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Du hast keine Chance, also nutze sie! – Gestern Arbeiterkind, heute Professor*in: Wie war das eigentlich möglich?

Als Kind aus einer bildungsarmen Familie werden es bis hierhin – an die TU Dortmund – nur relativ wenig schaffen. Foto: Manfred Vollmer/TU

Professor*innen, die aus einer Arbeiterfamilie stammen: sie gehören aus nachvollziehbaren Gründen zu den vielbeachteten Ausnahmen in der Bundesrepublik. Denn die Rede ist von einem Land, dessen Hierarchien chronisch undurchlässig sind, sorgsam umschleiert vom meritokratischen Mythos, dass Leistung eine Art Erfolgsgarantie darstelle. In dem sich Eliten wie kaum woanders außer mit dem Vermögen durch ihr „kulturelles Kapital“ reproduzieren können: gefördert durch ein Zwei-Klassen-Bildungssystem, das wie wenige in Europa soziale Herkunft knallhart und früh sanktioniert – und somit politisch gewollt Kindern aus bildungsfernen Familien kaum eine Chance lässt, frühe Versäumnisse (rechtzeitig) aufzuholen.

Akademiker*innen aus zehn verschiedenen Disziplinen legen Zeugnis über ihren besonderen Werdegang ab

Doch allen milieubedingten und sonstigen Widrigkeiten wie Wahrscheinlichkeiten zum Trotz sind sie beruflich aufgestiegen, wurden schließlich Lehrende an Hochschulen. Die heutigen Professor*innen erzählen von den Hürden, die sie – das Kind aus einer Arbeiter- oder vielleicht kleinbürgerlich geprägten Familie – überwinden mussten: für ein anderes Leben als das ihrer Eltern. Aber auch von der Unterstützung, die sie im persönlichen Nahfeld vorfanden, der Solidarität, die sie dort erfuhren. ___STEADY_PAYWALL___

Und von Gelegenheiten. Die also offenbar nicht nur Diebe machen können, sondern unter Umständen auch gestandene Profs. Davon zeugt jedenfalls der jetzt im transcript-Verlag erschienene, über 430 Seiten starke Sammelband „Vom Arbeiterkind zur Professur“: 19 Akademiker*innen aus zehn verschiedenen Disziplinen legen darin Zeugnis ab, wie es ihnen auf ihrem Weg in das universitäre Lehramt erging.

Kommentiert und ergänzt mit Beiträgen ausgewiesener Fachleute (wie Aladin El-Mafaalani, Christoph Butterwegge oder Michael Hartmann) zum Streitthema Bildungsgerechtigkeit.

Der Werdegang von sieben Frauen und zwölf Männern – aus Kohorten über vier Jahrzehnte hinweg – auf einen Spitzenplatz der Hochschulwissenschaft ist sicher außergewöhnlich und sehr individuell. Wenn er in einer Lebenswelt beginnt, deren Merkmale alles andere als dafür geeignet scheinen: in einem sozialen Milieu, das eigentlich so ganz anders ist als die akademische Gesellschaft. Mit anderen Regeln, Binnenmoralen, Handlungsgewohnheiten, Einstellungen, Erwartungen, Chancen.

Gegliedertes bundesrepublikanische Schulsystem verfestigt – politisch gewollt – soziale Ungleichheit

Der sog. Bildungstrichter. Anteilig schaffen zehnmal so viele Akademikerkinder einen Uni-Abschluss mit Promotion. Quelle: Hochschul-Bildungs-Report 2020

Die dadurch entstehenden Kräftefelder konterkarieren meritokratische Ideologiebausteine, wonach ich erhalte, was ich verdiene und leiste. Denn was ich in meinem Leben will, welche Art von Beruf ich ergreife, all das wird von früh an in meinen familiären Bezügen und dem weiteren sozialen Umfeld geformt, begünstigt, gefördert.

Oder auch nicht: Wer etwas will, der kann es allein aus diesem Grund nicht einfach, da sind immer auch Mauern. Und was ich leiste, mag gesellschaftlich verkannt sein, weil etwa Hand- und Kopfarbeit unterschiedlich bewertet und die Studierten von nebenan deshalb weitaus großzügiger entlohnt werden.

Chancengleichheit? Es ist hinlänglich belegt, das besonders das bundesrepublikanische Bildungssystem dafür nur sehr ungünstige Voraussetzungen bietet, wenn sich die Wege der Kinder bereits nach der vierten Klasse für die weiterführenden Schulformen trennen müssen.

