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Ostermarsch-Urgestein Willi Hoffmeister: Ein ganzes Leben im Kampf gegen die Bombe und für eine gerechtere Welt

Willi Hoffmeister als Betriebsrat von Hoesch: Protestveranstaltung gegen Arbeitslosigkeit und Aussperrung 1978.

„Auf einen klugen Kopf passt kein Stahlhelm“, steht auf einem Sammelband, den langjährige Wegbegleiter und Freunde Willi Hoffmeister zu seinem 75. Geburtstag geschenkt hatten. Doch als ein Abschiedsgeschenk für den Ruhestand von der ehrenamtlichen Arbeit war das nicht gedacht – auch fast sieben Jahre später gehört der Dortmunder zu den Aktivposten der heimischen Friedensbewegung.

Frieden und Antifaschismus als zentrale Themen und Antriebsfedern

Willi Hoffmeister, ehemaliger Betriebsrat Hoesch und Urgestein des Ostermarsch Ruhr. Foto: Hartmann

Frieden und Antifaschismus – das sind seine beiden zentralen Themen und Antriebsfedern. Der engagierte Rentner hat dies schon in die Wiege gelegt bekommen. 1933 im ländlichen Kreis Lübbecke geboren, hat der junge Willi von Anfang an die Auseinandersetzung zwischen Linken und Nazis in der eigenen Familie erlebt.

Vater Wilhelm war Kraftfahrer und glaubte anfangs den Versprechen Hitlers für Arbeit und Wohlstand für die kleinen Leute, Mutter Marie war Arbeiterin und überhaupt keine Freundin des NS-Regimes – sie legte sich im Ort mit den bekennenden Nazis an.

Noch heftiger waren die Auseinandersetzungen bei seinen Onkeln: Der eine Bruder seiner Mutter machte gemeinsame Sache mit den Nazis, der andere Onkel war bekennender Kommunist und saß von 1934 bis 1945 in verschiedenen Konzentrationslagern ein. „Meine beiden Onkel haben nie wieder miteinander gesprochen. Meine Mutter hat sehr darunter gelitten“, berichtet Willi Hoffmeister.

Onkel war Kommunist und von den Nazis verfolgt: „Junge tu alles, dass es nie wieder dazu kommt“

Willi Hoffmeister ist auch von Anfang an beim Bündnis Dortmund gegen rechts dabei. Foto. Völkel

Seinen Onkel Franz – den Kommunisten – lernte er zwangsläufig erst nach Kriegsende kennen. Doch dieser Mann beeindruckte den Jungen nachhaltig: „Junge tu alles, dass es nie wieder dazu kommt“, gab ihm sein Onkel Franz mit auf den Weg. „Das hat mich mein Leben lang begleitet.“ Er trat auch politisch in die Fußstapfen seines Onkels, der sich nach seiner Befreiung in der Ostzone niedergelassen hatte.

Kein leichtes Unterfangen in der westfälischen Provinz. Er rief mit Freunden die Freie Deutsche Jugend (FDJ) im Landkreis Lübbecke ins Leben. Bei seinem Ausbilder eckte das linke Blauhemd natürlich an, als er 1948 im Alter von 15 Jahren eine Schreinerlehre anfing: „Mein Ausbilder war ein alter Nazi“, berichtet Hoffmeister.

Als er mit tausenden anderen westdeutschen FDJ-Mitgliedern Pfingsten 1950 zum ersten „Deutschlandtreffen der Jugend für Frieden und Völkerfreundschaft“ nach Berlin wollte, verweigerten sie ihm die eine Woche Urlaub. „Ich bin trotzdem gefahren“, berichtet Hoffmeister.

Nach seiner Rückkehr habe niemand in der Firma ein Wort darüber verloren. „Sie hätten mich ja rausschmeißen können. Aber ich glaube, dass ihn meine Entschlossenheit beeindruckt hat“, mutmaßt Hoffmeister. Doch Freunde hatten die paar FDJler im Ort nicht: „Als wir mit unseren Blauhemden im Kino waren, sind wir rausgeworfen worden.“

Als Landwirt in die Ostzone:  „Kommste rüber und übernimmst den Hof“

Das motivierte Hoffmeister auch, seinen Onkel in der Ostzone zu besuchen. Dieser hatte sich bei Schwerin als Landwirt niedergelassen. „Der war zäh wie nur irgendwas. Aber die Arbeit machte ihm zu schaffen“, berichtet der heute 81-Jährige. „Kommste rüber und übernimmst den Hof“, lockte ihn Onkel Franz, der durch die sogenannte Bodenreform – die Enteignung der Großgrundbesitzer durch die DDR – einen kleinen Hof bei Schwerin bekommen hatte.

