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Kunstwerke – quasi – zum Mitnehmen und überraschend neue Kugelformen: Ausstellung „Entfaltung“ im Baukunstarchiv

 

Sebastian Wien und Peter Dahmen in der Ausstellung „Entfaltung“. Fotos: Angelika Steger

Von Angelika Steger

Schon wenn man das Gebäude am Ostwall 7 betritt, wird man mit der Geschichte dieses Hauses konfrontiert. An den Treppenstufen sind seine ehemaligen Funktionen vermerkt: Königliches Oberbergamt, dann Kunst- und Gewerbemuseum im Kaiserreich, danach lange Zeit das „Museum am Ostwall.“ Als dieses Museum  in das Dortmunder U umgezogen war, sollte das Haus erst abgerissen und auf dem Grundstück Wohnungen gebaut werden. Nach Protesten und Unterschriftenaktionen blieb das Gebäude jedoch bestehen und seit 2018 hat das Baukunstarchiv dort seinen Sitz. Zwar ist es kein Museum mehr, übernimmt aber museale Aufgaben: die Nachlässe bedeutsamer ArchitektInnen, StadtplanerInnen und IngenieurInnen zu archivieren, wissenschaftlich aufzubereiten und den PlanerInnen von heute zugänglich zu machen. Denn: nur wer die Vergangenheit kenne, könne die Zukunft bauen, heißt es auf der Website des Baukunstarchivs.

Das Baukunstarchiv als Museumsraum: Ausstellungsraum ist der Lichthof

Peter Dahmen mit aufgeklappter Papierskulptur

Der Förderverein „Ostwall 7 bleibt“ sorgt ebenfalls dafür, dass das Gebäude des Museums Ostwall heute noch museal genutzt wird. Die neue Ausstellung „Entfaltung“ von Peter Dahmen und Sebastian Wien wartet mit zwei völlig verschiedenen Materialien auf: Papier und Stahl. Während Peter Dahmen mit Papier arbeitet, stellt Sebastian Wien im Baukunstarchiv Stahlskulpturen auf.

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Vorher hatte Peter Dahmen Pop-Up-Karten für den Museumsladen des MoMa (Museum of Modern Art New York) hergestellt. Die Faszination für diese Kunstart, die man als „Klappkunst“ bezeichnen könnte, ist geblieben. Es geht dem Künstler darum, eine zweidimensionale Idee auf Papier auch in den Raum zu bringen.

„Es kam eine Anfrage aus Seoul, Südkorea, dass ich dort ausstellen sollte. Meine Werke waren alle dreidimensional und sind alles Unikate, deshalb war es schwierig, sie zu versenden. Wie kann man was aus Papier, das auch noch räumlich ist, also nicht faltbar, sicher verpacken und versenden? Da ist mir die Idee gekommen, faltbare Objekte zu bauen.“

Kommunikationsdesigner und Grafiker Peter Dahmen macht weißes Papier lebendig

Freie Assoziation ist bei diesem Werk ohne Titel sogar erwünscht. Ein entfaltetes Gitter-Dreieck

Peter Dahmen ist sichtlich begeistert von seinen Gebilden aus Papier. Denn das ist das Besondere in dieser Ausstellung im Baukunstarchiv: alle Papierwerke sind nicht starr wie die Pläne aus der Modellbauwerkstatt des Studiengangs Architektur an der TU Dortmund, sondern faltbar, also leicht transportierbar.

Der Grafiker nimmt eine Seite des „Bodens“, auf den ein Papierwerk steht, hebt es an und – schwupps, ist das Haus zwischen zwei Papierkartonscheiben verschwunden.

„So kann man es unbeschwert unter den Arm nehmen und mitnehmen“, ergänzt Dahmen. Der Name der Ausstellung, „Entfaltung“, ist hier Programm. Das „Mitnehmen“ bedeutet aber nur, dass sich die Werke gut transportieren lassen, wie jedes Kunstwerk haben die Papierskulpturen ihren Preis.