Im Gegenteil: Es ließe sich mit Funk und Recht behaupten, dass das gegliederte Schulsystem durch die Separation mit Eintritt in die Sekundarstufe I die Öffnung von Zugängen für die Erlangung höherer Bildung geradezu verhindert, zumindest aber deutlich erschwert und somit soziale Ungleichheit, Hierarchien und gesellschaftliche Spaltung verfestigt.

Pierre Bourdieu: Bildungsreform schafft eine „Illusion“ – die existierender Chancengleichheit

FerienIntensivTraining an der Kautsky-Grundschule in Dortmund-Scharnhorst

Die meisten dieser Kinder an der Kautsky-Grundschule in Dortmund-Scharnhorst werden vermutlich nie eine Chance haben.

Und die Bildungsreform? Der französische Soziologie Pierre Bourdieu ging noch einen Schritt weiter. Chancengleichheit ist für ihn schlicht eine „Illusion“ – erzeugt durch eben jene Reformen in den 60er und 70er Jahren. Denn trotz der dadurch ermöglichten Mobilität bleibt das System der Gelehrten ein relevanter Ort sozialer Exklusion, an denen „kulturelles Kapital“ durch institutionelle Diskriminierung quasi vererbt wird.

In ihrer thematischen Einführung diskutieren die vier Herausgeber*innen des Bandes Bildungschancen gestern wie heute – mit ernüchternden Ergebnissen für Kinder aus benachteiligten Familien. Stellen Erklärungsmodelle vor, verfolgen den Weg durch den Lehrkörper von Universitäten und Fachhochschulen bis hin zur Professur.

Der Anteil solcher Kinder aus bildungsfernen Familien, die später eine akademische Laufbahn einschlagen, bleibt bis in die Gegenwart übersichtlich. Es hätten „die höheren Klassen am meisten und die untersten Klassen am wenigsten von der Bildungsexpansion profitiert“, stellen die Herausgeber*innen fest und folgern, dass „sich der Abstand zwischen diesen Gruppen eher vergrößert hat“.

Was waren es für spezielle Voraussetzungen, die den Bildungserfolg der Professor*innen begünstigt haben?

Längsschnitterhebung – es wird de facto gruseliger: Entwicklung der sozialen Zusammensetzung von Studierenden nach Bildungsherkunft (ab 1991 einschließlich neue Bundesländer; ab 2006 einschl. der Bildungsinnländer*innen). Quelle: DSW

Wenn die Verhältnisse aber so starr sind, der Zusammenhang zwischen dem Bildungserfolg relativ zur sozialen Herkunft so eng – was hat den Professor*innen gegen die Determinanten des „Schicksals“ geholfen, vorhandene Zwänge durchbrechen zu können? Gibt es identifizierbare Faktoren, bei aller Individualität einzelner Biographieverläufe, die ihnen gemeinsam sind, ihre außergewöhnliche Entwicklung begünstigt haben?

Bei genauere Betrachtung der Werdegänge wird deutlich: anders als typisch für ihr Milieu, waren da Eltern, eine Familie, ein soziales Umfeld mit ausgeprägter Bildungsorientierung. Die kontinuierliche Förderung von Talenten erleichtert später den Eintritt in höhere Bildungseinrichtungen. Dies setzt freilich voraus, dass es sie gibt und Zugänge nicht über materielle Schranken verwehrt sind.

So wurde etwa das Schuldgeld für Gymnasien in den meisten Bundesländern erst Ende der 50er Jahre abgeschafft. Die Möglichkeit, das Abitur auf dem Zweiten Bildungsweg nachzuholen, entwickelte nach und nach zur selben Zeit: 1964 waren es gerade einmal 1.000 junge Leute, die so noch zur Matura gelangten. Doch solche Gelegenheitsstrukturen sind nur basale Bedingung der Möglichkeit, um als deprivilegierter Sprössling überhaupt aufzusteigen zu können.

Vom Leben in Zwischenwelten: getrennt von der Herkunft – ohne je wirklich anzukommen

Wer einen Achmet Toprak (Dekan an der FH Dortmund) oder Reinhard Damm (Universität Bremen) oder Klaus Weber (Hochschule für angewandte Wissenschaften München) durch ihre autobiographischen Notizen begleitet, muss feststellen: Es sind Geschichten, die weniger von sorgfältig geplanten Karrieren erzählen, eingebettet in formal geradlinige Lebensläufe.

