
Von Klaus Winter
Wer sich vor rund 100 Jahren in Dortmund an heißen Sommertagen durch Schwimmen erholen wollte, der fand nur ein sehr beschränktes Angebot vor. Denn auf dem damaligen Stadtgebiet lagen lediglich zwei Hallenbäder: das Südbad an der damaligen Knappenberger Straße und das Nordbad an der Westerbleichstraße. Daneben gab es zwar natürliche Gewässer und den Dortmund-Ems-Kanal. Doch war das Baden dort untersagt.
Neuer Verein wurde schnell aktiv
Der Schwimmverein Aegir hatte sich 1903 in Dortmund gegründet. Er wurde schnell aktiv und beteiligte sich an Schwimmfesten in der Umgebung, richtete aber auch selbst solche Veranstaltungen aus.
Im Verein wurden verschiedene Schwimmarten gepflegt. Schon kurz nach der Vereinsgründung fanden sich Sportschwimmer zusammen, die bei Wettkämpfen gegen andere Vereine antraten und durchaus erfolgreich waren. Im Verein wurde aber auch Wasserball gespielt und das Rettungsschwimmen trainiert. ___STEADY_PAYWALL___
Am Hardenberg-Hafen war Platz für ein Freibad
Um dem dringenden Bedürfnis nach einem Freibad entgegenzutreten, stellte die Verwaltung des Dortmund-Ems-Kanals 1922 einen Platz zur Anlage eines Bades zur Verfügung. Dieser befand sich gegenüber dem Hardenberg-Hafen. Hier war der Kanal breiter als an anderen Stellen.

Der Schwimmklub Aegir übernahm die Errichtung der Anlage. Ein Teil des Kanals wurde mit Bojen abgetrennt. Man legte auch zwei Stege an, die die Hauptschwimmfläche markierten.
Das größte Problem war wie so oft die Finanzierung. Zum Ausbau der Schwimm-Anlage fehlten im Mai 1922 noch 1,2 Millionen Mark. Dieser Betrag muss allerdings vor dem Hintergrund der seit dem Ende des Weltkrieges ständig stärker werdenden Inflation in Deutschland gesehen werden.
Kanal-Freibad wurde im Sommer 1922 eröffnet
Trotz allem konnten Ende Juli 1922 in dem neuen Freibad nahe dem Hardenberg-Hafen, das gewöhnlich Sommerbad genannt wurde, die ersten Schwimmwettkämpfe stattfinden. Insgesamt verlief die Badesaison 1922 wohl positiv.
Die Stadtverordneten beschlossen deshalb im November 1922, dem Verein Aegir auf seinen Antrag hin ein zinsloses Darlehen in Höhe von 50.000 Mark zur Verfügung zu stellen, um den weiteren Ausbau des Sommerbades zu ermöglichen. Als Sicherheit bot Aegir seinen Klubschrank mit den Preisen und Trophäen an.
Diebe und Vandalen gefährdeten das Sommerbad

Ein Jahr später sah es dann am Sommerbad trübe aus. Das Wetter war 1923 nur selten sommerlich. Doch an den wenigen warmen Tagen zog das Bad im Kanal die Stadtbevölkerung an. Es war mit Spenden und dem Einsatz vieler Vereinsmitglieder weiter ausgebaut worden.
Aber im Herbst 1923 ereignete sich eine wahre Diebstahl-Orgie: Material und Werkzeug wurden gestohlen, selbst Türen und Fenster ausgehoben, die Umzäunung, Seiten- und Rückwände der Umkleidehallen niedergerissen. Sogar die Abgrenzungstonnen (Bojen) auf dem Kanal wurden mitgenommen. Der Schaden war enorm.
Dass das Bad im Mai 1924 wieder geöffnet werden konnte, verdankte Aegir in erster Linie seinem Ehrenmitglied Bauunternehmer Bester. Er hatte den Wiederaufbau mit Materiallieferungen tatkräftig unterstützt und war auch treibende Kraft bei dem Bau eines Nichtschwimmerbeckens, das im Juli 1924 fertiggestellt war.
Massenandrang trotz weiter Wege
Das Sommerbad des Vereins Aegir lag ziemlich abseits. Der Weg dorthin war weit. Für die Strecke von der Straßenbahn-Haltestelle Fredenbaum durch den Fredenbaumwald zu den Bootshäusern und von dort an der Westseite des Kanals weiter zum Hardenberg-Hafen musste man eine halbe Stunde einkalkulieren. Das Motorboot, das an Wochenenden stündlich zwischen Stadthafen und Badeanstalt pendelte, konnte sich nicht jeder leisten.