 

Pop-Ups aus Papier zu bauen war zunächst nicht Hauptaufgabe für Dahmens Berufstätigkeit

Wie ein Fächer: Peter Dahmens Werke wecken Assoziationen.

Als studierter Kommunikationsdesigner (früherer Name des Studiengangs an der FH: Grafik) hat Peter Dahmen nach seinem Studienabschluss nur nebenbei Papiermodelle gebaut.

Im ersten Semester ist Modellbau ein Studieninhalt, der aber nicht zwangsläufig der wichtigste in der späteren Berufsausübung ist. 2009 haben ihn Freunde überredet, seine Werke doch auch Mal öffentlich auszustellen.

Ein Youtube-Kanal und Ausstellungen folgten, Dahmen bekam erste Aufträge für seine Papierskulpturen. Seit vier Jahren nun ist dies seine Hauptaufgabe im Beruf.

Modelle aus Papier zu bauen bedeutet nicht nur, später Gebäude  nach diesem Modell zu errichten

Woher er denn seine Ideen nehme, wenn er doch keine Häuser baue wie ein Architekt, wird der Papier-Künstler gefragt. Peter Dahmen hat nicht nur Häuser als (ent-)faltbares Papiermodell gebaut.

Von jedem Objekt macht er sich eine Skizze und probiert aus, ob es sich so bauen lässt, wie er sich das Werk ausgedacht hat. Sein Gebäude, das an den U-Turm erinnert, sei gar nicht deshalb entstanden, weil er ein Hausmodell bauen wollte.

„Es ging mir um die Bewegung, die man beim Treppensteigen machen. Diese Grundbewegung beim Treppensteigen habe ich dann auf die Spitze getrieben – so ist dieses Haus entstanden“ erklärt der Grafiker.

Keine Skulptur trägt einen Namen oder Titel, ist aber deshalb nicht bedeutungs- oder gesichtslos

Das könnte auch ein Kunstwerk in der Landschaft sein: eine Art Brückengeländer

Auffällig ist, dass keines der Papierskulpturen einen Namen oder Titel hat. Das sei Absicht: die/der BetrachterIn soll eigene Assoziationen entwickeln.

Das macht Spaß und fällt auch nicht schwer, weil viele Formen auch im Alltag vorkommen.Die Begeisterung ist dem Künstler und Grafiker Peter Dahmen anzumerken, während er spricht.

Das handwerkliche Tun, die verrückten Formen, die er entwerfe machen den Reiz seiner Arbeit aus. Namen haben seine Werke dennoch, aber diese werden den BetrachterInnen nicht verraten.

 

Eine Art „Modellbau“ nicht um des Nutzens willen: Kunst muss nur sich selbst dienen

Eine Kugel als Gitter aus Papier mit 400 Klebestellen

Meistens werden Modelle konstruiert, um Häuser zu bauen, auch bei Betrachtung der Papierwerke denkt man sofort an Architektur. Doch hier geht es um Kunst, nicht um den Nutzen, den man von Häuser-Modellen haben kann.

Der Grafiker hat auch schon Modelle von existierenden Gebäuden gebaut. Jetzt ist ihm aber die Kunst wichtig.

Bis zu zwei Wochen dauert die „Konzeptionsphase“ , bis er einen Plan fertig habe. Danach beginnt der eigentliche Bau eines Papier-Werkes.

An der „Gitterkugel“ hat er 400 Klebestellen gehabt, eine Woche lang hat er für ein Werk nur die Teile aus Papier ausgeschnitten. Der Kaufpreis orientiere sich auch am Entwicklungsaufwand: was am schwierigsten zu bauen sei, sei nicht unbedingt das teuerste.

Weißes Papier vor weißem Hintergrund: wirkt das nicht langweilig auf die BesucherInnen?

Warum aber nur die Farbe weiß für die Papierskulpturen? Besonders diese Papiersorte sei strahlend weiß, das wirke abstrakt und technisch. Cremeweiß hätte nicht gepasst.

