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SERIE „Digitale Teilhabe“ (2): Doppelte Benachteiligung für OfflinerInnen – im Internet und im analogen Dortmund

Das Kita-Portal wurde lange herbei gesehnt. Doch es darf nicht der alleinige Zugang zu Kitaplätzen sein.

Das Kita-Portal ist mittlerweile online. Doch es darf nicht der alleinige Zugang zu Kitaplätzen sein. Foto: Alex Völkel

Für zehn bis knapp unter 20 Prozent der DortmunderInnen klappt der Alltag – mehr oder weniger freiwillig – auch ohne Internet. Doch wenn die Welt immer digitaler wird, bekommen diese Menschen immer größere Probleme. Was dies nach Ansicht der Wohlfahrtspflege in Dortmund bedeuten kann, beleuchten wir im zweiten Teil der Serie „Digitale Teilhabe“. 

Doppelte Benachteiligung durch fehlenden Zugang zur digitalen Welt

Die zunehmende Digitalisierung hat längst auch massive Auswirkungen auf die ganz analoge Welt und wird in den Stadtteilen von Dortmund sichtbar: denn wenn immer mehr Käufe und die Abwicklung von Dienstleistungen online passieren, werden analoge Strukturen vor Ort abgebaut. 

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Das Filialnetz von Banken und Sparkassen wird ausgedünnt, außerdem werden immer mehr Geschäfte und Verkaufsstellen geschlossen. Betroffen sein können Ältere, Arme und Obdachlose ohne Zugang zum Internet, Menschen mit Behinderung, die an digitalen Barrieren scheitern, MigrantInnen mit Sprachproblemen oder auch DigitalverweigererInnen.

DRK-Geschäftsführer Frank Ortmann. Foto: Alex Völkel

DRK-Geschäftsführer Frank Ortmann. Foto: Alex Völkel

„Menschen, die nicht online sind, werden so doppelt benachteiligt: Die Möglichkeiten vor Ort werden reduziert, im Gegensatz dazu werden sie von kostengünstigeren Angeboten ausgeschlossen, weil sie online keine vergünstigten Tickets oder Reisen buchen oder günstige Handy-, Gas- oder Stromtarife  abschließen“, betont DRK-Geschäftsführer Frank Ortmann, zur Zeit Vorsitzender der Arbeitsgemeinschaft der Verbände der Freien Wohlfahrtspflege in Dortmund.

„Außerdem werde ich bei der Wohnungs- und Jobsuche als OfflinerIn benachteiligt. Ich finde viele Angebote nicht mehr beziehungsweise erfahre ich (zu) spät davon. Mitunter kann ich mich auf dem klassischen Postweg bei verschiedenen Firmen noch nicht mal mehr bewerben“, so Ortmann.

Auch das digitale Rathaus wie auch andere Verwaltungsstellen können zwar durch Digitalisierung verbesserte Dienstleistungen bieten. „Doch wer Menschen braucht, wird online benachteiligt“, macht Sozialforscher Pelka deutlich (mehr dazu im Teil 1 unserer Serie). Denn zumindest bisher sind die entsprechenden Hilfestellungen online noch massiv ausbaufähig. Daher warnt er davor, bestimmte Dienstleistungen perspektivisch nur noch digital anzubieten – es brauche immer auch Offline-Angebote. 

Seniorenbüros leisten Hilfestellung bei digitalen Antrags- und Auskunftsverfahren

Das Thema Digitalisierung schlug bei den Seniorenbüros wegen der Steuer-ID für SeniorInnen auf.

Das Thema Digitalisierung schlug bei den Seniorenbüros wegen der Steuer-ID für SeniorInnen auf.

Was abstrakt klingt, hat die PraktikerInnen der Wohlfahrtspflege im Arbeitsalltag schon erreicht: Während der Sprechstunden in den Seniorenbüros, die die Stadt und die Sozialverbände gemeinsam in allen Stadtbezirken betreiben, fragen immer mehr Frauen und Männer, wie sie denn an ihre Steueridentifikationsnummer (Steuer ID) kommen. 

Sie haben die Mitteilung mit dieser Nummer verlegt oder weggeworfen, weil sie als RentnerInnen keine Steuer zahlen mussten. Häufig brauchen sie die Nummer nun für die Bewertung oder erneute Bewertung des Grades ihrer Behinderung und wissen nicht, wo sie die herbekommen.

Die MitarbeiterInnen der Seniorenbüros wissen es mittlerweile schon: Das Bundeszentralamt für Steuer vergibt die Steuer-ID. Doch dessen Telefonnummer und Adresse stehen nicht im analogen Telefonbuch. Somit nutzen die FragestellerInnen das Seniorenbüro als Internetcafé mit Service. Die Anträge auf erneute Übermittlung der Nummer können online gestellt werden oder auf Papier.

