TU-Studierende diskutieren mit Verbänden und Sozialdezernentin

Mehr digitale Teilhabe für Abgehängte als Ziel: Offliner:innen in Dortmund ins Internet begleiten

(vorne, v.l.) Renate Lanwert-Kuhn und Gunther Niermann vom Paritätischen Wohlfahrtsverband mit Sozialdezernentin Birgit Zoerner, Prof. Dr. Bastian Pelka und Diakonie-Geschäftsführer Niels Back bei der Präsentation der Ergebnisse durch die Studierenden der TU Dortmund (Hintergrund).
(vorne, v.l.) Renate Lanwert-Kuhn und Gunther Niermann vom Paritätischen Wohlfahrtsverband mit Sozialdezernentin Birgit Zoerner, Prof. Dr. Bastian Pelka und Diakonie-Geschäftsführer Niels Back bei der Präsentation der Ergebnisse durch die Studierenden der TU Dortmund (Hintergrund) Foto: AGV

Die Online-Terminvergabe, Videokonferenzen, die Einkaufsapp: Nicht nur die vergangenen zwei Jahre haben gezeigt, wie wichtig es ist, dass sich unsere Gesellschaft technisch weiterentwickelt. Doch wie erreichen diese neuen Möglichkeiten Menschen, die nicht über das technische Wissen, die Endgeräte oder die Fähigkeiten, diese zu nutzen, verfügen? Diesen und weiteren Fragen rund um die Digitalisierung unserer Gesellschaft geht eine aktuelle Forschungsarbeit der TU Dortmund in Kooperation mit den Wohlfahrtsverbänden unserer Stadt nach, deren Ergebnisse jetzt der Öffentlichkeit vorgestellt wurden.

„Dortmunder Modell“ gibt Handlungsempfehlungen für Verbände und Sozialpolitik

In einem „Dortmunder Modell“ wurden die Handlungsempfehlungen für die Verbände und die städtische Sozialpolitik zusammengefasst, um sich gemeinsam und mit Weitsicht für eine Digitalisierung von sozialen Angeboten für Menschen mit unterschiedlichen Unterstützungsbedarfen zu rüsten.

Soziale Angebote in unserer Stadt, etwa Beratungsstellen oder Betreuungsdienste und -angebote, sollten ihre Kompetenzen vereinen, so eine Kernaussage des „Dortmunder Modells“: Vernetzte Träger klären gemeinsam, welche digitalen Angebote die Einrichtungen und vor allem die Menschen, die sie in Anspruch nehmen, entlasten könnten und wie diese gestaltet sein sollten.

Natürlich immer im Dreieck mit Stadtverwaltung und -politik. Gemeinsam sollen sie Qualitätsstandards festlegen, Verfahren entwickeln und Informationen austauschen, so weitere Kernaussagen.

Studierende der TU Dortmund haben 30 Digitalisierungsprojekte untersucht

Für viele Menschen sind Smartphones unverzichtbar.Doch allein in Dortmund sind rund neun Prozent der Erwachsenen völlig offline.

Im Rahmen ihrer Forschungsarbeit haben neun Studierende der TU Dortmund 30 Digitalisierungsprojekte untersucht, die in den vergangenen zwei Jahren von Wohlfahrtsverbänden, also Arbeiterwohlfahrt, Caritasverband, Diakonie, Deutsches Rotes Kreuz, Der Paritätische und die Jüdische Kultusgemeinde,umgesetzt wurden.

Die von der Stiftung Wohlfahrtspflege NRW mit insgesamt 2,2 Millionen Euro geförderten Projekte hatten das Ziel, Menschen jedes Alters, mit und ohne Beeinträchtigungen, mit und ohne Migrationshintergrund, vertraut zu machen mit dem Umgang mit digitalen Medien, sie bei Bedarf mit Geräten auszustatten und Beratungs- und Austauschforen in digitaler Form zu schaffen.

Beispiele sind digitale Selbsthilfegruppen, eine Beschwerde-App, Online-Beratungszeiten oder die Bereitstellung von und die Schulung zur Nutzung von Tabletcomputern für Menschen mit einer psychischen Beeinträchtigung.

In Dortmund sind rund neun Prozent der Erwachsenen völlig offline

Während sich die Forschungsergebnisse auf allgemeine Handlungsempfehlungen beschränkten, wurden die Erfahrungen der Einrichtungen mit den Projekten weitaus greifbarer: Alle Träger trafen hier auf große Nachfrage. Schließlich, und auch das war Ausgangslage der Forschung, leben allein in Dortmund immerhin rund neun Prozent der Erwachsenen völlig offline. Sie nutzen keinerlei Geräte oder digitale Dienstleistungen rund ums Internet.