Wenn die Pop-Ups farbig wären, würden die BetrachterInnen zu sehr abgelenkt von der Farbe. So könne man sich auf die Form und die Bewegung der Skulpturen konzentrieren. Denn dadurch, dass diese Werke auch zusammenklappbar sind, bewegen sie sich.

Spiel mit der Kugelform – vollendet, geteilt und doch wieder zu neuer Form vollendet

Starker Kontrast dazu beim zweiten Künstler, Sebastian Wien, in der Ausstellung „Entfaltung“. Warme Farben sollen seine Werke auszeichnen.

Das dafür gewählte Material Stahl hat Wien mit Säure und Wasser bearbeitet, damit es oxidiert und bräunliche, erdähnliche Farben annimmt.

„Bei mir ist es eher Faltung als Entfaltung“, sagt der Künstler. Auf das Material Stahl für seine Kunst ist er durch seine Arbeit gekommen, wollte das kalt-silber glänzende Material aber warm erscheinen lassen.

Ausgangsform sind Schalen, die sich Wien liefern hat lassen; in einer Skulptur lassen sich diese noch erkennen, als ein aufrecht stehender Kreis.

Symbolik der Kugel und wie Neuzusammensetzung verwirren kann

„Kugel-Blätter“: Assoziation beim Betrachten dieser Stahlskulptur

Manche Werke verwirren dagegen eher beim ersten Anblick: nichts erscheint mehr rund wie eine Kugel und vollendet. „Die Kugel ist die perfekte Form, vollendet. Aber das ist langweilig. Also habe ich die Kugel auseinander genommen und neu zusammengesetzt“ erläutert der Künstler.

Geviertelt, halbiert,  manchmal fleckig oder mit bräunlichen Schattierungen ergibt jedes Kunstwerk eine neue Form und Farbschattierung. Der besondere Pluspunkt: jede Skulptur ist drehbar, was zu neuen, anderen Ansichten und Eindrücken führt.

Die Kugel ist auch das Symbol für das Leben, eine Assoziation mit Pflanzen, einer Entfaltung aus dem Keimling heraus kann man in Wiens Werken sehen. Stahl, an sich ein Element von schwerem Gewicht, wird in der Kugelform zu einem Gegenstand, der die Balance halten kann, schwebend und leicht ist.

Atelier in ehemaliger Zeche: Entdeckung von Stahl als Material für die Erschaffung von Kunst

Aber warum gerade Stahl als Material für die Erschaffung von Kunst? Sebastian Wien hatte sein Atelier in Hattingen, in der Waschkaue der ehemaligen Zeche Henrichshütte.

„Ich war von Stahl umgeben, also musste ich was mit Stahl machen“, erklärt er. Es sei spannend zu beobachten, wie Stahl sich verändere, wenn er der Witterung ausgesetzt sei.

Mit dem Winkelschleifer entstünden auch leichte Ungenauigkeiten, doch genau die seien wichtig. Entwürfe wie bei den Papier-Arbeiten von Peter Dahmen gebe es nicht. Inspiration, das gibt es für den Stahlkünstler Wien ebenfalls nicht.

Alles, was er mache, beruht auf seinen Erfahrungen als Künstler, auf erlebten Geschichten. Wenn es gut läuft, ist das Werk in zwei Tagen fertig, manchmal dauere es aber auch ein halbes Jahr.

Inzwischen könne er von seiner Kunst ganz gut leben, ergänzt der Künstler abschließend. Bemerkenswert, welch neue Formen Wien in der scheinbar so vollendeten Kugelform immer wieder findet.

Weitere Informationen:

  • Ausstellung „Entfaltung“ von Peter Dahmen und Sebastian Wien im Lichthof des Baukunstarchivs NRW, Ostwall 7, Dortmund, vom 28. Februar bis 27. März 2019.
  • Vernissage: Donnerstag, den 28. Februar 2019, um 19 Uhr.
  • Informationen zum Baukunstarchiv, hier:
  • Informationen zum Mitveranstalter der Ausstellung, der Verein „Ostwall 7 bleibt“, hier:

 

 

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