
Vorurteile gegen Minderheiten sind so alt wie menschliche Gesellschaften – und sie folgen erstaunlich ähnlichen Mustern, ob es um Jüdinnen und Juden, Sinti und Roma, Musliminnen und Muslime oder politische Gegner geht. Diesem Mechanismus widmet sich die neue Folge des Nordstadtblogger-Podcasts „Systemfehler“.
Warum machen Gesellschaften Minderheiten zu Sündenböcken?
Gastgeber Alexander Völkel hat dafür Prof. Dr. Wolfgang Benz eingeladen, einen der renommiertesten Antisemitismusforscher und Zeithistoriker Deutschlands sowie langjährigen Leiter des Zentrums für Antisemitismusforschung an der Technischen Universität Berlin. Unter dem Titel „Vom Vorurteil zur Gewalt“ sprechen die beiden über Antisemitismus, Rassismus, Antiziganismus, den Nahostkonflikt, die USA unter Donald Trump und den Erfolg der AfD.

„Gesellschaften neigen dazu, Minderheiten zu definieren. Das ist gut für das Selbstbewusstsein der Mehrheit. Wenn es Minderheiten gibt, die anders sind aufgrund ihrer Religion, ihrer Sitten, ihrer Gebräuche, dann fühlt sich die Mehrheit bestätigt“, sagt Benz gleich zu Beginn des Gesprächs.
Aus solchen Ressentiments könnten dann, ausgelöst durch Krisen oder Existenzängste, Feindbilder entstehen, mit denen eine Minderheit denunziert werde.
„Das zu erkennen, würde uns voranbringen: zu erkennen, dass es einen Nutzen für die Mehrheit bringt, wenn es eine böse Minderheit gibt, die man auf Distanz halten, verachten, vertreiben, misshandeln kann“, so der Historiker. Eine Gesellschaft ganz ohne Ressentiments hält er für kaum vorstellbar, eine Gesellschaft ohne Feindbilder dagegen durchaus – vorausgesetzt, Mehrheiten erkennen den Mechanismus der Verallgemeinerung als das, was er ist: ein Mechanismus der Ausgrenzung.
Antisemitismus als ältestes Vorurteil der Menschheit
Als Ausgangspunkt seiner Beschäftigung mit Feindbildern nennt Benz den Antisemitismus – das älteste soziale, religiöse und politische Vorurteil der Menschheit, das seit der Spätantike bis heute in ähnlicher Form funktioniere.

Dass er den Holocaust als Maßstab für spätere Völkermorde bezeichnet, verteidigt er gegen den Vorwurf der Verharmlosung: „Nein, Wissenschaft lebt vom Vergleich. Opferkonkurrenz kommt von den Opfern, die nicht verglichen werden wollen mit etwas anderem.“
Als Beispiel nennt er verfolgte Homosexuelle, die jahrzehntelang von Gedenkfeiern in KZ-Gedenkstätten ausgeschlossen waren, weil andere Verfolgtengruppen nicht mit ihnen genannt werden wollten, verdeutlicht der Wissenschaftler.
Alltagsrassismus und das Erbe der Kolonialzeit
Auch beim Alltagsrassismus sieht der Historiker Kontinuitäten, die bis in die Kolonialzeit zurückreichen. „Man fragt den türkisch aussehenden Mann auf der Straße dann unter Umständen in gebrochenem Deutsch, und der ist aber in Wirklichkeit Professor der Philosophie an einer angesehenen Universität und kann besser Deutsch als der fragende Bio-Deutsche“, schildert Benz. Von Angehörigen sichtbarer Minderheiten werde unterschwellig erwartet, dankbar und unterwürfig aufzutreten, statt als gleichwertig wahrgenommen zu werden.