Dr. Bastian Pelka, Wissenschaftler der Sozialforschungsstelle (SFS) in Eving, einer zentralen wissenschaftlichen Einrichtung der TU Dortmund, beschäftigt sich intensiv mit „Digitaler Teilhabe“. 
Dr. Bastian Pelka von der Sozialforschungsstelle in Eving beschäftigt sich intensiv mit „Digitaler Teilhabe“. Foto: Alexander Völkel für Nordstadtblogger.de

Zu ihnen gesellen sich zusätzliche sechs Prozent der Stadtgesellschaft, so genannte „Minimal-Onliner*innen“. „Das sind Menschen, die zwar ein Smartphone oder ein Tablet besitzen, aber keinerlei Wissen über die Funktionen abseits des Telefonierens oder Nachrichtenschreibens haben“, erklärte Prof. Dr. Pelka, der die Forschungsgruppe anleitete.

Diese beiden Gruppen der digital Abgehängten beziffert der jährlich aktualisierte Digitalindex mit ca. 88.200 Bürgerinnen und Bürgern allein in Dortmund. Die meisten seien älter und verfügten über eine eher niedrige Bildung, nicht wenige nutzen Unterstützungsangebote der Wohlfahrtsverbände.

 „Dortmund wird einfacher“: Zugänge durch digitale Angebote vereinfachen

„Hier verstehen wir uns als Anwalt für sozial Benachteiligte. Armut und mangelnde digitale Teilhabe hängen zusammen“, betonte Diakonie-Geschäftsführer Niels Back bei der Vorstellung der Untersuchung und ergänzte: „Natürlich müssen öffentliche Dienstleistungen auch immer analog möglich sein, doch gibt es so viele Möglichkeiten, Menschen besser zu vernetzten. Etwa durch die Stärkung einer digitalen Nachbarschaft. Schließlich ist Vereinsamung eines der ganz wichtigen sozialen Themen unserer Gesellschaft und damit auch unserer Arbeit.“

Via Handy und Computer kann man online Termine bei den Bürgerdiensten buchen und auch wieder absagen.
Via Handy und Computer kann man online Termine bei den Bürgerdiensten buchen und auch wieder absagen. Foto: Alexander Völkel für nordstadtblogger.de

Birgit Zoerner, Dezernentin für Arbeit, Gesundheit und Soziales der Stadt Dortmund, bilanzierte nach der Präsentation, dass Perspektiven und Empfehlungen der Forschung mit den Diskussionen in der städtischen Kommission „Soziale Stadt“ in Einklang seien: „Dort haben wir das Thema unter drei Überschriften aufgegriffen: Digitale Vernetzung von Nachbarschaften, Technische Unterstützung von Menschen ohne Zugang und digitale Bereitstellung von Service und Angeboten rund um Beteiligung, Freizeit und Aktivitäten in unserer Stadt.“

Ziel sei es, unter dem Motto „Dortmund wird einfacher“, Hürden in der Verwaltung abzubauen und Zugänge durch digitale Angebote zu vereinfachen. Dezernentin und Wohlfahrtsverbände verloren allerdings nicht aus dem Blick, was schon auf den Weg gebracht wurde. „Die Dinge, die schon da sind, müssen sich ebenfalls weiterentwickeln, auf die vorhandenen Erkenntnisse sollten wir aufsetzen und sie in der weiteren Arbeit gemeinsam nach vorne bringen“, sagte Birgit Zoerner mit Blick auf die untersuchten Projekte und die vielfältigen digitalen Angebote der Verbände, die in der Pandemiezeit entstanden sind.

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Reaktionen

  1. Heiko Holtgrave

    Bleib einfach häufiger mal offline!

    Wenn der Bericht der Nordstadtblogger zutrifft, sind die AutorInnen der Forschungsstudie auf einem Auge blind:
    Es gibt nicht nur die 9 Prozent, die komplett offline sind, weil sie keinen Zugang haben, und die weiteren 6 Prozent an „Minimal-OnlinerInnen“, die – angeblich – nicht wissen, was ihr Gerät alles so hergibt. Es gibt auch noch – und ich zähle mich dazu – diejenigen, die keinen Bock auf die fortschreitende digitale Durchdringung von immer mehr Lebensbereichen haben. Und deshalb, sofern vorhanden, ihren online-Zugang nur für wirklich Notwendiges oder Dringendes verwenden.

    Für eine solche Zurückhaltung gibt es / kann es mehrere Gründe geben:

    1. Die Digitalisierung ist häufig ein Einfallstor für Rationalisierungen im Personal-Bereich. Statt persönlichem Kundenkontakt von Angesicht zu Angesicht werden die Wünsche maschinell abgefragt. Und statt Printprodukten, die man in Ruhe studieren könnte, nur noch Verweise auf irgendwelche Webseiten. Im Klartext: Hier geht richtig Service-Qualität verloren.
    Ein Beispiel, für sich genommen scheinbar unbedeutend und trotzdem lästig, ist die Einstellung von gedruckten Fahrplänen im ÖPNV. Oder: Bei immer mehr Produkten wird, aus Kostengründen, bei Fragen zur richtigen Anwendung, zu Rückgabe- und Garantiebedingungen auf irgendwelche Internetseiten verwiesen. Wer davon unbeirrt zu einem menschlichen/persönlichen Ansprechpartner über eine der berühmten „Service-Nummern“ durchdringen will, braucht Zeit – und Nerven (von den Telefongebühren mal ganz abgesehen). Wieso sich so was noch Kundenservice nennen darf, bleibt das Geheimnis der Verantwortlichen.