Eineinhalb Jahre arbeitete Hoffmeister dort. „Landwirtschaft kannte ich schon zu Hause. Aber ich bekam keine Zuzugserlaubnis“, erinnert er sich. Die DDR-Kader wollten, dass Hoffmeister im Westen bliebe: „Ich sollte mich nicht ins gemachte Nest setzen dürfen.“ Also kam Hoffmeister – nun als Flüchtling – zurück nach Nordrhein-Westfalen. Er landete im Lager Unna-Massen.

Neustart als 18-Jähriger Flüchtling in der Dortmunder Nordstadt

Willi Hoffmeister auf der Arbeit im Dortmunder Hafen 1953.

Der 18-Jährige versuchte 1951 in Dortmund sein neues Leben aufzubauen. Nach diversen Gelegenheitsjobs fand er eine feste Stelle bei der Westfälischen Speditionsgesellschaft im Dortmunder Hafen. „Da habe ich zwei Jahre hart malocht.“

Doch dann kam überraschend ein Jobangebot, dass das Leben des Neu-Nordstädters gründlich veränderte: „Vom einen Tag zum anderen kam ich im Juli 1954 ins Stahlwerk 2 der Westfalenhütte. Ich war in der Gießhalle in der Produktion eingesetzt. Ich dachte, da stürzt die Welt über mir ein.“

Das passierte natürlich nicht – veränderte aber seine Welt. Nicht die Hitze oder die bessere Bezahlung. Es war der Kollegenkreis, in den der junge Hoffmeister hineinwuchs: „Hier gab es eine stark politisierte Belegschaft. Das kannte ich vorher nicht.“ Schon vorher war er Mitglied in der Gewerkschaft ÖTV. Im Stahlwerk wechselte er nun in die IG Metall – seine Heimat bis heute.

Prägende Zeit bei Hoesch: Aktivitäten als Vertrauensmann und Betriebsrat

Willi Hoffmeister hat schon immer gerne „heiße Eisen“ angepackt. Foto: Hartmann

Nicht nur für Geld und Arbeitszeit, auch für gesellschaftlich relevante Fragen ging die Belegschaft auf die Straße. Hoffmeister ging in der ehrenamtlichen Arbeit völlig auf. 1967 wählten ihn die Kollegen zum Vertrauensmann der IG Metall, 1978 wurde er Betriebsratsmitglied.

Er suchte in der Sache immer den Schulterschluss, um Mehrheiten zu organisieren – auch wenn er parteipolitisch andere Wege ging. Als „rote Socke“ und DKP-Mitglied war er es gewohnt, bei Wahlen zu verlieren. Nur einmal errang er ein kommunalpolitisches Mandat: 1999 bis 2004 war er Bezirksvertreter in der Nordstadt – für das Linke Bündnis Dortmund.

Im Betrieb war das anders: 1978 wurde er als Betriebsrat gewählt und bekam die Zuständigkeit für den Sozialbereich mit Abteilungen wie den Kantinen, der Werksschänke und der Bücherei. Eine große Umstellung: Plötzlich war Hoffmeister quasi allein unter Frauen. „Ob ich das überlebe?“, sagt er lachend. Es wurden neun Jahre. „Eine Zeit, die ich nicht missen möchte. Ich habe mich da ziemlich reingefuchst.“

Ein kommunistischer Betriebsrat mit dem Blick fürs große Ganze

Willi Hoffmeister beim Protest gegen Berufsverbote 1975.

Denn sein Bereich war kein leichter: 16 Einzelkantinen mit den unterschiedlichsten Schicht- und Urlaubsplänen. „Es war eine lehrreiche und anstrengende Zeit. Wir hatten ein tolles Verhältnis.“

Ihm ging es immer um ein größeres Ganzes: „Erzähl uns nichts von der Situation im Stahlwerk, sondern von der der Werkskantine“, bekam er auf seiner ersten Abteilungsversammlung zu hören.

Eine Forderung, die er klar zurückwies: „Ohne die Martinöfen haben wir auch in der Werksschänke bald keine Öfen mehr“, warb er für einen Blick über den Tellerrand.

Daher setzte er sich auch dafür ein, dass sich die Frauen an den Streiks und Demonstrationen beteiligten – ebenfalls ein Novum auf der Westfalenhütte. Am 1. Mai 1990 ging er in Rente.

