Nordstadtblogger

„Favoriten“-Festival: Freie, experimentelle Kunst soll seit 30 Jahren neue Perspektiven öffnen und Sichtweisen verändern

Favoriten, Anna-Lena Klapdor, Wir fangen nochmal an. Foto: Robin Junicke

Favoriten-Festival: Performance von Anna-Lena Klapdor – Wir fangen nochmal an. Foto: Robin Junicke

Von Gerd Wüsthoff

Das Theaterfestival „Favoriten“ lädt vom 6. bis 16. September 2018 zum intensiven Erkunden der freien Theater- und Künstlerszene Nordrhein-Westfalens ein. Das spannende Festivalprogramm zeigt mit 18 Positionen aus zeitgenössischem Zirkus, Oper, Performance, Tanz, Theater und neuer Musik, die Lust am Experiment. Es ist eine Einladung, das Fremde in sich selbst zu entdecken. Mit dem Ruhrgebiet und Céline Dion im imaginären Chor sagt „Favoriten“ als mit 30 Jahren ältestes Festival des freien Theaters in Deutschland: „I´ve never been cool and I don´t care“ und ruft den ZuschauerInnen zugleich zu: „We dance for you.“

Ohne festgelegte Themen, ohne Auftrag: kreative, ungewöhnliche Experimente wagen

Favoriten vl Julia Kretschmer im Gespräch mit David Guy Kono und Antoine Effroy

Favoriten-Sprecherin Julia Kretschmer im Gespräch mit David Guy Kono und Antoine Effroy. Foto: Gerd Wüsthoff

Das Theaterfestival im September 2018 ist der Ort für ästhetisches und innovatives freies Theater aus Nordrhein-Westfalen. Traditionell hat das „Favoriten“-Festival kein eigenes Haus. 2018 verortet es sich  inmitten der Nordstadt von Dortmund.

Das Festival agiert lokal und tritt mitunter dort auf, wo Theater nicht schon als solches vorgegeben ist. Zudem arbeiten die Auftretenden nicht im Auftrag, sondern frei, und benötigen zur Finanzierung ihrer kreativen Arbeit wagemutige oder künstlerisch begeisterte Sponsoren, welche jenseits des Mainstreams und Konsum denken können und wollen.

Spielorte werden sein: die Alte Schmiede in Huckarde, das Dietrich-Keuning-Haus, der Club Rekorder in der Gneisenaustraße und die Werkshalle des Union Gewerbehofs. Desweiteren mit der Aufführung „Poems of the Daily Madness“ eine „Satellitenspielstätte“ in der alten Zeche Friedlicher Nachbar in Bochum. Das Zentrum des „Favoriten“-Festival ist aber das Depot in der Immermannstraße 29, in der Nordstadt von Dortmund – ein etablierter und wichtiger Kulturort der freien Szene in Dortmund.

Vieles lässt sich auf dem „Favoriten“-Festival bei der diesjährigen Ausgabe zwischen den künstlerischen Disziplinen entdecken. Es gibt Arbeiten, die sich ohne weiteres genauso als Film wie als Performance, als Installation wie als Poesie, als Bühnenaufführung oder als familiäres Beisammensein, als Oper oder als Raumchoreographie bezeichnen lassen.

Ästhetische Beunruhigungen, thematische Störungen, unterbrochene Bildachsen

Favoriten vl Fanti Baum, Olivia Ebert und Svenja Noltemeyer

Die künstlerischen Leiterinnen von Favoriten  v.l. Fanti Baum und Olivia Ebert im Gespräch mit Svenja Noltemeyer von den Urbanisten e.V. Foto: Gerd Wüsthoff

Als Oper? – Ja! Denn mitunter findet man im freien Theater das, was sich dort weniger erwarten lässt. Auch wenn dort weiterhin gilt: aber Neuerungen! Im freien Theater bleibt es zwingend – mitzudenken. Ästhetische Beunruhigungen, thematische Störungen, unterbrochene Bildachsen und das Infragestellen der Rahmung einer Aufführung.

Nach der Sichtung von 234 Produktionen aus einer vielfältigen freien Szene in Nordrhein-Westfalen, ist im intensiven Dialog zwischen den beiden künstlerischen Leiterinnen Fanti Baum und Olivia Ebert und dem künstlerischen Beirat ein Programm aus 18 Arbeiten entstanden, das starke Positionen aus der NRW Kunstszene mit lokalen und überregionalen Kooperationen kombiniert. So stammen denn die Künstler originär nicht alleine aus Nordrhein-Westfalen, sondern zum Beispiel auch aus Kamerun.

Mitunter lässt sich im freien Theater das finden, was sich dort weniger erwarten lässt. Zum Teil handelt es sich dabei um Neuerungen, aber auch um Verschiebungen der Wahrnehmungsachsen beim Betrachter. Anstrengend? Kunst um der Kunst willen? Nein! Anregend und Anstöße vermittelnd.

