Nordstadtblogger

Mediale Botschaft aus dem Nirgendwo: Hamlet im Exil – aus einem kleinen Dortmunder Vorort-Keller in die Öffentlichkeit

Hamlet, Sprechverbote, ein Grund zu gehen. Fotos: Thomas Engel

Theater der besonderen Art: ohne Zuschauer, aber mit Community. ImmigrantInnen organisieren sich selbst, weil sie unter anderem um Hamlet als ihre Schicksalsfigur wissen. Zu sehen im Nirgendwo. Infos und erste Impressionen.

Durch das Auge Hamlets: Flüchtlinge blicken auf ihre Brüder und Schwestern

(v.l.:) Salma Parra, Ismael Monagas, Cynthia Scholz, Rodolfo Parra

Im Zuschauerraum ist Platz für ungefähr fünf bis sechs Personen, ein Keller in einer Dortmunder Wohnsiedlung. Alles ganz normal: Licht an, Treppe runter, dunkel und eng, so der Weg dorthin. – Hier findet Theater statt: Hamlet, im Nirgendwo. Nicht, weil der Ort geheim bleiben muss, sondern wegen des etwas begrenzten Fassungsvermögens des Kellers.

Das Ensemble besteht aus zwei SchauspielerInnen und zwei jungen AssistentInnen, die sich während der Vorführung um die Technik kümmern. VenezolanerInnen, die nicht in ihre Heimat zurückkehren wollen und können. Ins Exil getrieben, wie einst Hamlet, mit dem sie sich identifizieren.

Was ihm geschah, darin sieht sich diese Familie aus Venezuela, irgendwie zusammengewürfelt, in einem Dortmunder Vorort. „Ojo de Hamlet“, heißt das Stück, das im Keller aufgeführt wird: Hamlet’s Auge, ist ihr Auge, das Auge aller, die erzwungen ins kalte Wasser springen mussten, weil Flucht die einzige Chance war, um zu überleben oder ihre Würde zu bewahren.

Aus der venezolanischen Mehrheitsgesellschaft in eine Dortmunder Vorortsiedlung

Aber was macht Flucht mit den Menschen? Es ist der Sprung in eine fremde Kultur. Die Sprache, das Wetter, die Deutschen, die so anders sind. Schauen immer geradeaus, wenn nicht gleich nach unten weg, lächeln nicht. Unnahbar häufig, ganz anders, fremd, so viele.

Cynthia Scholz (in Personalunion: Ophelia, Beamtin, Reporterin) war Schauspielerin, Regisseurin und Dozentin in Caracas, ihr Vater Deutscher, ausgewandert nach Venezuela vor dem Zweiten Weltkrieg. Chino Monagas (Hamlet), Schauspieler, Musiker, technischer Direktor an verschiedenen Bühnen in seinem Heimatland.

Jetzt sitzen beide, um Theater machen zu können, in einem Dortmunder Keller. Lassen sich nicht unterkriegen, haben Ideen. Etwa, Hamlet, dessen Schicksal sie in de Diaspora teilen, weiterzuleiten – ins Netz.

Zu sehen per Live-Übertragung am heutigen Samstag (11. August 2018) um 19 Uhr bei Facebook sowie beim „Public Viewing“ auf Großleinwand im Cafe 103 in der Oesterholzstraße (mit selbiger Hausnummer) in der Nordstadt.

Sind die Augen Hamlets – mit seinen Privilegien – die aller Flüchtlinge?

Nach nicht einmal drei Jahren in diesem Land, entschuldigen sie sich fast, weil sie noch nicht perfekt sind. „Wir lernen gerade Deutsch!“ – Und, wie so oft: Sie sprechen ein Deutsch, da versänke so manche/r hierzulande in Schutt und Asche, müsste er/sie in dieser Zeit südamerikanisches Spanisch lernen.

Was hakt: Hamlet war privilegiert, ein Adeliger, getrieben von Rache oder Gerechtigkeitssinn, egal. Seine Rückkehr hätte niemals im Mittelmeer durch’s Ersaufen enden können. Sein Werk, egal welches, wann, wo und wie, konnte er nach sicherer Überfahrt, egal wohin, in Angriff nehmen.

Seine Gefühle der Verlassenheit im Exil sind von vorneherein die eines Menschen, der dort überhaupt ankommen konnte, weil er als Privilegierter Macht hatte, damit Räume, sich zu beschweren, und ein Publikum, das zuhört.

Der einen Angst und Ungewissheit, ist der anderen Pflichterfüllung

Aber: Menschen müssen, so oder so, ihr Land verlassen, das ist zeitlos. So der Hamletmacher von Heiner Müller, an dem sie sich orientieren. Die Räume in seinem Text sind ubiquitär, sie liefern keine Bezüge der Inhalte zu einer besonderen geschichtlichen Verortung, denn Geschichte wiederholt sich.

Was so mancher Geschichtswissenschaftler und andere bezweifeln mögen, aber was soll´s – eins ist klar, ob sich Geschichte wiederholt oder nicht: Elend, Flucht, Vertreibung, Krieg wiederholen sich formgleich oder -ungleich. Sie erscheinen als Grundbestand menschlicher Geschichte.

Darin erhalten bleiben: Tränen, die niemand haben muss. Und sie schmecken alle gleich, die aller Mütter, Väter, Kinder; egal, woher sie kommen, egal, wohin sie getrieben werden.

Das Geworfen-Sein, wo ich nicht hin wollte; aber Kultur überlebt. Auch als Darstellung der ewigen Wiederkehr des Gleichen. Konkret, das Schicksal, die Angstsituation Flüchtender, beispielsweise an einem Flughafen ohne Ausweis, den strengen Blicken einer Pflichterfüllerin, genannt Beamtin, ausgesetzt zu sein, gleichzeitig der Ungewissheit ins Auge schauend. – Ihr ist Dein Zittern egal.

Die Botschaft: Am Ende ist entweder das Ende oder ein neuer Anfang

Die Augen der Vertriebenen, ihr Schicksal, ihr Leid und ihre Hoffnungen sammeln sich vor einer Community, die achtsam ist. Weiß, dass es allen widerfahren kann. Ob sie hinschauen oder nicht.

Freie Übersetzung von El Bigote de Dali Teatro, Auszug:

„Sein oder nicht sein. Das ist hier die Frage. Was ist die bessere Wahl […] Frei des wütenden Schicksals Übel zu erdulden, oder in einem Meer von Elend zu ertrinken. Sterben, schlafen, nie wieder aufzuwachen, damit alles vorbei ist, wie in einem Traum für immer die Schmerzen des Herzens zu begraben. – Wer wundert sich nicht, in der Nacht sehnend, sterben, schlafen, einschlafen, vielleicht […].“

Weitere Informationen:

  • Autor: Jorge Cogollo
  • Version: El Bigote de Dalí
  • Übersetzung: Carolina Gomez Musaku und Beate Conze
  • 3D- Video und Animation: Chino Monagas
  • Design: Salma Parra
  • Bühnenbeleuchtung: Rodolfo Parra
  • Rollenbesetzung: Hamlet: Chino Monagas; Ophelia/Beamtin/Reporterin: Cynthia Scholz
  • Produktion: El Bigote de Dalí
  • Regisseurin: Cynthia Scholz
  • Live-Übertragung auf FB, hier:
  • Samstag, 11. August, 19 Uhr (Premiere, zu sehen ebenfalls auf großer Leinwand im Chancen-Café 103, Oesterholzstr. 103, 44145 Dortmund); Sonntag, 12. August, 19 Uhr (FB und im Chancen-Café 103).
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