Als besonders deutliches Beispiel für strukturellen Rassismus nennt er die Ermittlungen zum Nationalsozialistischen Untergrund (NSU), der zehn Menschen aus rassistischen Motiven ermordete. Polizei und Staatsanwaltschaft hätten selbstverständlich im türkischen, muslimischen und levantinischen Umfeld ermittelt, ohne auf nationalsozialistischen Rassenhass zu schließen: „Was haben wohl diese drei Verbrecher, der Kern des NSU, gelacht über die Ermittlungsarbeit der Polizei, die nicht auf die Idee kam, den Nationalsozialistischen Untergrund, den sie stolz in ihrem Firmenschild führten, zu beachten und zu vermuten.“ Rassen habe es nie gegeben, wohl aber eine Rassenideologie, in deren Namen millionenfach gemordet worden sei.
Islamfeindlichkeit als bequeme Selbstentlastung
Islamfeindlichkeit und Antisemitismus seien strukturell verwandt, aber nicht identisch, erläutert Benz – es gehe ihm nicht um einen Vergleich zwischen jüdischen und muslimischen Menschen, sondern um die Methoden der Mehrheitsgesellschaft.
Für den rasanten Anstieg der Islamfeindlichkeit hat er eine unbequeme Erklärung: „Wenn alle Muslime Judenfeinde sind, dann kann man mit Fingern auf sie zeigen und dann kann man die Entrüstung über die Judenfeindschaft der anderen mit Abscheu verurteilen und fühlt sich selber gut dabei.“
Die pauschale Unterstellung, muslimische Geflüchtete seien grundsätzlich Antisemiten, erleichtere die nichtmuslimische Mehrheit ungemein: „Das sind die anderen, die Bösewichte, und wir haben es hinter uns.“
Das vergessene Leid von Sinti und Roma
Deutlich weniger im öffentlichen Bewusstsein verankert ist nach Benz‘ Einschätzung der Völkermord an Sinti und Roma. Während sich die Erinnerungskultur an die Jüdinnen und Juden maßgeblich der alliierten, insbesondere der amerikanischen Besatzungsmacht verdanke, habe sich um Sinti und Roma – ebenso wie um die Zeugen Jehovas – lange niemand gekümmert.

Bis heute wisse niemand genau, wie viele assimilierte Sinti und Roma in Deutschland leben, weil viele ihre Herkunft aus Angst vor Diskriminierung verschwiegen. Benz zitiert einen Vater, der seinen Töchtern auf dem Sterbebett einschärfte: „Sagt niemals, dass ihr aus dem Volke der Roma kommt.“
Eine junge Frau aus München, die in einem Parfümgeschäft arbeitet, habe ihm ihre Lage so erklärt: „Es darf niemand wissen, dass ich – damals sagte man das noch – eine Zigeunerin bin. Denn wenn dann die nächste Kundin ein teures Parfüm gestohlen hat, bin ich als Erste verdächtig, wenn die wissen, dass ich eine Romnia bin.“
Gut assimilierte Sinti und Roma grenzten sich mitunter selbst von zugewanderten Verwandten aus Rumänien oder Bulgarien ab – ähnlich wie sich assimilierte deutsche Juden im Berlin der 1930er-Jahre von armen Ostjuden distanziert hätten.
Nahostkonflikt: zwischen Antisemitismus und legitimer Kritik
Breiten Raum nimmt im Gespräch der Nahostkonflikt ein. Alles, was von palästinensischer Seite gegenüber israelischen Bürgerinnen und Bürgern verübt werde, pauschal als Antisemitismus zu bezeichnen, sei ihm zu undifferenziert, sagt Benz und zitiert jüdische Freunde zum Terrorüberfall der Hamas: „Der Hamas und diesen Leuten ist es egal, ob wir Juden sind; für die wäre es genauso schlimm, wenn Israel buddhistisch oder hinduistisch oder christlich wäre.“