Ohne Festival-Motto: tun, was vermeintlich niemand interessiert, aber künstlerisch kreativ ist

Fin de Mission c Stephan Glagla

Hauptprobe zur Theaterperformance
„FIN DE MISSION“ des Künstlerkollektivs kainkollektiv. Foto: Stephan Glagla

Ohne Festival-Motto, einzig mit den Stimmen und Worten der einzelnen künstlerischen Arbeiten, tritt das Festival für ästhetische Experimente an. Desgleichen mit kollektiv entwickelten oder lang recherchierten Themen der KünstlerInnen.

„Um uns kreist die öffentliche Debatte über kulturelle Leitbilder“, sagt Olivia Ebert, und Fanti Braun führt weiter aus: „Denn machen, was vermeintlich keinen Interessiert, heißt auch, im Modus des Experimentes zu agieren, sich dem Ungewissen des künstlerischen Arbeitens überlassen und Themen aufzugreifen, die zu irritieren vermögen.“

Es sind vielleicht die Alltäglichkeiten und Ungewöhnlichkeiten, die besonders inspirierend wirken können, nutzt man einfach mal einen anderen Blickwinkel. So bei „Fin de Mission / Ohne Auftrag leben“. In der Aufführung  geht es um einen anderen Blick auf die Geschichte der Sklaverei. Ein anderes Konzept von Boden und dem Eigentum daran findet sich in der Residenz „tchâ . sol . Boden“ der beiden Künstler Antoine Effroy und Davide Guy Kono.

„Man kann in Kamerun nicht einfach ein Grundstück kaufen und eine Fabrik, oder was auch immer errichten, sondern muss es in der Gemeinschaft klären“, erklärt David Guy Kono. „Wie wäre es, wenn wir `Mach Dir die Erde untertan´ einmal anders betrachten würden, und uns von der Ausbeutung verabschieden würden.“

Ein anderes Stück brachte mit der Recherche zu seiner Arbeit die feministische Welt in der Stahlindustrie, besonders im Hinblick auf die Werkhalle des Union Gewerbehofs, einem ehemaligen Stahlverarbeitungsbetrieb, ans Licht. Stahlarbeiterinnen? So was kannte man doch nur aus dem ehemaligen Ostblock, oder? Diese Recherche, Ergebnis einer dreiwöchigen Residenz änderte ihre Ausrichtung hin zu einem feministischen Thema.

Favoriten-Preis GROUND SUPPORT als Zeichen für mehr unabhängige Förderung

Ben J Riepe CARNE VALE. Foto: Ursula Kaufmann

Ben J Riepe CARNE VALE. Foto: Ursula Kaufmann

Das NRWKS und das Favoriten Festival loben mit dem Favoriten-Preis GROUND SUPPORT vier Preisgelder in Höhe von jeweils 10.000 Euro aus. Für den Preis kommen diejenigen KünstlerInnen in Frage, welche ihren Arbeits- und Lebensmittelpunkt in Nordrhein-Westfalen haben. Die Auswahl wird von einer dreiköpfigen Jury entschieden. Damit wird ein Zeichen für den dringenden Bedarf nach mehr projektunabhängiger Förderung gesetzt.

Die Schirmherrschaft über das Favoriten Festival hat Oberbürgermeister Ullrich Sierau übernommen, welcher sich mit einer Video-Botschaft an das Publikum des Pressegespräches richtete.

Das „Favoriten“-Festival lebt auch durch seine Kooperationen, wie mit Nordwärts, der Ruhrtrienale, oder den Urbanisten e.V.

Veranstaltet wird das Festival durch das NRW Landesbüro Freie Darstellende Künste, das Kulturbüro und Stadt Dortmund Kulturbetriebe. Gefördert wird „Favoriten“ unter anderem durch das Ministerium für Kultur und Wissenschaft des Landes Nordrhein-Westfalen, die Kunststiftung NRW, der Landesmusikrat NRW, das NRW Kultursekretariat Wuppertal, Nordwärts, die Stadt Dortmund und Echt Nordstadt.

Alle Aktivitäten des Favortiten Festivals 2018 im Überblick:

  • Bis 29. Juli 2018, 2. & 3. Residenz Work at Werk Union, Showing: 29. Juli, 16 Uhr
  • 30. Juli bis 19. August 2018, 4. Residenz Work at Werk Union, Showing, 19.08., 16 Uhr
  • 16. Juli – 13. August 2018, Launch Residenzen Digitale Performance: favoriten-festival.de
  • ab 23. August 2018, jeweils Donnerstag bis Samastag, Kooperation Ruhrtriennale: Nordstadt Phantasien / Club Kohleausstieg
  • 01.– 23. September 2018, Ausstellung „Bühnenangelegenheiten“ im Künstlerhaus Dortmund
  • Eröffnung: 31. August, 20 Uhr
  • 06. bis 16. September 2018, Favoriten Festival
  • Website: www.favoriten-festival.de, mit Webmagazin SPACE
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