Digitale Teilhabe als Querschnittsaufgabe für die gesamte Gesellschaft und Verwaltung

Renate Lanwert-Kuhn vom KAB-Diözesanverband Paderborn. Foto: Claus Stille

Renate Lanwert-Kuhn und Andreas Gora sehen die Digitale Teilhabe als Querschnittsaufgabe. Foto: Claus Stille

„Durch die vielen Anfragen sind wir erst darauf aufmerksam geworden, dass wir Gruppen abhängen“, sagt Renate Lanwert-Kuhn vom Paritätischen Wohlfahrtsverband. „Als Stadtgesellschaft müssen wir dies im Blick haben. Denn viele Fördermechanismen gelten nur für wesentlich kleinere Gruppen als die der SeniorInnen, die sich mitunter noch Gehör verschaffen können.“ 

Die Arbeitsgemeinschaft der Wohlfahrtspflege hat daher in dieser Sache ein Gespräch mit Sozialdezernentin Birgit Zoerner geführt. Doch digitale Teilhabe ist ein Querschnittsthema – von der Sozialverwaltung und Gesundheit über Schule, Jugend- und Familie bis hin zu den Bürgerdiensten und dem Dortmunder Systemhaus DoSys, welches für die digitale Infrastruktur und die städtische Homepage zuständig ist. Eine zunehmende Digitalisierung wird zurecht gefordert, weil dies zu einer bürgerfreundlichen und serviceorientierten Verwaltung dazu gehört – zum Beispiel die Online-Terminvergabe für die Bürgerdienste.

„Doch wenn rund ein Sechstel der Bevölkerung nicht daran teilnehmen kann oder aus Sicherheitserwägungen nicht teilnehmen will, braucht es auch Offline-Möglichkeiten“, fordert Frank Ortmann. Die Wohlfahrtsverbände sind bereit, an der Problemlösung mitzuarbeiten und auch entsprechende Angebote und Anlaufstellen zur digitalen Teilhabe zu schaffen. „Aber das braucht Personal und Ressourcen“.

Bleibt das „analoge“ Rathaus trotz der zunehmenden Digitalisierung erhalten?

Christoph Gehrmann (Caritas)

Christoph Gehrmann (Caritas)

Die Ausgestaltung des digitalen Rathauses treibt die Freie Wohlfahrtspflege ebenfalls um – vor allem unter dem Aspekt, dass dabei das analoge Rathaus erhalten bleiben müsse, weil sonst Menschen abgehängt würden. „Wir brauchen Anlaufstellen wie im Seniorenbüro. Wir geben da Hilfestellungen für Menschen, die nicht digital aufgestellt sind“, so Lanwert-Kuhn, die beruflich auch im Seniorenbüro Innenstadt-Nord arbeitet. 

Auch AWO-Geschäftsführer Andreas Gora warnt davor, dass immer mehr Menschen bei der Digitalisierung abgehängt werden – weil ihnen intellektuell oder finanziell die Möglichkeit zur Teilhabe fehlt. Oder eben lebensältere Menschen, weil ihnen die entsprechende Sozialisierung fehlt. „Sie scheitern häufig schon am Fahrkartenautomaten. Die Daseinsfürsorge des Staates muss heißen, dass ich niemanden zurücklasse oder neue Selektionsschranken schaffe“, fordert Gora. „Ich muss einen neuen Ausweis, mein Geld oder eine Beratung auch noch face-to-face bekommen können.“

Wenn bis zu zehn Prozent der Menschen in Dortmund nicht online sein können oder wollen, müsse man dem auch Rechnung tragen: „Wir als Wohlfahrtsverbände müssen auch Anwalt für diese Menschen sein und müssen sie mitnehmen“, macht Christoph Gehrmann, Abteilungsleiter Jugendhilfe und Soziale Dienste beim Caritasverband Dortmund e.V. deutlich. 

Neues Kita-Portal regelt online die Vergabe von Plätzen in Tageseinrichtungen

Die Suche nach dem Kita-Platz ist für viele Familien alles andere als ein Kinderspiel. Archivbild: Alex Völkel

Dies bedeute einen Spagat: „Wir müssen uns selbst digital gut aufstellen, damit wir im Konzert der oft kommerziellen Angebote mit unseren niederschwelligen und kostenlosen Angeboten nicht untergehen. Aber wir müssen auch die mitnehmen, die die Angebote so nicht wahrnehmen können“, so Gehrmann.

Das gelte natürlich auch für die Vergabe von Kitaplätzen in Dortmund. Mittlerweile ist das – lange von vielen Seiten geforderte  – Kita-Portal zur Vergabe von Plätzen in Kindertagesstätten online. Statt persönlich zu einem Dutzend Einrichtungen zu gehen und sich auf die Warteliste setzen zu lassen, kann dies jetzt zentral und online erledigt werden. Ein guter Schritt und eine Vereinfachung – zumindest für die meisten Eltern, die einen Zugang zur digitalen Welt haben.

„Denn um mich online anzumelden, brauche ich eine Mailadresse. Die hat nicht jeder. Wir als Wohlfahrtsverbände sind zwar auch Träger von solchen Einrichtungen. Aber wir müssen auch Anwalt von Abgehängten und Bedürftigen sein“, so der Caritas-Vertreter. Im konkreten Fall ist das allerdings (noch) nicht nötig: Eltern können auf der Suche nach einem Kita-Platz auch weiterhin über die Koordinierungsstelle des Jugendamtes nachfragen oder sich direkt in den Kitas melden. 

