Nordstadtblogger

FOTOSTRECKE und INTERVIEW: Junge Leute zeigen bei „Fridays for Future“ in Dortmund Flagge für Klimaschutz

Kundgebung vor dem Rathaus: „Fehlstunden sind zu verkraften: der Klimawandel nicht.“ Fotos: Thomas Engel

Sie sehen eine Welt, die Umweltkatastrophen entgegen schlittert – und alle schauen weg. Das mutige Auftreten von Greta Thunberg und ihre eindringlichen Appelle haben auch in Dortmund Kinder, Jugendliche und junge Erwachsene wieder auf die Straße gebracht. Ihre Kundgebungen auf dem Friedensplatz vor dem Rathaus unter dem Motto „Fridays for Future“ gingen bereits in die dritte Woche. Und es werden mehr. Nordstadtblogger sprach mit einer Organisatorin der Proteste.

Wachsender Protest: Kundgebungen auf dem Friedensplatz für Denkwende in der Umweltpolitik

Zum dritten Mal hintereinander haben Schüler und Schülerinnen in Dortmund (wie auch anderswo in Europa) für ein Umdenken in der Klimaschutzpolitik demonstriert. Vor dem Dortmunder Rathaus versammelten sich auch am vergangenen Freitag, 1. Februar, wieder junge Leute, um auf drohende Umweltkatastrophen aufmerksam zu machen, sollte der Klimaschutz nicht endlich ernster genommen werden.

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Allen Anfeindungen und rechter Hassreden in den Sozialen Medien zum Trotz: zum dritten Mal und in Rekordzahl erscheinen vor dem Dortmunder Rathaus etwa 300 Jugendliche und zeigen weiterhin Flagge. Für sie muss in der Umweltpolitik dringend etwas passieren, soll da eine Zukunft sein. Für sie und jene Generationen, die da kommen mögen.

Die Appelle der AktivistInnen richten sich an die Politik wie an einschlägige Energiekonzerne, von denen sie unmissverständlich fordern, „in alternative Energien zu investieren und die Nutzung von umweltvernichtenden Energien sowie die klimaunfreundliche Politik sofort zu beenden“, wie es in einer Erklärung des lokalen Organisationsteams heißt.

RWE – ein Energiekonzern im Zentrum der Kritik von UmweltaktivistInnen in der Stadt

Ein Schlüsseladressat des jungen Protestes: der Energieriese RWE, der sich beim Klotzen denn Kleckern einen fragwürdigen Ruf erworben hat. Das börsennotierte Unternehmen mit Hauptsitz in Essen klagte beispielsweise gegen die Abschaltung der Blöcke A und B des Kernkraftwerks Biblis – verfügt als Folge des nach der Nuklearkatastrophe von Fukushima im März 2011 beschlossenen Atom-Moratoriums.

Nachdem der Klage stattgegeben worden war, reichte RWE die nächste Klage ein, diesmal gegen das Bundesland Hessen und die Bundesregierung mit der Forderung auf Schadensersatz aufgrund entgangener Gewinne, usf. Mit dem politisch kaum noch zu verhindernden Rückbau der Kernenergie richtet sich nun einerseits eine modifizierte Unternehmensstrategie auf Geschäfte im Bereich erneuerbarer Energien, sofern sie profitabel sind.

Andererseits hält der Konzern aus dem gleichen Grund und unbeirrt am Konzept der Kohleverstromung fest und scheute sich bekanntlich genauso wenig, den Hambacher Forst hauseigenen Ansprüchen auf Rendite zu opfern, wie den massiven Einsatz von Staatsgewalt gegen UmweltaktivistInnen zu forcieren, um die eigenen Interessen durchzusetzen.

„Unser aller Haus ist nicht nur in Gefahr, in Brand zu geraten, es brennt lichterloh!“

Doch es ist vielleicht nicht einmal so sehr die Rücksichtslosigkeit von RWE in den Augen von vielen Jugendlichen, ja Kindern auf dem Friedensplatz, die sie motiviert hat, sich hier zu versammeln. Es geht vielmehr ums Ganze.