Zugleich stellt er klar: „Israel ist die Besatzungsmacht, die seit Jahrzehnten die Entstehung eines palästinensischen nationalen Staates verhindert“ – und übe im Gazakrieg mit großer Härte Vergeltung.
Benz leidet erkennbar darunter, dass ihm seine jahrzehntelange Empathie für Staat und Volk Israels vorgehalten wird, sobald er zugleich Mitgefühl für die palästinensische Zivilbevölkerung äußert: „Es muss doch möglich sein – das ist meine tiefe Überzeugung –, sowohl der israelischen, der jüdischen Sache zugewandt zu sein und trotzdem Empathie für die geschundene Zivilbevölkerung zu empfinden.“
Diese Freund-Feind-Logik ohne Zwischentöne mache ihm nach einem langen Berufsleben als Historiker zu schaffen, sagt er und fragt sich, ob seine Bücher und Vorträge am Ende vergeblich gewesen seien.
Trump, Ludwig XIV. und der reine Faschismus
Auch mit Blick auf die USA sieht Benz klassische Muster von Feindbildern am Werk. Für den Kurs des amerikanischen Präsidenten findet er ein drastisches Bild: „Er erinnert mich so an eine Kreuzung zwischen Ludwig XIV. und Adolf Hitler.“

Wer politische Gegnerinnen und Gegner zu inneren Feinden erkläre und neben äußere Gegner wie China, Iran oder Russland stelle, betreibe damit reinen Faschismus: „Wenn man alles zu Feinden erklärt, sperrt man sie weg, schlägt sie tot oder vertreibt sie; das ist purer Faschismus“, spricht Benz Klartext.
Von europäischen Rechtspopulisten wie Geert Wilders oder dem abgewählten Viktor Orbán unterscheide Trump vor allem das Ausmaß seiner Macht: Er regiere über Verordnungen statt über das Parlament.
AfD, Feindbilder und die Verbotsdebatte
Auf die Frage nach den Feindbildern der Alternative für Deutschland (AfD) zieht Benz eine klare Linie zum Nationalsozialismus: „Im Nationalsozialismus hieß es ‚Juden raus!'“ – bei der AfD heiße es heute sinngemäß „Ausländer raus“, auch gegenüber Menschen, die in dritter Generation integriert und assimiliert seien.

Würde das Programm der Partei umgesetzt, warnt er sarkastisch: „Dann säßen wir wahrscheinlich bald wieder auf den Bäumen und würden unartikulierte Laute ausstoßen, aber im tiefen Bewusstsein, dass wir Deutsch sind“, so Benz.
Da der Verfassungsschutz die AfD im Fall des Wahlsiegers in Sachsen-Anhalt eindeutig als rechtsextrem einstuft, spricht sich Benz für ein Parteiverbot aus: „Wer die Spielregeln nicht anerkennt, wird vom Spiel ausgeschlossen. Gilt überall, muss auch in der Demokratie gelten.“ Die Lehre aus dem Scheitern der Weimarer Republik und das Prinzip der wehrhaften Demokratie sprächen angesichts der zahlreichen Belege für Demokratiefeindlichkeit klar dafür.
Bildung und Zivilcourage als Gegenmittel
Zum Abschluss benennt Benz Bildung, Aufklärung und Zivilcourage als wichtigste Mittel gegen Feindbilder. Für eine Stadtgesellschaft wie Dortmund oder ein Lokalmedium wie den Nordstadtblogger bedeute das vor allem, sichtbar zu bleiben und zu zeigen, dass die Mehrheit hinter demokratischen Werten stehe. Für die öffentliche Debatte über Feindbilder wünscht sich der Historiker am Ende nur wenige, klare Worte: „Aufklärung, mehr Bildung, Einsicht.“
Die Folge des Podcasts „Systemfehler“ mit Prof. Dr. Wolfgang Benz steht auf Nordstadtblogger.de sowie auf den Kanälen der Redaktion zum Nachhören bereit.
https://open.spotify.com/episode/48nupVhD8dCtM8eEMuHkLC?si=ryC5DCaaSNCnGgeXCf94nA
Anm.d.Red.: Haben Sie bis zum Ende gelesen? Nur zur Info: Die Nordstadtblogger arbeiten ehrenamtlich. Wir machen das gern, aber wir freuen uns auch über Unterstützung!
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