder müssen zuerst Kind sein, um danach lernen zu können.“

Erste Eindrücke der Lehrkräfte würden ihre Theorie bestätigen, sagt Mika. Die Partnerschule am Nordmarkt hat den Eindruck, dass an Projekttagen die Kinder seltener in der Schule fehlen. Ein Problem, mit dem die Schule sonst sehr viel zu kämpfen hat. Inzwischen haben vier weitere Schulen in Dortmund das Projekt eingeführt. Welche genauen Auswirkungen „Lernen neu Denken“ auf die Schüler:innen hat, wird parallel von der Universität in Dortmund ausgewertet.

Das Startchancen-Programm

Trotz der vielen Bemühungen von Mika und ihrem Team sind damit noch lange nicht alle Probleme gelöst. Gut also, dass jetzt ein weiteres Förderprogramm von Bund und Ländern angelaufen ist – das Startchancen Programm. Bund und Länder stellen dafür insgesamt 20 Milliarden Euro zur Verfügung, die Ausgaben werden fifty-fifty geteilt. Damit handelt es sich um das finanziell höchste Bildungsprogramm in der Geschichte der Bundesrepublik.

Die damalige Bildungsministerin der FDP, Bettina Stark-Watzinger, schrieb auf X: „Kinder werden nicht bildungsarm geboren, sondern bildungsarm gemacht. Mit dem #Startchancen-Programm wollen wir den Zusammenhang zwischen Bildungserfolg und sozialer Herkunft endlich aufbrechen.“

Das Ziel: Nach zehn Jahren soll es an ausgewählten Schulen nur noch halb so viele Kinder geben, die die Mindeststandards in Mathe und Deutsch nicht erfüllen. Denn beim letzten PISA-Test 2022 schnitten deutsche Kinder so schlecht ab wie noch nie. Selbst das bisher schlechteste Ergebnis von 2018 wurde damit unterboten.

Bildungschancen hängen stark von den Eltern ab

Neben dem Negativrekord aus 2022 geben auch zahlreiche Studien aus den letzten Jahren Anlass zur Sorge. Das Deutsche Institut für Wirtschaftsforschung hat 2025 untersucht, wie sprachliche und mathematische Kompetenzen bei Schulanfänger*innen durch deren soziale Herkunft beeinflusst werden.

Grafik Mathekompetenz
Grafik: Lennart Thomas / Simon Ewerbeck

Das Ergebnis: Bildungserfolg hängt in Deutschland stärker von Bildung und Einkommen der Eltern ab als in anderen teilnehmenden Ländern des Pisa-Tests. Besonders stark wirkt sich dabei der Bildungsabschluss der Eltern aus – stärker als ihr Einkommen, zeigt die Studie.

Die Wissenschaftler*innen stellten außerdem fest: Zieht man den Faktor Migrationshintergrund hinzu, dann wird der Einfluss von Bildung und Einkommen auf die Sprachkompetenzen der Kinder in allen Ländern geringer. Er bleibt in Deutschland aber nach wie vor am höchsten – und die Bildungschancen in diesem Land damit ungerecht.

Hilfe für Schulen in sozialen Brennpunkten

Das Startchancen-Programm soll deshalb genau die Schulen unterstützen, die Hilfe am nötigsten haben. Das Bundesministerium für Forschung, Technologie und Raumfahrt beschreibt es so: „Ziel des Programms ist es, den Bildungserfolg von der sozialen Herkunft zu entkoppeln und zu mehr Chancengerechtigkeit in der Bildung beizutragen.“ Wie viel Unterstützung Schulen unabhängig vom Startchancen-Programm benötigen, kategorisiert Nordrhein-Westfalen über einen neun-stufigen Schulsozialindex.

Grafik Sprachniveau
Grafik: Lennart Thomas / Simon Ewerbeck

Je höher die Zahl, desto höher der Unterstützungsbedarf. Von etwa 4000 Schulen in NRW haben etwas über 200 den Sozialindex Neun. Eine davon ist die Libellen-Grundschule. Neben ihr gibt es noch sieben weitere Schulen in der Nordstadt und alle nehmen an dem Programm teil. In ganz Dortmund werden insgesamt 20 Schulen von dem Startchancen-Programm finanziell gefördert.