Stahlwerker sorgten für die Schließung des FAP-Parteibüros von „SS-Siggi“

Der Einsatz der Hoesch-Belegschaft bei gesellschaftlichen Auseinandersetzungen macht Hoffmeister noch immer stolz: So wie damals, als unzählige Kollegen in die Schlosserstraße marschiert sind, um gemeinsam zu verhindern, dass die rechtsextreme  – und kurze Zeit später verbotene – „Freiheitliche Arbeiter-Partei“ (FAP) ihr Parteibüro eröffnen konnte.

Deren Galionsfigur war damals wie heute Siegfried „SS-Siggi“ Borchardt. Auch heute noch engagiert sich Hoffmeister im Bündnis gegen Rechts und im Bund der Antifaschisten (VVN/BdA) gegen Neonazis. Antifaschismus und Frieden – für ihn gehört das damals wie heute zusammen.

Jahrzehntelanger Einsatz für eine gerechtere Welt – innerhalb und außerhalb der Westfalenhütte

Willi Hoffmeister (links) in der Pause mit Arbeitskollegen bei Hoesch 1973. Fotos: privat

„Du bist Kommunist? Dann bekommen wir ja bald mehr Geld“, wurde sein erster Auftritt als Betriebsrat 1978 kommentiert.

Ja, Hoffmeister war Kommunist. Er ist es noch heute. Er steht zu seiner DKP-Migliedschaft. Auch wenn er viele Vorstellungen von damals in den vergangenen Jahren revidieren musste.

„Für mich war die sozialistische Staatengemeinschaft – nach der Niederschlagung des Faschismus – die Grundlage für eine andere gerechtere Gesellschaftsordnung“, berichtet Hoffmeister heute.

„Für mich war die DDR damals der Inbegriff eines zukünftigen antikapitalistischen Deutschlands und eine Wiedervereinigung nur auf dieser Grundlage vorstellbar“, erklärt er. „Mensch mag mir Blauäugigkeit vorwerfen. Wenn ich heute, 25 Jahre nach der nicht nach meinen Vorstellungen stattgefundenen Wiedervereinigung, zurückschaue – stimmt das sicher an vielen Punkten.“

„Meine politische Überzeugung hat viele Federn lassen müssen.“

Willi Hoffmeister bei einem Kinderfest in der Woldemey-Siedlung in Dortmund-Derne.

Seine Sichtweisen und sein Vertrauen in viele der staatsführenden Personen der DDR habe er revidieren müssen, nachdem er sich als Rentner intensiv mit der Zeit von 1945 bis 1990 anhand vieler Schriften, Dokumente und auch Gespräche mit dieser Zeit befasst hatte.

„Meine politische Überzeugung hat viele Federn lassen müssen. Aber ich bin nach wie vor der Überzeugung, dass die ,real existierende kapitalistische Gesellschaftsordnung’ nicht der Weisheit letzter Schluss ist“, betont der 81-Jährige entschlossen.

Jede und jeder, der nicht vollkommen blind sei, müsse doch erkennen, dass 1990 nicht der totale Friede ausgebrochen sei, sondern Kriege, Terror und Gewalt Millionen von Menschen mittlerweile zu Flüchtlingen gemacht hätten. „Die Schere zwischen arm und reich öffnet sich immer weiter – der Luxus der einen ist der Tod der anderen.“

Ostermarsch der Friedensbewegung ist auch weiterhin aktuell

Willi Hoffmeister bei einem Ostermarsch Anfang der 1980-Jahre.

Daher ist für ihn – wie auch viele seiner Mitstreiter – der Ostermarsch Rhein-Ruhr weiterhin hochaktuell. Seit 1961 hat er fast alle mitgemacht – und seit 25 Jahren auch mitorganisiert. „Mein ganzes Leben stand im Kampf gegen die Bombe. Natürlich waren wir 1983 mehr.“

Das war der Höhepunkt der Friedensbewegung, die auch die Grünen in die Parlamente spülte. „Aber wir waren auch schon mal weniger“, sagt er, wenn er die Frage nach der derzeitigen Resonanz hört. Ihn versöhnt es, dass ein Drittel der Teilnehmer junge Leute sind, die neu dazu kommen.

Außerdem gebe es immer wieder neue und zeitgemäße Ansätze, wie das Bündnis „Krieg ist kein Funsport“  anlässlich der Jugendmesse YOU in Dortmund unter Beweis stellte.