    2. Ich möchte nicht überall digitale Spuren hinterlassen. Nicht, weil ich Verbotenes tue. Oder auch nur denke. Nein: Weil ich dem angeblichen Segen dieser Technik nicht ganz traue.
    Wie bekannt wurde, hörten die Entwickler von Alexa ungefragt mit. Angeblich zur Produkt­verbesserung.
    Die Deutsche Bahn führt zu jedem „Komfort-Kunden“ und zu jeder „Komfort-Kundin – ungefragt – ein digitales Kundenkonto, in dem die gebuchten Reisen der letzten 12 Monate dokumentiert werden. Das sei eine Notwendigkeit, um den Punktstand des Kunden nachzuhalten. Wer sich für meine Reisetätigkeit interessiert, und genügend kriminelle Energie aufbringt, sich in mein Konto einzuhacken, bekommt hier ein wunderbares Reiseprofil geliefert. Ganz ähnliche Dateien entstehen, unbemerkt, im Zusammenhang mit Kauf und Abrechnung von sog. eTickets – etwa den eezy-Tickets in den NRW-Verkehrsverbünden. Es ist aus meiner Sicht bedauerlich und unverantwortlich, dass die öffentlichen Verkehrsunternehmen dieser Datensammelei im Hintergrund Vorschub leisten. Besonders problematisch wird’s, wenn private Inkassounternehmen damit beauftragt werden, die Abrechnung und den Einzug der Gelder für die verkauften Fahrscheine zu übernehmen (wie beim VRR der Fall). Meine Daten wandern automatisch mit!
    Wenn Tickets nur noch in digitaler Form aufgelegt werden, wie etwa beim eezy-Ticket, den FlexTickets beim VRR oder auch dem geplanten bundesweiten 49-Euro-Ticket, gibt es für den einzelnen Kunden letztendlich kein Entkommen mehr. Der einzige Ausweg: Sie/er verzichtet auf das „Produkt“…
    „Natürlich müssen öffentliche Dienstleistungen auch immer analog möglich sein”, sagt Niels Back von der Diakonie. Das ist zwar sehr schön gesagt, wird von der Wirklichkeit aber immer mehr eingeholt.

    Wer die jüngsten Berichte auf den NachDenkSeiten, basierend auf einem durchgestochenen internen Dokument der Bundesregierung, über die geballten, und übergriffigen Anstrengungen von Bundesministerien gelesen hat, die öffentliche Meinungsbildung in puncto Ukraine-Krise (ihren Verlauf, ihre Vorgeschichte, Motive der verschiedenen Seiten) in Deutschland zu beeinflussen, der bekommt eine Ahnung davon, was heutzutage schon alles möglich ist.1 Webseiten, Internet-Foren und Social Media – keines dieser digitalen Mittel ist ihrer Aufmerksamkeit und ihrer Einflussnahme verwehrt. Und es ist eben sehr viel einfacher, Digitales zu überwachen, als etwa Printprodukte und mündliche Kommunikation. ( siehe dazu https://www.nachdenkseiten.de/?p=88618 und https://www.nachdenkseiten.de/?p=88771; auch: https://www.nachdenkseiten.de/?p=89213)

    Unbestritten: Es gibt einen Zusammenhang zwischen Armut und digitaler Teilhabe. Und es gibt bestimmt noch viel zu viele Menschen, die nicht über das nötige technische Grundwissen, die passenden Geräte oder die Fähigkeiten verfügen, diese auch zu nutzen. Ab es ist eindeutig zu kurz gegriffen , in einer Analyse der Situation nur von den „digital Abgehängten“ zu sprechen.

    Es sollte sehr viel mehr Menschen geben, die der digitalen Durchdringung entgegentreten. Die ihre Daten besser vor möglichem Mißbrauch, durch wen auch immer, schützen. Und das geht tatsächlich am besten analog (neben der Verwendung einschlägiger Schutz-Software selbstverständlich).

    Man muss nicht, auch wenn’s vielleicht bequemer ist, jede Zahlung, jede Buchung und jede Verabredung auf digitalem Wege erledigen. „Analoge“ Wege bieten durchweg ein höheres Schutzniveau. Und, wie gesagt: Vielfach auch besseren Service.
    Um in der Sprache der AutorInnen zu bleiben: Bleib einfach häufiger mal offline! So einfach sollten wir es den Schnüfflern, und den Rationalisierern, nicht machen!

    Heiko Holtgrave

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