
Ultranationalismus, Einschüchterung und politische Einflussnahme: Die türkisch-rechtsextreme Bewegung der „Grauen Wölfe“ ist nach Einschätzung des Politikwissenschaftlers Dr. Ismail Küpeli längst kein Randphänomen mehr. Bei einem Vortrag von AWO Dortmund und Auslandsgesellschaft ging es um historische Wurzeln, aktuelle Netzwerke in Deutschland und die Frage, wie Politik und Gesellschaft mit auslandsbezogenem Extremismus umgehen sollten.
Hammerbacher: „Davon geht natürlich eine extreme Gefahr aus“
Schon zu Beginn machte Tim Hammerbacher, Unterbezirksgeschäftsführer der AWO Dortmund, klar, warum sich die Organisation mit dem Thema beschäftigt. Wissenschaft und Verfassungsschutz seien sich weitgehend einig, dass es sich bei den „Grauen Wölfen“ um eine der größten rechtsextremen Bewegungen in Deutschland handle. Trotzdem bekomme das Thema bislang vergleichsweise wenig öffentliche Aufmerksamkeit.

Das Weltbild der Bewegung beruhe auf ethnischer Überlegenheit, türkischem Nationalismus und Rassismus. „Davon geht natürlich eine extreme Gefahr aus“, betonte Hammerbacher. Gleichzeitig versuche die Organisation subtil in demokratische zivilgesellschaftliche Räume einzudringen, insbesondere dort, wo es gegenüber dem Thema wenig Vorwissen gebe. Aufklärungsarbeit sei daher enorm wichtig.
Zudem verwies Hammerbacher auf Berichte über Kontakte zwischen türkischen Ultranationalisten und deutschen Rechtsextremen. Verbunden würden diese Milieus durch autoritäre und ultranationalistische Denkmuster. Immer wieder komme es zu Einschüchterungsversuchen gegenüber Kritiker:innen.
Küpeli: Historische Wurzeln reichen bis ins Osmanische Reich zurück
Im Zentrum der Veranstaltung stand der Vortrag von Ismail Küpeli. Gleich zu Beginn widersprach der Politikwissenschaftler der Vorstellung, bei den „Grauen Wölfen“ handle es sich um ein Randthema. Mit rund 12.000 Anhänger:innen seien sie nach der AfD die zweitgrößte rechtsextreme Organisation Deutschlands.

Die ideologischen Wurzeln der Bewegung verortete Küpeli in der Endphase des Osmanischen Reiches. Als wichtigen Vorläufer nannte er die Bewegung der Jungtürken, die Anfang des 20. Jahrhunderts einen ethnisch türkischen Nationalstaat etablieren wollte. Ethnische und religiöse Minderheiten seien dabei systematisch unterdrückt worden. Diese kampange gipfelte im Völkermord an den Armenier:innen im Jahr 1915.
Nach dem Ende des Osmanischen Reiches hätten sich zentrale Elemente dieses Nationalismus fortgesetzt. Minderheiten sollten sich der türkischen Mehrheitsgesellschaft vollständig assimilieren. Staatliche Gewalt gegen Kurd:innen, Alevit:innen und andere Gruppen sei über Jahrzehnte legitimiert worden. Dieser Rassismus habe sich laut Küpeli nicht nur in der Politik, sondern auch in Medien, Bildung und anderen gesellschaftlichen Institutionen reproduziert.
Antirevolutionäre Radikale: Die „Grauen Wölfe“ verstehen sich als staatsnah
Aus diesen historischen Entwicklungen heraus hätten sich in den 1930er Jahren die „Grauen Wölfe“ entwickelt. Anders als klassische revolutionäre Bewegungen verstehe sich die Organisation traditionell als loyal gegenüber dem türkischen Staat. Über Jahrzehnte hinweg habe sie Einfluss in Politik, Verwaltung, Justiz und Militär aufgebaut.