Trotzdem kam es zu Massenbesuchen. 1925 wurden bis zu 17.000 Menschen am Sommerbad gezählt. Damit war das Bad natürlich vollkommen überlastet. Den meisten Badelustigen blieb dann nur die Möglichkeit des Licht- und Luftbades auf der großen Wiese am Bad.
Die Attraktivität des Ortes beruhte sicherlich nicht zuletzt auf seine geringen Eintrittspreise. Kinder und Erwerbslose zahlten10 Pfennig, Erwachsene 20 Pfennig.
Das Sommerbad wurde nach wenigen Jahren geschlossen
In einem Leserbrief drückten „mehrere Bewohner des Nordens“ 1925 ihre Sorge darüber aus, dass die Badeanstalt am Dortmund-Ems-Kanal bald verschwinden würde. Man sah sich also einem Sommer 1926 ohne einem Freibad in der Stadt gegenüber. Denn auch der Baubeginn für das neue Schwimmbad am Stadion Rote Erde verzögerte sich.

Die Stadtspitze wollte das Sommerbad des Schwimmklubs Aegir aufgeben, weil es den immer größer werdenden Schifffahrtsbetrieb im Hardenberg-Hafen behinderte. Die hygienischen Verhältnisse am Sommerbad galten auch nicht als hygienisch einwandfrei.
Unstrittig war aber auch in der Stadtführung, dass für das geschlossene Bad ein Ersatz geschaffen werden musste. Denn das aus früheren Zeiten noch bekannte verbotswidrige und gefährliche Schwimmen im Kanal sollte sich nicht wieder ausbreiten.
Hardenberg-Bad wurde Nachfolger
Deshalb sollte unmittelbar nördlich des Sommerbades auf einem städtischen Grundstück ein neues Freibad gebaut werden. Die Pläne waren mit den großen Schwimmvereinen besprochen und für gut befunden worden.

Die Baukosten schätzte das Tiefbauamt auf 150.000 Mark, die aber durch Zuschüsse und Darlehn so weit gesenkt werden konnten, dass nur 30.000 Mark durch eine Anleihe finanziert werden müssten.
Die Verwaltung des neuen Bades sollte einem unparteiischen Vorsitzenden und je zwei Vertretern des Schwimmklubs Aegir und des Arbeiter-Sportkartells übertragen werden. Aegir schloss sich aber bald mit dem SC 96 zum Schwimmklub Westfalen zusammen und verlor das Interesse, an der Verwaltung des neuen städtischen Hardenberg-Bades mitwirken zu wollen.
Das Hardenberg-Bad wurde am 22. Mai 1927 eröffnet.
Material des Aegir-Bades wurde teilweise wiederverwendet
Das Sommerbad des Vereins Aegir, dessen Wert 1926 auf 30.000 Mark geschätzt worden war, wurde während des Baus des Hardenberg-Bades abgerissen. Die Holzbauten konnten teilweise beim Bau des neuen Freibades mitverwendet werden.
Aegir hatte viel Geld in diese Anlage gesteckt und sich durch ein Darlehen der Stadt verschuldet. Verhandlungen wegen einer Entschädigung wurden zwar mit der Stadtverwaltung geführt, verliefen erfolglos. Lediglich die Tilgung der Restschuld aus dem Darlehen konnte erreicht werden. Das ganze Geld, das Aegir im Laufe der Jahre in den Badebetrieb gesteckt hatte, war verloren.
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