Digitalisierung als Aufgabe für lebenslanges Lernen und Räume für Digitale Bildung

Das Smartphone hält in vielen Lebensbereichen Einzug – selbst beim Parken.

Die Wohlfahrtspflege drängt darauf, die Interessen der benachteiligten beziehungsweise unterschiedlichen Zielgruppen stärker als bisher bei allen Planungen zu berücksichtigen. 

„Ich bedauere, dass beim Masterplan Digitale Bildung ein zu starker Fokus auf Kinder und Jugendarbeit gelegt wurde“, verdeutlicht Heike Lanwert-Kuhn. „Die Gesellschaftsgruppen Erwachsene und SeniorInnen kommen darin nicht vor. Doch diese gilt es, auch mit einzubeziehen“, so die Mitarbeiterin des Paritätischen. 

Ein Ziel müsse es sein, die Organisation des Zugangs zur digitalen Teilhabe zu berücksichtigen und finanziell zu unterstützen. So brauche es Räumlichkeiten für digitale Teilhabe sowie niederschwellige Schulungen von Erwachsenen und SeniorInnen. Das könnten auch lebenspraktische und alltagstaugliche Tablet- und Handytrainings sein. 

Damit rennt sie bei Sozialforscher Dr. Bastian Pelka offene Türen ein. Auch er plädiert dafür, dezentrale soziale Lernorte zu schaffen oder auszubauen. „Stadtteilbibliotheken, Nachbarschafts- und Seniorentreffs sowie Stadtteilzentren können entsprechende Orte sein, wo bislang digital exkludierte Menschen niederschwellig Zugänge und Hilfestellungen bekommen könnten“, so Pelka. 

Auch bei der Digitalisierung stehen die Obdachlosen im gesellschaftlichen Abseits

Eine Zielgruppe, die bei der digitalen Welt (und vielen anderen Angeboten) außen vor bleibt, sind Obdachlose. „Wir hatten vor einigen Jahren mal das Angebot, in unseren Räumen W-LAN anzubieten, haben uns aber dagegen entschieden, weil unsere Gäste in der Regel über keine Geräte verfügen“, berichtet Bernd Büscher.

Armut in Dortmund

Armut und Obdachlosigkeit sind gesellschaftliche Wirklichkeit in Dortmund. Foto: Klaus Hartmann

„Wir wissen aus Erzählungen, dass einzelne unserer Gäste kostenlosen oder billigen Zugang zu Endgeräten z.B. in der Bibliothek nutzen. Also wäre hier ein Verbesserungsbedarf. Es bräuchte mehr öffentliche Internetzugänge, mit Endgeräten“, so Büscher.

Das Thema wird auch bei der Ökumenischen Wohnungslosen-Initiative e.V. „Gast-Haus statt Bank“ diskutiert: „Wir stellen unseren Gästen kostenfreies W-LAN zur Verfügung, so dass diejenigen, die ein Smartphone besitzen, wenigstens dieses nutzen können“, berichtet Katrin Lauterborn.

In der alltäglichen Arbeit mit Obdachlosen wird deutlich, dass es ohne klassische analoge Zugänge zum Hilfe- und Beratungssystem nicht geht und auch perspektivisch nicht gehen wird: „Bei den Bürgerdiensten ist eins Fakt: Unsere Gäste sind nicht in der Lage, an der Online-Terminvergabe teilzunehmen“, so Lauterborn.

+++ Wie die Digitalstrategie der Stadt Dortmund aussieht sowie ob und wie weit die Digitalisierung analoge Angebote ablöst, thematisieren wir im dritten Teil der Serie. +++


THEMENÜBERSICHT: Das sind die nächsten Teile der Serie „Digitale Teilhabe“:

Teil 1: Das sagt der Sozialforscher zum Thema „Digitale Teilhabe“

Teil 2: Die Sorgen und Forderungen der Wohlfahrtsverbände

Teil 3: Das ist die Digitalstrategie der Stadt Dortmund

Teil 4: Digitalisierung und Behinderung – das sind die Denkanstöße des Behindertenpolitischen Netzwerks

(Weitere Teile sind in Planung)

 

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Ein Gedanke zu “SERIE „Digitale Teilhabe“ (2): Doppelte Benachteiligung für OfflinerInnen – im Internet und im analogen Dortmund

  1. Birgit

    Da fällt mir ein, bei der Berechnung von Hartz 4/Sozialhilfe/Grundsicherung ist nie ein Computer, keine Programme, kein Virenschutz etc dabei… vom Mund absparen? Im Internet die Sachen sehen, die ich mir dann sowieso nie leisten kann? Wenn ich dann im Alter „Grundsicherung“ habe? Also Internetcafés für arme Alte und analoge Tauschbörsen/second hand… Meine Güte, das wird lustig.

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