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Medien in Europa: Die TU Dortmund legt Vergleichsstudie zu Berichterstattung über Migration und Flucht vor

Am Sonntag werden in Dortmund drei Flüchtlingszüge erwartet. Der erste Zug brachte 800 Menschen, die im DKH versorgt und dann landesweit verteilt wurden.

Ankommende Züge mit Geflüchteten aus Ungarn, die 2015 in Dortmund ankamen. Foto: Alex Völkel

Wie berichten Medien in West- und Osteuropa über Migration und Flucht? Eine Analyse in 17 Ländern findet blinde Flecken, nationale Alleingänge – und Meinungsvielfalt. Das ist das Ergebnis einer von der Otto Brenner Stiftung geförderten Studie des European Journalism Observatory an der TU Dortmund. Es untersucht erstmals für eine Vielzahl von Ländern in unterschiedlichen Regionen Europas, welche Rolle die Medien in der Migrationsdebatte spielen. Fazit der Analyse: Quantität und Qualität der Berichterstattung klaffen weit auseinander.

Außer in Ungarn wird in keinem anderen EU-Land so intensiv berichtet wie in Deutschland

Aus deutscher Sicht besonders interessant: Die Perspektive der deutschen Medien unterscheidet sich fundamental von der der anderen Medien in Europa. Nach den Daten des UN-Flüchtlingshilfswerks UNHCR ist Deutschland heute eines der fünf weltweit wichtigsten Aufnahmeländer – neben Uganda, Pakistan, der Türkei und dem Sudan.

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Diese Ausnahmesituation spiegelt sich auch medial wider: Mit Ausnahme eines weiteren Sonderfalls – Ungarn – wird in keinem anderen Land in der EU so intensiv über Migration und Flucht berichtet wie in Deutschland. In den sechs ausgewählten Untersuchungswochen zwischen März 2015 und August 2018  veröffentlichten die beiden untersuchten deutschen Medien – die Süddeutsche Zeitung und die Frankfurter Allgemeine Zeitung – zusammen mehr als 1.000 Beiträge.

Zum Vergleich: Vor allem in vielen osteuropäischen Ländern wurden im gleichen Zeitraum weniger (oder kaum mehr) als 100 Artikel veröffentlicht. Die Ausnahme ist Ungarn, dessen Ministerpräsident Viktor Orbán sich in der Kontroverse um den Umgang mit Flüchtlingen als Gegenspieler von Angela Merkel profiliert hat – die ungarischen Medien publizierten sogar über 1.500 Artikel zum Thema Migration und Flucht.

Angela Merkel tritt häufiger als zentrale Akteurin in Erscheinung als jeder andere Politiker

Die Flüchtlinge sind in Dortmund angekommen

OB Ullrich Sierau und der damalige NRW-Innenminister Ralf Jäger begrüßten 2015 ankommende Flüchtlinge am Hauptbahnhof in Dortmund. Foto: Klaus Hartmann

Die Sonderrolle Deutschlands zeigt sich auch im Ländervergleich: Keine andere Regierung ist international so präsent in der Berichterstattung wie die deutsche, Angela Merkel tritt häufiger als zentrale Akteurin in Erscheinung als jeder andere Politiker.

Die Studie zeigt auf, wie unterschiedlich innerhalb Europas berichtet wird. Für Deutschland – ebenso wie für Italien und Griechenland – verlaufen Migration und Flucht ins eigene Land, und viele Berichte spielen auch im eigenen Land.

Im Gegensatz dazu sind dies in den anderen EU-Staaten Auslandsthemen: Es geht um Ereignisse fernab von zu Hause, jenseits der eigenen Grenzen. Die französischen, britischen und ungarischen Medien betonen immerhin die internationale Verhandlungsebene in ihren Berichten.

Unterschiedliche Migrantengruppen spielen eine unterschiedlich große Rolle

Teils geht es sogar um unterschiedliche Gruppen von Migrantinnen und Migranten: In Italien stehen Gruppen aus Afrika im Vordergrund, in Frankreich nehmen sie gleich viel Raum ein wie Flüchtlinge und Migrantinnen sowie Migranten aus dem Mittleren Osten.

Das

Das „Café Plovdiv“ war ein Sinnbild der Zuwanderung. Nach dessen Schließung zog hier ein Hilfsprojekt ein.

Zuwandererinnen und Zuwanderer aus dem Mittleren Osten stehen im Fokus der Medien aus den meisten anderen europäischen Ländern – sie spielen in der italienischen La Stampain in keinem einzigen Artikel eine Rolle.

Für die Medien in Russland wie auch in Polen, Weißrussland und Ukraine waren zudem – von den „westlichen“ Medien im Untersuchungszeitraum wenig beachtet – Migration und Flucht aus der Ukraine ein relevantes Thema. Seit 2014 sind von dort, Schätzungen internationaler Organisationen zufolge, mehr als zwei Millionen Menschen vor den bewaffneten Konflikten geflohen.

Auch die Akzente der Berichterstattung unterscheiden sich maßgeblich. Probleme mit Migrantinnen und Migranten und Flüchtlingen sowie Proteste stehen in den osteuropäischen Medien mehr als doppelt so häufig im Blickpunkt wie in den westeuropäischen. Berichte über die Situation dieser Menschen sowie über Hilfsbemühungen finden dagegen etwas häufiger den Weg in die Medien Westeuropas. Hier hat Deutschland erneut eine Sonderrolle: In keinem anderen Untersuchungsland wird so intensiv über das Thema „Unterstützung für Migranten und Flüchtlinge“ berichtet.

Hier gibt es mehr Informationen zur Studie als PDF zum Download: otto-brenner-stiftung.de/…/Kurzfassung.pdf

 

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 Hintergrund:

  • Das European Journalism Observatory (EJO), das die Studie durchgeführt hat,  ist ein Netzwerk von 15 Journalismus-Instituten an Universitäten in Europa und wurde für seine Arbeit 2019 mit dem Günther-Wallraff-Preis für Journalismus-Kritik ausgezeichnet.
  • Es ist am Erich-Brost-Institut für internationalen Journalismus der TU Dortmund angesiedelt. In die EJO-Analyse sind rund 2500 Artikel aus sechs exemplarischen Untersuchungswochen zwischen August 2015 und März 2018 eingegangen.
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