Ahmet Toprak: Prof. Dr., Arbeiterkind und kurdischer Herkunft, Dekan an der FH Dortmund. Archivfoto: Thomas Engel.

Sondern sie beschreiben vielmehr eine Landung über Umwege, angereichert mit Abweichungen, Krisen, Zufällen, auch hässlichen Erfahrungen, Selbstzweifeln, ja Demütigungen. Schlussendlich aber war da der Erfolg. Bezeugt als Professur durch höchste akademische Weihen, hat das exklusive Handlungssystem Wissenschaft sie irgendwann unter großem Beifall aufgenommen.

Fortan, nach dem gelungenen Aufstieg, führen sie ein Leben in zwei Welten: oszillieren zwischen Herkunft und Ort der Ankunft, zwischen den Erfahrungen von Trennung hier, Fremdheit dort, wo sie hinbefördert wurden. Aus dieser Zwischenwelt gibt es kein Entkommen: die mittlerweile hochgeschätzten Akademiker*innen können sich ihrer Geschichte nicht einfach entledigen, wie sie ihre Wäsche wechseln.

Beim Sprechen, wie sie schreiben oder ihr Weinglas während der Soirée halten, da verbleibt ein Drang zur Selbstvergewisserung: über die eigene Distinguiertheit. Als könnten sie immer noch nicht glauben, was sie nun repräsentieren, weil es nicht zu erwarten war, aus jenem „Herkunftsunten“ (Klaus Weber) heraus, dessen Ausnahme sie sind. Die Bildungsforschung weiß: Es dauert Generationen, bis sie geheilt sind, die gewissen „feinen Unterschiede“ (Bourdieu).

Täuschen Vorzeigekarrieren über verfestigte Chancenungleichheit im Land hinweg?

Es fragt sich freilich: Bleibt es dann nicht dabei, dass hier lediglich Vorzeigelebensläufe exponiert werden, die den Blick auf die in der Bundesrepublik strukturell einbetonierten Ungleichverteilungen von Chancen verstellen? Die Herausgeber*innen des Sammelbandes sind sich darüber im Klaren, dass sich ein solcher Verdacht aufdrängt. Und können und wollen ihn in einer Hinsicht gar nicht entkräften – denn sie sind durchaus illusionsfrei.

Mitherausgeberin Dr. Christina Möller, gegenwärtig Vertretungsprofessorin an der FH Dortmund. Foto: Stephan Lucka/FH

Insofern die materielle Situation in den Verhältnissen, unter denen jungen Menschen aufwachsen, unabweisbar Bildungsvoraussetzungen formen und sich die soziale Spaltung der Gesellschaft seit den 90er Jahren in der Bundesrepublik immer weiter vertieft, haben sich die Chancen, es ihnen heute gleich zu tun, nicht gerade vergrößert.

Hinzukommt: die heutigen Professor*innen zeichnen sich durch überdurchschnittlich kritische Haltungen gegenüber gesellschaftlichen Entwicklungen aus – was einer gegenwärtig beobachtbaren Tendenz zur Stromlinienförmigkeit bei gelungenen Karrieren im akademischen Bereich erheblich zuwiderläuft.

Insofern ist die Zusammenstellung autobiographischer Notizen auch eine recherche du temps perdu, die Gefährdungen dessen aufzeigt, was über Reformen an zarten Chancenverbesserungen für Kinder aus relativ bildungsarmen Familien vor fast einem halben Jahrhundert einmal erreicht wurde.

Genauso wie der Sammelband gerade dadurch ein starkes Motiv für mehr Bildungsgerechtigkeit vermittelt. Und einen eindringlichen Appell an die Politik darstellt: Es muss sich was verändern, in diesem Land! Näherhin, wie Mitherausgeberin Christina Möller fordert: „Letztlich muss unser gesamtes Bildungssystem auf den Prüfstand.“

Weitere Informationen:

  • Julia Reuter, Markus Gamper, Christina Möller, Frerk Blome (Hg.): Vom Arbeiterkind zur Professur. Sozialer Aufstieg in der Wissenschaft, 438 Seiten, März 2020, transcript-Verlag. ISBN: 978-3-8376-4778-5 / 28 Euro

 

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