Das Engagement geht auch im Alter weiter

Aber auch die immer gewalttätiger werdende Neonazi-Szene lässt Hoffmeister nicht ruhen. Er engagiert sich weiter – auch im hohen Alter.

„Wenn ich nicht die Hoffnung hätte, dass sich die Menschheit eines Tages von all den Ungerechtigkeiten, von all den eigenen Unzulänglichkeiten befreien wird, würde ich heute meinen Einsatz dafür aufgeben“, sagt Willi Hoffmeister fast schon trotzig. Als Gewerkschafter, Antifaschist und ja – als Kommunist. Er kämpft weiter für einer gerechtere und friedlichere Welt.

Hintergrund: Die Freie Deutsche Jugend (FDJ) in der Bundesrepublik

  • Die FDJ hatte sich hehren Zielen verschrieben: Die Einheit Deutschlands, die Gewinnung der deutschen Jugend für die großen Ideale der Freiheit, des Humanismus, einer kämpferischen Demokratie, des Völkerfriedens und der Völkerfreundschaft und die aktive Teilnahme aller Jugendlichen beim Wiederaufbau des Vaterlandes.
  • Die FDJ hatte 1950 in der Bundesrepublik Deutschland ca. 30.000 Mitglieder, vor allem in der Gewerkschaftsjugend.
  • Auf dem Gebiet der Bundesrepublik Deutschland bekämpfte die FDJ die Wiederbewaffnung unter Bundeskanzler Adenauer. Am 19. September 1950 kam die erste staatliche Reaktion: Die Bundesregierung verfügte für FDJ-, KPD- und VVN-Mitglieder ein Beschäftigungsverbot (Berufsverbot) im öffentlichen Dienst.
  • Am 26. Juni 1951 wurde dann durch Beschluss der Bundesregierung die FDJ in Westdeutschland in der gesamten Bundesrepublik verboten.

Hintergrund: Der Ostermarsch Rhein-Ruhr

Das Dortmunder Friedensforum wirbt an folgenden Tagen mit Informationsständen für den Ostermarsch Rhein Ruhr 2015:

  • Mittwoch, 25.3. Katharinentreppe ab 16 Uhr,
  • Donnerstag, 26.3. Wilhelmplatz ab 11 Uhr, (Marktverteilung)
  • Dienstag, 31.3. Katharinentreppe ab 16 Uhr,
  • Karfreitag, 3.4. ab 13 Uhr am Eingang Bittermark, Kirchhörder Straße

Mehr Informationen zum Ostermarsch gibt es auf der Homepage: http://www.ostermarsch-ruhr.de

Die Flyer zum Ostermarsch als PDF zum Download:

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2 Gedanken über “Ostermarsch-Urgestein Willi Hoffmeister: Ein ganzes Leben im Kampf gegen die Bombe und für eine gerechtere Welt

  1. Ula und Wolfgang Richter

    Lieber Willi, wir senden Dir auf diesem Weg einen herzlichen Glückwunsch zum 82. Geburtstag am 25. März – weiterhin gemeinsam mit vielen für unser Leitziel „Nie wieder Krieg! Nie wieder Faschismus!“ – und dem Nordstadtblogger Alex Völkel danken wir sehr für dieses tolle Porträt!
    Ula und Wolfgang

  2. DKP DO

    Erfolgreiche Jahreshauptversammlung der DKP Dortmund

    Im vollbesetzten „Z“, ihrem Zentrum in der Oesterholzstraße, führte die DKP Dortmund am 14. Juni
    ihre Jahreshauptversammlung durch. Sie begann mit der Aufnahme eines jungen Genossen. Die
    Orientierung auf die Jugend und die Zusammenarbeit mit der Jugendorganisation SDAJ spielten eine
    zentrale Rolle in den Berichten und Diskussionen.

    Auch die Gründung einer vierten Stadtteilgruppe stimmte optimistisch. Die Diskussion der ihr wichtigsten Politikfelder zeigte Stärken und Schwächen der Partei vor Ort auf und setzte Schwerpunkte für die weitere Arbeit. Für ihre Umsetzung haben die gute alte Kleinzeitung der Dortmunder Kommunist/innen „Heisse Eisen“ und ihre Internetseite http://www.dkp-dortmund.de große Bedeutung. Im Weiteren wurde dem bisherigen Kreisvorstand für seine Arbeit herzlich gedankt und ein mit Blick auf die gewachsenen Aufgaben und Möglichkeiten vergrößerter Kreisvorstand gewählt.

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