Das Geld können die Schulen in drei Bereiche stecken: Verbesserung des Lernortes, Fortbildungen und Beratungen für Lehrer*innen und zusätzliches Personal. Auf die Plätze! Fertig…Los! Die Libellen-Grundschule hat davon in anderthalb Jahren eine weitere sozialpädagogische Fachkraft für die Leseförderung bezahlen, eine mehrsprachige Kinderbibliothek einrichten und den Schulhof weiter ausgestalten können.

Individuelle Förderung im Klassenzimmer

In der Klasse von André Richter herrscht inzwischen konzentrierte Stimmung. Nur vereinzelt muss der Lehrer Kinder daran erinnern, sich nicht ablenken zu lassen und weiter an ihren Aufgaben zu arbeiten. Dabei läuft er immer wieder zwischen Flur und Klassenraum hin und her. Gerade wenn er alle vier Jahrgangsstufen gleichzeitig unterrichtet, kann das schon mal stressig werden. Heute sind die Kinder der dritten und vierten Klasse aber beim Schwimmunterricht. Doch auch wenn Kinder aus Klasse 1-4 in einer Klasse sitzen, funktioniert das, sagt Richter. Die Vorteile der individuellen Betreuung erkenne er täglich.

Blick in die Leseecke
Eine offene Leseecke im Flur, die die Kinder während des offenen
Anfangs benutzen. Foto: Lennart Thomas / Simon Ewerbeck

In der Ecke des Raumes ist ein Junge konzentriert über ein Mathebuch für die zweite Klasse gebeugt, obwohl er erst in der ersten Klasse ist. Im Deutschunterricht tut er sich aber noch schwer. Hier macht er noch die Aufgaben aus der ersten Klasse. Im klassischen Frontalunterricht würde sich das Kind in Mathe langweilen und in Deutsch abgehängt fühlen, sagt Lehrer André. Hier kann es in seinem Tempo lernen. Diese individuelle Betreuung erfordert oft auch kreative Lösungen.

An einem Gruppentisch sitzt ein Mädchen, das erst vor kurzem in die Klasse gekommen ist. Sie ist noch nicht lange mit ihrer Familie in Deutschland und spricht deshalb kaum Deutsch. Mit einer Übersetzungs-App auf einem Tablet fotografiert sie nach und nach die Seiten eines Deutschbuchs und liest sich diese dann in ihrer Familiensprache Spanisch durch. Eine andere Schülerin, die Deutsch und Spanisch kann, hilft ihr dabei. „Alles, was wir tun, müssen wir immer wieder selbst reflektieren“, fordert Frau Mika von ihren Lehrkräften. Das bedeute, sich auch immer wieder der eigenen Schwächen und Grenzen bewusst zu sein. „Das Kind ist nicht das Problem, sondern ich bin Profi und ich muss mich den Herausforderungen stellen.“

Während des Unterrichts kommen immer wieder Kinder auf André Richter zu. Sie haben eine Frage zu einer Mathe-Aufgabe, verstehen das Lernspiel nicht oder wollen ihm zeigen, dass sie eine ganze Seite im Deutschbuch geschafft haben. Die Kinder scheinen gelernt zu haben, dass sie zwar selbstständig lernen müssen, aber immer wieder bei Fragen auf den Lehrer zukommen können. Und Herr Richter hat gelernt, Deutsch und Mathe gleichzeitig zu unterrichten. Je nachdem, wer fragt.

Startchancenprogramm greift nicht weit genug

In der Libellen-Grundschule werden die Kinder nur vier Jahre sein. Dann geht es weiter auf Hauptschule, Realschule, Gymnasium, Gesamtschule. Frau Mika findet das Startchancen-Programm und dessen Aufbau sinnvoll, die Zielsetzung jedoch unrealistisch. „Ich rechne eher mit einer gehörigen Enttäuschung. Das Programm ist gut, aber es greift halt nicht weit genug. Und dafür bin ich wahrscheinlich zu lange im Geschäft, um da große Illusionen zu haben.“ Vor allem mangele es an Zeit. Die Chancenungleichheit ließe sich aus ihrer Sicht nur wirklich bekämpfen, wenn man die Aufteilung in Haupt-, Realschule und Gymnasium nach Klasse vier abschafft.