Vorbild für ihren Protest, ihre „Galionsfigur“ ist Greta Thunberg, eine 16-jährige Schwedin – und ihr mutiges Auftreten vor den Herren und Damen der Welt: bei der UN-Klimakonferenz in Katowice 2018, kürzlich in Davos beim Weltwirtschaftsforum. Vor dem Dortmunder Rathaus solidarisieren sich die OrganisatorInnen von „Fridays for Future“ mit ihr.

„Wir schließen uns Greta Thunberg an und sagen Ihnen ganz klar: Wir wollen, dass Sie Panik bekommen, denn unser aller Haus ist nicht nur in Gefahr, in Brand zu geraten, es brennt lichterloh!“, warnen sie in ihrer Erklärung zur Kundgebung.

Ausdrücklichen Wert legen die AktivistInnen darauf, dass es sich bei ihrem Zusammenschluss um ein überparteiliches Bündnis handelt. Klimaschutz geht alle an, unabhängig von politischen Einstellungen: denn die Folgen betreffen alle, scheitert er – könnte ihre Begründung lauten.

Wo ein Wille, da ein Weg: vom Anmelden einer Kundgebung zum Protest auf dem Friedensplatz

Im Gespräch mit Nordstadtblogger hat Carmen Körner, Klimaaktivistin und Mitorganisatorin der Kundegebungen, erklärt, wie sie und ihre KollegInnen vor einigen Wochen den Protest auf die Beine gestellt haben.

Es hört sich alles sehr leicht an – es braucht offenbar nur die Initiative und das Engagement einiger junger Menschen, die den Eindruck haben, dass die Uhr in Sachen Klimaschutz abgelaufen ist. Und, dass viele diese Auffassung teilen.

20 Leute seien es beim dritten und letzten Organisationsplenum vor Demo und Kundgebung am heutigen Tag schon gewesen, so die Aktivistin. – Wer da denn mitmache und wie sie zusammengefunden hätten? – „Wir sind alles“, erklärt sie: „Im Alter von 12 bis 27 haben wir alles dabei“; das seien Studierende, SchülerInnen, auch jemand aus einer Elternvertretung.

Vor Weihnachten, beim ersten Organisationstreffen für Dortmund waren sie noch zu dritt …

Anfangs habe sie sich an ein paar Leute gewandt, die wussten, wie Demos in Dortmund angemeldet werden könnten: „Jetzt kann ich das auch“, stellt die junge Frau selbstbewusst fest. Beim ersten Zusammentreffen vor Weihnachten seien sie nur zu dritt gewesen. Dann, Anfang des Jahres, nach der ersten Kundgebung auf dem Friedensplatz vor drei Wochen: gemeinsames Kaffeetrinken mit einigen, die sich stärker einbringen wollten, und Planung für den nächsten Freitag.

Parallel ging es in die digitale Öffentlichkeit, dorthin, wo junge Leute sich aufhalten: in die Social Media, dazu Vernetzung untereinander; jetzt liefe viel über WhatsApp-Gruppen. Mit Erfolg: am Samstag vor dem Rathaus waren auch schon KlimaschutzaktivistInnen aus anderen Städten dabei, beispielsweise aus Hagen.

Viel Zeit hat sie nicht, sie muss zum nächsten Termin: ein guter Teil des Wochenendes sei voll davon, sagt sie mit einem Lächeln, aber auch Entschlossenheit. Spürbar ist etwas entfacht, eine Energie aus der Hoffnung, etwas bewirken zu können. Die steigenden TeilnehmerInnen-Zahlen geben ihr bis auf Weiteres recht. – Bevor sie entschwand, fragten Nordstadtblogger in einem Kurzinterview noch einmal nach.