Parallel zur Parteistruktur der ultranationalistischen MHP (Milliyetçi Hareket Partisi) habe sich die militanten „Grauen Wölfe“ etabliert. Deren Ziel sei die Schaffung eines großtürkischen Reichs, genannt „Turan“. Während politische Akteure innerhalb des Staatsapparates auf parlamentarischen Einfluss setzten, hätten militante Teile der Bewegung früh auf Gewalt gegen politische Gegner:innen und Minderheiten gesetzt.
Vor allem Linke, Kurd:innen und Alevit:innen seien über Jahrzehnte Feindbilder der Bewegung gewesen. In den 1980er- und 1990er-Jahren sei Gewalt häufig durch paramilitärische Gruppen und Todesschwadronen ausgeübt worden. Heute zeigten sich ultranationalistische Strukturen laut Küpeli teilweise direkter innerhalb staatlicher Sicherheitsapparate.
Auf den ersten Blick unpolitisch: Netzwerke und Einfluss auch in Deutschland

Diese Entwicklungen hätten sich seit den 1970er Jahren auch auf die Bundesrepublik übertragen, erklärte Küpeli mit Blick auf die hiesigen Strukturen der Bewegung. Organisiert seien türkische Rechtsextremisten heute häufig in Moschee- oder Kulturvereinen, die nach außen oftmals unpolitisch wirkten.
Dies habe auch Auswirkungen auf Städte und Kommunen. Während viele türkische Communities in Deutschland in den 1970er- und 1980er-Jahren eher links geprägt gewesen seien, habe sich dies in einigen Regionen verändert. Als Beispiel nannte Küpeli Duisburg, wo rechte türkisch-nationalistische Netzwerke zunehmend an Einfluss gewonnen hätten.
Neben diesen Strukturen gebe es weiterhin einen militanten und gewaltbereiten Bereich der Bewegung. Organisationen fänden sich unter anderem in Rockergruppen oder Kampfsportvereinen. Als prominentes Beispiel nannte Küpeli die mittlerweile verbotene Gruppierung „Osmanen Germania“, die sowohl durch politische Gewalt als auch durch kriminelle Aktivitäten aufgefallen sei.
Rechtsextreme Akteure versuchen zunehmend sich zu vernetzen
Besonders kritisch bewertete Küpeli das Netzwerk „Turan“, das sich unter anderem im Ruhrgebiet organisiert. Nach einer vermeintlichen Selbstauflösung habe der Ermittlungsdruck auf die Strukturen nachgelassen, „ein großer Fehler“, so Küpeli. Heute trete das Netzwerk wieder deutlich sichtbarer und selbstbewusster auf.

Gefährlich sei die Organisation vor allem wegen ihrer Gewaltorientierung. Laut Küpeli bereiteten sich Teile der Szene aktiv auf gewaltsame Auseinandersetzungen vor. Zudem verwies er auf Unterstützung durch türkische staatsnahe Medien und Verbindungen zu staatlichen Stellen in der Türkei. „Von daher braucht es da sehr schnelle Schritte“, betonte Küpeli mit Blick auf Prävention und mögliche Verbote.
In der anschließenden Fragerunde ging der Politikwissenschaftler auch auf neue Strategien der Bewegung ein. Rechte türkisch-nationalistische Gruppen versuchten zunehmend, sich über ihre eigene Szene hinaus zu vernetzen, etwa über Protestbewegungen oder Kooperationen mit anderen rechtsextremen Akteuren in Europa. Gleichzeitig verhinderten gegenseitiger Rassismus und antimuslimische Ressentiments häufig stabile Bündnisse.
„Falsch verstandene Toleranz“ als Herausforderung für Kommunen
Vertreterinnen des Multikulturellen Forums berichteten im Rahmen der Veranstaltung von ihrer Arbeit zu auslandsbezogenem Extremismus. Im Fokus stünden dabei insbesondere die Schnittmengen zwischen Nationalismus, Rassismus und Islamismus. Ziel sei es, über entsprechende Strukturen aufzuklären und für deren Ideologien zu sensibilisieren.
Küpeli warnte in diesem Zusammenhang mehrfach vor „falsch verstandener Toleranz“. In der Vergangenheit hätten auch linksliberale Akteure teilweise mit radikal-islamistischen Organisationen kooperiert, weil diese primär als religiöse oder migrantische Vereine wahrgenommen worden seien. Rechtsextreme Akteure würden genau diese Offenheit gezielt ausnutzen.
Gleichzeitig betonte Küpeli, dass religiöse Freiheit und die Arbeit demokratischer muslimischer Gemeinden selbstverständlich geschützt werden müssten. Gerade deshalb sei eine differenzierte Auseinandersetzung mit extremistischen Strukturen notwendig.
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