Grafik „Wer kommt aufs Gymnasium?“
Grafik: Lennart Thomas / Simon Ewerbeck

Ob ein Kind in Deutschland auf ein Gymnasium geht, hängt neben den Leistungen maßgeblich vom Elternhaus ab. Das zeigt der Chancen-Monitor des Leipziger Instituts für Wirtschaftsforschung. Kinder, deren Eltern selbst Abitur gemacht haben, schaffen es auch mit höherer Wahrscheinlichkeit auf ein Gymnasium. Darüber hinaus bestimmt auch das Einkommen der Eltern die Chance auf Gymnasialbildung – je höher das Einkommen, desto höher die Wahrscheinlichkeit und umgekehrt.

Wenn Kinder früh getrennt werden, schadet das vor allem den Leistungsschwachen. Wenn man Kinder jedoch nicht nach der 4. Klasse, sondern länger gemeinsam lernen lässt, dann erzielen sie zum Beispiel in Mathe und beim Lesen (also in für den PISA-Test relevanten Kompetenzen) bessere Ergebnisse. Das zeigt eine weitere Studie des DIW von 2018. Die Forschenden fanden außerdem heraus, dass sich dadurch die Leistungsunterschiede zwischen stärkeren und schwächeren Schülerinnen verringerten, ohne das Gesamtniveau zu senken. Das Narrativ, gemeinsames Lernen von leistungsstarken und leistungsschwachen schadet guten Schülerinnen, widerlegt diese Studie. Die Wissenschaftler*innen plädieren folglich für eine Auflösung von Haupt- und Realschulen und empfehlen ein zweigliedriges Schulsystem bestehend aus Gesamtschulen und Gymnasien, um Kompetenz und Gerechtigkeit zu fördern.

Das Startchancen-Programm bleibt ein Kratzen an der Fassade

Die meisten Kinder der Libellen-Grundschule gehen erfahrungsgemäß an eine Gesamtschule. Ein Zeichen, dass das individuelle Lernkonzept an ihrer Schule gut funktioniert, findet Frau Mika. Gerade auch weil der Startpunkt vieler Kinder an der Libellen-Grundschule ein anderer sei. „Viele Kinder beginnen hier mit einem Entwicklungsstand, der etwa 3-Jährigen entspricht.“ Und trotzdem ist die Aufteilung der Kinder nach der vierten Klasse ihrer Meinung nach das Hauptproblem des deutschen Schulsystems.

Kopfhörer in einem Regal
Wenn es den Kindern zu laut wird, können sie jederzeit Kopfhörer aufsetzen. Foto: Lennart Thomas / Simon Ewerbeck

„Wir brauchen Zeit. Da bleibt auch das Startchancen-Programm ein Kratzen an der Fassade.“ Auf einmal ist Musik in der Klasse von André Richter zu hören. Der Lehrer hat auf einer Soundanlage einen beliebten Pop-Song angemacht. Ein paar Kinder summen die Melodie des Songs leise mit und trudeln nach und nach in einer kleinen Sitzecke im Klassenraum ein. Denn die Musik heißt: Der „offene Anfang“ und das geplante produktive Ankommen für die Kinder ist vorbei. Jetzt wird gemeinsam in den Schul-Tag gestartet – mit einer Begrüßung. Moderiert wird die immer von einem Schulkind, auf freiwilliger Basis.

Die erste Frage: Was habt ihr während des offenen Anfangs gemacht? Reihum zeigen die Kinder stolz die Seiten im Schulbuch, die sie fertig ausgefüllt haben, oder erzählen, wie ihnen das Memory-Spiel gefallen hat. Nach jedem Präsentieren bekommen sie dann Lob von ihrem Lehrer André Richter. Mit seinen Schülern auf Augenhöhe zu sein, ist extrem wichtig, erklärt dieser und fügt hinzu: „Den Kindern muss klar sein, dass wir alle in einem Team sind.“

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