Interview mit Carmen Körner, Klimaaktivistin und Mitorganisatorin der „Fridays for Future“

Carmen Körner (l.) ist eine der Organisatorinnen der Proteste

NSB: Es gibt Greta Thunberg, die überall in der Presse ist. Brennt unser aller Haus wirklich schon lichterloh? Ist das so?

Carmen Körner: Meiner Meinung nach, ja. Der Klimaschutz wurde schon zu lange ignoriert, finde ich. So langsam ist es wirklich an der Zeit, was zu tun. Wir geben uns auch nicht wirklich zufrieden mit diesem Konsens, der jetzt gefunden worden ist, mit dem Kohleausstieg erst 2038.

Glauben Sie wirklich, dass das hier was bewirkt?

Auf jeden Fall. Es ist jetzt der dritte Freitag und meines Erachtens werden wir jeden Tag mehr. Ich habe heute noch nicht gezählt, aber es sieht für mich jetzt schon so aus, als wären wir mehr als 200 Leute. Ja, ich denke schon, dass es was bewirkt. Vor allem, wenn die jungen Menschen auf die Straße gehen, die sonst immer als unpolitisch abgestempelt werden. Man sieht jetzt ganz eindeutig: sie sind doch politisch aktiv.

Eine große deutsche Tageszeitung zitiert heute aus einem Papier des Bildungsministeriums Sachsen-Anhalt. Das sieht nämlich den Bildungsauftrag in Gefahr; es lässt die Teilnahme von Schülerinnen an Demos beim Landesschulamt melden und erwägt offenbar, ob nicht Zwangsgeldverfahren gegen Erziehungsberechtigte eingeleitet werden sollen, die ihre Kinder hierhin schicken oder mit ihren Kindern hier sind …

Ich glaube nicht, dass die zwei oder drei Schulstunden, die hier verpasst werden, bildungsrelevant sind in dem Maße. Zumal man sich auch über die Bildungspolitik ein wenig streiten kann: wie viele Dinge wirklich wichtig sind in der Schule. Ich finde es viel wichtiger, dass man sieht, dass politisches Engagement da ist. Man könnte ja auch einen Kompromiss finden. Es gibt sogar viele Schüler und Schülerinnen, die hier sind und Referate darüber halten oder richtige Aufsätze dazu schreiben.

Also, man kann das Ganze ja verbinden. Und es ist ja auch ein wissenschaftliches Thema, sich mit Klimaschutz auseinandersetzen. Meines Erachtens entsteht da keine Bildungslücke, sondern es ist etwas, wovon wir auch profitieren können.

Also die Kinder lernen hier mehr als in der Schule, in diesen zwei Stunden?

Möglicherweise, ja.

Wie sollte denn eine alternative Klimapolitik aussehen?

Direkter Ausstieg aus der Kohle, alternative Energien forcieren, die Menschen, die Gesellschaft dazu bringen, hier mehr zu machen. Wir sind auch für ein Tempolimit, um wenigstens ein bisschen Feinstaub einzusparen. Denn das ist so eine einfache Sache, darüber Feinstaub zu sparen, es wäre unschlau, es nicht zu tun.

Gleichzeitig sind wir auch dafür, dass weniger Müll produziert wird, dass der Konsument nicht dazu gezwungen wird, irgendwelche Sachen zu kaufen, die fünfmal in Plastik eingepackt sind. Das sind ja Dinge, die Menschen, die gerade wenig Geld haben, vielleicht studieren, nicht anders umsetzen können. Dann kauft man die Sachen halt nicht im Biomarkt, hat da tausendmal Verpackung drum und da regt sich jeder drüber auf.

Solche Dinge, dass der Konsument nicht vor die Wahl gestellt wird, ob er jetzt was Teures nimmt, sondern eben mehr Entscheidungsfreiheit ermöglicht wird. Für klimapolitische Einkäufe, sozusagen, auch wenn wenig Geld da ist.

Wie kann man jetzt RWE davon überzeugen, auf kurzfristige Gewinne zu verzichten und langfristiger in diesem Sinne zu denken, wie Sie es gerade karikiert haben?

Meiner Meinung nach sollte das gesetzlich geregelt werden. Ich denke, dass man da Druck von oben braucht, weil sonst nichts passieren wird. Weil kurzfristig der Blick immer aufs Kapital geht und nicht auf die Nachhaltigkeit. Was ich allerdings auch nicht verstehe, weil dort in dem Unternehmen jeder ja auch Kinder und Enkel hat; und dass man sagen könnte, dass da jeder eigentlich einen Weitblick haben sollte.

Weitere Informationen:

  • „Fridays for Future“ auf Facebook, hier: , Twitter, hier: , Instagram, hier:

 

 

Fotostrecke: „Fridays for Future“, 1. Februar 2019

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Ein Gedanke zu “FOTOSTRECKE und INTERVIEW: Junge Leute zeigen bei „Fridays for Future“ in Dortmund Flagge für Klimaschutz

  1. GEW Dortmund

    Schüler*innenbewegung „Fridays for Future“

    Aktiver Klimaschutz ist auch gelebte Schulkultur

    Unter dem Motto „Fridays for Future“ ist eine weltweit agierende Bewegung von Schüler*innen und Studierenden entstanden, die mit wöchentlichen Demonstrationen und Protestaktionen während der Unterrichtszeit auf die dramatischen Folgen der Klimakrise aufmerksam machen und die Politik zum Handeln aufrütteln will. Die Bildungsgewerkschaft GEW in Dortmund begrüßt, dass junge Menschen sich Gedanken um ihre Zukunft machen und sich mit phantasievollen Aktionen engagieren.

    „Es ist schon beeindruckend, mit welcher Entschlossenheit die Schüler*innen für ihre Überzeugung einstehen. Respekt für ihr politisches Engagement, das ist aktives Erlernen und praktische Einübung in demokratischer Teilhabe. Androhungen von Sanktionen bei Verletzung der Schulpflicht, wie der Eintrag von unentschuldigten Fehlstunden ins Zeugnis, halten wir nicht für den richtigen Weg. Wir begrüßen, wenn Schulleitungen und Lehrkräfte verantwortungsvoll mit den Protestbedürfnissen der Schüler*innen umgehen und mit Projektunterricht, außerschulischem Lernen und Demokratiebildung die aktuellen Themen behandeln, das ist gelebte Schulkultur“, erklärt Volker Maibaum für die GEW Dortmund. Zur Demokratiebildung gehöre auch, Mittel, Wege und Grenzen des demokratischen Protestes zu diskutieren.

    Der GEW-Vorsitzende Volker Maibaum sieht auch weitere konkrete Möglichkeiten, pädagogisch zu handeln: „Auch das vom Schulministerium unterstützte UNESCO-Weltaktionsprogramm „Bildung für nachhaltige Entwicklung“ (BNE) bietet die Chance, Kinder und Jugendliche besser an den gesellschaftlichen Zukunftsfragen zu beteiligen und sie mitgestalten zu lassen.“ Zu bemängeln sei aber, so Volker Maibaum, dass derzeit die Schulen weder personell noch materiell ausreichend unterstützt würden, „um dieses Bildungsziel, das für ein zentrales gesellschaftliches Zukunftsthema steht, auch ganzheitlich umzusetzen“.

    „Schule der Zukunft – Bildung für Nachhaltigkeit“

    Das NRW-Ministerium für Schule und Bildung (MSB) unterstützt die Schulen in NRW gemeinsam mit anderen zuständigen Ministerien. Wesentliches Instrument ist die Kampagne „Schule der Zukunft – Bildung für Nachhaltigkeit“. Die von mehreren Ministerien gemeinsam getragene BNE-Agentur bündelt und koordiniert die Aktivitäten des Landes.

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